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Was ist „deutsch“? Wer ist „Deutsche/r“? Wen kann man sinnvoll so bezeichnen? Inwieweit? Eine anti-völkische Begriffsklärung

16. März. 2016

Weil mir die Beschäftigung mit dem ganzen Pegida-Komplex Kopfschmerzen bereitet, und weil ich wissen will, wie dieses Denken bei denen funktioniert, die kein gefestigtes ideologisches Weltbild haben … Was ist deutsch?
Wie immer ist das laut vor mich hin gedacht. Zu lang und zu abstrakt, um ein „guter Blogpost“ zu sein. Einfach nur Material zum Nachdenken, Diskutieren und zum weiterem Begriffe-Klären.

Wenn man die Nazis abwehren will, muss man erst mal überlegen, was in den vorideologischen Erfahrungswelten mehr oder minder unwillkürlich, quasi „natürlich“ als „deutsch“ empfunden wird. Ich sehe vier solcher vorideologischer Bedeutungen des Satzes „Er/sie ist deutsch bzw. eine/r Deutsche/r“, die im Prinzip sogar wir, die wir kosmopolitisch denken, irgendwie teilen. Sie überlagern und überlappen sich, aber sie lassen sich m.E. doch trennen:

Deutsch1: schriftsprachlich-kollaborativ-überregional

Der m.E. wichtigste Begriff. „Deutsche/r“ ist jede/r, der/die die deutsche Sprache längere Zeit (einige Jahre) gebraucht, um einen großen Teil des eigenen Alltags dem Zusammenwirken (Kommunizieren, Handeln) mit anderen Deutschsprechenden  zu widmen.
„Wir Deutsche“ ist die Gemeinschaft all derer, die langjährig im deutschen Sprach- und Handlungsraum primär mit anderen Deutschen zusammenwirken – sprechend, schreibend, zusammenarbeitend, interagierend.
Weil wir das tun, teilen wir – neben den Sprachfiguren – gemeinsame Erfahrungen, Erinnerungen, diskursive Rahmen, Arbeitsfelder und Projekte.
Man muss im Extremfall nicht schreiben können, um in diesem Sinn „deutsch“ zu sein, aber jedenfalls interagiert man dann ständig mündlich mit schriftsprachlich geprägten Umgebungen.
In diesem Sinn sind z.B. auch cviele „ausländische“ Fußballspieler inzwischen Deutsche, unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Giovane Elber z.B. ist nach Brasilien zurückgegangen, aber hätte er weiter hier gewohnt, dann wäre er natürlich jetzt ein „Deutscher“1.

Deutsch2: Staatsbürger, Amtssprachen, informelle Staatsbürgersprachen

Neben diesem sprachlich-kollaborativen Sinn des Begriffs „Deutsche“ gibt es „deutsche Staatsbürger“: Ich teile als bayerischer Intellektueller mit vielen Österreichern genauso viel (oder eher mehr) Sprechfiguren, Erinnerungen, Erfahrungen, auch Projekte … wie mit jemand aus der Sächsischen Schweiz. Ich bin aber einem anderen Staatswesen zugeordnet, und das erzeugt in bestimmter Hinsicht abweichende Erfahrungen usw.
Man kann trennen zwischen einer modernen sprachlich-kollaborativen Erfahrung („deutsch“1, die letztlich auf Schriftsprache und davon fundierten Praktiken beruht) und einer regional-dialekthaften Erfahrung (siehe unten, „deutsch“4).
Deutsche Staatsbürger sind alle Menschen, die formal dem Staatswesen „Deutschland“ zugeordnet sind. (Früher war ich Staatsbürger der BRD, unter anderen Umständen hätte ich als bayerischer Staatsbürger geboren sein können. Wenn es entsprechende estnische Gesetze gäbe, könnte ich wegen meiner Großeltern auch estnischer Staatsbürger sein. Ich hätte keine prinzipiellen Bedenken, wenn ich dort länger leben/arbeiten würde, auch österreichischer oder britischer Staatsbürger zu werden, usw.)
Neben den eigentlichen Amtssprachen kann man wieder formale und informelle „Staatsbürgersprachen“ unterscheiden. Deutsch ist in der EU eine Amtssprache, aber man muss als EU-Beamter doch v.a. Englisch können. Südafrika hat z.B. 11 Sprachen und drei Amtssprachen, aber die informelle Staatsbürgersprache (= was in den verbreitetsten Fernsehsendern gesprochen wird) ist auch hier Englisch.
Sprachlich-kollaborative „Deutsche“1 sind oder werden sehr oft auch deutsche Staatsbürger/innen (= Deutsche2), letztlich aus praktischen Gründen. Staatsbürger im deutschen Staat müssen aber keine (primär) sprachlich-kollaborativen „Deutschen“ sein: Die Dänen in Schleswig sind deutsche Staatsbürger, aber fühlen sich primär als „Dänen“ im sprachlich-kollaborativen Sinn.
Staatsbürger müssen NICHT an einem deutschen Sprach- und Erfahrungsraum teilhaben (wie im Fall von „deutsch“1). Für sie ist einzig die Amtssprache relevant, und da geht es im Prinzip nur darum, dass man in diesem Staatsapparat gut mitspielen kann und sich im Prinzip an die Gesetze hät. Es würde dafür genügen, wenn man alles Geschrieben und von Beamten gesprochene mit dem Smartphone übersetzen könnte.
Es ist ein völlig normaler Fall, genau genommen: der natürliche, dass Staaten aus vielsprachigen kollaborativ-sprachlichen Gruppen bestehen. Wo das nicht normal zu sein scheint, liegt es entweder an der besonderen Kleinheit oder isolation des Staatsgebiets oder/und an einer nationalstaatlichen Ideologie, die der historischen Wirklichkeit  aufgestülpt wurde und wird.
Es gibt interessante Misch- und Übergangsfälle, wo Staatsbürgerschaft plus schriftsprachliche Zugehörigkeit (= moderne Staaten, schriftsprachlich begründet) sich mit regional-dialekthaften Strukturen (mündlich) überlagern. Dann können mündliche „Dialekte“ quasi zu informellen „Staatsbürgersprachen“ werden, an denen sich die Leute erkennen (z.B. Australien, Schottland, Luxemburg, Schwyzerdütsch, sogar der Wiener Tonfall in Österreich …).*
Die Sprache begründet keine Staatsbürgerschaft. Ein Schotte, der von Geburt an in Schottland lebte, ist derzeit in der Regel Staatsbürger des UK. Er ist aber eben nicht deshalb „Engländer“, weil er englisch spricht. Das ist in der historischen Bedeutung des „Deutsch-Seins“ anders, weil es keine Entsprechung zum UK gibt (das wäre am ehesten das Römische Reich Deutscher Nation gewesen).
Hauptsächlich Englisch Sprechende und auf Englisch Kollaborierende können vielen verschiedenen kollaborativ-sprachlichen Gemeinschaften angehören, die alle englische Dialekte sprechen, die quasi-volkssprachlichen Stellenwert zugestanden bekommen: Sie können Australier, Kanadier, Schotten, Iren, Engländer, Amerikaner … sein.
Ein italeinisch sprechender Engadiner ist kein Italiener, aber er ist auch nicht auf diese Weise „Engadiner“, wie ein Deutscher „deutsch“1 ist. Er ist Schweizer Staatsbürger und versteht sich (auch) sprachlich-kollaborativ als „Schweizer“, weil hier eine metasprachliche Gemeinschaft entstanden ist, letztlich durch historische Praxis und politische Festlegung.
Usw. usw. Das sind, wie gesagt, Misch-und Übergangsfälle. Sie rechtfertigen m.E. keine eigene Nummerierung.

Deutsch3: familiär (d.h. mit „deutschen“1 Großeltern)

Es gibt einen dritten, quasi „natürlichen“ Begriff von „Deutschen“. Es ist der engste: Das sind dann diejenigen, die in dritter Generation aus einer Familie von „Deutschen“1 kommen, also deutsche Großeltern und Eltern haben. „Deutsches“ Kommunizieren/Kollaborieren ist ihnen quasi „in Fleisch und Blut übergegangen“. So lange reicht die direkte, lebensgeschichtlich Erinnerung, die unmittelbar auf einen Menschen einwirkt. (Das ist nicht notwendig abhängig davon, dass man seine Großeltern wirklich noch erlebt hat — sie sind trotzdem präsent.)
Das wird de facto von allen irgendwie als natürliches, besonders pures „Deutsch“-sein empfunden — von denen, die das selbst erleben, wie auch den Aupßenstehenden. Auch das hat aber nichts mit Genen zu tun, und noch nicht einmal mit „Ethnien“ (was immer das genau ist), sondern eben mit der Familien-Sozialisation. Auch ein adoptiertes Kind, das „deutsche“ Eltern und (Adoptiv-)Großeltern hat, ist in diesem Sinn „deutsch“3. Wenn es als „Deutscher“3 nicht anerkannt wird, dann eigentlich immer wegen eines genetischen Vorbehalts, mit oder ohne körperlicher Manifestation: Schwarze Hautfarbe, Schlitzaugen, jüdischer Name, jüdische Vorfahren im Ahnenpass, oder auch einfach nur „stark abweichendes“ Aussehen, ohne ethnisches Korrelat.

Deutsch4: regional, dialekthaft

Und es gibt noch einen vierten, regional-dialekthaften Begriff von „Deutsche/r“: Das sind die, die von Kindheit an in einer sich als „deutsch“ verstehenden (im Sinne einer Kombination von 1,2 und/oder 3) Region leben – und zwar so, dass sich das in Sprache, Verhaltensmustern, gemeinsamen Diskursen bzw. „kollektiven Erinnerungen“ niederschlägt. Dann ist man aber zuerst Tiroler, Niederbayer, Schlesier … und dann erst „deutsch“. Das „Deutsche“ ergibt sich dann (a) aus der Möglichkeit, sich im Prinzip ohne Übersetzer zu verständigen, und (b) aus der Überlagerung des Dialekts durch Schriftsprache. Das ist einsehr fließender Übergang. (Früher war es etwa so, dass ein Hamburger Tourist sich mit einem wirklich verwurzelten Berchtesgadener Bergtal-Bauern genauso wenig verständigen konnte wie mit einem Holländer.)
Der Dialekt und dazugehörige Diskursfiguren sind hier das deutlichste und wichtigste Kriterium, um wirklich auch „deutsch“ im Sinn von „deutsch“4 zu sein — zusammen mit regionaler Vertrautheit der „Deutschen“4 (ihr „Sich Auskennen“) und dem Gekanntwerden von der regional-dialekthaften Gemeinschaft derer, die schon früher da waren (das Gekannt-werden).
Warum wird das dann als „deutsch“ empfunden? Wann wird es das überhaupt? Das ist schwer zu trennen.
Dazu gehört eine künstliche Idee von „Landsmannschaften“: Ein Patchwork von in sich „identischen“ regional-dialekthaften Sprecher-Gemeinschaften. Ob dann etwa die Tiroler als Österreicher gelten, und/oder als (Groß-)Deutsche, ist letztlich vollkommen willkürlich. Es hat de facto wieder mit schriftsprachlichen (und dann TV-sprachlichen) Überlagerungen zu tun.
Die Österreicher (ein extrem durchmischtes Staatsbürger-Volk) empfinden sich irgendwie als „deutsch“, aber zerfallen selbst in sehr klar dialektmäßig getrennte Regionen, also „Landsmannschaften“. Alle zusammen aber empfanden schon das Zunehmen von hochdeutsch Sprechenden, die „nicht von hier“ waren, als eine Art Piefke-Invasion von außen. Trotzdem ist für den österreichisch-katholisch geprägten Identitären dann auch der gottlose Nazi-Sachse offenbar doch irgendwie „identischer“ als der irgendwie arabische Migrant, der als Teil der „islamischen Invasion“ gilt. Die Identitären berufen sich auf sentimentale Regionalität, aber mischen das völlig problemlos mit deutsch-nationaler Ideologie. Dasselbe tun sie auch mit ihren Feindbildern: Die deutschen „Juden“ wurden ebenso erst dazu gezwungen, „Juden“ und damit Gegenbild zum „Deutschen“ zu sein, wie nun auch „der Araber“ in eine arabische Identität gezwungen wird, obwohl er ja Yezide, Kurde, Tunesier usw. sein kann. (Und auch diese Zugehörigkeiten fächern sich natürlich, von innen betrachtet, in die 4 Stufen von Volksgruppen/Sprachnationen auf.
Sehr viele Menschen sprechen übrigens gar keinen Dialekt, obwohl sie im Sinne von „deutsch“1 nicht fremd sind. Das sind nicht nur beruflich/sozial mobile „Deutsche“1, die quasi nur noch in ihrer Schriftkultur leben und aufgewachsen sind. Selbst Kinder von Dialektsprechern sprechen inzwischen oft mit 10 reinstes TV-Hochdeutsch, ohne dazu gedrillt worden zu sein.)
Es können übrigens auch nicht-regionale Soziolekte entstehen, die sich zu „Dialekten“ verdichten und quasi-regionale Zusammengehörigkeit stiften („Türkendeutsch“). Man müsste nachprüfen, ob sich das immer aus Zweisprachigekit ergibt. Es hat jedenfalls nichts mehr mit einer sentimentalen Erinnerung an eine anatolische Großmutter zu tun.–

Das sind also vier „natürliche“ Begriffe von „deutsch/Deutsche“, die alle zusammen dann immer schon ideologisierend als Volk und/oder Nation (im weiten Sinn) zusammengefasst werden.

Das Volkshafte (das deutsche „Volk“ im engen Sinn) kommt dabei aus einer Absolutsetzung des Regional-Dialekthaften, das suggestiv überblendet wird mit dem lateinischen „Populus“, der selbst wieder die allerlängste Zeit mit Staatsbürgertum zusammenfiel. Dazu kommt noch die vermischung mit „Volk“ als sozialem Begriff („niederes Volk“, das dann mit der Romantik kulturelle Werte zugesprochen bekam).
Die deutsche „Nation“ im engen Sinn wiederum ist ein Begriff, der sich aus schriftsprachlicher Kultur herleitet (die „nationes“ der mittelalterlichen Studenten). Ausgeweitet zur „Kulturnation“ konnte man daraus auch eine politische „Nation“ ableiten, die man wieder eher als Nationalstaat oder als nationales Imperium verstehen konnte.
Die politische Rechte besetzt grundsätzlich das Begriffsfeld rund um Sprache/Kultur/Staat/Volk/Nation mit ebenso künstlichen wie suggestiv wirksamen Ideologien.
In Europa führt das nun dazu, dass sich die chauvinistischen Völkisch-Nationalen in allen Regionen und Staaten aneinander annähren, jetzt unter dem absurden Etikett „Abendland“. Das Lustige ist, dass die Völkisch-Nationalen ungeachtet von Sprache, Regionalität und Dialekt viel mehr miteinander gemeinsam haben als mit den Humanisten. Orban und Strache und Le Pen und ein „wahrer Finne“ sind viel „identischer“ als zwei „Deutsche“ mit unterschiedlicher politisch-kultureller Prägung, selbst wenn sie als getrennte Zwillinge neben Sprache und Sprachraum sogar den ganzen Gensatz gemeinsam hätten.

Wenn also jemand auftritt, und ein völkisch-nationales „Wir“ ausspricht, dann müsste man genau zerlegen, woraus sich diese Ideologie speist, um sie dann wieder zu dekonstruieren: aus welchen der vier „natürlichen“ Komponenten  bestehend, in welchem Mischverhältnis bzw. mit welchen auch widersprüchlichen Regeln des Springens von einem Begriff zum anderen.
Nur dann könnte man versuchen, eine Ebene zu unerscheiden, auf der man sich mit anfälligen Leuten, unabhängig von der Proto-Nazi-Ideologie, verständigen kann. Das geht in der Praxis nach meiner Erfahrung oft überraschend gut, wenn man sich auf das Fragenstellen beschränkt — die genuine Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit ist ja sogar bei den meisten Hardcore-Rechten in der Regel nicht ideologisch ganz aufgehoben und damit so reduziert & verformt, dass sie immun gegen jedes Gespräch wird.

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Was ist ein „Nazi“? Wen soll man so bezeichnen? Eine Definition.

20. Oktober. 2015

Wegen der politischen Entwicklungen in den letzten Jahren (Pegida und Politically Incorrect, Front National, FPÖ, Fjordman/Breivik) ist es m.E. nötig, eine rote Linie zu ziehen zwischen diskutablen und indiskutablen rechten Positionen. Leute, die indiskutable Grundpositionen vertreten, sollten grundsätzlich aus dem öffentlichen Diskursraum ausgeschlossen werden. Und zwar unabhängig davon, ob sie gerade eine im Detail diskutierbare Aussage machen oder nicht. (Also wenn sie z.B. für eine medial dokumentierte Ansprache oder eine Talkshow Kreide fressen.) Es reicht, wenn sie eine solche indiskutable Grundposition nachweisbar bezogen haben, um ihnen keine Stimme mehr zuzugestehen.

Der einzige intuitiv verständliche und gut begründbare Begriff, der scharf genug ist, um Leute aus dem demokratischen Diskurs auszuschließen, ist „Nazi“.

[Mit Ausschließen meine ich ganz einfach die explizite Feststellung, privat wie in den Medien: „Oh, du bist ein Nazi. Das sind also nicht nur Unklarheiten und Missverständnisse. Dann hören wir dir nicht mehr zu. Und wenn es hier tatsächlich zu erörternde Probleme gibt, werden wir sie ausschließlich mit Nicht-Nazis erörtern.“]

Leider ist der scharfe Begriff „Nazi“ bis jetzt zur Ab- und Ausgrenzung nicht gut genug brauchbar. Es herrscht allgemeine Verwirrung darüber, was man darunter sinnvoll verstehen kann und muss.  Das wird insbesondere auch von den Rechtsextremen selbst gezielt ausgenutzt, wenn sie mit dem alten rhetorischen Trick Engführung+Umpolung ihre Gegner mit lustvoll ausgesprochenen NS-Begriffen belegen und sich selbst im so erzeugten Nebel Freiraum für ideologische Nazi-Positionen verschaffen.

Als Handreichung für die Debatte in Medien und an Stammtischen deshalb die folgende Definition, die man als Checkliste verwenden kann. Sie abstrahiert von der konkret historischen Zuordnung (Deutschland 1921 – 1945), aber ist aus der Beobachtung dort gewonnen und muss auch daran überprüft werden können.

Als NAZI – nicht völlig deckungsgleich mit „Faschisten“ – ist dann jemand sinnvoll zu bezeichnen, wenn er/sie …

(1) … eine Situation der kollektiven Notwehr, der Selbstverteidigung und/oder des Überlebenskampfes für eine Volksgruppe und/oder eine „Nation“ konstatiert, die Gewaltmaßnahmen erfordert, und deshalb solche Gewalt rechtfertigt und/oder rhetorisch und/oder praktisch ausübt,*

(2) … nicht für jeden Menschen ein unbestreitbares Grundrecht auf Leben, Unversehrtheit, Selbstbestimmung, Menschenwürde selbstverständlich anerkennt,**

(3) … eine natürliche, objektiv feststellbare Ungleichheit von ganzen Menschengruppen (völkisch, rassisch, geschlechtlich, sexuelle Ausrichtung …) postuliert, die zu einer unterschiedlichen Behandlung in der soziopolitischen Ordnung führen soll.

* [zu (1)] die nicht einem Verteidigungskrieg des Staatsgebiets gegen klar definierbare, aktiv das Staatsgebiet angreifende bewaffnete Truppen entspricht (und die natürlich sich erst recht nicht auf rechtsstaatlich legitimierte Hoheitsgewalt beschränkt).

** [zu (2)] das nur in engsten Grenzen in Verbindung mit rechtsstaatlichen Verfahren eingeschränkt werden kann.

Um diese Positionen zu vetreten, muss man kein Deutscher sein oder sich ausdrücklich auf Hitler usw. beziehen. Leute die NICHT alle drei Positionen vertreten, sind dementsprechend nicht sinnvoll als „Nazis“ zu bezeichnen.

„Faschisten“: Es ist sinnvoll, im Detail zwischen faschistischen und Nazi-Positionen zu unterscheiden. Im Kern geht es darum, dass (Voll-)Nazis eine natürliche Ungleichheit von Menschengruppen behaupten, die am Ende Gewalt gegen Zivilpersonen außerhalb rechtsstaatlicher Grenzen erfordert.

Lupenreine Faschisten (hier ebenfalls in einem abstrahierten Sinn genommen) gehen schlicht vom Kampf aller gegen allen und dem faktischen Recht des Stärkeren aus. Das heißt nicht, dass sie weniger schlimm sind: Faschisten foltern eben einfach so, ohne vorher die Minderwertigkeit und prinzipielle Ungleichheit des Opfers aus der Natur bzw. der Geschichte „bewiesen“ zu haben. (Und natürlich gibt es auch viele Rechts-Verbrecher, die ihre Position niemals ausformulieren, sondern einfach durch Handeln bekunden.)

Zu dem, was m.E. „faschistisch“ genannt werden sollte, gehören  auch stalinistische und sonstige totalitäre Diktaturen und auch „linke“ Terroristen. Hier (und nur hier) verschwimmen „linksextreme“ und „rechtsextreme“ Positionen. Ich glaube, dass es richtig ist, sie als „faschistisch“ zu bezeichnen, weil ihre grundsätzliche Menschenverachtung sie als im Kern (extrem) „rechts“ und eben nicht „links“ ausweist. Die linke Ideologie ist anders als die rechtsextreme immer humanistisch begründet. Wenn dann Millionen abgeschlachtet, gefoltert und durch Hunger ausgelöscht werden, wie etwa im Stalinismus, bedeutet das einen Bruch. Der Stalinismus ist „faschistisch“.

„Rechtsextreme:“ Wenn jemand (2) und/oder (3) vertritt, dabei aber NICHT die mit kollektiver Notwehr/Überlebenskampf begründete Gewalt rechtfertigt, rhetorisch oder praktisch ausübt, handelt es sich „nur“ um eine rechtsextreme Position. Solche Leute mit politischer Nazi-Nähe, aber persönlichem „Anstand“ gab es gelegentlich im Deutschland der 1930er und 1940er Jahre, oft mit religiösem Hintergrund. Möglicherweise ist z.B. auch jemand wie Thilo Sarrazin ein solcher Fall. Die hier von Jaschcke vorgeschlagene Definition von „rechtsextrem“ (danke, Christoph Kappes) befriedigt mich nicht: m.E. zu verwachen und additiv, noch dazu Faschisten (im obigen Sinn) nicht einschließend: Link.

Hierher gehören auch „Rechtspopulisten“ wie Strache oder Le Pen, die im Prinzip Positionen in Richtung von (1 – 3) vertreten, aber jeweils in so abgeschwächter Form, dass die Aussagen über Ungleichheit und die real geforderten quasi-gewaltsamen Maßnahmen noch als irgendwie vereinbar mit einem demokratisch-rechtsstaatlichen Rahmen gelten können. Sie entsprechen damit in etwa dem „legalen parlamentarischen Arm“ terroristischer Bewegungen. Man wird sie wohl tolerieren und mitreden lassen müssen, aber immer mit exakter Markierung der jeweiligen Nazi- oder Fascho-Nähe.

Wenn ich Zeit finde, füge ich noch ein paar Links dazu an.