Dylan-Literatur.

15. Oktober. 2016

Ich hätte ja nie daran geglaubt, dass Dylan den Preis kriegt. Aber kurz vor der Bekanntgabe twitterte ich noch:

dylan_tweet

Und dann bekam er den Preis tatsächlich. Als habilitierter Literaturwissenschaftler und lebenslanger Dylan-Fan fühle ich mich zu einer eigenen Stellungnahme verpflichtet. Vorher eine Liste mit 10 einigermaßen willkürlich-persönlich ausgewählten Dylan-Dichtungen, die eben mehr sind als Song-Lyrics: „Zehn Gedichte, die stellvertretend für das lyrische Gesamtwerk stehen,“ um eine Feuilleton-Formel der 1950er jahre aufzugreifen. Stichprobe für das Nobelpreis-Portfolio.

A Hard Rain’s A-Gonna Fall
When the Ship Comes In
Just Like Tom Thumb’s Blues
It’s All Over Now, Baby Blue
Love Minus Zero
It Takes A Lot to Laugh (It Takes A Train to Cry)
When I Paint My Masterpiece
Simple Twist of Fate
Buckets Of Rain
Series Of Dreams

Und weil ich auch einer von diesen überraschend vielen Dylan-Nerds bin, die da draußen auf der Straße herumlaufen, unauffällig und leicht verschroben, füge ich hier noch meine eigene Laudatio an.

Bei meiner Geburt, im April 1961, spielte der knapp 20jährige Bob Dylan gerade seit drei Monaten in den New Yorker Boheme-Cafés. (Mehr zu seiner Biografie hier, von Günter Amendt.) 1981 saß ich dann 20jährig am Baggersee, als Literaturwissenschaftstudent im zweiten Semester , und las Michael Titzmanns bahnbrechendes Buch Strukturale Textanalyse. Es ging darum, die in einen Text eingeschlossenen Bedeutungen zu rekonstruieren, ohne Rückgriff auf vermeintliches Wissen über den Autor und Textentstehung, und ohne den Text nur als Anlass für gelehrte Exkurse über Querverbindungen von Platon über Shakespeare bis James Joyce zu nehmen. Ich fühlte mich wie ein Blinder, dem man die Augen geöffnet hatte: Endlich Beschäftigung mit Literatur ohne hohles Imponiergehabe. Analyse, nicht Auslegung.  Der Text und nichts als der Text, zerlegt in feine Schichten, organisiert entlang semantischer Achsen und Feldern, mit einem unvorhersehbaren Eigenleben.

Diese neue Methode probierte ich sofort an dem dunkelsten Text aus, der mir einfiel: Visions of Johanna.  Sehr weit kam ich nicht, so weit ich mich erinnere, aber immerhin weit genug, um eine Ahnung von der eigenartigen Komplexität dieses Texts zu bekommen. Er war anders als die Literatur, die ich sonst kannte: kein geschlossenes, schriftstellerisches Gebilde, in dem die Aussagen am Ende mit denen am Anfang ein konsistentes Ganzes ergeben, sondern eher additiv, eine seltsame Verschiebung von Mustern und Motiven. Es fängt mit einer erkennbaren Situation ein, einer Ich-Stimme im Motel, zusammen mit Louise und ihrem Lover, die keuchenden Heizungsrohre, das leise dudelnde, unabschaltbare Countrymusik-Radio: Ain’t it just like the night, playing tricks, while you’re tryin‘ to be so quiet / We sit here stranded, though we all do our best to deny it … Danach folgen vier  immer schrägere und surrealere Strophen, jede setzt neu an, ohne direkt erkennbare Verbindung zu den anderen. Wie bei einem Folksong, dem im Lauf der Zeit immer weitere Strophen angefügt worden sind, die am Ende nicht mehr viel miteinander zu tun haben, so dass schließlich etwas Abstrakteres entstanden ist, zusammengehalten nur noch durch die Struktur und den Klang und eine immer wiederkehrende Zeile am Ende, und doch ein Ganzes.

Dylan-Texte klingen auch in gedruckter Form, so wie die Lied-Gedichte der Romantiker, die sie in ihre verwirrten Romanfragmente lose einfügten. Visions of Johanna ist ein gutes Beispiel: Ein charakteristische Stimme, die sich dann gleich vom Ich der ersten Strophe löst. Das Gedicht ist lang und unverständlich, wird aber trotzdem nie langweilig. Die Metaphern und die Sätze sind unerwartet und frisch, eine spiralige, melancholische Spannung baut sich immer weiter auf. Es ist kein richtiger Folk, aber prätentiöse Hochliteratur ist es auch nicht. Ein Spiel mit Versatzstücken, aber keine  postmoderne Collage-Kunst. Ich habe übrigens nie wieder Dylan-Texte nach allen Regeln meiner Wissenschaft auseinander genommen, und ich mache es auch hier nicht. Das wäre zweifellos interessant, aber ich verspürte bisher kein Bedürfnis dazu. Das Wesentliche passiert an der Oberfläche.

Verdient sowas den Nobelpreis für Literatur? Dylan selber sagte ja irgendwann: Nein, das seien eben Songs, keine Literatur. Nicht zu trennen von der Aufführung und der Singstimme, der Text allein nur lebloses Fragment. Lyrics, nicht Lyrik. Und inzwischen stöhnen viele Kommentatoren: Warum überhaupt einen Songwriter auszeichnen, der zweifellos nicht unbegabt mit Worten umgeht, aber was ist mit der richtigen Literatur, also mit gestellter Schrift auf weißem Papier, was ist mit Philip Roth und Don deLillo und Handke? Warum nimmt man denen ihren Preis weg? Ist denn alles Literatur, was Text ist? (siehe u.a. Zwei gute Gründe, warum Dylan keinen Literatur-Nobelpreis verdient hat)
[Nachtrag: Und sehr viele andere. Verblüffend wie viel wertkonservativer und verschnarchter „Literatur“ seit ca. 1985 wieder geworden ist, dabei war diese Art von Literatur bereits in aller Form zu Grabe getragen worden. Hilft nichts, dieser Zombie steht immer wieder auf.]

Einmal abgesehen davon, dass Don deLillo selbst sicher keine Einwände hätte (Link), und Handke sehr wahrscheinlich auch nicht (Link): Natürlich ist das Literatur, wenn das Wort irgendeinen Sinn hat: eine eigentümliche Welt aus Worten, die sich sofort auffaltet, wenn man die Zeilen liest. Immer neue Varianten,  Zwischenstimmungen und gemischte Gefühle, geschaffen über Distanzierung, nie durch die triviale Überwältigung mit dem scheinbar authentischen Gefühl dessen-der-singt. Er stellt merkwürdig nachklingende Wortgebilde in den Raum. Der Sänger Dylan konnte in seinen guten Momenten sehr viel Intensität erzeugen, aber fast nie entblößt er seine Seele. (Eigentlich nur einmal, in dem großartigen religiösen Bekehrungssong I Believe In You, aber das ist dort ja gerade das Thema. Vielleicht noch in Idiot Wind.)

Dylan macht sehr bewusst Texte aus Buchstaben, aber er ist kein Literat, weil er sich nicht für den monumental auf Papier verewigten Schriftbild-Text interessiert, aber ausgezeichnet wird ja das Werk. Ihm selbst geht es um den gesprochenen Text im Moment der Aussage, spoken word, wenn das ausgesprochene und also verselbständigte Wort ein eigenes Leben gewinnt. Deswegen singt Dylan seine Songs nie wieder so, wie sie sich einmal in den langen, absichtlich improvisierten Plattensessions ereignet haben. In erstaunlich vielen, aber keineswegs allen Fällen sind das Versionen, bei denen man tatsächlich den Eindruck hat, es handle sich um die zeitlose, endgültige Form. Aber der Text geht eben darüber hinaus.  Dylan interessiert sich dann nur noch für die immer neue Artikulation. Ausprobieren, was der Text, der jetzt so fremd dasteht, noch alles hergibt. Die Texte sind nicht dafür gedacht, in ein Buch gedruckt zu werden, aber das heißt nicht, dass sie kein Eigenleben haben, wenn man sie auf Papier liest.

