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Fakten zur #Nafri-Diskussion (Silvester Köln)

2. Januar. 2017

Zur Silvester 2017-Diskussion, um die nervige #Nafri-Diskussion (von rechts & links) mal auf den Boden der Fakten zu stellen: [Das war zuerst ein Pad, aber das ist gerade kaputt, also habe ich es hierherkopiert. Deshalb ist es ein provisorischer Text, kein ausgebauter Blogpost.]

„Nafri“, Polizeikürzel in NRW schon 2014 für „Nordafrikanische Intensivtäter“, das sind junge Männer auf Europa-Tramp-Tour, die sich mit Straßenkriminalität (v.a. Diebstahl) durchschlagen. In Düsseldorf, Köln und anderen NRW-Städten entstand ein kleinkriminelles Milieu, dem die NRW-Polizei ca. 2000 Leute zurechnete. (Die Zahl wurde immer wieder genannt.)
>> Links dazu: siehe unten

Viele haben bereits in den Heimatländern kriminelle Vergangenheit. Ein Beispiel dafür ist auch der spätere Terrorist Amri, ein junger Tunesier, der aus keinem „islamischen“ Umfeld stammt und erst im italienischen Gefängnis sich radikalisierte. (vgl. Reportage in der SZ)
Viele (aber nicht Amri) stammen aus slumähnlichen Vorstädten, wo die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist. (Auch dazu gab es 2016 mal eine gute SZ-Reportage aus Marokko.) Wichtig: Mit „islamischem Kulturkreis“ hat das nichts zu tun. Eher geht es um ein kleinkriminelles Macho-Jugendkultur-Milieu. Das sind Leute zwischen ca. 18 und 25 mit Baseballkappen. Es gibt auch keine legitimen Asylgründe: Das sind keine „Flüchtlinge“, auch wenn viele hier natürlich aus praktischen Gründen Asyl beantragen, wenn es geht.
>> http://www.sueddeutsche.de/politik/anschlag-auf-berliner-weihnachtsmarkt-anis-amri-terrorist-und-bruder-1.3312106 [zu Amris „Milieu“, sehr gut] Die ebenfalls sehr gute ältere SZ-Reportage aus den marokkanischen Slums finde ich nicht mehr.

In der Flüchtlingswelle haben viele diese besonderen Gruppe Asyl beantragt, massiv ansteigend in den Ankommstatistiken von Oktober-Dezember 2015, als Marokkaner plötzlich und nur vorübergehend unter den drei fünf Hauptherkunftländern auftauchten.
>> Link: Habe ich damals im Dezember überrascht  in der laufenden Herkunftsstatistik gesehen. Da wusste ich noch nichts vom Nafri-Hintergrund, der erst nach Silvester Köln bekannt wurde.

In Köln hat sich zu Silvester 2015/16 eine Art Flashmob gebildet, an dem nach Polizei-Aussagen überwiegend Nordafrikaner beteiligt waren (genauer genannt: Marokkaner und Algerier — Tunesier und Ägypter scheinen kaum eine Rolle gespielt zu haben). Dazu habe ich am 8.1.2016 in einem eigenen Pad zu Köln Infos gesammelt. Das ganze Pad ist dort: https://zumpad.zum.de/p/ml-koeln

Racial Profiling vs. Mascu-Profiling
Die Kölner Polizei wurde 2017 kritisiert, dass sie gezielt zur Abschreckung „nordafrikanisch“ aussehende Gruppen junger Männer kontrolliert habe. Das sei „Racial Profiling“. Obwohl da im Einzelnen sicherlich nicht alles sauber war, stimme ich vor dem Hintergrund von 2016 (siehe unten) dem so nicht zu. Die Polizei hatte in Köln 2017 (nicht woanders!) eine besonders undankbare und wichtige Aufgabe. Die quasi-offizielle Verwendung des Nafri-Kürzels, das sich in 2016 die Rechtsextremen angeeignet haben, war aber auf jeden Fall ein schwerer Fehler.
Hier ist aus der WELT eine nüchtern & plausibel klingende Zusammenfassung der Ereignisse in 2017 aus Polizei-Sicht:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article160767784/Gruppenbildung-wie-aus-dem-Nichts.html
(Wie weit sich das bestätigt, muss sich natürlich noch erweisen. Die WELT ist nicht unbedingt immer die seriöseste Quelle.)

//Persönliche Anmerkung: Ich plädiere bei Massenfeiern im öffentlichen Raum für mehr (nicht weniger) Kontrollen, und zwar bei _allen_ Aggro-Fun-Masku-Jungmännergruppen. Also gezielt auch bei „europäisch aussehenden“. Am besten durch weibliche Einsatzkräfte, die auch die entsprechende Einschätzung vornehmen sollten. Es geht im Kern nämlich um aggressive Masku-Unkultur, und die ist keineswegs „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ oder „ausländisch“, sondern etwa auch beim alpenländischen Krampuslauf zu erleben, um ein Beispiel aus meiner engeren Heimat zu nehmen.//

Und hier sind die Teile aus dem Köln/Silvester-Pad von 2016, die sich auf den „Nafri“-Hintergund beziehen:

<vom 8.1.2016>

Kriminelles „Casablanca-Milieu“ seit Jahren (also vor der Flüchtlingswelle):
„Am Mittwoch zitierte die „Bild“-Zeitung aus einem geheimen 18 Seiten umfassenden Bericht des „Analyseprojekts Casablanca“, der den Zeitraum Juni 2014 bis November 2015 umfasst. Demnach gibt es allein im Stadtgebiet von Düsseldorf eine gut organisierte Bande von 2240 Verdächtigen. Der Großteil von ihnen (1256 Personen) wurde in Marokko geboren, die meisten sind junge Männer unter 30 Jahren.“ (Auch in Köln und anderen Städten.) Hier und oben Quelle FAZ:
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizei-nach-silvester-uebergriffen-dein-freund-und-suendenbock-14000946-p4.html
Es gibt eine nordafrikanische Einwanderungswelle anscheinend seit Ende 2015. Im Dezember waren Marokkaner die 5-größte Einwanderungsgruppe. Viele der (als Asylbewerber chancenlosen) Maghrebiner geben sich anscheinend als Syrer aus:
https://twitter.com/aktuelle_stunde/status/685204517780979712

Zu den Diebesbanden (Polizei, via FAZ): „Vor etwa sieben Jahren habe man es vor allem mit rumänischen und bulgarischen Tatverdächtigen zu tun gehabt. „Seit 2010 sind es nun vor allem junge Männer aus nordafrikanischen Ländern wie Tunesien, Algerien oder Marokko“, berichtet Korn. „Mit dieser Gruppe haben wir ein massives Problem.“ Im Jahr 2014 weist die Kriminalstatistik allein für Köln 14.500 Diebstähle und damit doppelt so viele wie 2009 aus.“ ((Quelle und Weiteres dazu siehe ganz unten))

Die BKA-Auswertung der Flüchtlingskriminalität für 2016 ergab Folgendes: (laut SZ, Dez. 2016) „Die BKA-Statistik zeigt, dass Syrer, Iraker und Afghanen selten auffällig werden: Zusammen machen diese Herkunftsländer rund zwei Drittel der Zuwanderer aus, ihr Anteil an den Straftatverdächtigen liegt jedoch nur bei 33 Prozent. Umgekehrt werden Zuwanderer aus dem Balkan (11 Prozent der Einwanderer / 19 Prozent der Tatverdächtigen), aus den Maghreb-Staaten (2 Prozent / 22 Prozent) [also 11fach häufiger] … häufiger einer Straftat verdächtig.“
>> Link SZ: http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-bka-bericht-fluechtlinge-begehen-weniger-straftaten-1.3315641
>> „einer Straftat verdächtig“: Nicht dasselbe wie „Täter“. Nach einer Praktiker-Faustregel (so der Jurist @littlewisehen) sind davon 60% Überführte, wobei es zusätzlich eine Verzerrung insofern gibt, als „Ausländer“ generell häufiger verdächtigt werden.

