Internetsucht II

8. November. 2016

In der Diskussion über „Internetsucht“ oder „Mediensucht“ geht sehr viel durcheinander. Hier geht es um die Klärung der Begriffe und der Probleme. Diverse Diskussionen, auch jenseits dieses Blogs, haben geholfen, den Kern, um den es mir hier geht, klarer herauszuarbeiten. Hier also meine leitartikelhafte Zusammenfassung:

Es geht darum, die klare Grenze zu ziehen zwischen dem Feld der Therapie-Profis und der klinischen Praktiken, die es mit echten Patienten zu tun haben, und dem gesellschaftlichen Diskurs über „das Internet“. Ich will nicht ins Feld der Profis hineinpfuschen, aber ich möchte verhindern, dass zweifelhafte Figuren wie Spitzer („Digitale Demenz“) und m.e. auch ein viel seriöserer Autor wie te Wildt („Digital Junkies“) ihrerseits diese Grenze überschreiten und Verwirrung stiften, mit Verweis auf ihre wissenschaftliche und klinische Autorität. Mit einem Fachmann, der sich zum ersten Blogpost zuerst sehr kritisch äußerte, habe ich dazu Übereinkunft erzielt. (Siehe die Kommentare zum ersten Beitrag.)

Es geht überhaupt nicht darum zu leugnen, dass es wirklich Kranke mit schweren Symptomen gibt, denen es sehr schlecht geht und die Hilfe brauchen. (Das wirft mir Christian Füller weiterhin vor.) Die sollen sie bekommen. Von mir aus auch unter dem anfechtbaren Label „Sucht“, wenn das irgendwie erfolgreichere Therapien verspricht. Der Therapieerfolg scheint zwar sehr unsicher zu sein, wenn man sich (wie ich jetzt) die ganzen Papiere durchliest, aber das kann uns für den öffentlichen Diskurs zu „Internetsucht“ hier egal sein: Der handelt ja gar nicht von den realen Patienten.

Deren genaue Zahl habe ich bezeichnender Weise nirgends gefunden. (Ich bin dankbar für Hinweise.)  Wieviele Patienten mit echtem Leidensdruck und dem „Internetsucht“-Muster, die aktiv Hilfe suchen, gab und gibt es pro Jahr in Deutschland? Klare klinisch-pathologische Fälle? Diese Zahl hätte ich gern.

Keine Stichproben unter nicht-klinischen Leuten mit selbstgebastelten Kriterienlisten, keine Schätzungen und Hochrechnungen, sondern die harten Zahlen von Therapeuten, Kliniken, Ambulanzen. Schon die Zahlen der Kliniken von Spitzer und te Wildt wären interessant. Und das in Deutschland oder meinetwegen auch in den USA, nicht in China, wo allen Ernstes 8,7% der männlichen Jugend zwischen 12 und 20 als „internetsüchtig“ eingestuft werden. In Deutschland werden Zahlen von 1 – 3% der Gesamtbevölkerung kolportiert, das wären 1 – 2 Millionen Menschen.

Also nicht Leute „mit exzessivem Gebrauch“, nicht Leute „mit problematischem Gebrauch“, sondern Leute mit großem, selbst empfundenen Leidensdruck, die sich nicht mehr helfen können. Auch in vermeintlich wissenschaftlichen Papieren der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie usw.) und des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags wird das auf einer einzige Druckseite permanent und unkommentiert durcheinander geworfen. (Links in den Kommentaren zum vorhergehenden Blogpost).

Genauso wie gezielt durcheinander geworfen wird, welche Aussagen und Befunde sich auf Glücksspielsucht (die einzige bisher anerkannte „Verhaltenssucht“), auf Internet Gaming (das wird immerhin von Fachleuten diskutiert) und anderen „Internetgebrauch“ beziehen. Zu allem außer Glücksspiel und – mit starken Einschränkungen – Gaming gibt es keine wissenschaftliche belastbaren Erkenntnisse. Sonstiger „Internetgebrauch“ wären etwa Social Networks und die allen Ernstes irgendwo aufgeführte „Recherchesucht“. Shopping und Porno wird üblicher Weise getrennt behandelt.

Der öffentliche Diskurs, der auf derart unzuverlässigen Schätzungen/Hochrechnungen beruht, handelt aber gar nicht von den klinischen Patienten. Die sind so sehr oder so wenig ein gesellschaftliches Problem wie viele andere Gruppen mit schweren psychischen Störungen, mit denen sich der Bundestag nicht befasst.

