Digitale Lehrer

2. Dezember. 2016

Inwiefern sind Lehrpersonen durch „digitale Konfigurationen“ ersetzbar?
Was genau ist eigentlich „ein Lehrer“? Strikt aus der Sicht der Lernenden?

[Das ist ein Alfresco-Blogpost, also öffentliches Nachdenken, Diskussionsbeitrag.
Das schreibe ich jetzt immer dazu, um das von ausformulierten Blog-Artikeln zu unterscheiden, weil ich gelegentlich dafür kritisiert wurde, „Unfertiges“ ins Blog zu schreiben.]

Anschließend an die Podiumsdiskussion gestern bei U.Edu in Kaiserlautern zum selben Thema und die Debatte auf der OEB-Konferenz gerade. Aus der Ankündigung dort:

„What exactly is a teacher? Some would say that in many schools, teachers have become little more than devices for transmitting information in the hope of achieving defined educational outcomes and that these functions can be taken over – and even improved on – by a machine.

For Donald Clark (proposition) the case for teaching bots is fairly obvious:
they would be free from cognitive… racial, gender and socio-economic biases. … We must also come back to the idea of technology and education as levellers. If we can make AIs that are as effective as the best teachers and much cheaper, we can scale the latter out rapidly, reducing inequality in education.“

—-

Erweitern wir „teaching bots“ auf alle digitalen Strukturen, die die Funktion von „Lehren“ erfüllen können.

Vorteile:
— Sie sind billiger. Sie versorgen beliebig viele Lernende. Sie werden nicht krank. Usw.
— Der reine Stoff, und nichts als der Stoff. Keine Ablenkung, keine Vorurteile. Die abstrakte kognitive Modellierung von Feldern und Prozessen.
— Man kann das zentral updaten: Neue Curricula, neue „Kurse“, neue „Lektionen“, neue Ressourcen.
— Sie stehen immer zur Verfügung.
— Es könnte mehr oder weniger soziale oder solipsisische digitale Lern-Konfigurationen geben, zur Auswahl. Mit Videos von Menschen, mit menschlichen Stimmen, aufgezeichnet oder live. Mit oder ohne Peers, usw.
— Es entstehen Daten, die die Lehr/Lern-Prozesse modellieren. Man kann quasi zentral und systematisch nachjustieren, so wie eine einzelne Lehrperson in einer individuellen Lernsituation laufend unsystematisch nachjustiert.

Was also IST ein menschlicher Lehrer für die jeweiligen Lernenden?

(1) Tool-Funktionen

— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündlich-spontan bedienbares Frage/Antwort-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündliches Paraphrase- und Erklärungs-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibles, unscharfes, mündliches „Ich zeige das mal“-Tool.
— Sie/er ist ein sehr flexibes, unscharfes, mündliches Coaching-Tool, das laufend meine Schwächen und Muster analysiert und den Hebel zur Verbesserung sucht.

(2) Verkörperungen der Wissenskultur

— Sie/er ist ein Interface. Mündlich und greifbar. Jemand, die den Zugang zu einem Feld menschlich verkörpert. Menschen können zu Inhalten bessere Beziehung aufnehmen, wenn sie verkörpert sind. (Auch schlecht verkörpert.) Biologie ist abstrakt, die Summe die/der Biologielehrer ist konkret. Biologie als Feld ist unendlich, die verkörperte Biologie ist schlicht und übersichtlich.

— Sie/er ist Agent des Curriculums, das in der Praxis niemand liest und lesen kann. Sie/er und das System dahinter sind das Versprechen: Das hier, was wir dir zeigen und vorführen, ist das, was du brauchst.

— Sie/er ist Verkörperung des Kurses. Jemand, die auf menschliche Weise meine Zeit strukturiert, meine Praktiken prägt. Ein/e TaktgeberIn. Sonst wäre das vollkommen abstrakt: siehe die GTD-Programme. Sie/er ist jemand, die/der davon entlastet, sich selbst ein systematisches Programm geben zu müssen.

— Sie/er ist Verkörperung und Agent der Schule als Sozialisationsinstanz, die ganze Generationen prägt, indem sie sie für viele Jahre täglich in speziellen Gebäuden, Räumen und Zimmern versammelt und aufteilt.

(3) Du- und Ich-Verkörperung

— Sie/er ist Verkörperung des Lernenden. Auch die Wissenden verkörpern einen Ansatz zum Lernen. Sie/er verkörpert ein ansteckendes oder abschreckendes Modell von Lernen, eigensinnig oder anschlussfähig, aber jedenfalls: konkret.

— Sie/er ist potenziell auch Verkörperung eines Peers: Spielt die Rolle eines Mitlernenden, auch als Muster für die Lerngemeinschaft.

— Im positiven Fall: Das positive Du. Sie/er ist die Person, die mich mag, die mich respektiert und die in mir meine Möglichkeiten sieht. Sie/er ist Verstärker meines verdeckten Potenzials und meiner verschütteten Wünsche.

(4) Habitus und Vorurteile

Sie/er ist reich an persönlichen Vorurteilen und affektiven Prägungen. Sie/er ist selbst ein verkörpertes Vorurteil: mit einem bestimmten Habitus, mit bestimmten Vorlieben für einzelne SuS-Typen, mit bestimmter emotionaler „Chemie“, die immer auch eine soziale Chemie ist.