Sexuelle Übergriffe und „nordafrikanischer Kulturkreis“ (8.1.2016)
Es gibt keine pauschale, quasi normale Frauenfeindlichkeit dieser Art „in der arabischen Kultur“ (auch nicht „in der nordafrikanischen“).
Ich war ausgerechnet im Dezember 2016 eine Woche beruflich in Tunis. Dort bewegen sich Frauen, in der Minderheit mit Kopftuch und gar keine stark verschleiert, völlig unbefangen auf der Straße. Ich habe dort auch nirgendwo Anzeichen für Spannung und Stress bemerkt.
Das Verhalten & der Habitus der Täter passt überhaupt nicht zu „sittenstrengen Patriarchats-Verfechtern“, die aus ideologischen Gründen gegen Frauenrechte „protestieren“ (betrunken, kriminell, arabischer-gangster-rap-habitus, keine politische Dimension).
Irgendwie koordiniert war das schon (nach meinem Eindruck, ML), aber eher lose, flashmob-artig (das wurde heute, 10.1., erstmals in Nachrichten erwähnt). Meine Vemrutung derzeit: eine bewusste Verhöhnung/Provokation der wohlstandssatten Mehrheitsgesellschaft (Polizei, Frauen) seitens der „Verlierer“ der Migrations-Situation und der „Willkommenskultur“: Perspektivlose Armuts-Kriminelle ohne Asylanspruch und ohne „religiösen“ oder anderswie gefestigt „ideologischen“ Hintergrund, städtisch sozialisiert, aus den Maghreb-Ländern.
8.1. Gerade im DLF: Zwei marokkanische (?) Trickdieb-Kriminelle festgenommen, neben Handy wurde ein Spickzettel beschlagnahmt mit einer Liste deutscher Übersetzungen arabischer sexualisierter Beleidigungen. (Indiz für Koordination und „Demo“-Charakter?)

Tahrir-Platz in Kairo: Gehören „Taharrush“-Vergewaltigungen irgendwie zur „nordafrikanischen Normalität“?
<2017:> Offene Rassisten wie Kolja Bonke (@bonkekolja) und die vernetzten Rechtsextremen haben später im Jahr 2016 die gravierenden Vorfälle bei den politischen Demonstrationen während der ägyptischen Revolution ausgegraben und mit Köln kurzgeschlossen. Ich hatte damals das in Echtzeit über meine ägyptischen Twitter-Quellen verfolgt. 2016 habe ich das so zusammengefasst: </2017>

In Kairo hatten die Übergriffe eine systematische Komponente, weil es auch darum ging, Frauen aus der politischen Öffentlichkeit zu verdrängen und die Proteste – damals gegen die Muslimbrüder-Regierung – zu diskreditieren. Es war ein gezielt eingesetztes Mittel, die demokratische Opposition einzuschüchtern, zu der viele Frauen gehörten. Das Regime schickte mehrfach Schlägergruppen aus den Slums auf den Platz. Grundsätzlich scheint es aber speziell in Kairo [nicht etwa in Tunis] besonders viele sexuelle Übergriffe im normalen Straßenleben zu geben. Das berichten auch ägyptische Feministinnen. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass der Köln-Mob sich davon irgendwie „inspirieren“ ließ. Das Milieu ist jedenfalls durchaus ähnlich: kleinkriminelle junge Männer aus den hoffnungslosen Vierteln mit starkem Medien-Konsum.
(Guter Artikel bei ntv: http://www.n-tv.de/politik/Was-Koeln-mit-dem-Islam-nicht-zu-tun-hat-article16718251.html)

