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Digitale Kulturtechniken: Risiken und Nebenwirkungen

15. November. 2016

Meine Diskussion mit dem Christian @ciffi Füller, Spezialist für schulische Bildung, über das Netz und seine Wirkungen läuft ja schon seit Jahren und wird immer wieder mal etwas ruppig. Darin liegt auch sein Verdienst: weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört und auch mal provoziert. Ich finde, dass seine Themen die Auseinandersetzung wert sind, aber anscheinend schrecken auch viele davor zurück, explizit etwas gegen ciffis mitunter recht holzschnitthafte Thesen zu sagen.

Es geht dabei immer darum, inwiefern zwischen Netz-Evangelisten (zu denen ciffi mich zählt) und Netz-Katastrophisten (Paradefall Spitzer) das große Feld der Probleme, Risiken und Nebenwirkungen zu kurz kommt. So weit gehe ich noch mit: Ja, es gibt ein Vakuum der “Vermittlung (bzw. der Entwicklung) von Kulturtechniken”, was den Umgang von Kindern mit den Smartphones im offenen Netz angeht. (Auch was QWERTZ-Computer angeht, aber das ist de facto eine ganz andere Baustelle.)

In dem Zusammenhang sind wir sehr unterschiedlicher Ansicht, was das Problem der “Internetsucht” angeht: als nicht-klinisches Phänomen, also als vermeintliche “Volkskrankheit”. (Vgl. dazu die letzten zwei Blogposts.) Aber auch, was die Einschätzung der “Grooming-Problematik” betrifft, also Sexueller Missbrauch von Kindern durch Erwachsene im Netz bzw. über das Netz, bin ich skeptisch.

Hier ist Ciffis neuester Text dazu:

http://www.deutschlandradiokultur.de/schule-und-digitalisierung-wir-brauchen-eine-netz.1005.de.htm

Dazu sein Twitter-Kommentar: „Besonnene Stimmen“ gibts genug. Es braucht Leute, die die Worte aussprechen: Sucht, Verlust der Identität, Cybergrooming, Cybermobbing.”

Und meine Erwiderung hinter den Kulissen:

“deinen verkehrserziehung-text habe ich wirklich nur zu zwei drittel gelesen. aber da hatten wir ja schon mal eine reiberei dazu. da verstehe ich (wenn ich den alarmismus abschwäche) schon, was du meinst. ich frage mich nur immer, was dich so optimistisch macht, dass „verkehrserziehung“ das richtige konzept ist. noch nicht mal die grundschüler lernen dort wirklich, was sie real im verkehr machen. das lernen sie anders, im alltag. (man muss ihnen es natürlich trotzdem sagen.)

letzter punkt: deine themen (grooming, sucht) sind ja extrem schicht-spezifisch. der gesellschaftliche diskurs macht sich de facto aber nur um die bürgerkinder sorgen. aus der perspektive der auf sich selbst gestellten sozialwohnungs-kinder sieht das ganz anders aus. wenn man denen helfen kann & will, digital souveräner zu werden: großartig. aber was ich bis jetzt sehe, hat mit deren lebenssituation genau nichts zu tun. die muss man zuallererst ethnografisch erkunden: know your user, wie der siliconvalley-designer sagt.”

Ergänzend aus einer früheren Blog-Diskussion herüberkopiert:

“Wo also ist hier Christian Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus“.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten”. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden”. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust.”

Und das eben nicht für die “hochbegabten” WissensarbeiterInnen in spe, sondern zuerst für die anderen, die wir mit ihren mächtigen Netz-Maschinen tatsächlich alleinlassen. Wie das genau gehen soll, wissen wir aber nicht recht. Es wird auch nicht auf IT-Gipfeln verhandelt, die immer nur um ihre Science Fiction-Phantasien von „personalisiertem Lehren“ kreisen. Und das ist ein Problem.

(siehe die kommentare unten.)

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Internetsucht II

8. November. 2016

In der Diskussion über „Internetsucht“ oder „Mediensucht“ geht sehr viel durcheinander. Hier geht es um die Klärung der Begriffe und der Probleme. Diverse Diskussionen, auch jenseits dieses Blogs, haben geholfen, den Kern, um den es mir hier geht, klarer herauszuarbeiten. Hier also meine leitartikelhafte Zusammenfassung:

Es geht darum, die klare Grenze zu ziehen zwischen dem Feld der Therapie-Profis und der klinischen Praktiken, die es mit echten Patienten zu tun haben, und dem gesellschaftlichen Diskurs über „das Internet“. Ich will nicht ins Feld der Profis hineinpfuschen, aber ich möchte verhindern, dass zweifelhafte Figuren wie Spitzer („Digitale Demenz“) und m.e. auch ein viel seriöserer Autor wie te Wildt („Digital Junkies“) ihrerseits diese Grenze überschreiten und Verwirrung stiften, mit Verweis auf ihre wissenschaftliche und klinische Autorität. Mit einem Fachmann, der sich zum ersten Blogpost zuerst sehr kritisch äußerte, habe ich dazu Übereinkunft erzielt. (Siehe die Kommentare zum ersten Beitrag.)

Es geht überhaupt nicht darum zu leugnen, dass es wirklich Kranke mit schweren Symptomen gibt, denen es sehr schlecht geht und die Hilfe brauchen. (Das wirft mir Christian Füller weiterhin vor.) Die sollen sie bekommen. Von mir aus auch unter dem anfechtbaren Label „Sucht“, wenn das irgendwie erfolgreichere Therapien verspricht. Der Therapieerfolg scheint zwar sehr unsicher zu sein, wenn man sich (wie ich jetzt) die ganzen Papiere durchliest, aber das kann uns für den öffentlichen Diskurs zu „Internetsucht“ hier egal sein: Der handelt ja gar nicht von den realen Patienten.

Deren genaue Zahl habe ich bezeichnender Weise nirgends gefunden. (Ich bin dankbar für Hinweise.)  Wieviele Patienten mit echtem Leidensdruck und dem „Internetsucht“-Muster, die aktiv Hilfe suchen, gab und gibt es pro Jahr in Deutschland? Klare klinisch-pathologische Fälle? Diese Zahl hätte ich gern.

Keine Stichproben unter nicht-klinischen Leuten mit selbstgebastelten Kriterienlisten, keine Schätzungen und Hochrechnungen, sondern die harten Zahlen von Therapeuten, Kliniken, Ambulanzen. Schon die Zahlen der Kliniken von Spitzer und te Wildt wären interessant. Und das in Deutschland oder meinetwegen auch in den USA, nicht in China, wo allen Ernstes 8,7% der männlichen Jugend zwischen 12 und 20 als „internetsüchtig“ eingestuft werden. In Deutschland werden Zahlen von 1 – 3% der Gesamtbevölkerung kolportiert, das wären 1 – 2 Millionen Menschen.

Also nicht Leute „mit exzessivem Gebrauch“, nicht Leute „mit problematischem Gebrauch“, sondern Leute mit großem, selbst empfundenen Leidensdruck, die sich nicht mehr helfen können. Auch in vermeintlich wissenschaftlichen Papieren der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie usw.) und des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags wird das auf einer einzige Druckseite permanent und unkommentiert durcheinander geworfen. (Links in den Kommentaren zum vorhergehenden Blogpost).

Genauso wie gezielt durcheinander geworfen wird, welche Aussagen und Befunde sich auf Glücksspielsucht (die einzige bisher anerkannte „Verhaltenssucht“), auf Internet Gaming (das wird immerhin von Fachleuten diskutiert) und anderen „Internetgebrauch“ beziehen. Zu allem außer Glücksspiel und – mit starken Einschränkungen – Gaming gibt es keine wissenschaftliche belastbaren Erkenntnisse. Sonstiger „Internetgebrauch“ wären etwa Social Networks und die allen Ernstes irgendwo aufgeführte „Recherchesucht“. Shopping und Porno wird üblicher Weise getrennt behandelt.

Der öffentliche Diskurs, der auf derart unzuverlässigen Schätzungen/Hochrechnungen beruht, handelt aber gar nicht von den klinischen Patienten. Die sind so sehr oder so wenig ein gesellschaftliches Problem wie viele andere Gruppen mit schweren psychischen Störungen, mit denen sich der Bundestag nicht befasst.

Der Diskurs handelt von der vermeintlichen Masse der „Süchtigen“ und „Suchtgefährdeten“, die NICHT Hilfe suchen, weil ihr Leidensdruck nicht so hoch ist und weil sie ihr Alltagsleben irgendwie bewältigen. Also die „Exzessiven“ und „Problematischen“. Deren Zahl läuft in den „Positionspapieren“ und „Gutachten“ unter „Epidemiologie“ und „Prävalenz“, was bereits voraussetzen würde, dass es sich hier um eine objektive, von außen diagnostizierbare Erkrankung handelt, wie z.b. Alzheimer, die dann auch „unentdeckt“ sich anbahnen kann. (Es gibt schon eine Theorie, die eine primäre, quasi-körperliche Abhängigkeit behauptet, aber die ist alles andere als wissenschaftlicher Konsens.) Derzeit reden wir allenfalls von „psychischen Störungen der Impulskontrolle“ – die amerikanische psychiatrische Vereinigung hat „Internet Gaming Disorder“ (und eben nicht „Internetgebrauch“, was beharrlich begriffsverschiebend als Synonym benutzt wird!) auf eine Art Beobachtungsliste gesetzt, mit dem Hinweis, dass es dazu keine belastbaren Studienergebnisse gibt. Wahrlich, die gibt es nicht. Noch nicht einmal annähernd.

Warum also das Drama? Warum Medienberichte über „Internetsucht“ und „Mediensucht“ (von TV redet kaum jemand mehr), die natürlich nichts mit dem kleinen klinischen Kern zu tun haben, sondern allein mit kollektiven Angstreflexen, medialer Aufregungsfreude und dem diffusen Gefühl, dass es der Sohn der Bekannten einer Freundin mit dem Gaming übertreiben soll, so dass sogar seine Noten in Gefahr sind?

Warum „Mediensucht-Tage“ (z.B. in Bremen und Mecklenburg), auf denen dann beharrlich eben nicht von ernsthaften, schweren, krankhaften psychischen Störungen die Rede ist, sondern von irgendwie „exzessivem“ Verhalten, das vor allem in den Augen der Eltern und Pädagogen – es geht am Ende fast immer nur um Jugendliche – zur Vernachlässigung des „normalen“ Lebens führt und/oder  abweicht vom Ideal des ausgeglichenen, positiven Medienkonsums?

Die vielen Leute da draußen, die das Internet (und vieles anderes) „exzessiv“ benutzen, um ihr Unglück und manchmal auch ihre Aggressionen auszuhalten, sind NICHT „süchtig“ oder „krank“ im präzisen Sinn des Wortes. Man kann ihnen Beratung anbieten, wenn sie mögen, aber das hat nichts mit pathologischen und klinischen Phänomenen zu tun. Sie sind halt unglücklich und neurotisch, mehr oder weniger dauerhaft, wie sehr viele Menschen in der Bevölkerung. Viele haben dafür gute Gründe, auch Jugendliche. Genau das ist die „Pathologisierung“, vor denen die Fachaufsätze und Gutachten routinemäßig immer warnen, um dann meistens genau das Gegenteil zu tun.

Ich kann  nicht sehen, dass die Beteiligten an diesem öffentlichen Diskurs sich darum bemühen, den Kern des ganzen zu fassen und klare Grenzen zu ziehen. Im Extremfall, wenn sie Recht haben, ist es ja eine sehr weitreichende Epidemie-These: Vielleicht stimmt es ja wirklich, und da draußen sind 2 Millionen krankhaft leidende Süchtige, die nicht „normal unglücklich und neurotisch“ sind, die sich selbst extrem schädigen (das müssten dann aber wohl zusätzlich konsumierte Substanzdrogen sein), die suizidal werden oder wenigstens extrem verwahrlosen. Wenn das so ist, dann ist es eben so, und man muss etwas tun. Aber das müsste man zuerst sehr genau belegen. Es scheint aber niemand präzise Kriterien dafür entwickeln zu wollen, wen man warum genau nach welchen Anzeichen tatsächlich als klinisch-pathologisch „erkrankt“ ansehen muss.

Die üblichen Klassifikationslisten der WHO und der Psychiatrie, die dann in die Fragebögen von „Studien“ umgewandelt werden, sind nicht die Antwort. Die sind klinische Instrumente, die der genaueren Diagnose dienen, wenn ein Patient kommt und dringend Hilfe sucht und braucht. Oder auch als heuristische Hilfe, um Leute anzusprechen, die von sich aus nicht kommen, aber dringend Hilfe wollen.

Sie sind kein Werkzeug, um Leute für „krank“ zu erklären, d.h. ihnen einen klinische psychische Störung von außen zuzuschreiben, die sich selbst nicht so fühlen und Hilfe ablehnen. Die Pathologie-Grenze muss sehr hoch angesetzt sein, und das ist sie auch, wenn man genau hinsieht. Aber bereits im Gutachten der DGPPN für den Bundestag und im Bericht des wissenschaftlichen Dienstes wird das komplett ignoriert.

Das alles ist aufgeregte Nebelwerferei. Wem nützt es?

Zuerst einmal all denen, die wie die DGPPN massive öffentliche Förderung fordern, für Forschung, Therapie (ohne harte Zahlen dazu), irgendwelche „Beratung“ und völlig ungeklärte „Prävention“. Mit der „Natur des Internet“ oder auch mit einer rationalen Erörterung „der Risiken des Internet“ hat der real existierende „Internetsucht“-Diskurs jedenfalls nicht zu tun. Er nützt nicht, er schadet.

Internetsucht

3. November. 2016

Nach Diskussion mit Christian Füller habe ich nachgesehen, wie hart das Konzept „Sucht“ im allgemeinen und die „Internetsucht“ im besonderen ist. Meine Skepsis wurde bestätigt: Das ist ein sehr nebulöses Feld, und man muss sehr genau hinsehen, wenn Leute hier grundsätzliche Aussagen machen, außerhalb einer konkreten Beratungssituation mit einem individuellen Klienten. Ich fasse hier den Stand meiner Recherchen zusammen.

Christian wendet ein, dass das „unverantwortlich“ sei, auf diese Weise als Nicht-Experte Stellung zu beziehen. Mir ist nicht ganz klar, warum. Erstens handelt es sich hier um Expertenpositionen, die ich referiere und zusammenfasse. Und zweitens wird durch eine Einschätzung von „Internetsucht“, wie ich sie hier selbst befürworte, kein Leidender falscher oder schlechter behandelt. Es wird auch nicht einer „epidemischen Internetsucht“ Vorschub geleistet. Dieser Vorwurf, falls er wirklich erhoben wird, müsste sehr gut begründet sein.

Die Quellen zum folgenden Blogpost finden sich unten im Post. Ausführliche Exzerpte in diesem Pad: https://zumpad.zum.de/p/ml-internetsucht und als Linksammlung (auch andere Links) unter https://pinboard.in/u:MicrowebOrg/t:internetsucht/

Die seriöseste und am leichtesten zugänglichste Version der Argumente eines Befürworters des „Internetsucht“-Konzepts sind die Bücher von Bert te Wildt (2012, 2015; vgl. Amazon). Dazu, abweichend, die verhaltenstherapeutische Sicht von Jörg Petry (2016).-

Hier ist die aktuelle Definition/Klassifikation im DIMDI – ICD-10-GM Version 2017:
– Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f60-f69.htm
– Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f10-f19.htm

Hier ist der Forschungsstand zu „Internet Addiction“ (nov. 2012):
cash u.a. 2012 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3480687/)

Hier ist ein „Eckpunktepapier“ zu „Verhaltenssüchten“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Pychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde bei, das sehr interessant ist, wenn man es in meinem Sinn auf die zahlreichen Stellen hin liest, wo Lücken und Unklarheiten eingeräumt werden.
https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2013/Eckpunktepapier_Verhaltenss%C3%BCchte_und_ihre_Folgen_.pdf

Und hier ist jetzt meine Blog-Zusammenfassung, die ich noch in zwei Kommentaren ergänzt und erläutert habe:

(1) Was nicht umstritten ist:

Es gibt Leute mit schweren psychischen Problemen Störungen und Leidensdruck, die so stark auf Erfahrungen „im Internet“ (Gaming, Chats, Surfing?, Porno?) fixiert sind, also auf mediale Online-Erfahrungen, dass es für ihr sonstiges Leben dysfunktional erscheint. Das Fixiertsein scheint teufelskreisartig zuzunehmen, der externe Auslöser und Fixpunkt scheint zur verselbständigten Ursache zu werden. Diese Leute (aber oft auch ihre nächsten Angehörigen!?) suchen und brauchen Hilfe. Das ist unbestritten, allles was darüber hinausgeht, ist dagegen umstritten und nicht wissenschaftlich gesichert.

