Bildung als Markt betrachten

7. Dezember. 2013

Das ist eine Antwort auf Andrea Brückens Post (hier). Am Wichtigsten finde ich Andreas Aufruf, Bildung mal konsequent von der Produkt- und Marktseite her zu betrachten, um klarer zu sehen. Es fließt ja Geld, und gar nicht wenig. Also gibt es einen Markt: Produkte und Services werden nachgefragt und sie werden verkauft. Eigentlich: mehrere sehr verschiedene Märkte, mit je eigenem Ökosystem. Warum weiß man über diese Märkte so wenig? Warum gibt es keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die das begleitet, durchsichtig macht, rationale Kaufentscheidungen und gute Businesspläne fördert?

Eine interessante Frage, und als Selbständiger, der sich in diesem Dickicht irgendwie durchschlägt habe ich darüber auch schon nachgedacht. Wichtigste Antwort: Weil zwar Geld fließt, aber es in Wahrheit keine ausgereiften, transparenten, rationalen Märkte gibt. Hier wird sehr viel Schlangenöl verkauft, vom E-Learning bis hin zu all den Trainings und Schulungen. Stichwort „Weiterbildungslüge“: Das meiste ist Mist.

Sehr viele Bildungsmanager (= Kunden) sind recht amateurhaft unterwegs: Sie wissen noch gar nicht genau, was sie eigentlich wollen sollen. Und es ist Glückssache, ob sie zufällig auf Anbieter treffen, die ihnen dabei helfen. Meistens wird gemeinsam drauflosgewurstelt, die Ergebnisse sind in der Regel nicht besonders gut, aber irgendwie geht es trotzdem immer weiter. „Bildung“ und „Lernen“ bestehen sowieso aus mindestens so viel Aberglaube und Vorurteilen wie die Schul- und Alternativ-Medizin. (Auch da fließt ja sehr viel Geld, aber auch da hat das fast nichts mit einem vernünftigen, ausgereiften Markt zu tun.) Alles was mit Bildung/Lehren/Lernen zu tun hat, wird eher von einem Beziehungsdickicht und sehr viel Zufall getrieben als von rationalen Entscheidungen.

Es stimmt, es gibt keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die diesen Markt begleitet oder auch überhaupt erst herstellt. Warum nicht? Weil die Akteure (Bildungsfirmen, Bildungsmanager, Antragsteller bei diversen Staatsknete-Projekten) gar nicht versuchen, ihre Standpunkte offen zu kommunizieren. Die meisten legen sich ja nicht einmal selbst gegenüber ungeschminkt Zeugnis ab. Niemand redet offen über Bildung als Markt, und inwiefern das legitim oder eben auch konkret erfolgreich ist. Man muss ich nur mal die Learntec vor Augen halten: Eine traurige Veranstaltung, sowohl auf der Konferenzseite als auch auf der Messe, bei der ich mich schon immer gefragt habe, wer von all den Ausstellern _wirklich_ Geld verdient, vom Nutzen für die Lernenden mal ganz zu schweigen.

Die Teilmärkte: Ich habe ja Einblicke in einige davon. Am meisten interessiere ich mich für den Bereich E-Learning bzw. das Weblernen, das hoffentlich E-Learning ablöst.

Mit wissmuth (Lutz Berger und ich, mit wechselnden Partnern) wollen wir ja Consulting und video-basiertes Weblernen in Unternehmen und Organisationen tragen. Dafür gibt es, gerade heraus gesagt, eben bisher keinen richtigen Markt. Aufträge kommen über Netzwerke zustande. Das ist nicht falsch, aber die Kunden sagen sich sehr selten: „Oh, da bräuchten wir jemand, der uns hilft, effektive web-basierte Wissens- und Lernprozessen zu konzipieren, entsprechende Projekte aufzusetzen und zu managen, die richtigen technischen Bausteine auf die richtige Weise zu kombinieren, uns zu helfen, mittelfristig Content nicht einzukaufen sondern selber aus dem lebendigen Prozess heraus hervorzubringen.“ Es wäre vernünftig, so zu denken, aber das macht keiner. Alle wursteln vor sich hin. Positive Ausnahmen bei den Dienstleistungsanbietern, die sich damit wirklich auf dem Markt halten, sind vielleicht Martina Göhring und Joachim Niemeier von Centrestage, aber die machen auch sehr viel Präsenz-Führungskräftetraining. (Das ist ein Markt.)

