Digitale Kulturtechniken: Risiken und Nebenwirkungen

15. November. 2016

Meine Diskussion mit dem Christian @ciffi Füller, Spezialist für schulische Bildung, über das Netz und seine Wirkungen läuft ja schon seit Jahren und wird immer wieder mal etwas ruppig. Darin liegt auch sein Verdienst: weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört und auch mal provoziert. Ich finde, dass seine Themen die Auseinandersetzung wert sind, aber anscheinend schrecken auch viele davor zurück, explizit etwas gegen ciffis mitunter recht holzschnitthafte Thesen zu sagen.

Es geht dabei immer darum, inwiefern zwischen Netz-Evangelisten (zu denen ciffi mich zählt) und Netz-Katastrophisten (Paradefall Spitzer) das große Feld der Probleme, Risiken und Nebenwirkungen zu kurz kommt. So weit gehe ich noch mit: Ja, es gibt ein Vakuum der “Vermittlung (bzw. der Entwicklung) von Kulturtechniken”, was den Umgang von Kindern mit den Smartphones im offenen Netz angeht. (Auch was QWERTZ-Computer angeht, aber das ist de facto eine ganz andere Baustelle.)

In dem Zusammenhang sind wir sehr unterschiedlicher Ansicht, was das Problem der “Internetsucht” angeht: als nicht-klinisches Phänomen, also als vermeintliche “Volkskrankheit”. (Vgl. dazu die letzten zwei Blogposts.) Aber auch, was die Einschätzung der “Grooming-Problematik” betrifft, also Sexueller Missbrauch von Kindern durch Erwachsene im Netz bzw. über das Netz, bin ich skeptisch.

Hier ist Ciffis neuester Text dazu:

http://www.deutschlandradiokultur.de/schule-und-digitalisierung-wir-brauchen-eine-netz.1005.de.htm

Dazu sein Twitter-Kommentar: „Besonnene Stimmen“ gibts genug. Es braucht Leute, die die Worte aussprechen: Sucht, Verlust der Identität, Cybergrooming, Cybermobbing.”

Und meine Erwiderung hinter den Kulissen:

“deinen verkehrserziehung-text habe ich wirklich nur zu zwei drittel gelesen. aber da hatten wir ja schon mal eine reiberei dazu. da verstehe ich (wenn ich den alarmismus abschwäche) schon, was du meinst. ich frage mich nur immer, was dich so optimistisch macht, dass „verkehrserziehung“ das richtige konzept ist. noch nicht mal die grundschüler lernen dort wirklich, was sie real im verkehr machen. das lernen sie anders, im alltag. (man muss ihnen es natürlich trotzdem sagen.)

letzter punkt: deine themen (grooming, sucht) sind ja extrem schicht-spezifisch. der gesellschaftliche diskurs macht sich de facto aber nur um die bürgerkinder sorgen. aus der perspektive der auf sich selbst gestellten sozialwohnungs-kinder sieht das ganz anders aus. wenn man denen helfen kann & will, digital souveräner zu werden: großartig. aber was ich bis jetzt sehe, hat mit deren lebenssituation genau nichts zu tun. die muss man zuallererst ethnografisch erkunden: know your user, wie der siliconvalley-designer sagt.”

Ergänzend aus einer früheren Blog-Diskussion herüberkopiert:

“Wo also ist hier Christian Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die SchülerInnen (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja „Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus“.

Deshalb keine „vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten”. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur „reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden”. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was SchülerInnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust.”

Und das eben nicht für die “hochbegabten” WissensarbeiterInnen in spe, sondern zuerst für die anderen, die wir mit ihren mächtigen Netz-Maschinen tatsächlich alleinlassen. Wie das genau gehen soll, wissen wir aber nicht recht. Es wird auch nicht auf IT-Gipfeln verhandelt, die immer nur um ihre Science Fiction-Phantasien von „personalisiertem Lehren“ kreisen. Und das ist ein Problem.

(siehe die kommentare unten.)

4 Antworten to “Digitale Kulturtechniken: Risiken und Nebenwirkungen”


  1. zur Kenntnis der Leser. Mein aktueller Blogbeitrag ging vor ner halben Stunde on. Martins Internet-Raumschiff hängt eineinhalb Jahre zurück und muss daher auf einen Beitrag von 2015 zurückgreifen. Hier das frische Zeugs… https://pisaversteher.com/2016/11/15/ein-netz-wie-ein-stockcar-rennen/

  2. martinlindner Says:

    danke, das kannte ich noch nicht. (ich hatte auf den d-radio beitrag reagiert.) die stockcar-metapher gefällt mir, von der beschreibung kann man ausgehen.

    tatsächlich ist es ja so, dass das ganze thema „wie bewege ich mich im netz“ (sozial, medial, auch wissensmäßig) völlig ausgeblendet wird. dabei müsste es das zentrum von allen sein. menschen mit netz-geräten sind erstmal „geworfene“ – sie werden in einen großen, undurchsichtigen, überfordernden raum versetzt.

    darüber kann und muss man reden, wofür allerdings voraussetzung ist, mit ethnografischen mitteln herauszufinden, was kinder _tatsächlich_ im netz erfahren und machen. (natürlich: verschiedenes.) die meisten bewegen sich ganz eng in ihren cliquen. aber wer ist wirklich „draußen“, ausgesetzt und gefährdet? auch: welche schichten? in welchen altersgruppen? wie läuft das genau? ich kenne keine aussagekräftigen studien dazu. da muss ich philippe wampfler und jöran muus-merholz fragen.

    was ich gar nicht verstehe, ist der schlussabsatz: gibt es tatsächlich irgendeinen pädagogen, der behauptet, 7 – 10jährige sollte man auf eigene faust ins wilde netz schicken, sie lernen das schon selbst? und dass polizeiliche verfolgung von straftätern im netz abzulehnen ist? oder auch, dass man irgendwelche webseiten für kinder prinzipiell nicht sperren darf (wie immer man das im einzelnen technisch und juristisch machen will)?

    ich kenne niemand, der das sagt und fordert. es ist eher so, wie du vorher sagst: man blendet das irgendwie aus.

    die situation ist ja eine andere: inzwischen hat die mehrheit der kinder außerhalb der schule ein netz-gerät in der hand. ob das nun pädagogisch richtig ist oder nicht, es ist so. und jetzt kann und soll man sich gedanken machen, wie man die risiken & nebenwirkungen begrenzt.

    wie geht das? ich weiß es nicht. und bis jetzt kenne ich auch keine realistischen vorschläge, außer eben den, kinder ausgerechnet in der schule nicht ins netz zu lassen. also ausgerechnet da, wo eben _keine_ gefahr herrscht, wo gesicherte erfahrungen möglich wären, wo soziale praktiken eingeübt werden könnten?


  3. Lieber Donald „postfaktisch“ Lindner, das Problem Deiner Beiträge ist, dass Sie einfach an schlimmer Faktenarmut leiden. Es gibt so viele Belege für die wirre Idee, man können dein einzelnen zum souveränen Umgang ohne weitere Schutzmaßnahmen im Netz befähigen, dass ich gar nicht weiss, welchen ich dir als erstes schicken soll. Ein besonders perfides und dämliches Beispiel ist das von Siggi Pop, dem Daten-Entschützer der SPD. Er schreibt heute in der Welt: „Das digitale Pendant muss man aktiv schützen, indem man die Notwendigkeit und Fähigkeit zur individuellen digitalen Kompetenz vermittelt.“ Hier steckt alles drin. Schutz erfolgt nicht durch Schutz im Sinne von Polizey (sic!), also der ursprünglichsten Aufgabe des Staates, nämlich dem Ausüben des Gewaltmonopols. https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159486196/Wir-brauchen-eine-digitale-Emanzipation.html

    Du wirst jetzt fieberhaft diesen Text diagonal lesen und – wie stets – den Diskurs dann auf ein anderes Feld ausweiten/verlegen wollen oder mir eine Recherchenrage stellen. Damit Du mal eine prototypische, systemische Leitplanke hast, nenne ich Dir die Mutter aller Digital-Naivität. Es ist die Enquete des Bundestages zu Internet und Digitaler Gesellschaft. Sie hat es in ihrer Selbstorganisation und ihrem Programm explizit abgelehnt, über Risiken zu sprechen, und sie hat, obwohl sie sich selbst auf 12 AGs (von geplanten 4) ausweitete, keine eigene zu digitalem (Kinder) Schutz etc eingerichtet. Die Idee dort war: Medienkompetenz von Jugendlichen ist der wirksamste Schutz. Alle anderen Maßnahmen stehen dem nach oder sind abzulehnen, weil Zensur, China etc. Durch die Blume teilten die Enquete-Blauäuglein sogar mit, wer das nicht begreife, sei einfach zu dämlich und zu 1.0, um in der modernen Welt mitzuspielen. Solche Textbausteine findet sich quasi in jeder Äußerung, Einladung und Formatierung von digitalen Diskursen, es gibt dort eine Art vorauseilender Selbstgleichschaltung. Du musst nur recherchieren. Und richtig lesen, dann findest Du das. Ich meine allerdings tief lesen. Du als Beinahe-Literatur-Professor weisst ja vielleicht noch, wie das geht.😉

    P.S. wie immer kennst du keine Studien, aber Berater, die Augenbinden um den Kopf tragen. Es gibt bergeweise Studien zum Verhalten von Menschen und Jugendlichen im Netz, eine habe ich dir genannt. 728.000 Erwachsene führen demnach sexualisierte Kommunikationen mit Kindern und Jugendlichen (5,3 Prozent der bei Mikado befragten), ein Drittel tarnt sich. Ich bin mir sicher, dass Du diese Studie anzweifeln wirst. In der James-Studie (das ist die etwas bessere JIM aus der Schweiz), sagten 41 Prozent der 12- bis 19jährigen, dass sie von Fremden im Netz angesprochen werden. 25 Prozent berichteten, dass die Ansprachen sexueller Natur seien.

    • martinlindner Says:

      ich diskutiere das gern, und verstehe sogar deinen unwillen als jemand, der sich seit jahren mit der gefahrenseite beschäftigt. aber etwas sachlicher würde ich mir den tonfall schon wünschen.

      klammern wir also aus, ob da „sucht“ im klinischen sinn im spiel ist, sondern sagen wir: „problematisches verhalten“. und erörtern wir nicht die prozentzahl-details von mehr oder minder belastbaren studien zu sexuellen übergriffen im netz. sicher ist: es gibt sie.

      ich habe doch oben ein angebot für eine sinnvolle gemeinsame gesprächsbasis gemacht: ja, es gibt ein problem (dein stockcar-befund beschreibt es), und nein, man kann und soll es nicht einfach mit dem hinweis auf „medienkompetenz“ ausblenden. das ist im übrigen schon immer meine position gewesen.

      jetzt müsste man also sachlich darüber reden, was zu tun wäre und was man konkret machen kann. da sehe ich aber bisher wenig. habe ich da etwas übersehen?


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