Internetsucht

3. November. 2016

Nach Diskussion mit Christian Füller habe ich nachgesehen, wie hart das Konzept „Sucht“ im allgemeinen und die „Internetsucht“ im besonderen ist. Meine Skepsis wurde bestätigt: Das ist ein sehr nebulöses Feld, und man muss sehr genau hinsehen, wenn Leute hier grundsätzliche Aussagen machen, außerhalb einer konkreten Beratungssituation mit einem individuellen Klienten. Ich fasse hier den Stand meiner Recherchen zusammen.

Christian wendet ein, dass das „unverantwortlich“ sei, auf diese Weise als Nicht-Experte Stellung zu beziehen. Mir ist nicht ganz klar, warum. Erstens handelt es sich hier um Expertenpositionen, die ich referiere und zusammenfasse. Und zweitens wird durch eine Einschätzung von „Internetsucht“, wie ich sie hier selbst befürworte, kein Leidender falscher oder schlechter behandelt. Es wird auch nicht einer „epidemischen Internetsucht“ Vorschub geleistet. Dieser Vorwurf, falls er wirklich erhoben wird, müsste sehr gut begründet sein.

Die Quellen zum folgenden Blogpost finden sich unten im Post. Ausführliche Exzerpte in diesem Pad: https://zumpad.zum.de/p/ml-internetsucht und als Linksammlung (auch andere Links) unter https://pinboard.in/u:MicrowebOrg/t:internetsucht/

Die seriöseste und am leichtesten zugänglichste Version der Argumente eines Befürworters des „Internetsucht“-Konzepts sind die Bücher von Bert te Wildt (2012, 2015; vgl. Amazon). Dazu, abweichend, die verhaltenstherapeutische Sicht von Jörg Petry (2016).-

Hier ist die aktuelle Definition/Klassifikation im DIMDI – ICD-10-GM Version 2017:
– Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f60-f69.htm
– Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f10-f19.htm

Hier ist der Forschungsstand zu „Internet Addiction“ (nov. 2012):
cash u.a. 2012 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3480687/)

Hier ist ein „Eckpunktepapier“ zu „Verhaltenssüchten“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Pychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde bei, das sehr interessant ist, wenn man es in meinem Sinn auf die zahlreichen Stellen hin liest, wo Lücken und Unklarheiten eingeräumt werden.
https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2013/Eckpunktepapier_Verhaltenss%C3%BCchte_und_ihre_Folgen_.pdf

Und hier ist jetzt meine Blog-Zusammenfassung, die ich noch in zwei Kommentaren ergänzt und erläutert habe:

(1) Was nicht umstritten ist:

Es gibt Leute mit schweren psychischen Problemen Störungen und Leidensdruck, die so stark auf Erfahrungen „im Internet“ (Gaming, Chats, Surfing?, Porno?) fixiert sind, also auf mediale Online-Erfahrungen, dass es für ihr sonstiges Leben dysfunktional erscheint. Das Fixiertsein scheint teufelskreisartig zuzunehmen, der externe Auslöser und Fixpunkt scheint zur verselbständigten Ursache zu werden. Diese Leute (aber oft auch ihre nächsten Angehörigen!?) suchen und brauchen Hilfe. Das ist unbestritten, allles was darüber hinausgeht, ist dagegen umstritten und nicht wissenschaftlich gesichert.

Was heißt „dysfunktional“? Sie kommen ihren sozialen und beruflichen Verpflichtungen nicht mehr nach. Sie ziehen sich zurück, sind oft (?) schwer depressiv, verwahrlosen körperlich. Was sind die Schäden? In erster Linie „soziale Schäden“: Keine Verankerung mehr in Beruf, Familie, Freundeskreis. Das erhöht die Gefahr anderer, stoffgebundener Probleme. Es kann zu sekundären gesundheitlichen Schäden kommen (??).

Wer entscheidet, was dysfunktional ist? Oft „die Angehörigen“, im Zusammenwirken mit den Therapeuten, die letztlich die Interessen „der Gesellschaft“ vertreten. (Begründung am Ende: Hilflose, arbeitslose Leute kosten Geld.)

(2) Gibt es dafür eine konkrete Therapie, also außer dem „Patientenstatus“ selbst, deren Wirksamkeit voraussagbar und anerkannt ist?

Nein. Das sagen alle, auch die Befürworter (teWildt, Petry …). Man sei ganz am Anfang. Das liegt auch daran, dass man sich sehr uneinig ist, was hier „Krankheit“ überhaupt bedeutet, d.h. was Ursache, Wirkung, Symptom ist.

(2a) Ist es eine Störung, die ursächlich und eigendynamisch mit dem externen Auslöser/Fixpunkt verbunden ist? Dann wäre es eine „nicht-stoffgebundene Abhängigkeit“ (vulgo Sucht), eber in einer bestimmten, durchaus umstrittenen Auffassung des Wesens von Abhängigkeit/Sucht. (de Wildt u.a.)

(2b) Ist es eine schwere Verhaltensstörung, bei der der Auslöser eine wesentliche und verselbständigte Rolle für den „Teufelskreis“ spielt? (Petry u.a.)

(2c) Ist es ein multifaktorielles Syndrom, bei dem die Ursache/Wurzel letztlich in der Persönlichkeit des Klienten liegt? Es gibt eine Korrelation mit „schwerer Depression“ (was immer das genau ist), man beobachtet vielfach „Verschiebung“ der Abhängigkeit (erst Spielsucht, dann Gaming, vgl. teWildt) bzw. mehrere Abhängigkeiten zugleich (z.B. Gaming und Alkohol). Ist es also eher eine krankhafte Antwort auf besondere psychosoziale Problemlagen, die sich dann erst auf verschiedene Weise äußert? Dann wäre die jeweilige „Sucht“ primär als eine Art Problemlösung aufzufassen, und nicht primär als eine externalisierte und eigendynamische „Abhängigkeit“.

(3) Suchtbegriff und Therapie-Konzept beeinflussen die „Krankheit“ selbst

Die Therapie-Ansätze wie auch die Vorsorge-Strategien sind in allen drei Fällen sehr unterschiedlich! Ist Abstinenz das Wichtigste (wie bei der „klassichen“ Drogentherapie)? geht es um Verhaltensänderung? Geht es um eine Persönlichkeitstherapie? Wie mündig/unmündig stuft man die Klienten ein? Genauso umstritten und unsicher ist die Frage, wie und wann man „vorbeugen“ kann/soll.

Weil es keine klar diagnostizierbare „Krankheit“ gibt (wie Alzheimer oder auch „Schizophrenie“, wie die allerdings oft überschätzte „physische Abhängigkeit“ von stofflichen Drogen), geht es bei solchen schweren psychischen Störungen am Anfang und am Ende immer nur um eines: das Wohl des Klienten, der freiwillig nach therapeutischer oder klinischer (nicht eigentlich: ärztlicher) Hilfe sucht.

Das ist wichtig, weil die Suchtdiagnose (abhängig von der therapeutischen Richtung) auf bestimmte Weise immer das Selbstbild der Klienten formt oder verformt!

Wenn man die phänomenologische „Sucht“-Diagnose akzeptiert, die mit den typischen Checklisten erhoben wird (und dann entweder als nicht-stoffliche Sucht im engeren Sinn oder aber als schwere Verhaltensstörung mit verselbständigtem externem Auslöser gedeutet werden kann) …
… dann wird auch von den Vertretern dieser Auffassung immer noch Wert auf die Feststellung gelegt, dass man bei Heranwachsenden NICHT vorschnell von Sucht/Abhängigkeit sprechen soll, weil suchtähnliche Episoden in diesem Alter leicht auftreten und auch wieder verschwinden können. Eine ausgeprägte, verfestigte „Sucht“ im engen Sinn gibt es nur bei Erwachsenen.

(4) Wieviel Prozent der Bevölkerung sind „internetsüchtig“?

Die „epidemologischen“ Zahlen zu einem notorisch unscharfen Phänomen wie „Internetsucht“ variieren stark und sind extrem unzuverlässig. Es gibt keine gesicherte Form der Erhebung und Schätzung. (Das ist, so weit ich sehe, allgemeiner Konsens unter Fachleuten.)

Hart sind am Ende nur die konkreten Zahlen von therapeutischen Stellen, die Leute behandeln, die auf eigenen Wunsch oder Wunsch ihrer Angehörigen Hilfe suchen und die extreme, irgendwie mit „Internet“ verbundene Verhaltensmuster aufweisen.

(5) Kritik am konventionellen Suchtbegriff und Therapiekonzept

Es ist in fachlichen Kreisen sehr umstritten, inwiefern man überhaupt fachsprachlich von „nicht-stofflichen Abhängigkeiten“ (Süchten) sprechen kann oder soll. (Das heißt nicht, dass das Leiden der Individuen oder die entsprechende „Symptomatik“ bestritten wird!)

Es ist aber auch mit guten Gründen umstritten, wie man überhaupt Sucht/Abhängigkeit einstufen und behandeln soll. Die Argumente gegen stoffliche Drogentherapien betreffen auch und eher mehr noch die „nicht-stofflichen Süchte“. (Vgl. Publikationen von Gundula Barsch, Johannes Herwig-Lempp, s.u.)

(5a) Die Therapie-Beziehung wird als Arzt-Beziehung gedeutet. (Eine „Krankheit“ wird „behandelt“.)
(5b) Es wird der Fixpunkt des dysfunktionalen Verhaltens als eigendynamischer „krankhafter Auslöser“ identifiziert.
(5c) Die Therapie konzentriert sich auf diesen „Auslöser“. In der klassichen Drogentherapie ist der erste Schritt Entzug/Abstinenz. Dieses Vorgehen ist aus ganz pragmatischen Gründen unstritten: Die Erfolgsquoten sind schlecht. Speziell bei Internetsucht wird das sogar von den Befürwortern eingestanden: Man kann das nicht einfach auf Dauer „absetzen“, so wie ein heroinsüchtiger „clean“ werden soll. „Rückfälle“ sind vorprogrammiert.
(5d) Dahinter steht ein binärer Sucht-Begriff, ein Entweder/Oder. In der Realität sind aber Süchte und Abhängigkeiten ein Kontinuum von Verhaltensweisen, die bis weit in die „normale Gesellchaft“ reichen. Es geht eher um die Einbettung und den abschwächenden Umgang mit Abhängigkeiten als um Abstinenz.
(5e) Ein solches binär zugespitztes und dramatisiertes Krankheitsschema hat eine konkrete Folge für die Klienten: Sie werden auch vor sich selbst als unmündige Objekte markiert, die sich fremder Hilfe und strengen Maßnahmen überlassen müssen und dürfen. Das ist schon aus reinen therapeutischen Nützlichkeitsgründen falsch, sagen die Kritiker, vom Menschenbild ganz zu schweigen.

(6) Ökonomische Interessen

Vgl. dazu Bemerkungen bei Barsch und Herwig-Lempp, aber es liegt ja jenseits aller fachlichen Erörterungen auf der Hand. Der Einfluss der ökonomischen Interessen der Therapie-Industrie auf den Suchtbegriff unserer Gesellschaft ist der „Elefant im Raum“. Alle wissen, dass diese massiven Interessen existieren, aber es wird in der Regel nicht systematisch reflektiert.

Alle Leute, die ihre Fördergelder oder Krankenkassengelder mit Therapie-Konzepten verdienen, die auf einem möglichst „harten“ Krankheitsbegriff beruhen, sind keine neutralen Wissenschaftler. Tatsächlich gibt es, so weit ich sehe, praktisch keine ökonomisch neutrale Untersuchung der Sucht-Thematik. Die Kritik (s.o.) wird von Sozialpsychologen und Sozialarbeitern geübt, die nicht von Therapien leben.

Weitere Literatur:

Jörg Petry 2010, Computerspiel- und Internetabhängigkeit. (Kritik am stoffungebundenen Suchtbegriff)
http://alternativer-drogenbericht.de/category/b-i-aktuelle-daten-zu-drogen-und-sucht/b-6-computerspiel-und-internetabhaengigkeit/

Dazu auch die Literaturliste in:
Johannes Herwig-Lempp (1995), Aus systemischem Blickwinkel: Soziale Unterstützung bei „nicht-stoffgebundenen Drogenabhängigkeiten“, in: Rainer Ningel & Wilma Funke (Hrsg.), Soziale Netze in der Praxis, Göttingen (Hogrefe), S. 270-281 (pdf, auf http://www.herwig-lempp.de/)

Jörg Petry 2010, Kritik am stoffungebundenen Suchtbegriff
Gaßmann, R. (1988). Neue Süchte. Streit um ein gesellschaftliches Phänomen. Hamburg: Neuland
Herwig-Lempp, J. (1987a). Das Phänomen der sogenannten Neuen Süchte. Neue Praxis, S. 54-64.
Lieb, H. (1991). Süchtig nach Suchtdiagnosen? Vom Nutzen eines erweiterten Suchtbegriffes. Sucht, 
S. 409-414.

Kritik am Suchtbegriff selbst und an den therapeutischen Folgerungen:

Stephan Quensel, Rezension zu:
Gundula Barsch: Lehrbuch Suchtprävention. Von der Drogennaivität zur Drogenmündigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2008
Prof. Dr. Stephan Quensel ist Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie.

Prof. Dr. Gundula Barsch, Suchtbegriffe (Präsentation, 2011)
Johannes Herwig-Lempp (1994), Von der Sucht zur Selbstbestimmung. Drogenkonsumenten als Subjekte. Dortmund (Borgmann)
Johannes Herwig-Lempp (1995), Aus systemischem Blickwinkel: Soziale Unterstützung bei „nicht-stoffgebundenen Drogenabhängigkeiten“, in: Rainer Ningel & Wilma Funke (Hrsg.), Soziale Netze in der Praxis, Göttingen (Hogrefe), S. 270-281 (pdf auch auf http://www.herwig-lempp.de)

8 Antworten to “Internetsucht”

  1. martinlindner Says:

    Den scharfen Kommentar von Christian Füller (dessen Blogpost auf http://pisaversteher.com das alles in Rollen brachte), kopiere ich aus dem Pad hierher ins Blog:

    anke für die fleissarbeit. Ich kann nicht beurteilen, welchen rang barsch und lemp in der suchtforschung einnehmen. ich nehme an, du auch nicht. Ich finde das verfahren problematisch. Ein literaturwissenschaftler pfeift sich einen tag lang zwei studien rein, genauer tut er das mithilfe von rezensionen. Beide Studien sind angejahrt. Den Versuch zu unternehmen, die taufrische behandlung des themas im bundestag durch die wichtigsten deutschen spielsucht-kliniken zu berücksichten, begehst du gar nicht erst. Martin, ehrlich, ich kanns nicht beurteilen. Was ich aber weiss nach intensiver langer anhörung im Ausschuss: die ambulanzen sind voll von leuten, denen es wegen ihres nicht mehr steuerbaren, exzessiven netzkonsums (games, sex, kaufen, recherche) richtig dreckig geht. Die ambulanzen, alles keine spitzers, alles ärzte und psychologen mit guten jobs, sie sagen: 1. es kann vollkommen ausser kontrolle geraten; die leute können sich nicht mehr alleine helfen; es braucht therapieplätze; es braucht einen diskurs jenseits von spitzer in der öffentlichkeit, der das problem endlich zur kenntnis nimmt. Nicht hysterisch, aber einfach sagt: hey, leute, wir haben ein problem, kein riesiges, aber eines, das zehntausende betrifft.

    Kurz: was du machst ist schlicht verantwortungslos. Du machst dir ein inteliektuelles spässchen, mal paar halbgare, fix angelesene thesen rauszuhauen. Zu te wildt, der das wissenschaftlich UND populär aufbereitet sagst du im besten trump-Stil: ätsch, glaub ich einfach nicht. Was für dich ein nachmittagsgag ist, das ist für andere: die verlängerung ihres leidens.

    Link zur Technikfolgenabschätzung poste ich gleich: https://www.tab-beim-bundestag.de/de/pdf/publikationen/berichte/TAB-Arbeitsbericht-ab166.pdf
    demnächst erscheint das gutachten der suchtkliniken von bichum über mainz bis hannover. Es fällt viel schärfer als die gebügelte version des tab-büros aus. Die hintegründe und die links zu den texten in FAZ und Freitag, findet ihr hier: https://pisaversteher.com/2016/06/21/netzrisiken-interessieren-volksvertreter-nicht/

    • martinlindner Says:

      Eine sehr wichtige Diskussion. Was mich als Außenstehenden verstört, ist, dass sie explizit nirgends geführt wird. Es gibt keine niveauvolle Diskussion, ganz egal, welchen Standpunkt man einnimmt. Der öffentliche Diskurs ist pure Nebelwerferei.

      Deine Gutachten lese ich gern, diskutieren wir das hier, wenn es sonst keiner macht. Dass jemand eine kritische Position einnimmt, ist schon aus Gründen intellektueller und wissenschaftlicher Hygiene unerlässlich. Es macht bisher keiner, weil die einen kein Interesse daran haben, und die anderen sich das eben nicht antun, sich in diesen Dschungel zu begeben und sich Vorwürfe wie die deinen einzuhandeln. Ich wollte das auch nie tun, aber dann übernehme ich das halt und halte den Kopf hin.

      Was hier „unverantwortlich“ sein soll, ist für mich völlig unverständlich. Ganz im Gegenteil, und zwar auch dann, wenn irgendwann mal ein Konsens bestehen sollte, dass die von mir referierten Einwände entkräftet sind.

  2. martinlindner Says:

    Nota bene: Christians Kommentar von oben bezieht sich noch nicht auf den Blogpost selbst! (Ich hoffe, dass ich dort die schärfsten Einwände entkräftet habe.)

  3. martinlindner Says:

    das ist erwartungsgemäß umstritten. weil mir jemand, der sich glaubwürdig als psychiatrie/medizin-fachmensch ausgewiesen hat, ungefähr dasselbe wie christian füller vorwarf, hier nochmals ausführlich zur abgrenzung zum klinisch-therapeutischen fach:

    mir geht es darum, verallgemeinernde aussagen auszugrenzen („x% der bevölkerung betroffen“, aussagen zur „prävention“ und zur identifizierung von „gefährdeten personen“): man weiß schlicht nichts darüber.

    ja, es gibt leute, die an schweren störungen leiden & hilfe benötigen, die mit einer fixierung auf internet-inhalte einhergehen. wie man das im detail klassifiziert und trial/error-haft behandelt, wenn es manifest auftritt, interessiert mich nicht. da vertraue ich pauschal den profis. sie werden es schon richtig machen. (ich persönlich sympathisiere mit den ansätzen von barsch und herwig-lempp, aber was weiß ich schon. das ist im grunde hier auch egal, denn wir reden gar nicht über klinische fälle.)

    hier ist der forschungsstand (nov. 2012): cash u.a. 2012 (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3480687/)

    das paper enthält die liste der diagnose-kriterien (stark variierend), liste der therapeutischen ansätze (ebenfalls stark variierend), dazu theoretische überlegungen, die sehr vage bleiben. in meinen augen ändert es nichts am gesamtbild: es gibt keinen aufschluss darüber, was „das internet“ selbst als auslöser und krankheitsfaktor damit zu tun hat. einziger punkt: es triggert „belohnungssysteme im hirn“. ja, natürlich. wie so ziemlich alles, was leute gern tun.

    mich interessiert in erster linie die frage, welche aussagen sich aus dem fachdiskurs das verhältnis der gesellschaft zum internet ableiten lassen. (imho: keine.) und wie man mit den leuten und den verhaltensweisen umgeht, die man im sinne einer „prävention“ als „gefährdet“ erfasst — sowohl im öffentlichen diskurs als auch im konkreten umgang. das betrifft auch und gerade das selbstbild der leute.

    einstweilen würde ich sagen, bis mir jemand etwas anderes plausibel macht:

    schwere, zu therapierende störungen, die man „internet-abhängigkeit“ nennt, sind immer erst genau dann gegeben, wenn ein betroffener großen leidensdruck hat und konkrete therapeutische oder klinische hilfe sucht. alle leute, die diese hilfe nicht suchen oder brauchen, sind nicht „internet-abhängig“, oder „gefährdet“. über irgendwelche schäden, die sie deshalb erleiden, wissen wir nichts. (in diesem fall schließt das „wir“ psychiater und mediziner ein.)

    jede verallgemeinerung außerhalb der ganz konkreten therapie-situationen ist unzulässig: man weiß schlicht nichts sicheres über die gründe und zusammenhänge. es ist jedenfalls ganz sicher keine klar adressierbare „krankheit“, sondern allenfalls ein „syndrom“. daran ändert es nichts, ob sie explizit in die offiziellen listen aufgenommen wird oder nicht.

    hier ist die aktuelle definition/klassifikation im DIMDI – ICD-10-GM Version 2017:
    – Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
    https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f60-f69.htm
    – Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
    https://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/kodesuche/onlinefassungen/htmlgm2017/block-f10-f19.htm

    wer der meinung ist, dass ich hier „impertinent“ und als „googelnder laie“ im gebiet von medizinischen fachleuten herumpfusche, soll hier konkret sagen, wo und warum das so ist.

    mir geht es genau darum, die grenze zu ziehen zwischen dem feld der profis und der klinischen praktiken und dem gesellschaftlichen diskurs über „das internet“. ich will nicht ins feld der profis hineinpfuschen, aber ich möchte verhindern, dass das zweifelhafte figuren wie spitzer („Digitale Demenz“) und m.e. auch ein viel seriöserer autor wie te wildt („Digital Junkies“) ihrerseits tun, mit verweis auf ihre wissenschaftliche und klinische autorität.

    • martinlindner Says:

      Mein bis dato unbekannter Twitter-Follower @two_bi, dessen Kritik den letzten Kommentar auslöste, hat dort inzwischen geantwortet (ich fasse Tweets zusammen):

      „Den Kommentar kann ich nun weitestgehend mitgehen. Und Spitzer ist in der Tat ein Spinner. Schönen Tag noch. … bzw. nicht ganz. Ihr (psych.) Störungsbegriff ist sehr simpel/eng gefasst. dass man „nichts weiß“ ist auch falsch. sonst ok“

      Ja, der Begriff ist so eng wie möglich gefasst. Da ich eigentlich meine Position im Kommentar nur erläutert, nicht verändert habe, scheint es so, als sei der Blogpost selbst besonders provokativ formuliert. Das war so nicht beabsichtigt.

      @two_bi steuerte noch den Link zu einem „Eckpunktepapier“ zu „Verhaltenssüchten“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Pychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde bei, das sehr interessant ist, wenn man es in meinem Sinn auf die zahlreichen Stellen hin liest, wo Lücken und Unklarheiten eingeräumt werden.
      https://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2013/Eckpunktepapier_Verhaltenss%C3%BCchte_und_ihre_Folgen_.pdf

      Dass hier nun (fast) eine Einigung erzielt werden konnte, ist deshalb besonders erfreulich, weil der vorangehende Austausch nicht vielversprechend war. Hier die vorherigen Twitter-Kommentare von @two_bi:

      „Lächerlich. Diskussion um stoffungebundene Süchte/Impulskontrollstörungen wird in unserem Fach (Psychiatrie/Psychotherapie/Medizin) lange und kontrovers geführt.

      Um als Laie auf diese impertinente Weise einen Fach-Dialog anzustoßen, müssten Sie erstmal einen Hauch von Relevanz besitzen. Sie glauben, sich mal schnell Halbwissen angoogeln zu können.“

      Anscheinend ging es darum, die Grenze zwischen dem Fachdiskurs der Insider (den zu beurteilen ich mir nicht anmaße) und dem öffentlichen Diskurs noch einmal scharf zu bezeichnen. Genau um diese Grenze geht es mir.

  4. Cif Says:

    Zu deiner Behauptung, es gebe keinen Diskurs und man müsse mit der Lupe Anti-Süchtler suchen:
    Das ist natürlich falsch. Man findet im Gegenteil wahnsinnig viele Leute und Pseudo-Experten wie Dich, die Sucht rundweg ablehnen. In der herrschenden Meinung setzt sich allmählich durch, dass das abhängige Verhalten bestimmter Netznutzer eindeutig die Kriterien für Sucht erfüllt. Und damit ist selbstverständlich nicht so etwas wie Lesesucht gemeint (so etwas gibt es nicht, kein Mensch ist psychisch so abhängig von Lesen, dass er alles andere vernachlässigt und sein Leben nicht mehr auf die Reihe kriegt. Die Begriffe Lesesucht und Internet-Sucht gleichzusetzen zeugt von einer Verharmlosungsidee; Internetsüchtigen geht es richtig schlecht, sie brauchen Hilfe keine Witzchen). Der Zeitgeist kann übrigens – ein gern angeführtes Argument etwa von Kalbitzer – keine Sucht definieren. Das ist ein langwieriger Prozess, der von der Erfüllung medizinischer und wissenschaftlicher Kriterien abhängt.

    • martinlindner Says:

      es geht ja nicht darum zu leugnen, dass es leute gibt, denen es sehr schlecht geht und die hilfe brauchen.
      die sollen sie bekommen. von mir aus auch unter dem label „sucht“, wenn das irgendwie erfolgreichere therapien verspricht. der therapieerfolg ist zwar recht unsicher, wenn man sich die ganzen papiere durchliest, aber das kann uns für den öffentlichen diskurs zu „internetsucht“ egal sein: der handelt ja gar nicht von den realen patienten, deren genaue zahl ich im übrigen nirgends gefunden habe.

      wieviele patienten mit echtem leidensdruck und dem „internetsucht“-muster, die aktiv hilfe suchen, gab und gibt es pro jahr in deutschland? klare klinisch-pathologische fälle? diese zahl hätte ich gern.

      nicht leute „mit exzessivem gebrauch“, nicht leute „mit problematischem gebrauch“, sondern leute mit großem leidensdruck. keine stichproben mit selbstgebastelten kriterienlisten, keine schätzungen und hochrechnungen, sondern die harten zahlen von therapeuten, kliniken, ambulanzen. und das in deutschland oder meinetwegen auch in den usa, nicht in china.

      der öffentliche diskurs, der auf schätzungen/hochrechnungen beruht, handelt ja von der vermeintlichen masse der „süchtigen“ und „suchtgefährdeten“, die NICHT hilfe suchen, weil ihr leidensdruck offenbar nicht so hoch ist. also die „exzessiven“ und „problematischen“. die zahl läuft in den „positionspapieren“ und „gutachten“ unter „epidemiologie“ und „prävalenz“, was bereits voraussetzt, dass es sich hier um eine objektive, von außen diagnostizierbare erkrankung handelt, wie z.b. alzheimer, die dann auch „unentdeckt“ sich anbahnen kann. (es gibt schon eine theorie, die primäre, quasi-körperliche abhängigkeit behauptet, aber die ist alles andere als konsens.)

      derzeit reden wir allenfalls von „psychischen störungen der impulskontrolle“ – die amerikanische psychiatrische vereinigung hat „internet gaming disorder“ (und nicht „internetgebrauch“, was beharrlich begriffsverschiebend als synonym benutzt wird!) auf eine art beobachtungsliste gesetzt, mit dem hinweis, dass es keine belastbaren studienergebnisse gibt.

      warum also das drama? warum medienberichte über „internetsucht“ und „mediensucht“, die natürlich nichts mit dem kleinen realen kern zu tun haben, sondern allein mit kollektiven angstreflexen und dem diffusen gefühl, dass es der sohn einer bekannten mit dem gaming doch ziemlich übertreiben soll, so dass seine noten in gefahr sind?

      warum „mediensucht-Tage“ (z.B. in bremen und mecklenburg), auf denen dann beharrlich eben nicht von ernsthaften, schweren, krankhaften psychischen störungen die rede ist, sondern von irgendwie „exzessivem“ verhalten, das (a) zur vernachlässigung des „normalen“ lebens führt, und (b) online abweicht vom ideal des ausgeglichenen, positiven medienkonsums. aber: die vielen leute da draußen, die das internet (und anderes) „exzessiv“ benutzen, um ihr unglück und manchmal auch ihre aggressionen auszuhalten, sind NICHT „süchtig“ im harten sinn des wortes. man kann ihnen beratung anbieten, wenn sie mögen, aber das hat nichts mit pathologischen und klinischen phänomenen zu tun. sie sind halt unglücklich und neurotisch, wie sehr viele menschen in der bevölkerung. viele haben dafür ihre gründe. das ist „pathologisierung“, vor denen die fachaufsätze routinemäßig immer warnen, um dann meistens genau das gegenteil zu tun.

      ich kann nicht sehen, dass die beteiligten an diesem öffentlichen diskurs darum bemühen, den kern des ganzen zu fassen und klare grenzen zu ziehen. im extremfall ist es eine sehr weitreichende epidemie-these: vielleicht stimmt es ja, und da draußen sind lauter krankhaft leidende süchtige, die nicht „normal unglücklich und neurotisch“ sind, die sich selbst extrem schädigen (das müssten dann wohl substanzdrogen sein), suizidal werden und extrem verwahrlosen. wenn das so ist, dann ist es eben so, und man muss etwas tun. aber auch das müsste man zuerst genau belegen. es scheint aber niemand präzise kriterien dafür zu haben, wen man warum genau nach welchen anzeichen tatsächlich als klinisch-pathologisch „erkrankt“ ansehen muss.

      die üblichen klassifikationslisten der WHO und der psychiatrie sind nicht die antwort. die dienen der diagnose, wenn ein patient kommt und dringend hilfe sucht und braucht. oder als heuristische hilfe, um leute anzusprechen, die von sich aus nicht kommen, aber dringend hilfe wollen. sie sind kein werkzeug, um leute für „krank“ u erklären (d.h. ihnen einen klinische psychische störung zuschreiben), die sich selbst nicht so fühlen und hilfe ablehnen. auch ein crystal meth- oder alkohol-konsument kann nicht einfach deshalb eingeliefert und unter klinische beobachtung werden, weil wir finden, dass das exzessiv und nicht normal ist. (krebskranke auch nicht, btw, und alzheimerkranke nur dann, wenn sie sich im alltag nicht versorgen können.)

      er muss es selbst wollen.


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