Genaueste Quelle zum Tahrir (2014): [auf die ich damals schon am 8.1. hingewiesen hatte]
GUARDIAN http://www.theguardian.com/world/2014/jun/09/seven-arrest-sexual-assault-student-tahrir-square-sisi-inauguration
„The attacks follow a pattern of assaults in Tahrir Square, where women have been mob-assaulted during mass protests and celebrations since the final day of Egypt’s 20 uprising.
A joint statement by 29 women’s rights groups accuses the government of failing do enough to address the attacks. The groups said they had documented more than 250 cases of „mass sexual rape and mass sexual assaults“ from November 2012 to January 2014. „Combatting that phenomena requires a comprehensive national strategy,“ said the statement.
During four days of demonstrations against Mohamed Morsi last summer,activists documented at least 169 mob assaults, with 80 taking place in one day. According to activists, the assaults may sometimes be started by small groups of provocateurs, who are then quickly joined by dozens of random men.
Mob attacks also often take place at large music concerts or at celebrations to mark the end of Ramadan. „But the compounded problem with Tahrir is that it now has this reputation for being a place for [assaults] to happen,“ said Eba’a El-Tamami, an activist with Operation Anti-Sexual Harassment (Opantish). “

Links von 2016 zu Köln:
http://www.n-tv.de/politik/Was-Koeln-mit-dem-Islam-nicht-zu-tun-hat-article16718251.html
http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizei-nach-silvester-uebergriffen-dein-freund-und-suendenbock-14000946-p4.html
http://www.deutschlandfunk.de/silvesternacht-in-koeln-ungereimtheiten-und-widersprueche.1818.de.html?dram%3Aarticle_id=341911
http://www.sueddeutsche.de/panorama/sexuelle-uebergriffe-in-koeln-verlierer-in-der-uebermacht-1.2810365

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizei-nach-silvester-uebergriffen-dein-freund-und-suendenbock-14000946-p4.html

Digitale Lehrer

2. Dezember. 2016

Inwiefern sind Lehrpersonen durch „digitale Konfigurationen“ ersetzbar?
Was genau ist eigentlich „ein Lehrer“? Strikt aus der Sicht der Lernenden?

[Das ist ein Alfresco-Blogpost, also öffentliches Nachdenken, Diskussionsbeitrag.
Das schreibe ich jetzt immer dazu, um das von ausformulierten Blog-Artikeln zu unterscheiden, weil ich gelegentlich dafür kritisiert wurde, „Unfertiges“ ins Blog zu schreiben.]

Anschließend an die Podiumsdiskussion gestern bei U.Edu in Kaiserlautern zum selben Thema und die Debatte auf der OEB-Konferenz gerade. Aus der Ankündigung dort:

„What exactly is a teacher? Some would say that in many schools, teachers have become little more than devices for transmitting information in the hope of achieving defined educational outcomes and that these functions can be taken over – and even improved on – by a machine.

For Donald Clark (proposition) the case for teaching bots is fairly obvious:
they would be free from cognitive… racial, gender and socio-economic biases. … We must also come back to the idea of technology and education as levellers. If we can make AIs that are as effective as the best teachers and much cheaper, we can scale the latter out rapidly, reducing inequality in education.“

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Erweitern wir „teaching bots“ auf alle digitalen Strukturen, die die Funktion von „Lehren“ erfüllen können.

Vorteile:
— Sie sind billiger. Sie versorgen beliebig viele Lernende. Sie werden nicht krank. Usw.
— Der reine Stoff, und nichts als der Stoff. Keine Ablenkung, keine Vorurteile. Die abstrakte kognitive Modellierung von Feldern und Prozessen.
— Man kann das zentral updaten: Neue Curricula, neue „Kurse“, neue „Lektionen“, neue Ressourcen.
— Sie stehen immer zur Verfügung.
— Es könnte mehr oder weniger soziale oder solipsisische digitale Lern-Konfigurationen geben, zur Auswahl. Mit Videos von Menschen, mit menschlichen Stimmen, aufgezeichnet oder live. Mit oder ohne Peers, usw.
— Es entstehen Daten, die die Lehr/Lern-Prozesse modellieren. Man kann quasi zentral und systematisch nachjustieren, so wie eine einzelne Lehrperson in einer individuellen Lernsituation laufend unsystematisch nachjustiert.

Was also IST ein menschlicher Lehrer für die jeweiligen Lernenden?

(1) Tool-Funktionen

— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündlich-spontan bedienbares Frage/Antwort-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündliches Paraphrase- und Erklärungs-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündliches „Ich zeige das mal“-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibes, unscharfes, mündliches Coaching-Tool, das laufend meine Schwächen und Muster analysiert und den Hebel zur Verbesserung sucht.

(2) Verkörperungen der Wissenskultur

— Sie/er ist ein Interface. Mündlich und greifbar. Jemand, die den Zugang zu einem Feld menschlich verkörpert. Menschen können zu Inhalten bessere Beziehung aufnehmen, wenn sie verkörpert sind. (Auch schlecht verkörpert.) Biologie ist abstrakt, die Summe die/der Biologielehrer ist konkret. Biologie als Feld ist unendlich, die verkörperte Biologie ist schlicht und übersichtlich.

— Sie/er ist Agent des Curriculums, das in der Praxis niemand liest und lesen kann. Sie/er und das System dahinter sind das Versprechen: Das hier, was wir dir zeigen und vorführen, ist das, was du brauchst.

— Sie/er ist Verkörperung des Kurses. Jemand, die auf menschliche Weise meine Zeit strukturiert, meine Praktiken prägt. Ein/e TaktgeberIn. Sonst wäre das vollkommen abstrakt: siehe die GTD-Programme. Sie/er ist jemand, die/der davon entlastet, sich selbst ein systematisches Programm geben zu müssen.

— Sie/er ist Verkörperung und Agent der Schule als Sozialisationsinstanz, die ganze Generationen prägt, indem sie sie für viele Jahre täglich in speziellen Gebäuden, Räumen und Zimmern versammelt und aufteilt.

(3) Du- und Ich-Verkörperung

— Sie/er ist Verkörperung des Lernenden. Auch die Wissenden verkörpern einen Ansatz zum Lernen. Sie/er verkörpert ein ansteckendes oder abschreckendes Modell von Lernen, eigensinnig oder anschlussfähig, aber jedenfalls: konkret.

— Sie/er ist potenziell auch Verkörperung eines Peers: Spielt die Rolle eines Mitlernenden, auch als Muster für die Lerngemeinschaft.

— Im positiven Fall: Das positive Du. Sie/er ist die Person, die mich mag, die mich respektiert und die in mir meine Möglichkeiten sieht. Sie/er ist Verstärker meines verdeckten Potenzials und meiner verschütteten Wünsche.

(4) Habitus und Vorurteile

Sie/er ist reich an persönlichen Vorurteilen und affektiven Prägungen. Sie/er ist selbst ein verkörpertes Vorurteil: mit einem bestimmten Habitus, mit bestimmten Vorlieben für einzelne SuS-Typen, mit bestimmter emotionaler „Chemie“, die immer auch eine soziale Chemie ist.

Der Wechsel von mehreren LehrerInnen, auch über die Fächer hinweg, ergibt im Idealfall
(a) eine komplementäre Ergänzung, eine Selbstbestimmung als Lernende/r (komplementär zu einzelnen Personen oder Zügen.)
(b) eine Vorbereitung auf die Welt, die immer so ist, also im Kleinen gewinnt man so auch ein Verhältnis zu „Autoritäten“, denen man dort begegnet.

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Für eine vollständige und erfolgreiche Lernerfahrung sind möglichst viele dieser Punkte nötig. Jede einzelne Lernerfahrung ist komplex eingebettet in einen Lernkontext und gegebenfalls in eine Lehrsituation.

Reale Lehrer-Beziehungen sind nicht ideal. Gute und vollständige Beziehungen sind sehr selten. Normaler Weise sind die Punkte immer nur sehr bruchstückhaft, manchmal gar nicht gegeben. Erfahrungen mit Lehre sind vermutlich oft neutral, vielleicht viel häufiger als z.B. in den 1950er Jahren, aber es gibt immer noch auch sehr viele – vermutlich viel mehr – individuelle Negativerfahrungen mit Lehrern. Und das natürlich um so öfter, als die Lernenden nicht Eingeborene in den Milieus sind, die die Schule als sozialen Raum prägen.

Manche Punkte müssen nicht an jeder Stelle von jedem/jeder LehrerIn erfüllt werden, weil sie quasi von anderen übernommen werden können. Oft genügt dann auch „freundliche Neutralität“ oder „Mittelmäßigkeit“ (aus Sicht der einzelnen SuS).

Plädoyers für Lehrer sind fast immer zu idealisierend und sentimental. Das ist der Kult der „guten Lehrer“. Die gibt es manchmal, für gewisse Situationen und individuell für gewisse Lernende. Auch anerkannt „gute Lehrer“ produzieren nicht für alle Lernende gute Lernerfahrungen. Und auch die guten Momente rechtfertigen als solche nicht ein ganzes System, das zu 95% eben aus nicht-idealen Erfahrungen besteht.

Es gibt immer auch eine autodidaktische Energie, die mal mehr und mal weniger ausgeprägt ist. Je mehr autodidaktische Energie, desto mehr verändert sich auch die Lehrerrolle für die je einzelnen SuS.

Die autodidaktische Energie ist immer auch mehr oder weniger eine soziale Energie. Sie wird in Peer-Verhältnissen erzeugt. (Der Freundeskreis, manchmal auch die Familie, das weitere Milieu, das ansteckend wirkt, der Zeitgeist …)

Was hier in diesen Überlegungen ausgeblendet ist: alles außerhalb des jeweiligen formalen, non-formalen oder informalen „Lernraums“, der für eine bestimmte Zeit erzeugt wird. (Jede/r Lernende befindet sich in mehreren Teil-Lernräumen parallel und wechselt laufend.)

Das heißt: Ausgeblendet sind in dieser Sicht vor allem die weiteren Lebensräume, in die die Lernräume eingebettet sind. (Soziale Beziehungen, Milieus, konkreter äußerer Stress.) Selbstverständlich prägen die das Lernen entscheidend. Hier wird nur der quasi-autonome „Lernraum“ betrachtet, der für manche auch ein Gegenraum und Schonraum ist.

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So. Und jetzt kann man sich fragen:
– An welchen Stellen, in welchen Situationen
– könnten welche „digitalen“ Konfigurationen
– in der Lernerfahrung welcher Typen von Lernenden
– die positive Funktion von LehrerInnen partiell erfüllen oder übererfüllen?

Es ist sicher wahr, das dekontextualisierte Lehr-IT, gesteuert durch KI, nur einen Bruchteil von realen Lehr/Lernerfahrungen abdecken. Die komplexe Einbettung muss es irgendwie geben. Sie geschieht allerdings auch jetzt schon de facto oft und zu großen Teilen außerhalb der Schule. (Oder geschieht eben nicht.)

In Wahrheit sind die Situationen extrem selten, in denen es darum geht, unbedingt jetzt und ganz konkret etwas intellektuell-kognitiv zu verstehen. Also da, wo ein „teacher bot“ wirklich helfen könnte. 90% der Diskussionen um digitales Lehren und digitale Bildung kreisen um diesen Spezialfall.

Die Hindernisse, die die Lernenden daran hindern zu verstehen, sind aber sehr oft ganz anderer Natur.Sie liegen sehr oft in den oben aufgezählten Dimensionen des Lern/Lehrraums. Das konkrete Nichtverstehen ist dann nur ein Symptom. Einmal ganz abgesehen davon, dass das von normalen SuS in normalen Lernerfahrungen erworbene Viertel- Halb- und Bruchstückwissen (eben ganz selten selbstbewusste „Mastery“) auch eine sehr schlechte Nachhaltigkeit hat. Jedenfalls als „Fachwissen“. Wahr ist, dass man trotzdem nebenbei auf diffuse Art auch noch etwas anderes lernt.

Natürlich braucht man Menschen im Lernprozess.

Es ist allerdings sehr die Frage ob man und wo man „Lehrer“ im herkömmlichen Sinn braucht. Das ist nicht dasselbe. Menschen spielen an vielen Stellen des Lernprozesses wichtige Rollen.

Digitale Kulturtechniken: Risiken und Nebenwirkungen

15. November. 2016

Meine Diskussion mit dem Christian @ciffi Füller, Spezialist für schulische Bildung, über das Netz und seine Wirkungen läuft ja schon seit Jahren und wird immer wieder mal etwas ruppig. Darin liegt auch sein Verdienst: weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört und auch mal provoziert. Ich finde, dass seine Themen die Auseinandersetzung wert sind, aber anscheinend schrecken auch viele davor zurück, explizit etwas gegen ciffis mitunter recht holzschnitthafte Thesen zu sagen.

Es geht dabei immer darum, inwiefern zwischen Netz-Evangelisten (zu denen ciffi mich zählt) und Netz-Katastrophisten (Paradefall Spitzer) das große Feld der Probleme, Risiken und Nebenwirkungen zu kurz kommt. So weit gehe ich noch mit: Ja, es gibt ein Vakuum der “Vermittlung (bzw. der Entwicklung) von Kulturtechniken”, was den Umgang von Kindern mit den Smartphones im offenen Netz angeht. (Auch was QWERTZ-Computer angeht, aber das ist de facto eine ganz andere Baustelle.)

In dem Zusammenhang sind wir sehr unterschiedlicher Ansicht, was das Problem der “Internetsucht” angeht: als nicht-klinisches Phänomen, also als vermeintliche “Volkskrankheit”. (Vgl. dazu die letzten zwei Blogposts.) Aber auch, was die Einschätzung der “Grooming-Problematik” betrifft, also Sexueller Missbrauch von Kindern durch Erwachsene im Netz bzw. über das Netz, bin ich skeptisch.

Hier ist Ciffis neuester Text dazu:

http://www.deutschlandradiokultur.de/schule-und-digitalisierung-wir-brauchen-eine-netz.1005.de.htm

Dazu sein Twitter-Kommentar: „Besonnene Stimmen“ gibts genug. Es braucht Leute, die die Worte aussprechen: Sucht, Verlust der Identität, Cybergrooming, Cybermobbing.”

Und meine Erwiderung hinter den Kulissen:

“deinen verkehrserziehung-text habe ich wirklich nur zu zwei drittel gelesen. aber da hatten wir ja schon mal eine reiberei dazu. da verstehe ich (wenn ich den alarmismus abschwäche) schon, was du meinst. ich frage mich nur immer, was dich so optimistisch macht, dass „verkehrserziehung“ das richtige konzept ist. noch nicht mal die grundschüler lernen dort wirklich, was sie real im verkehr machen. das lernen sie anders, im alltag. (man muss ihnen es natürlich trotzdem sagen.)

letzter punkt: deine themen (grooming, sucht) sind ja extrem schicht-spezifisch. der gesellschaftliche diskurs macht sich de facto aber nur um die bürgerkinder sorgen. aus der perspektive der auf sich selbst gestellten sozialwohnungs-kinder sieht das ganz anders aus. wenn man denen helfen kann & will, digital souveräner zu werden: großartig. aber was ich bis jetzt sehe, hat mit deren lebenssituation genau nichts zu tun. die muss man zuallererst ethnografisch erkunden: know your user, wie der siliconvalley-designer sagt.”

Ergänzend aus einer früheren Blog-Diskussion herüberkopiert:

“Wo also ist hier Christian Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus“.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten”. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden”. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust.”

Und das eben nicht für die “hochbegabten” WissensarbeiterInnen in spe, sondern zuerst für die anderen, die wir mit ihren mächtigen Netz-Maschinen tatsächlich alleinlassen. Wie das genau gehen soll, wissen wir aber nicht recht. Es wird auch nicht auf IT-Gipfeln verhandelt, die immer nur um ihre Science Fiction-Phantasien von „personalisiertem Lehren“ kreisen. Und das ist ein Problem.

(siehe die kommentare unten.)