Der Wechsel von mehreren LehrerInnen, auch über die Fächer hinweg, ergibt im Idealfall
(a) eine komplementäre Ergänzung, eine Selbstbestimmung als Lernende/r (komplementär zu einzelnen Personen oder Zügen.)
(b) eine Vorbereitung auf die Welt, die immer so ist, also im Kleinen gewinnt man so auch ein Verhältnis zu „Autoritäten“, denen man dort begegnet.

————

Für eine vollständige und erfolgreiche Lernerfahrung sind möglichst viele dieser Punkte nötig. Jede einzelne Lernerfahrung ist komplex eingebettet in einen Lernkontext und gegebenfalls in eine Lehrsituation.

Reale Lehrer-Beziehungen sind nicht ideal. Gute und vollständige Beziehungen sind sehr selten. Normaler Weise sind die Punkte immer nur sehr bruchstückhaft, manchmal gar nicht gegeben. Erfahrungen mit Lehre sind vermutlich oft neutral, vielleicht viel häufiger als z.B. in den 1950er Jahren, aber es gibt immer noch auch sehr viele – vermutlich viel mehr – individuelle Negativerfahrungen mit Lehrern. Und das natürlich um so öfter, als die Lernenden nicht Eingeborene in den Milieus sind, die die Schule als sozialen Raum prägen.

Manche Punkte müssen nicht an jeder Stelle von jedem/jeder LehrerIn erfüllt werden, weil sie quasi von anderen übernommen werden können. Oft genügt dann auch „freundliche Neutralität“ oder „Mittelmäßigkeit“ (aus Sicht der einzelnen SuS).

Plädoyers für Lehrer sind fast immer zu idealisierend und sentimental. Das ist der Kult der „guten Lehrer“. Die gibt es manchmal, für gewisse Situationen und individuell für gewisse Lernende. Auch anerkannt „gute Lehrer“ produzieren nicht für alle Lernende gute Lernerfahrungen. Und auch die guten Momente rechtfertigen als solche nicht ein ganzes System, das zu 95% eben aus nicht-idealen Erfahrungen besteht.

Es gibt immer auch eine autodidaktische Energie, die mal mehr und mal weniger ausgeprägt ist. Je mehr autodidaktische Energie, desto mehr verändert sich auch die Lehrerrolle für die je einzelnen SuS.

Die autodidaktische Energie ist immer auch mehr oder weniger eine soziale Energie. Sie wird in Peer-Verhältnissen erzeugt. (Der Freundeskreis, manchmal auch die Familie, das weitere Milieu, das ansteckend wirkt, der Zeitgeist …)

Was hier in diesen Überlegungen ausgeblendet ist: alles außerhalb des jeweiligen formalen, non-formalen oder informalen „Lernraums“, der für eine bestimmte Zeit erzeugt wird. (Jede/r Lernende befindet sich in mehreren Teil-Lernräumen parallel und wechselt laufend.)

Das heißt: Ausgeblendet sind in dieser Sicht vor allem die weiteren Lebensräume, in die die Lernräume eingebettet sind. (Soziale Beziehungen, Milieus, konkreter äußerer Stress.) Selbstverständlich prägen die das Lernen entscheidend. Hier wird nur der quasi-autonome „Lernraum“ betrachtet, der für manche auch ein Gegenraum und Schonraum ist.

—–

So. Und jetzt kann man sich fragen:
– An welchen Stellen, in welchen Situationen
– könnten welche „digitalen“ Konfigurationen
– in der Lernerfahrung welcher Typen von Lernenden
– die positive Funktion von LehrerInnen partiell erfüllen oder übererfüllen?

Es ist sicher wahr, das dekontextualisierte Lehr-IT, gesteuert durch KI, nur einen Bruchteil von realen Lehr/Lernerfahrungen abdecken. Die komplexe Einbettung muss es irgendwie geben. Sie geschieht allerdings auch jetzt schon de facto oft und zu großen Teilen außerhalb der Schule. (Oder geschieht eben nicht.)

In Wahrheit sind die Situationen extrem selten, in denen es darum geht, unbedingt jetzt und ganz konkret etwas intellektuell-kognitiv zu verstehen. Also da, wo ein „teacher bot“ wirklich helfen könnte. 90% der Diskussionen um digitales Lehren und digitale Bildung kreisen um diesen Spezialfall.

Die Hindernisse, die die Lernenden daran hindern zu verstehen, sind aber sehr oft ganz anderer Natur.Sie liegen sehr oft in den oben aufgezählten Dimensionen des Lern/Lehrraums. Das konkrete Nichtverstehen ist dann nur ein Symptom. Einmal ganz abgesehen davon, dass das von normalen SuS in normalen Lernerfahrungen erworbene Viertel- Halb- und Bruchstückwissen (eben ganz selten selbstbewusste „Mastery“) auch eine sehr schlechte Nachhaltigkeit hat. Jedenfalls als „Fachwissen“. Wahr ist, dass man trotzdem nebenbei auf diffuse Art auch noch etwas anderes lernt.

Natürlich braucht man Menschen im Lernprozess.

Es ist allerdings sehr die Frage ob man und wo man „Lehrer“ im herkömmlichen Sinn braucht. Das ist nicht dasselbe. Menschen spielen an vielen Stellen des Lernprozesses wichtige Rollen.

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