Was heißt „dysfunktional“? Sie kommen ihren sozialen und beruflichen Verpflichtungen nicht mehr nach. Sie ziehen sich zurück, sind oft (?) schwer depressiv, verwahrlosen körperlich. Was sind die Schäden? In erster Linie „soziale Schäden“: Keine Verankerung mehr in Beruf, Familie, Freundeskreis. Das erhöht die Gefahr anderer, stoffgebundener Probleme. Es kann zu sekundären gesundheitlichen Schäden kommen (??).

Wer entscheidet, was dysfunktional ist? Oft „die Angehörigen“, im Zusammenwirken mit den Therapeuten, die letztlich die Interessen „der Gesellschaft“ vertreten. (Begründung am Ende: Hilflose, arbeitslose Leute kosten Geld.)

(2) Gibt es dafür eine konkrete Therapie, also außer dem „Patientenstatus“ selbst, deren Wirksamkeit voraussagbar und anerkannt ist?

Nein. Das sagen alle, auch die Befürworter (teWildt, Petry …). Man sei ganz am Anfang. Das liegt auch daran, dass man sich sehr uneinig ist, was hier „Krankheit“ überhaupt bedeutet, d.h. was Ursache, Wirkung, Symptom ist.

(2a) Ist es eine Störung, die ursächlich und eigendynamisch mit dem externen Auslöser/Fixpunkt verbunden ist? Dann wäre es eine „nicht-stoffgebundene Abhängigkeit“ (vulgo Sucht), eber in einer bestimmten, durchaus umstrittenen Auffassung des Wesens von Abhängigkeit/Sucht. (de Wildt u.a.)

(2b) Ist es eine schwere Verhaltensstörung, bei der der Auslöser eine wesentliche und verselbständigte Rolle für den „Teufelskreis“ spielt? (Petry u.a.)

(2c) Ist es ein multifaktorielles Syndrom, bei dem die Ursache/Wurzel letztlich in der Persönlichkeit des Klienten liegt? Es gibt eine Korrelation mit „schwerer Depression“ (was immer das genau ist), man beobachtet vielfach „Verschiebung“ der Abhängigkeit (erst Spielsucht, dann Gaming, vgl. teWildt) bzw. mehrere Abhängigkeiten zugleich (z.B. Gaming und Alkohol). Ist es also eher eine krankhafte Antwort auf besondere psychosoziale Problemlagen, die sich dann erst auf verschiedene Weise äußert? Dann wäre die jeweilige „Sucht“ primär als eine Art Problemlösung aufzufassen, und nicht primär als eine externalisierte und eigendynamische „Abhängigkeit“.

(3) Suchtbegriff und Therapie-Konzept beeinflussen die „Krankheit“ selbst

Die Therapie-Ansätze wie auch die Vorsorge-Strategien sind in allen drei Fällen sehr unterschiedlich! Ist Abstinenz das Wichtigste (wie bei der „klassichen“ Drogentherapie)? geht es um Verhaltensänderung? Geht es um eine Persönlichkeitstherapie? Wie mündig/unmündig stuft man die Klienten ein? Genauso umstritten und unsicher ist die Frage, wie und wann man „vorbeugen“ kann/soll.

Weil es keine klar diagnostizierbare „Krankheit“ gibt (wie Alzheimer oder auch „Schizophrenie“, wie die allerdings oft überschätzte „physische Abhängigkeit“ von stofflichen Drogen), geht es bei solchen schweren psychischen Störungen am Anfang und am Ende immer nur um eines: das Wohl des Klienten, der freiwillig nach therapeutischer oder klinischer (nicht eigentlich: ärztlicher) Hilfe sucht.

Das ist wichtig, weil die Suchtdiagnose (abhängig von der therapeutischen Richtung) auf bestimmte Weise immer das Selbstbild der Klienten formt oder verformt!

Wenn man die phänomenologische „Sucht“-Diagnose akzeptiert, die mit den typischen Checklisten erhoben wird (und dann entweder als nicht-stoffliche Sucht im engeren Sinn oder aber als schwere Verhaltensstörung mit verselbständigtem externem Auslöser gedeutet werden kann) …
… dann wird auch von den Vertretern dieser Auffassung immer noch Wert auf die Feststellung gelegt, dass man bei Heranwachsenden NICHT vorschnell von Sucht/Abhängigkeit sprechen soll, weil suchtähnliche Episoden in diesem Alter leicht auftreten und auch wieder verschwinden können. Eine ausgeprägte, verfestigte „Sucht“ im engen Sinn gibt es nur bei Erwachsenen.

(4) Wieviel Prozent der Bevölkerung sind „internetsüchtig“?

Die „epidemologischen“ Zahlen zu einem notorisch unscharfen Phänomen wie „Internetsucht“ variieren stark und sind extrem unzuverlässig. Es gibt keine gesicherte Form der Erhebung und Schätzung. (Das ist, so weit ich sehe, allgemeiner Konsens unter Fachleuten.)

Hart sind am Ende nur die konkreten Zahlen von therapeutischen Stellen, die Leute behandeln, die auf eigenen Wunsch oder Wunsch ihrer Angehörigen Hilfe suchen und die extreme, irgendwie mit „Internet“ verbundene Verhaltensmuster aufweisen.

(5) Kritik am konventionellen Suchtbegriff und Therapiekonzept

Es ist in fachlichen Kreisen sehr umstritten, inwiefern man überhaupt fachsprachlich von „nicht-stofflichen Abhängigkeiten“ (Süchten) sprechen kann oder soll. (Das heißt nicht, dass das Leiden der Individuen oder die entsprechende „Symptomatik“ bestritten wird!)

Es ist aber auch mit guten Gründen umstritten, wie man überhaupt Sucht/Abhängigkeit einstufen und behandeln soll. Die Argumente gegen stoffliche Drogentherapien betreffen auch und eher mehr noch die „nicht-stofflichen Süchte“. (Vgl. Publikationen von Gundula Barsch, Johannes Herwig-Lempp, s.u.)

(5a) Die Therapie-Beziehung wird als Arzt-Beziehung gedeutet. (Eine „Krankheit“ wird „behandelt“.)
(5b) Es wird der Fixpunkt des dysfunktionalen Verhaltens als eigendynamischer „krankhafter Auslöser“ identifiziert.
(5c) Die Therapie konzentriert sich auf diesen „Auslöser“. In der klassichen Drogentherapie ist der erste Schritt Entzug/Abstinenz. Dieses Vorgehen ist aus ganz pragmatischen Gründen unstritten: Die Erfolgsquoten sind schlecht. Speziell bei Internetsucht wird das sogar von den Befürwortern eingestanden: Man kann das nicht einfach auf Dauer „absetzen“, so wie ein heroinsüchtiger „clean“ werden soll. „Rückfälle“ sind vorprogrammiert.
(5d) Dahinter steht ein binärer Sucht-Begriff, ein Entweder/Oder. In der Realität sind aber Süchte und Abhängigkeiten ein Kontinuum von Verhaltensweisen, die bis weit in die „normale Gesellchaft“ reichen. Es geht eher um die Einbettung und den abschwächenden Umgang mit Abhängigkeiten als um Abstinenz.
(5e) Ein solches binär zugespitztes und dramatisiertes Krankheitsschema hat eine konkrete Folge für die Klienten: Sie werden auch vor sich selbst als unmündige Objekte markiert, die sich fremder Hilfe und strengen Maßnahmen überlassen müssen und dürfen. Das ist schon aus reinen therapeutischen Nützlichkeitsgründen falsch, sagen die Kritiker, vom Menschenbild ganz zu schweigen.

(6) Ökonomische Interessen

Vgl. dazu Bemerkungen bei Barsch und Herwig-Lempp, aber es liegt ja jenseits aller fachlichen Erörterungen auf der Hand. Der Einfluss der ökonomischen Interessen der Therapie-Industrie auf den Suchtbegriff unserer Gesellschaft ist der „Elefant im Raum“. Alle wissen, dass diese massiven Interessen existieren, aber es wird in der Regel nicht systematisch reflektiert.

Alle Leute, die ihre Fördergelder oder Krankenkassengelder mit Therapie-Konzepten verdienen, die auf einem möglichst „harten“ Krankheitsbegriff beruhen, sind keine neutralen Wissenschaftler. Tatsächlich gibt es, so weit ich sehe, praktisch keine ökonomisch neutrale Untersuchung der Sucht-Thematik. Die Kritik (s.o.) wird von Sozialpsychologen und Sozialarbeitern geübt, die nicht von Therapien leben.

Weitere Literatur:

Jörg Petry 2010, Computerspiel- und Internetabhängigkeit. (Kritik am stoffungebundenen Suchtbegriff)
http://alternativer-drogenbericht.de/category/b-i-aktuelle-daten-zu-drogen-und-sucht/b-6-computerspiel-und-internetabhaengigkeit/

Dazu auch die Literaturliste in:
Johannes Herwig-Lempp (1995), Aus systemischem Blickwinkel: Soziale Unterstützung bei „nicht-stoffgebundenen Drogenabhängigkeiten“, in: Rainer Ningel & Wilma Funke (Hrsg.), Soziale Netze in der Praxis, Göttingen (Hogrefe), S. 270-281 (pdf, auf http://www.herwig-lempp.de/)

Jörg Petry 2010, Kritik am stoffungebundenen Suchtbegriff
Gaßmann, R. (1988). Neue Süchte. Streit um ein gesellschaftliches Phänomen. Hamburg: Neuland
Herwig-Lempp, J. (1987a). Das Phänomen der sogenannten Neuen Süchte. Neue Praxis, S. 54-64.
Lieb, H. (1991). Süchtig nach Suchtdiagnosen? Vom Nutzen eines erweiterten Suchtbegriffes. Sucht, 
S. 409-414.

Kritik am Suchtbegriff selbst und an den therapeutischen Folgerungen:

Stephan Quensel, Rezension zu:
Gundula Barsch: Lehrbuch Suchtprävention. Von der Drogennaivität zur Drogenmündigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2008
Prof. Dr. Stephan Quensel ist Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie.

Prof. Dr. Gundula Barsch, Suchtbegriffe (Präsentation, 2011)
Johannes Herwig-Lempp (1994), Von der Sucht zur Selbstbestimmung. Drogenkonsumenten als Subjekte. Dortmund (Borgmann)
Johannes Herwig-Lempp (1995), Aus systemischem Blickwinkel: Soziale Unterstützung bei „nicht-stoffgebundenen Drogenabhängigkeiten“, in: Rainer Ningel & Wilma Funke (Hrsg.), Soziale Netze in der Praxis, Göttingen (Hogrefe), S. 270-281 (pdf auch auf http://www.herwig-lempp.de)

Wissenschaft im Web: 18361 Downloads

30. Oktober. 2016

1998 habe ich meine Habilschrift abgeschlossen: „‚Ich‘ schreiben im falschen Leben. Deutschsprachige Tagebuch-Literatur 1950 – 1980“. (Hier habe ich sehr viel später mal begonnen, den Text online zu stellen: https://martinlindner.pressbooks.com/ ) Danach bin ich im letztmöglichen Moment aus der Uni-Einbahnstraße ausgestiegen, habe einen Schlussstrich gezogen und das dann nie offiziell drucken lassen. (Ich hatte Zusagen von Niemeyer und De Gruyter.)

Das lag auch an den frustrierenden Erfahrungen mit meinen wissenschaftlichen Publikationen zwischen 1994 (Druck der Dissertation) und 1998. Kurz gesagt: Das liest außerhalb der eigenen Methodik-Sekte praktisch niemand in der Scientific Community. Hier hat eine Studie das untersucht. Das deckt sich mit meinem Eindruck: Nicht einmal die renommierten Wissenschaftler lesen sich in der Literaturwissenschaft gegenseitig. Und selbst wenn es einige mehr oder minder gezwungenermaßen tun , wie bei meiner Diss die Spezialisten für „Neue Sachlichkeit“, dann vor allem mit dem Ziel, das eigene Revier zu verteidigen und Irritationen abzuwehren.

Es gibt schon einen untergründigen wissenschaftlichen Fortschritt – meine Diss (hier als Scan (pdf)) wird inzwischen  von Nachwuchswissenschaftlern öfter mal zitiert -, aber erstens dauerte das 10 Jahre, da war ich schon längst aus dem Geschäft, und zweitens fehlt mir trotzdem das direkte Feedback. Es kann ja nicht sein, dass das Jahre und Jahrzehnte dauert, bis etwas zurückkommt.

Die Lösung ist natürlich das Web bzw. die Open Science-Bewegung, die gerade 2015/2016 enorm an Schub gewonnen zu haben scheint. Ins Web bin ich 2000 emigriert, als ich die Uni verlassen hatte. (Wobei es später noch ein unerwartetes ca. 4jähriges Zwischenspiel als Gastprofessor und Dozent für digitale Medien-Wissenschaft gab.) Jedenfalls habe ich im Januar 2004 begonnen zu bloggen („mediatope I„) und dann irgendwann mal Teile meiner Habilschrift einfach ins Netz gestellt und auf einem Nachfolgeblog („scribbleblog“) verlinkt. Die Download-Links sind immer noch online: http://lotman.twoday.net/stories/1034347/

Das war Oktober 2005, und ich erwartete nichts. Im Juli 2007 habe ich dann verblüfft und glücklich festgestellt, dass ein besonders brauchbares Kapitel (meine Definition der Textsorte „Tagebuch“) 1000 Downloads hatte. Jetzt habe ich nach vielen Jahren nochmals nachgesehen,  und es sind 18.361. Das sind grob gerechnet 1660 pro Jahr, nur mal im Vergleich zur Reichweite, die ich hätte, wenn ich das gedruckt hätte. Keine Ahnung, wie viele das dann fotokopiert oder exzerpiert hätten, aber ich vermute mal: viel weniger. Und der Download ist _sehr_ versteckt. (Ich habe eine sehr neurotische Art, mit meinen Sachen umzugehen.) Ich habe keine Ahnung wie die Leute das überhaupt fanden und anscheinend immer noch finden. Das alte Blog ist seit sehr langer Zeit stillgelegt und dürfte in Google kaum mehr auftauchen.

Wenn ich mir jetzt vorstelle, welche Reichweite und Wirkung man erzielen könnte, wenn man so etwas heute selbst ins Netz stellt, mit zusätzlichen Maßnahmen, um die Sichtbarkeit zu erhöhen: unfassbar. Der Bericht vom diesjährigen Germanistentag hinterlässt allerdings nicht den Eindruck, als ob diese Dynamik dort angekommen wäre, ganz im Gegensatz zu einer minoritären, aber im Netz inzwischen sehr präsenten Gruppe von Historikern, um die herum das offene Blog-Portal hypotheses.org entstanden ist.  Vgl. hierzu die lesenswerten Siggener Thesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter, die eben erst einige Geisteswissenschaftler im Blog der Zeitschrift Merkur veröffentlicht haben.

Was ist „deutsch“? Wer ist „Deutsche/r“? Wen kann man sinnvoll so bezeichnen? Inwieweit? Eine anti-völkische Begriffsklärung

16. März. 2016

Weil mir die Beschäftigung mit dem ganzen Pegida-Komplex Kopfschmerzen bereitet, und weil ich wissen will, wie dieses Denken bei denen funktioniert, die kein gefestigtes ideologisches Weltbild haben … Was ist deutsch?
Wie immer ist das laut vor mich hin gedacht. Zu lang und zu abstrakt, um ein „guter Blogpost“ zu sein. Einfach nur Material zum Nachdenken, Diskutieren und zum weiterem Begriffe-Klären.

Wenn man die Nazis abwehren will, muss man erst mal überlegen, was in den vorideologischen Erfahrungswelten mehr oder minder unwillkürlich, quasi „natürlich“ als „deutsch“ empfunden wird. Ich sehe vier solcher vorideologischer Bedeutungen des Satzes „Er/sie ist deutsch bzw. eine/r Deutsche/r“, die im Prinzip sogar wir, die wir kosmopolitisch denken, irgendwie teilen. Sie überlagern und überlappen sich, aber sie lassen sich m.E. doch trennen:

Deutsch1: schriftsprachlich-kollaborativ-überregional

Der m.E. wichtigste Begriff. „Deutsche/r“ ist jede/r, der/die die deutsche Sprache längere Zeit (einige Jahre) gebraucht, um einen großen Teil des eigenen Alltags dem Zusammenwirken (Kommunizieren, Handeln) mit anderen Deutschsprechenden  zu widmen.
„Wir Deutsche“ ist die Gemeinschaft all derer, die langjährig im deutschen Sprach- und Handlungsraum primär mit anderen Deutschen zusammenwirken – sprechend, schreibend, zusammenarbeitend, interagierend.
Weil wir das tun, teilen wir – neben den Sprachfiguren – gemeinsame Erfahrungen, Erinnerungen, diskursive Rahmen, Arbeitsfelder und Projekte.
Man muss im Extremfall nicht schreiben können, um in diesem Sinn „deutsch“ zu sein, aber jedenfalls interagiert man dann ständig mündlich mit schriftsprachlich geprägten Umgebungen.
In diesem Sinn sind z.B. auch cviele „ausländische“ Fußballspieler inzwischen Deutsche, unabhängig davon, ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Giovane Elber z.B. ist nach Brasilien zurückgegangen, aber hätte er weiter hier gewohnt, dann wäre er natürlich jetzt ein „Deutscher“1.

Deutsch2: Staatsbürger, Amtssprachen, informelle Staatsbürgersprachen

Neben diesem sprachlich-kollaborativen Sinn des Begriffs „Deutsche“ gibt es „deutsche Staatsbürger“: Ich teile als bayerischer Intellektueller mit vielen Österreichern genauso viel (oder eher mehr) Sprechfiguren, Erinnerungen, Erfahrungen, auch Projekte … wie mit jemand aus der Sächsischen Schweiz. Ich bin aber einem anderen Staatswesen zugeordnet, und das erzeugt in bestimmter Hinsicht abweichende Erfahrungen usw.
Man kann trennen zwischen einer modernen sprachlich-kollaborativen Erfahrung („deutsch“1, die letztlich auf Schriftsprache und davon fundierten Praktiken beruht) und einer regional-dialekthaften Erfahrung (siehe unten, „deutsch“4).
Deutsche Staatsbürger sind alle Menschen, die formal dem Staatswesen „Deutschland“ zugeordnet sind. (Früher war ich Staatsbürger der BRD, unter anderen Umständen hätte ich als bayerischer Staatsbürger geboren sein können. Wenn es entsprechende estnische Gesetze gäbe, könnte ich wegen meiner Großeltern auch estnischer Staatsbürger sein. Ich hätte keine prinzipiellen Bedenken, wenn ich dort länger leben/arbeiten würde, auch österreichischer oder britischer Staatsbürger zu werden, usw.)
Neben den eigentlichen Amtssprachen kann man wieder formale und informelle „Staatsbürgersprachen“ unterscheiden. Deutsch ist in der EU eine Amtssprache, aber man muss als EU-Beamter doch v.a. Englisch können. Südafrika hat z.B. 11 Sprachen und drei Amtssprachen, aber die informelle Staatsbürgersprache (= was in den verbreitetsten Fernsehsendern gesprochen wird) ist auch hier Englisch.
Sprachlich-kollaborative „Deutsche“1 sind oder werden sehr oft auch deutsche Staatsbürger/innen (= Deutsche2), letztlich aus praktischen Gründen. Staatsbürger im deutschen Staat müssen aber keine (primär) sprachlich-kollaborativen „Deutschen“ sein: Die Dänen in Schleswig sind deutsche Staatsbürger, aber fühlen sich primär als „Dänen“ im sprachlich-kollaborativen Sinn.
Staatsbürger müssen NICHT an einem deutschen Sprach- und Erfahrungsraum teilhaben (wie im Fall von „deutsch“1). Für sie ist einzig die Amtssprache relevant, und da geht es im Prinzip nur darum, dass man in diesem Staatsapparat gut mitspielen kann und sich im Prinzip an die Gesetze hät. Es würde dafür genügen, wenn man alles Geschrieben und von Beamten gesprochene mit dem Smartphone übersetzen könnte.
Es ist ein völlig normaler Fall, genau genommen: der natürliche, dass Staaten aus vielsprachigen kollaborativ-sprachlichen Gruppen bestehen. Wo das nicht normal zu sein scheint, liegt es entweder an der besonderen Kleinheit oder isolation des Staatsgebiets oder/und an einer nationalstaatlichen Ideologie, die der historischen Wirklichkeit  aufgestülpt wurde und wird.
Es gibt interessante Misch- und Übergangsfälle, wo Staatsbürgerschaft plus schriftsprachliche Zugehörigkeit (= moderne Staaten, schriftsprachlich begründet) sich mit regional-dialekthaften Strukturen (mündlich) überlagern. Dann können mündliche „Dialekte“ quasi zu informellen „Staatsbürgersprachen“ werden, an denen sich die Leute erkennen (z.B. Australien, Schottland, Luxemburg, Schwyzerdütsch, sogar der Wiener Tonfall in Österreich …).*
Die Sprache begründet keine Staatsbürgerschaft. Ein Schotte, der von Geburt an in Schottland lebte, ist derzeit in der Regel Staatsbürger des UK. Er ist aber eben nicht deshalb „Engländer“, weil er englisch spricht. Das ist in der historischen Bedeutung des „Deutsch-Seins“ anders, weil es keine Entsprechung zum UK gibt (das wäre am ehesten das Römische Reich Deutscher Nation gewesen).
Hauptsächlich Englisch Sprechende und auf Englisch Kollaborierende können vielen verschiedenen kollaborativ-sprachlichen Gemeinschaften angehören, die alle englische Dialekte sprechen, die quasi-volkssprachlichen Stellenwert zugestanden bekommen: Sie können Australier, Kanadier, Schotten, Iren, Engländer, Amerikaner … sein.
Ein italeinisch sprechender Engadiner ist kein Italiener, aber er ist auch nicht auf diese Weise „Engadiner“, wie ein Deutscher „deutsch“1 ist. Er ist Schweizer Staatsbürger und versteht sich (auch) sprachlich-kollaborativ als „Schweizer“, weil hier eine metasprachliche Gemeinschaft entstanden ist, letztlich durch historische Praxis und politische Festlegung.
Usw. usw. Das sind, wie gesagt, Misch-und Übergangsfälle. Sie rechtfertigen m.E. keine eigene Nummerierung.

Deutsch3: familiär (d.h. mit „deutschen“1 Großeltern)

Es gibt einen dritten, quasi „natürlichen“ Begriff von „Deutschen“. Es ist der engste: Das sind dann diejenigen, die in dritter Generation aus einer Familie von „Deutschen“1 kommen, also deutsche Großeltern und Eltern haben. „Deutsches“ Kommunizieren/Kollaborieren ist ihnen quasi „in Fleisch und Blut übergegangen“. So lange reicht die direkte, lebensgeschichtlich Erinnerung, die unmittelbar auf einen Menschen einwirkt. (Das ist nicht notwendig abhängig davon, dass man seine Großeltern wirklich noch erlebt hat — sie sind trotzdem präsent.)
Das wird de facto von allen irgendwie als natürliches, besonders pures „Deutsch“-sein empfunden — von denen, die das selbst erleben, wie auch den Aupßenstehenden. Auch das hat aber nichts mit Genen zu tun, und noch nicht einmal mit „Ethnien“ (was immer das genau ist), sondern eben mit der Familien-Sozialisation. Auch ein adoptiertes Kind, das „deutsche“ Eltern und (Adoptiv-)Großeltern hat, ist in diesem Sinn „deutsch“3. Wenn es als „Deutscher“3 nicht anerkannt wird, dann eigentlich immer wegen eines genetischen Vorbehalts, mit oder ohne körperlicher Manifestation: Schwarze Hautfarbe, Schlitzaugen, jüdischer Name, jüdische Vorfahren im Ahnenpass, oder auch einfach nur „stark abweichendes“ Aussehen, ohne ethnisches Korrelat.

Deutsch4: regional, dialekthaft

Und es gibt noch einen vierten, regional-dialekthaften Begriff von „Deutsche/r“: Das sind die, die von Kindheit an in einer sich als „deutsch“ verstehenden (im Sinne einer Kombination von 1,2 und/oder 3) Region leben – und zwar so, dass sich das in Sprache, Verhaltensmustern, gemeinsamen Diskursen bzw. „kollektiven Erinnerungen“ niederschlägt. Dann ist man aber zuerst Tiroler, Niederbayer, Schlesier … und dann erst „deutsch“. Das „Deutsche“ ergibt sich dann (a) aus der Möglichkeit, sich im Prinzip ohne Übersetzer zu verständigen, und (b) aus der Überlagerung des Dialekts durch Schriftsprache. Das ist einsehr fließender Übergang. (Früher war es etwa so, dass ein Hamburger Tourist sich mit einem wirklich verwurzelten Berchtesgadener Bergtal-Bauern genauso wenig verständigen konnte wie mit einem Holländer.)
Der Dialekt und dazugehörige Diskursfiguren sind hier das deutlichste und wichtigste Kriterium, um wirklich auch „deutsch“ im Sinn von „deutsch“4 zu sein — zusammen mit regionaler Vertrautheit der „Deutschen“4 (ihr „Sich Auskennen“) und dem Gekanntwerden von der regional-dialekthaften Gemeinschaft derer, die schon früher da waren (das Gekannt-werden).
Warum wird das dann als „deutsch“ empfunden? Wann wird es das überhaupt? Das ist schwer zu trennen.
Dazu gehört eine künstliche Idee von „Landsmannschaften“: Ein Patchwork von in sich „identischen“ regional-dialekthaften Sprecher-Gemeinschaften. Ob dann etwa die Tiroler als Österreicher gelten, und/oder als (Groß-)Deutsche, ist letztlich vollkommen willkürlich. Es hat de facto wieder mit schriftsprachlichen (und dann TV-sprachlichen) Überlagerungen zu tun.
Die Österreicher (ein extrem durchmischtes Staatsbürger-Volk) empfinden sich irgendwie als „deutsch“, aber zerfallen selbst in sehr klar dialektmäßig getrennte Regionen, also „Landsmannschaften“. Alle zusammen aber empfanden schon das Zunehmen von hochdeutsch Sprechenden, die „nicht von hier“ waren, als eine Art Piefke-Invasion von außen. Trotzdem ist für den österreichisch-katholisch geprägten Identitären dann auch der gottlose Nazi-Sachse offenbar doch irgendwie „identischer“ als der irgendwie arabische Migrant, der als Teil der „islamischen Invasion“ gilt. Die Identitären berufen sich auf sentimentale Regionalität, aber mischen das völlig problemlos mit deutsch-nationaler Ideologie. Dasselbe tun sie auch mit ihren Feindbildern: Die deutschen „Juden“ wurden ebenso erst dazu gezwungen, „Juden“ und damit Gegenbild zum „Deutschen“ zu sein, wie nun auch „der Araber“ in eine arabische Identität gezwungen wird, obwohl er ja Yezide, Kurde, Tunesier usw. sein kann. (Und auch diese Zugehörigkeiten fächern sich natürlich, von innen betrachtet, in die 4 Stufen von Volksgruppen/Sprachnationen auf.
Sehr viele Menschen sprechen übrigens gar keinen Dialekt, obwohl sie im Sinne von „deutsch“1 nicht fremd sind. Das sind nicht nur beruflich/sozial mobile „Deutsche“1, die quasi nur noch in ihrer Schriftkultur leben und aufgewachsen sind. Selbst Kinder von Dialektsprechern sprechen inzwischen oft mit 10 reinstes TV-Hochdeutsch, ohne dazu gedrillt worden zu sein.)
Es können übrigens auch nicht-regionale Soziolekte entstehen, die sich zu „Dialekten“ verdichten und quasi-regionale Zusammengehörigkeit stiften („Türkendeutsch“). Man müsste nachprüfen, ob sich das immer aus Zweisprachigekit ergibt. Es hat jedenfalls nichts mehr mit einer sentimentalen Erinnerung an eine anatolische Großmutter zu tun.–

Das sind also vier „natürliche“ Begriffe von „deutsch/Deutsche“, die alle zusammen dann immer schon ideologisierend als Volk und/oder Nation (im weiten Sinn) zusammengefasst werden.

Das Volkshafte (das deutsche „Volk“ im engen Sinn) kommt dabei aus einer Absolutsetzung des Regional-Dialekthaften, das suggestiv überblendet wird mit dem lateinischen „Populus“, der selbst wieder die allerlängste Zeit mit Staatsbürgertum zusammenfiel. Dazu kommt noch die vermischung mit „Volk“ als sozialem Begriff („niederes Volk“, das dann mit der Romantik kulturelle Werte zugesprochen bekam).
Die deutsche „Nation“ im engen Sinn wiederum ist ein Begriff, der sich aus schriftsprachlicher Kultur herleitet (die „nationes“ der mittelalterlichen Studenten). Ausgeweitet zur „Kulturnation“ konnte man daraus auch eine politische „Nation“ ableiten, die man wieder eher als Nationalstaat oder als nationales Imperium verstehen konnte.
Die politische Rechte besetzt grundsätzlich das Begriffsfeld rund um Sprache/Kultur/Staat/Volk/Nation mit ebenso künstlichen wie suggestiv wirksamen Ideologien.
In Europa führt das nun dazu, dass sich die chauvinistischen Völkisch-Nationalen in allen Regionen und Staaten aneinander annähren, jetzt unter dem absurden Etikett „Abendland“. Das Lustige ist, dass die Völkisch-Nationalen ungeachtet von Sprache, Regionalität und Dialekt viel mehr miteinander gemeinsam haben als mit den Humanisten. Orban und Strache und Le Pen und ein „wahrer Finne“ sind viel „identischer“ als zwei „Deutsche“ mit unterschiedlicher politisch-kultureller Prägung, selbst wenn sie als getrennte Zwillinge neben Sprache und Sprachraum sogar den ganzen Gensatz gemeinsam hätten.

Wenn also jemand auftritt, und ein völkisch-nationales „Wir“ ausspricht, dann müsste man genau zerlegen, woraus sich diese Ideologie speist, um sie dann wieder zu dekonstruieren: aus welchen der vier „natürlichen“ Komponenten  bestehend, in welchem Mischverhältnis bzw. mit welchen auch widersprüchlichen Regeln des Springens von einem Begriff zum anderen.
Nur dann könnte man versuchen, eine Ebene zu unerscheiden, auf der man sich mit anfälligen Leuten, unabhängig von der Proto-Nazi-Ideologie, verständigen kann. Das geht in der Praxis nach meiner Erfahrung oft überraschend gut, wenn man sich auf das Fragenstellen beschränkt — die genuine Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit ist ja sogar bei den meisten Hardcore-Rechten in der Regel nicht ideologisch ganz aufgehoben und damit so reduziert & verformt, dass sie immun gegen jedes Gespräch wird.

Mikrotexte, Echtzeittexte (Bernd Graff über Twitter)

16. März. 2009

Das ist glaube ich das erste Mal, dass ich einen Artikel des Web-Kulturkritikers der SZ, Bernd Graff, nachdenkenswert finde. (Link) Er geht aus von Winnenden und Twitter und markiert den revolutionären Übergang zwischen zwei Text-Kulturen:

„Wir erleben eine Revolution im Statut des Textes und folglich eine Redefinition dessen, was Information ist und sein kann. … Es dringt also in nie dagewesenem Maß Zeit in diesen Welt-Text ein [gemeint ist die Gesamtheit der Twitter-„Echtzeit-Texte“; M.L.], reine ungefilterte Gegenwart, die gewissermaßen als Beschleunigungspartikel in die Wortzwischenräume fährt.“

Das bedeutet:Im Gegensatz zu den Texten unserer herkömmlichen Schriftkultur, die Graff etwas sehr pauschal als „zeitenthoben“ charakterisiert, sind die Texte des Web dynamisch (sie ähneln quasi eher den Konversations-Statements auf einer Party, nur eben schriftlich) und sie sind, wie Graff richtig erkennt, wesentlich Verweise: „Nie zuvor rückte die Zeichen- und Symbolhaftigkeit der Texte so dominant vor ihren Inhalt.“

Aber das ist natürlich generell so bei Texten, bei Zeichen und bei Geld: Wo kommt das Spiel der Verweise zur Ruhe? Wann ist da endlich wirklich Realität? Endlich kein Zeichen mehr, kein Gerede? Ja eben: Wenn einer Menschen abknallt. Wenn ein Flugzeug (fast) verunglückt. Deshalb ist das große Twitter-Web-Laborexperiment so fasziniert von diesen Echtzeit-Katastrophen, als „wirklicher“ Anlass für eine eigendynamische und selbstbezügliche Welle von Mikro-Kommunikationen.

Sehr lustig ist dann die kulturkritische Wende, die Graff, wie immer dabei auch Nick Carr zitierend, sich dann doch nicht verkneifen kann: Sofort schreibt er (unabsichtlich?) die schönste 1930er-Jahre-Innere Emigrations-Prosa:

„Der Essay, der Leitartikel, der Kommentar, das Dossier als Medium für Reflexion, jenes Zurückbeugen und Innewerden der abendländischen Philosophie, sind eben nicht mehr die ultimativen Formen des sich selbst vergewissernden Denkens und Erlebens.“

Sakradi. „Jenes Zurückbeugen und Innewerden“ in der zeitlosen SZ, Heribert Prantl, Aristoteles, Bernd Graff, Peter Handke, Karl Jaspers. „Wenn Zeit für diese Texte eine Rolle spielte, dann als Anlass zu Versenkung und Wiederholung, zum Innehalten und zur Einprägung.“

Vorbei.

„Ein Tag an Bord hat 1000 Momente“

11. November. 2008

… sagt eine Zeitungsanzeige des Kreuzschiffs Aida. Was mich vor 3 Wochen beim letzten Heckenschneiden des Jahres dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, was das ist: ein Moment, als elementare Einheit eines Tages. Das, woraus sich die Welt dann aufbaut, jeden Tag neu beginnend, Schicht für Schicht.

Ich interessiere mich hier für so etwas „sinnhafte Momente“, als Ereignisse im kognitiven System. (Es mag Schock-Momente geben, die sozusagen (fast) nur sub-kognitiv sind, wo man gar keine Chance hat zu denken, aber das sind sehr seltene Ausnahmen.)

1000 Momente, das macht bei 16 Stunden Wachsein ungefähr 1 Moment = 1 Minute. Das stimmt aber nicht, wenn ich mich selbst beobachte: „Ein Moment“ ist im Schnitt deutlich länger, und die Länge kann stark schwanken.

„Moment“ definiere ich provisorisch mit: Ein zusammen-hängendes kurzes Stück „innerer Zeit“, das aus zwei oder drei Dimensionen besteht: aus einer als „einheitlich“ wahrgenommenen Sinneseindruck-Situation, aus einem Kontinuum von „Gedanken“ bzw. „inner speech“, vielleicht auch aus einer „Stimmung“. Da kann der äußere Sinneseindruck mehr im Vordergrund stehen, oder (was mich jetzt gerade mehr interessiert) der Gedankenfluss, aber es ist immer alles zusammen, was so etwas wie die „Einheit“ von Momenten ausmacht: ein Kontinuum, das nachher als „eine zusammengehörige Bedeutungs-Einheit“ empfunden wird

Wie lange dauert so ein sinnhafter Moment? Es gibt eher kurze „Ereignis-Momente“ und eher lange introvertierte Momente. Provisorische Selbstbeobachtung lässt mich schätzen: In Phasen sehr schneller Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus dauert ein Moment vielleicht 20 Sekunden, wenn ich etwa einen Nachbarn sehe, und irgendwas dazu denke/empfinde. Aber dann passiert wieder länger nicht viel, innen und außen. 40 Momente pro Stunde (40 mph), das wären im Schnitt je 1,5 Minuten, erscheint mir sehr viel. In sehr langsamen Phasen (beim Schreiben etwa) geht das vielleicht bis hinab zu 8 mph. (Es dauert, wenn ich Musik dazu höre, öfter etwa 2 Popsongs, die einfach ungehört vorbeirauschen, bis ich wieder einen Einschnitt setze). Bei zerstreuten Tätigkeiten wie Autofahren mag es vielleicht einen Strom von eher vielen, aber zugleich sehr „flachen“, also kaum diskontinuierlichen Momenten geben.

Ein normaler Wert, bei mir jedenfalls, scheinen 12 – 20 mph zu sein. Wenn ich, in sehr grober Annäherung, annehme, dass die 16 Stunden eines Tages in 4 dichte, 4 langsame und 8 mittlere Stunden zerfallen, komme ich auf einen Wert von 320 bedeutungsvollen Momenten pro Tag, der mir realistisch erscheint. Das ist viel, aber nicht unabsehbar viel.

So. Das ist nun die elementare Einheit von Sinnstiftung, aus denen sich die soziokulturelle Welt aufbaut. Von diesen „inneren Momenten“ sind nur wenige zugleich Äußerungen. (Man müsste mal einen typischen Tag lang mitzählen, wie viele eigentlich.) Diese Äußerungen gehen ein in den sozialen Echoraum, in das „große Murmeln“ Foucaults. Als „Aussagen“, als „statement-events„, stehen sie dann in Beziehung zu Ketten bzw. zu Feldern anderer Aussagen in diesem sozio-kulturellen Raum.

Manche lösen dann wieder im äußeren Diskurs Ketten-reaktionen aus, verstärken sich gegenseitig, verdichten sich. Öfter sind sie Anstoß für andere „innere Momente“, die wieder individuelle Ketten und Felder beeinflussen, die wieder irgendwann woanders zu anderen Aussagen führen. Am häufigsten gehen aber die Äußerungen einfach spurlos unter, nachdem sie einen Moment lang da waren und vielleicht noch über ein paar andere Momente hinweg verhallten.

Und „Meme“ wäre nun diejenigen Aussagen, die über mehrere solcher Kettenreaktionen von Momenten und Aussagen hinweg in sich (relativ) konstant bleiben, so dass man die Menschen, durch die sie gewissermaßen hindurchgehen, als so etwas wie Träger eines semantischen Virus betrachten kann. Für einfache Sprachmuster (Sprichwörter, Phrasen) gilt das ja ganz offensichtlich. Man müsste genauer nachdenken, welche Formen „Meme“ sonst annehmen können. Ein anderes Mal.

Digitaler Klimawandel, deutsch

21. Oktober. 2008

Das Internet wird unterschätzt, bei weitem. Wir reden zu wenig darüber. Wir denken viel zu wenig ernsthaft darüber nach. Darum verstehen wir die Welt nicht mehr. (Im deutschsprachigen Raum übrigens noch weniger als anderswo.) Digitale Information ist wie der Klimawandel: Nichts ist wirklich greifbar, nichts kann man anfassen, es ist nur ein kaum merkliches Ansteigen der Durchschnittstemperatur, und trotzdem hat es schwerwiegende Folgen für die Welt in der wir leben.

„Information“ hat ihren Aggregatzustand geändert: Sie ist wolkiger und flüchtiger geworden, und sie zirkuliert sehr viel schneller. Sie funktioniert viel mehr als ständige schnelle  Kettenreaktion, nicht mehr als etwas Gespeichertes, auf das man in Ruhe zurückgreifen kann. Das verändert das gesellschaftliche Ökosystem, und zwar auch für die, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Der Golfstrom fließt plötzlich anderswo. Und plötzlich müssen alle ihre gewohnte Lebensweise und Denkweise verändern.

Gletscher schmelzen mit verblüffender Geschwindigkeit: die Banken, Siemens, die CSU, die SPD sowieso, BMW, die Universitäten, die Schulen … Faustregel: Je größer die Gebäude sind, in denen eine Organisation residiert, desto größer sind ihre Probleme.

Wüsten breiten sich aus, wo früher fruchtbares Land war: Die Märkte verändern sich. Was „Produkt“ ist, verändert sich. Das Geschäft der alten Medien funktioniert nicht mehr: die Zeitungen, das Fernsehen, die Werbung, die Bücher. Man kann „Inhalte“ nicht mehr so verkaufen, wie man es früher gewohnt war.

Kreaturen werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben. Wir werden noch viel mehr „digitale Nomaden“ sehen, mit Laptop und internetfähigem Telefon, die in wechselnden „Projekten“ in verteilten Teams arbeiten. Und das betrifft alle – auch und gerade gestandene Leute, die nicht unter 30 sind, die nicht in Berlin leben und die handfeste Berufe haben, die auf den ersten Blick nicht aussehen wie „Wissensarbeit“.

Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Das Internet ändert alles. Es wird bei weitem unterschätzt, weil man falsche Fragen stellt: Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Die „Realwirtschaft“? Menschen aus Fleisch und Blut? Richtiges Geld? Es sind doch nur Zeichen! Da bleibt doch nichts! Wie Flugzeuge, die über den Strand fliegen und groß „Nivea“ in den Himmel schreiben. Wie Blogger, die immer nur „Ich Ich Ich“ sagen. Wie Banker, die immer neue Kredite verbriefen.

Ja. Aber es sind Millionen Flugzeuge, die Worte und Zeichen  in den Himmel schreiben, bis sich die Spuren immer mehr überkreuzen, bis nur mehr eine einzige große Wolke zu sehen ist, die ständig ihre Gestalt ändert. Und diese Wolke geht nie mehr weg. Es gibt keinen Rückweg mehr in die gute alte Wirklichkeit (wenn es sie denn je gegeben hat). Diesen Klimawandel müssen wir verstehen, wenn wir lernen wollen, wie man in dieser veränderten Umwelt überleben kann. Und wir haben ja gerade erst damit angefangen: Die große Wolke gibt es erst seit 15 Jahren. Und erst seit 9 Jahren greift sie spürbar in unser (deutsches) Alltagsleben ein.

Die Deutschen verstehen das Internet noch weniger als andere, weil sie nicht seine Sprache sprechen: Der deutsche Sprachraum ist zu groß – man kann sich darin aufhalten, ohne das Gefühl zu haben, viel zu verpassen. (Kleine Länder tun sich leichter: da muss man von vornherein international sein.) Und: Die deutsche Sprache, so wie wir sie gelernt haben, kennt nur zwei Zustände, schlechte Abstraktion und schlechte Direktheit. Eine papierene, umständliche Schriftsprache und eine pseudo-mündliche Gegensprache der institutionalisierten Jugendkultur. Es bessert sich zwar sehr langsam, von den Rändern her, aber insgesamt gibt es immer noch zu wenig eingeführte Redeweisen, die sich für das Internet eignen: kaum eine lakonische, mit Mündlichkeit aufgeladene Schrift-Intellektualität, und kaum ein mündliches Argumentieren, das klar eine komplexe Reihe von Argumenten nennt.

eLearning 2.0 und Microlearning: Ein globaler digitaler Klimawandel (Abstract)

11. September. 2008

Der Begriff „eLearning“ wurde 1998 geprägt, und er sollte damals etwas ganz Neues bedeuten: selbstgesteuertes, individuelles Lernen mit und in dem Web als neuem Medium. Im Grunde eine Vorwegnahme der Web 2.0-Philosophie. Man hätte es vielleicht eher „iLearning“ taufen sollen, wie in „iMac“ und „iPod“, aber es war eine Anspielung auf „e-Mail“ beabsichtigt, die erste „Killer-Applikation“ des Internet.

Was dann kam, war aber nicht im Sinn des Begriffs-Erfinders Jay Cross: Die alten Firmen, die „Computer-based Training“ machten, also digitale „Kurse“ auf CD-ROMs, übernahmen das neue Buzzword dankbar, um Standard-Lösungen im Rausch der Dotcom-Bubble-Jahre als hochinnovativ und „sexy“ zu verkaufen. Um die alten CBTs, die nun „WBTs“ hießen, wurden verschachtelte, überdimensionierte und sündteure „Lernmanagement-Systeme“ gebaut. Dahin wurden dann auch Corporate Training als Fernkurse transferiert, scheinbar 1:1, in Wirklichkeit aber genau ohne das, was daran gut war und ist: ohne die reichhaltige soziale Interaktion der Lernenden untereinander, ohne den Reichtum der Untertöne, Anekdoten, Randbemerkungen der Dozenten und ohne ihre Begeisterung für das eigene Wissensgebiet. Interessierte kompetente Informationsarbeiter, hochmotiviert sich weiterzubilden, wurden zusammengestutzt auf die digitale Schrumpfform des „e-Learners“, der Gegenstand von fremdgesteuerter „Instruktion“ wird. Sie durften sich durch vorprogrammierte Lerntunnels klicken, Multiple Choice Tests absolvieren, und meldeten sich einmal (und dann nie wieder) auf der Forumsseite des Kurses zu Wort.

Dass das nicht funktioniert, wird spätestens klar, seit auch die Unternehmen und Bildungsinstitutionen das „Web 2.0“ als das neues digitale Ökosystem erkennen. Gegenwärtig wird versucht, unter den Schlagworten „Enterprise 2.0“ und „eLearning 2.0“ eine Vielzahl von konsumentenzentrierten Software-Anwendungen und Ansätzen aus dem Web 2.0 in die Enterprise-Umgebungen zu transferieren: wikibasiertes Wissens- und Projektmanagement, Microblogging, Social Bookmarking, neue kollaborative Semantic Web Applikationen u.v.a. Aber das ist keineswegs einfach: Es reicht nicht, nur Blogs, Wikis und Tagging anzubieten. Die aktuellen Versuche, das in herkömmliche Enterprise-Software einzubetten (IBM, Microsoft Sharepoint, sogar von SAP …) sind noch nicht recht befriedigend. Die Rollen und Kulturen der Enterprise-User einerseits und der Web-User andererseits sind immer noch sehr verschieden.

„eLearning 2.0“ bedeutet, „Lernen“ radikal neu zu denken. In Wahrheit geht es gar nicht so sehr um das „2.0“, es geht darum, dass das Web selbst mit seiner Struktur der alten Vorstellung von Organisation, Kontrolle und eben auch Training und Lernen widerspricht. Denn sobald jemand „ins Web geht“, verändert sich sofort unterschwellig das Selbstverständnis: Nun ist alles möglich. Man kann sekundenschnell überall hin, man kann zwischen Themen assoziativ springen, man muss keiner Autorität mehr einfach so glauben, man wird zum Zentrum einer sich ständig anreichernden „Informationswolke“, die aus viel kleineren und instabileren Informations-Fragmenten besteht: aus „microcontent“. Und das fängt eigentlich bereits an, wenn jemand nur e-Mail, Web-Suche und daneben das Mobiltelefon verwendet.

Nicht alle kommen damit zurecht. Bei vielen Usern löst es ein Gefühl von Angst und Überwältigtsein aus. Die flüchten sich dann gerne in das scheinbar verlässliche Raster von Drill-Lernen und Multiple Choice-Tests, die in harte Zertifikate münden, aber in Wahrheit das Wissen, um das es dabei gehen soll, nicht vermitteln. Und noch mehr löst das bei den Organisationen selbst Angst aus. Organisationen führen IT-Systeme ja nicht in erster Linie ein, weil diese Produktivität und Innovation fördern. Sie führen sie deshalb ein, weil sie wollen, dass die IT ihr besseres Selbst verkörpert, ihr eigenes Wunsch-Spiegelbild: eine hyperrationale, klar gegliederte, von kompetenten Führungskräften souverän gemanagte, perfekt mit Menschen aus hochglänzenden Unternehmens-Werbeprospekten besetzte Welt, in der jede Aktivität sofort im perfekten SAP erfasst, bewertet und am Ende auf Euro und Cent genau als Kosten und ROI wieder ausgegeben wird.

Aber genau so geht das Web eben nicht. Menschliches Lernen übrigens auch nicht. (Und vermutlich nicht einmal die Wirtschaft selbst.) Im Web geht es immer nur um einzelne, quasi-allmächtige User, um lose gebündelte Mikroinformationen, die auf einem Screen, also auf einen Blick erfasst werden. Und dann gibt es entweder einen Impuls, ein Ereignis, eine Teilchenkollision, ein Informationsfunke springt über, Aufmerksamkeit wird erregt, eine Kettenreaktion ausgelöst … oder eben nicht. So funktioniert die neue Umwelt der Mikroinformation-Arbeiter. Und das verlangt natürlich eine grundlegende Neuorientierung: neue Applikationen, das sicher auch, aber v.a. auch neue Praktiken für formelles und informelles Lernen.

gescxhrieben für das Learntec Forum Austria (im Oktober 2008, Wien)

mission: der deutsche david weinberger

1. August. 2008

gut, das ist sicher zu hoch gegriffen. aber diese liga ist das ziel.