Der Diskurs handelt von der vermeintlichen Masse der „Süchtigen“ und „Suchtgefährdeten“, die NICHT Hilfe suchen, weil ihr Leidensdruck nicht so hoch ist und weil sie ihr Alltagsleben irgendwie bewältigen. Also die „Exzessiven“ und „Problematischen“. Deren Zahl läuft in den „Positionspapieren“ und „Gutachten“ unter „Epidemiologie“ und „Prävalenz“, was bereits voraussetzen würde, dass es sich hier um eine objektive, von außen diagnostizierbare Erkrankung handelt, wie z.b. Alzheimer, die dann auch „unentdeckt“ sich anbahnen kann. (Es gibt schon eine Theorie, die eine primäre, quasi-körperliche Abhängigkeit behauptet, aber die ist alles andere als wissenschaftlicher Konsens.) Derzeit reden wir allenfalls von „psychischen Störungen der Impulskontrolle“ – die amerikanische psychiatrische Vereinigung hat „Internet Gaming Disorder“ (und eben nicht „Internetgebrauch“, was beharrlich begriffsverschiebend als Synonym benutzt wird!) auf eine Art Beobachtungsliste gesetzt, mit dem Hinweis, dass es dazu keine belastbaren Studienergebnisse gibt. Wahrlich, die gibt es nicht. Noch nicht einmal annähernd.

Warum also das Drama? Warum Medienberichte über „Internetsucht“ und „Mediensucht“ (von TV redet kaum jemand mehr), die natürlich nichts mit dem kleinen klinischen Kern zu tun haben, sondern allein mit kollektiven Angstreflexen, medialer Aufregungsfreude und dem diffusen Gefühl, dass es der Sohn der Bekannten einer Freundin mit dem Gaming übertreiben soll, so dass sogar seine Noten in Gefahr sind?

Warum „Mediensucht-Tage“ (z.B. in Bremen und Mecklenburg), auf denen dann beharrlich eben nicht von ernsthaften, schweren, krankhaften psychischen Störungen die Rede ist, sondern von irgendwie „exzessivem“ Verhalten, das vor allem in den Augen der Eltern und Pädagogen – es geht am Ende fast immer nur um Jugendliche – zur Vernachlässigung des „normalen“ Lebens führt und/oder  abweicht vom Ideal des ausgeglichenen, positiven Medienkonsums?

Die vielen Leute da draußen, die das Internet (und vieles anderes) „exzessiv“ benutzen, um ihr Unglück und manchmal auch ihre Aggressionen auszuhalten, sind NICHT „süchtig“ oder „krank“ im präzisen Sinn des Wortes. Man kann ihnen Beratung anbieten, wenn sie mögen, aber das hat nichts mit pathologischen und klinischen Phänomenen zu tun. Sie sind halt unglücklich und neurotisch, mehr oder weniger dauerhaft, wie sehr viele Menschen in der Bevölkerung. Viele haben dafür gute Gründe, auch Jugendliche. Genau das ist die „Pathologisierung“, vor denen die Fachaufsätze und Gutachten routinemäßig immer warnen, um dann meistens genau das Gegenteil zu tun.

Ich kann  nicht sehen, dass die Beteiligten an diesem öffentlichen Diskurs sich darum bemühen, den Kern des ganzen zu fassen und klare Grenzen zu ziehen. Im Extremfall, wenn sie Recht haben, ist es ja eine sehr weitreichende Epidemie-These: Vielleicht stimmt es ja wirklich, und da draußen sind 2 Millionen krankhaft leidende Süchtige, die nicht „normal unglücklich und neurotisch“ sind, die sich selbst extrem schädigen (das müssten dann aber wohl zusätzlich konsumierte Substanzdrogen sein), die suizidal werden oder wenigstens extrem verwahrlosen. Wenn das so ist, dann ist es eben so, und man muss etwas tun. Aber das müsste man zuerst sehr genau belegen. Es scheint aber niemand präzise Kriterien dafür entwickeln zu wollen, wen man warum genau nach welchen Anzeichen tatsächlich als klinisch-pathologisch „erkrankt“ ansehen muss.

Die üblichen Klassifikationslisten der WHO und der Psychiatrie, die dann in die Fragebögen von „Studien“ umgewandelt werden, sind nicht die Antwort. Die sind klinische Instrumente, die der genaueren Diagnose dienen, wenn ein Patient kommt und dringend Hilfe sucht und braucht. Oder auch als heuristische Hilfe, um Leute anzusprechen, die von sich aus nicht kommen, aber dringend Hilfe wollen.

Sie sind kein Werkzeug, um Leute für „krank“ zu erklären, d.h. ihnen einen klinische psychische Störung von außen zuzuschreiben, die sich selbst nicht so fühlen und Hilfe ablehnen. Die Pathologie-Grenze muss sehr hoch angesetzt sein, und das ist sie auch, wenn man genau hinsieht. Aber bereits im Gutachten der DGPPN für den Bundestag und im Bericht des wissenschaftlichen Dienstes wird das komplett ignoriert.

Das alles ist aufgeregte Nebelwerferei. Wem nützt es?

Zuerst einmal all denen, die wie die DGPPN massive öffentliche Förderung fordern, für Forschung, Therapie (ohne harte Zahlen dazu), irgendwelche „Beratung“ und völlig ungeklärte „Prävention“. Mit der „Natur des Internet“ oder auch mit einer rationalen Erörterung „der Risiken des Internet“ hat der real existierende „Internetsucht“-Diskurs jedenfalls nicht zu tun. Er nützt nicht, er schadet.

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