Erst 1975 gab es die Dylan-Dichtungen erstmals gedruckt in einem Buch, beim Zweitausendeins-Verlag, und wir lasen das nicht minder intensiv und begierig, als je jemand Goethe oder Rilke gelesen hat, oder, wie in meinem Fall, den Expressionisten Georg Heym. Nicht alles davon würde ich als Literatur im Nobelpreis-Sinn des Wortes einordnen. Eine ganze Reihe von großen Dylan-Songs hat Lyrics, die keine Lyrik sind. Mein allerfrühester Lieblingssong Don’t Think Twice zum Beispiel: Jedes Wort ist da an der richtigen Stelle, das ist hochwertige Versschmiedekunst, aber trotzdem ist das kein literarischer Text, der sich entkoppelt von der musikalischen Aufführung und der Stimme des Autors. Aber es gibt sicher weit über hundert, eher zweihundert Texte, die diese Qualität haben. Und fast keiner davon ist (für mich) nichtssagend, anders als bei anderen Lyrikern, die ich kenne.

Der erste Dylan-Song, den ich je gehört habe, war Blowing in the Wind, geschrammelt an irgendeinem Lagerfeuer. Ich war 12 oder 13, aber in der bayerischen Provinz war die Folk-Protestbewegung der Jahre 1962-1964 erst 10 Jahre später richtig lebendig . Der Song muss zu mir gesprochen haben. Jedenfalls wünschte ich mir eine Dylan-Platte zum Geburtstag, und bekam dann Greatest Hits, die großartige Zusammenstellung von 1966, mit zwei Seiten: eine mit akustischen Folksongs und eine mit elektrifizierten Beat-Stücken. Blowing in the Wind war schnell abgespielt und wurde mir bald so peinlich wie Dylan selbst, der es fast nie wieder aufführte, aber in Wahrheit ist es ein großer Song, und zweifellos ist es auch Literatur. Eigentlich schon die erste der vielen folgenden Dylan-Litaneien, die Strophe um Strophe eine einfache Melodie wiederholen, aber so, dass jeder neue Einsatz ganz frisch ist, mit immer neuen, nicht vorhersehbaren Worten und Wendungen. In der dritten Strophe, nach der klassische Popsongs schon aufhören, hat man dann das Gefühl, das könnte jetzt auch noch Stunden so weitergehen. Diese endlos geflochtenen Textband-Balladen gibt es in allen Dylan-Phasen, aber schon mit 21, 22 produzierte er eine ganze Reihe davon: Chimes of Freedom, Shoes of Spanish Leather, Percy’s Song, undsoweiter. Alle sind wortreich, ungewöhnlich, bemerkenswert. Das Wesentliche passiert auf der Textebene.

Wenn ich einen literarischen Text aus dieser frühen Phase herausgreifen muss, als er „die Stimme der Bürgerrechtsbewegung“ war, dann muss es vermutlich A Hard Rain’s A-Gonna Fall, sein, ein apokalyptischer Textstrom mit immer neuen Weltuntergangsbildern. Da erhebt sich eine alterslose, archetypische Stimme, die keiner konkreten Person gehört. Der junge Dylan nannte sich ja nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas und schwindelte sich dann Biografien als wandernder Straßensänger und Tramp zusammen, weil er nie Robert Zimmermann aus Duluth sein wollte. Als er später im Spätwestern Pat Garrett und Billy the Kid in einer Nebenrolle auftrat, nannte er seine namenlose Figur „Alias“. Tatsächlich ist die Privatperson kaum wahrnehmbar. Sie ist nicht besonders sympathisch, so weit man das sagen kann. Man wundert sich manchmal, dass er überhaupt ein Privatleben hat. Aber es gibt eigentlich auch keine starke Autorpersönlichkeit. Dylan wirkt eher wie ein Kollektiv von Stimmen, ein One-Man-Songbook, der Barde einer erfundenen Tradition, die es außerhalb seiner Songs nie gegeben hat.

When The Ship Comes In ist ein Song aus der Frühphase, der für eineandere Textsorte stehen kann: Keine Endlosballade, eher so etwas wie ein Chanson, inspiriert von der Dreigroschenoper. Der Text wirkt, als sei es einfach mal so hingeschlenzt. (Joan Baez erzählt irgendwo, dass das in diesem Fall mehr oder weniger so war.) Auch in New York gehörte Brecht zum Soundtrack der schwarzweißen Kulturrevolution der 1960er Jahre, nicht pathetisch beseelt wie die Hymnensänger der Bürgerrechtsbewegung, sondern ironisch, trocken, spielerisch, städtisch. Der Song knüpft an die Seeräuber-Jenny an. Ein Freibeuterschiff kommt, die Welt ändert sich, die Verhältnisse drehen sich um. Die Alten wachen auf und müssen erkennen, dass es vorbei ist. Die Stimmung ist aber ganz anders als bei Brecht. Da singt ein gutgelauntes Wir, die Leute auf den Schiffen, eine Understatement-Hymne.

Dylan hätte 1964 als ein frühvollendeter New York-Rimbaud aufhören können, aber er fing da erst richtig an. Das Nobelpreis-Komitee dachte garantiert an den klassischen Beat-Dylan von 1965, als es den Preis verlieh: Also Like A Rolling Stone und die endlose surreale Bohème-Ballade Desolation Row mit dem hochkulturellen Namedropping (Shakespeare, he’s in the alley …). Der in einem einzigen, 5 Minuten langen Atemzug hinausdeklamierte Stakkato-Beat-Rap Subterranean Homesick Blues. It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding), Just Like A Woman, Mr. Tambourine Man, Ballad Of A Thin Man. Alles Literatur. Wenn man sehr bewusst hergestellte, ökonomische Texte sucht, dann gibt es Love Minus Zero (durch das ein „Landarzt“ geistert), so schlicht wie ein Eichendorff-Gedicht, aber mit großstädtischen Worten und ohne abgegriffene Metaphern. Oder das brillante It’s All Over Now, Baby Blue.

Für das Nobelpreis-Portfolio nominiere ich aus dieser Periode Just Like Tom Thumb’s Blues, stellvertretend für die überbordenden Beat-Texte, aber man könnte eigentlich alles nehmen. Das ganze Zeug ist unbegreiflich großartig, ein unglaublicher poetischer Überschuss. Wer das damals als Zeitgenosse hörte, war elektrisiert. Das gab es vorher noch nie und nachher nie wieder. Man wusste: Das ist ein Genie. Noch 10 Jahre später spürte ich einen Rest dieser Energie, als 17jähriger Provinzjugendlicher, und das war eben nicht nur die Kraft der Musik. Ich hätte die drei Alben auch als Gedichtbände genommen.

Historisch folgt dann mit John Wesley Harding das erste geschlossene Werk, das man tatsächlich auch als ein Lyrikband-Hörbuch nehmen kann. Der manische Beat-Drive ist weg, eine ganz strenge Form, je drei achtzeilige Strophen ohne herkömmlichen Refrain. Keine Songtexte eigentlich, obwohl sie als Songs gut klingen. Rätselhafte, folkmythologische Parabeln, in denen auch etwas Kafka mit drinsteckt. Und das Einzelstück All Along the Watchtower, das gar keine Ballade mehr ist, sondern so etwas wie ein lyrisches Fragment. Kunstvoll und unprätentiös zugleich. Überhaupt sind Dylan-Texte eigentlich nie prätentiös und eitel. Nie spürt man im Text selbst die Anwesenheit eines Poeten-Posers.

Dann kommen die Basement Tapes: Alfresco-Laborexperimente mit surrealen, absichtlich durcheinander montierten Fetzen von Folk-Texten und Pseudo-Folktexten. Dylan haute das einfach so heraus, eins nach dem anderen, improvisiert und fragmentarisch, als sei es die Summe von 100 Jahren einer betrunkenen, spinnerten Volksdichtungskultur. So wie Dylan mit seinen Texten überhaupt eine ganze, reiche Weltvolkskultur ins Leben rief, die es nur gab, weil er diesen Raum entworfen hatte. Ausgerechnet diese Songs, der schrägste Teil des Dylanschen Oeuvre, bekamen dann eine literaturwissenschaftliche Würdigung von höchster Qualität, die das Prinzip Dylan (und das Prinzip Folk Music) perfekt auf den Punkt brachte. Das Buch von Greil Marcus ist viel interessanter als das Meiste, was die akademischen Gedichtinterpreten in meinem Literaturwissenschaftsfach je zustande brachten, wenn sie sich immer neu auf die Schnitzeljagd nach kostbar verrätselten Bildungsbürger-Metaphern begaben. Lustigerweise sind die Interpretationen der fanatischen Dylan-Adepten in der Regel genauso überflüssig und akademisch: Sie spüren irgendwie, dass das groß sind, und versuchen das dann zu beweisen, indem sie jede Stelle mit endlosem Bildungssekundärwissen auslegen.

