Wissenschaft im Web: 18361 Downloads

30. Oktober. 2016

1998 habe ich meine Habilschrift abgeschlossen: „‚Ich‘ schreiben im falschen Leben. Deutschsprachige Tagebuch-Literatur 1950 – 1980“. (Hier habe ich sehr viel später mal begonnen, den Text online zu stellen: https://martinlindner.pressbooks.com/ ) Danach bin ich im letztmöglichen Moment aus der Uni-Einbahnstraße ausgestiegen, habe einen Schlussstrich gezogen und das dann nie offiziell drucken lassen. (Ich hatte Zusagen von Niemeyer und De Gruyter.)

Das lag auch an den frustrierenden Erfahrungen mit meinen wissenschaftlichen Publikationen zwischen 1994 (Druck der Dissertation) und 1998. Kurz gesagt: Das liest außerhalb der eigenen Methodik-Sekte praktisch niemand in der Scientific Community. Hier hat eine Studie das untersucht. Das deckt sich mit meinem Eindruck: Nicht einmal die renommierten Wissenschaftler lesen sich in der Literaturwissenschaft gegenseitig. Und selbst wenn es einige mehr oder minder gezwungenermaßen tun , wie bei meiner Diss die Spezialisten für „Neue Sachlichkeit“, dann vor allem mit dem Ziel, das eigene Revier zu verteidigen und Irritationen abzuwehren.

Es gibt schon einen untergründigen wissenschaftlichen Fortschritt – meine Diss (hier als Scan (pdf)) wird inzwischen  von Nachwuchswissenschaftlern öfter mal zitiert -, aber erstens dauerte das 10 Jahre, da war ich schon längst aus dem Geschäft, und zweitens fehlt mir trotzdem das direkte Feedback. Es kann ja nicht sein, dass das Jahre und Jahrzehnte dauert, bis etwas zurückkommt.

Die Lösung ist natürlich das Web bzw. die Open Science-Bewegung, die gerade 2015/2016 enorm an Schub gewonnen zu haben scheint. Ins Web bin ich 2000 emigriert, als ich die Uni verlassen hatte. (Wobei es später noch ein unerwartetes ca. 4jähriges Zwischenspiel als Gastprofessor und Dozent für digitale Medien-Wissenschaft gab.) Jedenfalls habe ich im Januar 2004 begonnen zu bloggen („mediatope I„) und dann irgendwann mal Teile meiner Habilschrift einfach ins Netz gestellt und auf einem Nachfolgeblog („scribbleblog“) verlinkt. Die Download-Links sind immer noch online: http://lotman.twoday.net/stories/1034347/

Das war Oktober 2005, und ich erwartete nichts. Im Juli 2007 habe ich dann verblüfft und glücklich festgestellt, dass ein besonders brauchbares Kapitel (meine Definition der Textsorte „Tagebuch“) 1000 Downloads hatte. Jetzt habe ich nach vielen Jahren nochmals nachgesehen,  und es sind 18.361. Das sind grob gerechnet 1660 pro Jahr, nur mal im Vergleich zur Reichweite, die ich hätte, wenn ich das gedruckt hätte. Keine Ahnung, wie viele das dann fotokopiert oder exzerpiert hätten, aber ich vermute mal: viel weniger. Und der Download ist _sehr_ versteckt. (Ich habe eine sehr neurotische Art, mit meinen Sachen umzugehen.) Ich habe keine Ahnung wie die Leute das überhaupt fanden und anscheinend immer noch finden. Das alte Blog ist seit sehr langer Zeit stillgelegt und dürfte in Google kaum mehr auftauchen.

Wenn ich mir jetzt vorstelle, welche Reichweite und Wirkung man erzielen könnte, wenn man so etwas heute selbst ins Netz stellt, mit zusätzlichen Maßnahmen, um die Sichtbarkeit zu erhöhen: unfassbar. Der Bericht vom diesjährigen Germanistentag hinterlässt allerdings nicht den Eindruck, als ob diese Dynamik dort angekommen wäre, ganz im Gegensatz zu einer minoritären, aber im Netz inzwischen sehr präsenten Gruppe von Historikern, um die herum das offene Blog-Portal hypotheses.org entstanden ist.  Vgl. hierzu die lesenswerten Siggener Thesen zum wissenschaftlichen Publizieren im digitalen Zeitalter, die eben erst einige Geisteswissenschaftler im Blog der Zeitschrift Merkur veröffentlicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: