Pervasives Lernen

28. Mai. 2015

„pervasiv“ (von engl. pervasive) heißt ungefähr so viel wie „allgegenwärtig, im Alltag ständig präsent, nebenbei mitlaufend, kann jederzeit ohne besondere Anstrengung in den Fokus geholt werden“. Die Idee dieses Blogposts ist es, dass hier der emanzipatorische Gegenentwurf zum „adaptiven Lernen“ verborgen liegt. Diskutieren am besten drüben in meiner G+ Community Digitale Bildung:

Adaptives Lernen: Lernen vom Großen Bruder

Adaptives Lernen ist das kommende Ding. Das meiste ist bisher Hype, soweit ich sehe, aber das ändert nichts daran, dass wir „adaptives Lernen“ bekommen werden. Es erfüllt schlicht die übermächtige Phantasie der Bildungsplaner, Großdidaktiker und nicht zuletzt der großen Edu-Unternehmer wie Pearson und Bertelsmann. Das wird nicht zu verhindern sein.

Adaptives oder auch Personalisiertes Lernen meint einen Lernpfad, der sich dynamisch meinen Bedürfnissen anpasst, aber gesteuert wird von eine didaktischen Superintelligenz. Und es ist immer fokussiertes Lernen als konzentrierte Anstrengung gemeint, das sich auf verdichtetes Expertenwissen bezieht. Also vor allem das, was in schwierigen Vorlesungen und Einführungskursen im Grundstudium gelehrt wird: komplexe Apparate und Maschinerien verstehen (und hier verstehe ich auch etwa mathematische Berechnungsweisen als „Apparate“); sich komplizierte Methoden, Theorien und Terminologien erschließen, bis man sie verstanden hat und selbst anwenden kann; eine ganze Reihe von immer schwierigeren vorgegebenen Aufgaben lösen.

Das wird bisher immer als Paradefall von Lernen verstanden. Aber in Wirklichkeit stimmt das gar nicht. In Wirklichkeit lernt man ja sogar sehr viel von diesen „harten Sachen“ auf indirektere, beiläufigere, wirrere Art. Und 90% von dem, was man in jedem Fachgebiet lernt, ist ohnehin von ganz anderer Art.

Lernen mit dem Kleiner Bruder: “pervasives Lernen”

Das wären also Lernerfahrungen, die irgendwie von Algorithmen (mit)gesteuert werden, aber eben von anderer Art: leichtgewichtig, im Alltag ständig präsent, nebenbei mitlaufend. Nicht verdichtet, nicht als „Pyramide“ organisiert, bei der man auf jedem Level zu scheitern droht, sondern lose gefügte Bruchstücke, die mit der Zeit das Bild eines größeren Ganzen ergeben.

Pervasives Lernen verlangt meine Aufmerksamkeit und Konzentration nicht ganz oder gar nicht. Hier können die Inhalte jederzeit ohne besondere Anstrengung nach vorn geholt bzw. nach hinten geschoben werden. Dadurch wird etwa auch die Möglichkeit eröffnet, dass irgendwann einmal „der Groschen fällt“ und dass man plötzlich, wenn eben die Zeit gekommen ist, sich mit vollem Einsatz auch in die schwierigen Stellen hineinbeißt.

<ergänzt> Ich glaube tatsächlich, dass reales Lernen schon immer so funktioniert, auch jetzt schon, in ganz realen Schulen, am Arbeitsplatz, überall. Es gibt nur keine Strukturen, die das unterstützen — außer dem Web. Diese ganz normale Graswurzel-Lernen wird nur immer verwechselt mit Lernen aus der Perspektive eines Didaktik-Systems, das lehren will. Übrigens ist dieses pervasive Lernen ziemlich genau das, was Summerhill wollte, nur eben jetzt unspektakulär im Alltag. Das Web eröffnet einen alltäglichen Gegenraum, ohne dass man gezwungen ist, in abgeschottete Pädagogische Provinzen zu emigrieren. (Summerhill ist für mich das mit Abstand sympathischste reformpädagogische Schulmodell, weil Gründer A.S. Neill von Beginn an die gefährliche Glorifizierung der überlebensgroßen Pädagogen zurückgewiesen hat. Die Silicon Valley-Digitalelite sympathisiert ansonsten vor allem mit dem Maker-Ansatz von Maria Montessori, den ich auch mag.)</ergänzt>

Microcontent Channels

Pervasives Lernen schließt an das an, was inzwischen normale digitale Erfahrung wird: Twitter- und Youtube-Kanälen zu folgen, oder auch dem großen Facebook-Strom. Der Facebook-DJ, das bin ich selbst (durch meine Einstellungen), meine Freunde (mit ihren laufenden Beiträgen) plus der mysteriöse „didaktische“ Facebook-Algorithmus.

Stellen wir uns nun vor, diese Inhalte seien auch, aber nicht in erster Linie „sozial“, sondern vor allem thematisch, also persönlichen Lern- und Wissensinteressen folgend.

Wenn ich z.B. an einem MOOC teilnehme, dann funktioniert dieser MOOC im Alltag für mich de facto wie ein solcher Lernkanal. Er läuft so mit, ich empfange über die ganze Woche Signale, manchmal klinke ich mich ein, manchmal fokussiere ich Einzelnes, manchmal beschäftige ich mich intensiv damit. Aus der Sicht der MOOC-Pädagogen ist das eherals fokussiertes, intensives Vordergrund-Lernen gedacht. Aus der Sicht der meisten MOOC-Rezipienten ist es ein Kanal unter vielen, in den man sich gelegentlich einschaltet. Hier liegt die Wurzel für viele MOOC-Misserfolge.

Anderes Beispiel: Musik-Streaming-Dienste, die eine Mischung sind aus Playlists und aus „Radios“. Ich kann Kanäle eröffnen, die eine bestimme Art von Musik spielen. Zum Teil ist das Musik, die ich selbst ausgewählt habe, zum Teil ist das Musik, die andere Leute mit ähnlichem Geschmack gerade hören und die mir der Algorithmus vorschlägt.

Pandora

Mein Lieblings-Dienst ist pandora.com (leider in Deutschland offiziell nicht lizenziert), weil es dort nicht darum geht, sich im eh schon bekannten „Soundtrack des eigenen Lebens“ zu suhlen, sondern vor allem um die Erforschung von Richtungen. Es geht um Lernen. Ich gebe einen oder mehrere Tracks ein und der Algorithmus wählt dann Musik aus, die in diese Richtung geht, sie zum Teil aber auch auf verschiedene Weise erweitert.

Ich kann dann diese Vorschläge liken (was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass dieser oder ähnliche Tracks sich wiederholen), aber auch ablehnen („nein, sowas nicht“) oder neutral überspringen. Alles wird vom intelligenten DJ-Algorithmus einbezogen, so dass der Kanal immer mehr zu meinem eigenen, persönlichen Kanal wird. Ich kann solche personalisierten, subtil geschmacklich getuneten und dabei sich immer noch ständig weiterentwickelnden Kanäle sogar mit anderen teilen. Die bekommen quasi meinen Kanal als Ausgangspunkt und begeben sich auf ihre eigene Reise.

Und nun, dachte ich immer, stellen wir uns das mit „Lern- und Wissens-Content“ vor. Damit das Ganze im Flow bleibt, ist das nur Microcontent, der Aufmerksamkeitsspannen zwischen ca. 1 – 4 Minuten verlangt: also wie ein Facebook-Eintrag, ein kurzes Tumbeblog-Bruchstück, ein kurzer Blogpost, ein kurzes YouTube-Video. Natürlich muss ich nicht alles konzentriert und genau verarbeiten, ich kann es auch nur überfliegen, skippen usw. Und natürlich kann ich es auf alle möglichen Arten liken und taggen.

Alle sind DJ des eigenen Lernens

Was auch möglich sein muss: eigene Notizen und Bruchstücke zu diesem Kanal hinzuzufügen. Natürlich kann ich auch Aussagen von anderen, etwa aus sozialen Kanälen, dort hinzufügen.

Anders als beim reinen “River of News” wiederholen sich interessante Inhalte, einzelne Bruchstücke können markiert werden und ziehen dann mehr oder vertieftere Inhalte in den Strom, usw. Alles, was ich nicht ausdrücklich anders markiere, bleibt im Kanal, d.h. es ist wie beim Hitradio in der Rotation. (Besonders wichtige Stücke sind in Heavy Rotation, bis ich etwas anderes sage.)

Makroinhalte, die längere und konzentriertere Beschäftigung verlangen (Artikel, lange Podcasts, vielleicht auch Aufgabenstellungen), werden im pervasiven Strom von Platzhaltern vertretern: so etwas wie kurze Abstracts, Zusammenfassungen durch Peers oder auch die ersten beiden Absätze eines längeren Textes. Das können natürlich auch eigene Exzerpte und Notizen sein, ähnlich wie die „Karteikarten“ von Bookmark-Diensten (delicious, diigo, pinboard, auch evernote). Solche Platzhalter-Objekte von Makroinhalten kann ich für die eigene Bearbeitung zu geeigneter Zeit vormerken, ähnlich wie man das mit Artikeln bei instapaper und ähnlichen Diensten macht. Diese vertiefte Beschäftigung geschieht dann außerhalb des pervasiven Flow.

Pervasives Lernen in diesem Sinn: das wären dann also tatsächlich personalisierte und potenziell auch adaptive Flow-Erfahrungen. Sie sind geradezu dafür geschaffen, um „gehackt“ zu werden. Weil sie leichtgewichtig und von mir selbst jederzeit beeinflussbar sind, stärken sie meine Selbstmächtigkeit (agency). Ich erwerbe Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, nicht indem ich Vorgaben einfach erfülle, sondern in dem ich ein Thema mit der Zeit quasi selbst in die Hand bekomme.

(Eine interessante Frage ist, wie sich das zu den Erfahrungen der Gamer in verschiedenen Arten von Spielen verhält, von MMORPGs a la World of Warcraft bis hin zu den komplex durchdesignten Solo-Spielen wie jetzt gerade Witcher, Grand Theft Auto usw.)

Wer arbeitet an so etwas? Niemand, fürchte ich.

Im Kern wäre es sehr einfach, so etwas zu bauen. Das meiste verlangt gar keine extrem fortgeschrittene „künstliche Intelligenz“, schon gar nicht in der schematischen Art von so etwas wie INTUITEL (das ist das „adaptive“ EU-Projekt des Learntec-Leiters Hennig). Ansatzweise hat der brillante Entwickler Scott Wilson, der seit langem in der britischen Learntec-Szene arbeitet, Versuche auf eigene Faust in diese Richtung unternommen. (Ich erinnere mich v.a. an FeedForward, eine Art persönliches RSS-Feed-Mischpult.)

Diese Art von künstlicher Intelligenz, die solche pervasiv-persönlichen Lern- und Wissenserfahrungen unterstützt, müsste man weiter entwickeln. Das tut aber, so weit ich sehe, auf dem Lern- und Bildungssektor niemand. Es ist noch nicht einmal als Thema und Problemfeld präsent, weil hier eben keiner (so mein ewiger Refrain) das eigentliche Wesen der digitalen Netz-Medien und des Web versteht.

((Links folgen noch.))

 

P.S.

Solche “Ströme” können im übrigen auch an Orte gebunden sein, also „pervasive“ im engeren Sinn. Z.B. kann ich mich im Wartezimmer in einen medizinischen Lernstrom “einklinken”, oder beim Besichtigen von Venedig in einen kunsthistorischen Strom, oder beim Besuch eines Partnerunternehmens in einen fachbezogenen Strom von technischen Informationen. Diese Ströme können so etwas ähnliches wie Pandora-Kanäle sein. Ich wähle z.B. in Venedig zwischen mehreren „Kanälen“ (sic), die andere schon getunet haben, und mache dann einen zu meinem eigenen.

Entscheidend ist, dass die Inhalte ganz anders aufgebaut sind als in herkömmlichen “Guides” oder Lehrbüchern. Eher so etwas wie Highlights, die man sich in Kindle-Büchern markiert. Komprimierte Aussagen, an denen indirekt (oder auch konkret als Link) viel Weiteres dranhängt. Guides liefern dann Rohstoff für solche Partikelströme, die ich in meinen Mix hineinziehen kann, idealer Weise gesteuert durch adaptive Algorithmen, die auf meine Likes und Dislikes reagieren.

4 Antworten to “Pervasives Lernen”


  1. Das sich NIEMAND mit diesem Phänomen beschäftigt, würde ich nicht so sehen. Im Grunde funktionieren die Algorithmen von ZITE, Flipboard, scoop.it nach diesem Prinzip, selbst Udemy ein wenig und (Achtung!) Buzzfeed irgendwann später.

    Die Frage ist auch bei dir, warum jemand diese konkreten inhaltlichen Ströme „designen“ muss oder ob man diese Kompetenz nicht ans Individuum knüpft, das sich im RSS-Pull-Style seine situativen Themen selbst zusammen stellt.

    Das hat halt dann nichts mehr mit dem klassischen, fremdgesteuerten „LERNEN“ gemein, sondern gleicht eher dem selbstbestimmten Schwimmen im Strom. Und das wäre auch gut so.

    Von solchen Diensten bräuchte es mehr, da gebe ich dir recht – und bessere, auch kollaborativ sich entwickelnde Inhalte bräuchte es zudem, die nicht nur nach Aufregungsfaktor und damit Quote, sondern nach Qualität (wie messbar?) anteilig bezahlt werden müssten. Und vor allem: MIT denen man arbeiten könnte. Also weniger dieses Du Sender schickst mir Leser Deine Inhalte, sondern Du machst den Aufschlag, ich verwurschtel es zu was-auch-immer und der nächste darf daran weiter drehen usw. usf.

    Aber grundsätzlich gebe ich dir natürlich recht – im Ansatz😉

    • martinlindner Says:

      ich meinte: niemand im sektor bildung/lernen. es kommt im umfeld des nachdenkens über „adaptives lernen“ schlicht nicht vor.

      dass es webtools gibt, die teilaspekte davon isoliert möglich machen, stimmt. ich nenne ja selbst ein paar. aber ich würde daran festhalten, dass das nicht annähernd das leistet, was hier beschrieben wird.


  2. […] Eine dritte Dimension wäre durch die Endpunkte adaptives Lernen — pervasives Lernen gegeben. Diese beiden Positionen sind aber IMHO kein klares Gegensatzpaar. Alternative: Didaktisierung — Entdidaktisierung. Siehe dazu Martin Lindner: Pervasives Lernen […]


  3. […] Quelle: Martin Lindner – Pervasives Lernen […]


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