Beispiel: Web-Videos für Lernprozesse sind ein greifbares Produkt, ja, aber entweder gibt es jemand intern, der gern Handy-Filme dreht, oder man geht zur langjährigen Schulungspartner-Firma und fragt, ob sie das können (die in der Regel unzutreffende Antwort ist natürlich „ja“), oder man googelt und findet die SimpleShow (das wäre möglicherweise ein einigermaßen erfolgreiches Produkt?), oder man heuert einen Video-Filmer an, der eigentlich lieber TV oder Werbespots drehen würde. Letztlich ist das alles Zufall. Und hinterher prüft sowieso keiner, ob das wirklich Wirkung hatte.

LMS-Plattformen: Gut, das ist anfassbar, da wird gekauft und verkauft, und eine Firma wie Synergy Learning (Moodle-Dienstleister) behauptet sich da, wie auch fünf oder sechs andere. Riesensummen werden damit aber auch nicht verdient.

Produktmarkt Schule: Ja, da fließt schon Geld (für Schulbücher, Whiteboards und ein wenig für Hardware), aber Transparenz und nüchterne Bewertung desssen, was man dafür bekommt, gibt es auch nicht. Am ehesten macht David Klett so etwas wie „Blogger Relations“, wenn er sich auf dem Educamp der Diskussion stellt. Alles andere ist auch nur typische PR. Dazu kommen noch „Programme“, die natürlich auch Geld bewegen: So was wie Bayerisches Bildungsnetz oder die vielen MINT-Intitativen. Aber da ist die Transparenz-Lage eher noch schlimmer. Da will doch niemand wirklich ein echtes, nachdenkliches Gespräch in der Öffentlichkeit beginnen.

Produktmarkt Uni: Da geht es wiederum um all diese selbstzweckhaften, nach außen wenig wirkungsvollen Programme, die mal mehr (TU Graz, Leuphana) und mal weniger (meistens) sinnvoll sind. EU-Projekte natürlich, aber die schmoren auch nur immer im eigenen Saft, obwohl da gute Leute beteiligt sind. Neuerdings sind natürlich die MOOCs ein sehr interessantes Feld, auch als Markt (von dem noch gar nicht klar ist, ob es ihn gibt und wie er aussieht). Vielleicht entsteht hier so eine Diskussion, die Bildung nicht nur als edle Veranstaltung, sondern eben auch als Quasi-Geschäft analysiert, im Guten wie im Schlechten. Man könnzte mal ernsthaft mit Bertelsmann & Co diskutieren, aber bis jetzt gibt es von denen nur heiße Luft und von unserer Seite weltanschauliche Abscheu.

„Findet Ihr, dass BloggerInnen aus dem Bereich Bildung im Sinne der Blogger Relations nützlich sein können? Wenn ja/nein – für wen – warum / warum nicht?“

Für wen denn? Wer wäre denn Kandidat dafür, in die Öffentlichkeit zu gehen und für das eigene Produkt Aufmerksamkeit schaffen zu wollen? Vielleicht am ehesten eine Firma wie iVersity, die neue deutsche MOOC-Plattform, aber die haben noch gar kein Geschäftsmodell, sie erhoffen es sich nur. Oder eben Bertelsmann. Umgekehrt: Es ist noch nicht gelungen, eine Blogger-Öffentlichkeit für Bildungsthemen zu schaffen, die sich quasi selbst trägt. Da wäre v.a. Jöran Muss-Merholz, Anja Wagner und Guido Brombach, dazu Cornelie Picht, Jasmin Hamadeh und noch ein paar der üblichen Verdächtigen, auch Jochen Robes, bei manchen technischen Themen auch die Web 2.0-Lehrer aus dem Educamp-Feld, aber es verzettelt sich alles noch irgendwie. (Bei mir am allermeisten.)

Als erstes müsste man wohl versuchen, ein ungeschminktes Bild des Marktes zu zeichnen, oder dieses verfilzten Unterholzes von vielen kleinen, prekären, sich in die Tasche lügenden Märkten. Wer hat denn hier wirklich welche schmerzhaften Probleme, für die dann Geld eingesetzt wird? Und was hilft da wirklich, und vor allem: was hilft alles nicht?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: