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Komm in den totgesagten park und schau

15. Juni. 2015

Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –

Vergiss auch diese letzten astern nicht-

in letzter zeit zeichnet sich eine bruchlinie ab, was „schule unter den bedingungen der digitalisierung“ betrifft: ein wachsendes unbehagen in der fortschrittlichen pädagogen-kultur.

ok, es sind jetzt nur zwei, von denen ich weiß, aber sie sind schlüsselfiguren: Torsten Larbig und  Thomas Rau. beide sind deutschlehrer am gymnasium. (sie haben noch andere fächer, natürlich, u.a. #informatik, aber  hier scheint mir die wurzel der skepsis zu liegen.) beide benutzen übrigens auch bewusst den klassischen ich-bin-ein-lehrer-bloggernamen: „Herr Rau„, der damit möglicherweise sogar der stilprägend erste war, und „Herr Larbig„.

übrigens sind beide in vieler hinsicht deutlich „digitaler“ als ich: Larbig ist ein gadget-liebhaber, der wirklich alles ausprobiert, und Rau ein altgedienter blogger und versierter informatik-lehrer, der sich da bis in den admin-bereich hinein auskennt.

ich glaube, dass ihr unbehagen bezeichnend und wichtig ist: erstens sind die beiden leidenschaftliche pioniere und protagonisten einer „digital“ aufgeklärten schule, die schüler als eigenständig lernende ernst nimmt. und zweitens glaube ich, dass sie ein unbehagen artikulieren, das unterschwellig weit verbreitet ist und das bald noch sehr viel lauter werden wird.

bei „Herr Larbig“ ist schon lange zu spüren, wie die vervielfachung der digitalen möglichkeiten, die er als pädagoge emphatisch ergreift (u.a. als mitbegründer und wortführer des edchatDE), mit einer unterschwelligen verunsicherung in der ebenso emphatisch ausgefüllten lehrer-rolle einhergeht. unter anderem z.b. hier.

(viele didaktische details und unterrichtsideen Larbigs erinnern mich an meinen vater, auch ein gymnasium-deutschlehrer, der die bühne liebte, seinen drive noch aus der prägung als pfadfinder-„jugendbewegungsführer“ hatte und dann in den 1960er jahren die humanisierung & demokratsierung der autoritär verseuchten schulen aktiv mit vorantrieb.)

und auch bei dem zurückhaltenden, skeptischen und leise ironischen „Herrn Rau“ ist zu spüren, dass er sich in seiner subtilen pädagogenpraxis vom digitalen umbruchsgetöse zunehmend gestört fühlt. das ideal, das man durchspürt, ist die verbesserte und ausgeweitete gymnasialbildung der 1970er: kluge, kritische menschen, die zusammen literatur lesen, nur eben mit den enorm verbesserten möglichkeiten, die v.a. die blogs bieten: Gruppe 47 on Steroids, sozusagen. (auch mein vater hat ja auf seine alten tage noch das bloggen begeistert ergriffen.)

und gerade bei diesen zwei vorreitern braut sich nun ein unbehagen angesichts der „digitalisierung“ zusammen. irgendwie scheinen sie zu befürchten, dass das mittelfristig ihre art von pädagogik und die damit verbundene literarische kultur bedroht. ich vermute, dass sie damit am ende recht haben. man kann die entwicklung ganz gut am schicksal des legendären FAZ-feuilletons ablesen: es befindet sich im niedergang, die tage des bildungsbürgerlichen leitmediums sind gezählt.

das gymnasium (in seiner bildungsbürgerlichen spielart) steht kulturell in enger verbindung mit der pressekultur der nachkriegszeit. nach kurzzeitiger öffnung in den 1970er jahren ist es bald wieder zur verschlossenen bibliophilen arche geworden, die den fluten des zeitgeists trotzt. hier liest man für immer Siegfried Lenz. (diese bildungsbuchkultur stirbt übrigens nicht aus, es gibt ja eher wieder mehr als weniger schüler, die dort zuflucht suchen. sie wird eher den weg des vinyls gehen, zur manufactum-kultur der connoisseure.)

Larbig und Rau haben aber sicher nicht recht, falls sie befürchten, dass ihre konkrete praxis gefährdet ist. das ist ganz sicher guter unterricht, und ich sehe niemand, der den gezielt abschaffen will. die schullektüre wird nicht auf internet umgestellt. die pensionen sind sicher, jedenfalls noch für diese lehrergeneration.

was aber ist dann die „Digitale Revolution“, die diese Digitalreformer fürchten? wer sind denn die bolschewiki, die diese menschewiki bedrohen?

Herr_Rau vorhin auf Twitter, nur zu 2/3 ironisch:

welche „Revolution“ denn? ausgerechnet in deutschland? da, wo man vorher eine bahnsteigkarte lösen muss? (quelle des obskuren bonmots übrigens hier aufgeklärt. in wikipedia natürlich.)

es stimmt schon, leute wie Lisa Rosa oder auch ich benutzen manchmal APO-rhetorik: da geht es um die aufbrechenden widersprüche, die einen gesellschaftlichen umbruch ankündigen. und die parallelen mit der großen kultur-umwälzung der 1960er finde ich tatsächlich oft frappierend. Ivan Illichs „Entschulung der Gesellschaft“ (geschrieben 1971) liest sich unter digitalen vorzeichen sehr frisch.

aber heute gibt es keine digitalen K-gruppen und keine digitale RAF, und auch nicht, anders als im spanien der 1930er jahre, stalinistische digital-kommandos unter Ulbricht oder Mielke.

ich selbst bevorzuge die bezeichnung „Digitaler Klimawandel“: der lauf der informations- und kommunikationsströme ändert sich dramatisch, heftige naturereignisse nehmen zu, manche gegenden trocknen aus und wieder andere werden überschwemmt. es wird ungemütlich, alles ändert sich, ein zurück in den status quo gibt es nicht, und die hoffnung liegt eher in Waterwoningen für alle (das ist das Web) als in der kostbaren, einsamen Bildungs-Arche mit Noah auf der Pädagogenbrücke.

diese „Digitale Revolution“ ist zuerst eine disruption: eine umfassende, abrupte unterbrechung der strukturen, die die stabilität unserer gewohnten welt ausmachen. und die gefahr für sympathische, engagierte und reflektierte pädagogen sind sicher nicht blindwütige „Digitale Revolutionäre“, die Herrndorf oder Eichendorff als schullektüre verbieten.

eher im gegenteil: die digitale gefahr, die ich sehe, wird sich mit den konservativen kultusministerien verbünden:

nachsatz:

das gilt für „digitale bildung“ insgesamt, aber es gilt auch für die literatur, die in meiner biographie ja ein wichtige rolle spielte:

in den 1970er jahren, nach dem „Tod der Literatur“ reformierte sich die literarische kultur neu unter dem einfluss von 1968 und popkultur. man kann das ganz gut an Gernhardt oder an Handke festmachen, auch wie sich das mit zunehmendem alter dann wieder zu einem neuen wertkonservatismus verfestigte.

heute ist wieder eine solche reinkarnation der „literarischen kultur“ nötig, wenn man da den funken weitertragen will. zugegebenermaßen wird sie im zeitalter der vernetzten cloud-texte radikaler ausfallen müssen. (ich habe mal dazu einen grundsätzlicheren text geschrieben, im zusammenhang mit dem #kindle 3.)

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