Das wird zu lang. Überspringen wir Nashville Skyline, New Morning und Planet Waves, und damit auch eine ganze Reihe von eigentlich erwähnenswerten Textgebilden (dazwischen ist auch When I Paint My Masterpiece) und gehen gleich über zu Blood on the Tracks, dem Meisterstück der mittleren Periode. Das ist nun wirklich ein bewusst literarisches Projekt, mit einer ganz neuen Textsorte: Simple Twist of Fate und Tangled Up in Blue erzählen Stories, in einer Mischung aus Dylanballadenton und amerikanischer Kurzgeschichte. Schriftgestellt im Literaturpreis-Sinn des Wortes. Shelter From the Storm ist wieder so ein merkwürdig biblisches Bandwurmgebilde. Die 10minütige Litanei (Idiot Wind), die als distanzierte Erzählung anfängt und unmerklich in eine Seelenschmerz-Suada übergeht, die so nah am „Authentischen“ ist, wie es bei Dylan überhaupt geht. Dazu die merkwürdige Endlosballade Lily, Rosemary and the Jack of Hearts, die in 16 Strophen eine Spätwesterngeschichte erzählt, und bei der man wirklich nicht mehr sagen kann, warum sie auch nach dem hundertsten Durchgang keine Sekunde langweilig ist. Das funktioniert beim Lesen eher nicht, hier braucht es wohl wirklich die Deklamation, aber es ist eindeutig erzählende Dichtung, die Begleitung und die Melodie sind nicht der Rede wert. Und Buckets of Rain und You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go sind geniale Nebenbei-Singsang-Lieder im einfachen, unnaiven Folkston. Große kleine Literatur.

Danach, bei Desire, arbeitete Dylan das erste und einzige Mal tatsächlich mit einem Literaten (Jaques Levy) zusammen. Kein Meisterstück, aber ganz sicher auch nichts, dessen man sich schämen muss. Danach war eigentlich erst Oh Mercy wieder ein literarisches Projekt. Dann wieder eine lange Pause bis Time Out of Mind, dann das Alterswerk: Love & Theft und Tempest. (Ich werde mit dem alten Dylan nicht mehr recht warm, weder mit der Stimme noch mit den Texten. Es ist irgendwie gefroren, leblos, es fehlt mir die vitale und spielerische Energie. Aber ich kenne mich nicht damit gut aus, und man kann Näheres beim deutschen Dylanprofessor Detering nachlesen, der mir sympathisch, aber mit seiner Herangehensweise immer ein bisschen zu literaturprofesseral ist.)

Das Alterswerk ist ernstzunehmen und unpeinlich, aber aus meiner Sicht endet etwa 1978 die nobelpreisverdächtige Werkperiode. (Das unbegreifliche, eigenwillige Series of Dreams fällt danach noch aus dem Rahmen.) Es gibt jetzt ein paar künstlerisch unbedeutende, hingeschlampte Zwischenwerke, aber mir fallen keine pathetisch misslungene Sachen ein, die versuchen, Kunst zu sein, und dann am eigenen Anspruch scheitern. Über die wiedergeborenen Gospeltexte kann man streiten, aber die waren mindestens ebensosehr ein ernsthaftes literarisches Projekt wie das Zeugnis einer religiösen Bekehrung. Dylan glaubte, glaube ich, immer nur an Texte. Immer an die Bibel, und für ein paar Jahre eben an die poetische Kraft der schwarzen Gospel-Hymnen und Gospel-Predigten.

Ist das epochale Literatur? Ja klar. Ein nicht geringes Indiz dafür ist ja auch, dass es viele, viele Doppelzeilen aus dem gesamten Oeuvre gibt, die sich als „geflügelte Worte“ verselbständigt haben. Nicht weniger als bei Schiller oder Brecht jedenfalls. Das ist ja auch noch ein Zeichen von literarischer Kraft: Werke, die man zerbrechen kann. Die virale Wirkung der kleinsten für sich stehende poetische Einheiten. Ja, das ist das Gegenteil von Großer Kunst. Keine Monumente, sondern Ausschnitte aus dem, was Foucault „das große Murmeln“ nannte. Aber genau das ist ja das Großartige daran.

Eine Antwort to “Dylan-Literatur.”


  1. […] allem Respekt für den aktuellen Literaturnobelpreisträger – es gibt auch interessante kleinere Preise. Zum […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: