Cloudwriting: Schreiben in der Wolke

23. Februar. 2010

„… wie ein Flugzeug hoch über dem Strand, das mit weißem Rauch ‚Ambre Solaire‘ in den blauen Himmel schreibt …“ (Stevan Harnad, 1990)

Google Galaxis

Schreiben im Internet, so beschrieb es Stevan Harnad 1990 und noch einmal 2002, ist gedankenschnelles Himmelsschreiben, Skywriting. Eine Form, die das beste aus beiden Welten vereint: den schnellen mündlichen Austausch und die Dauer der Schrift. Seitdem hat sich das noch einmal massiv gewandelt. Nennen wir es Cloudwriting, was wir in der Google-Galaxis gerade erleben, mit Blogs, Wikis, Twitter, Etherpad, Wave und Buzz und all den unzähligen raffinierten Schreibumgebungen, die die kambrische Explosion des Web 2.0 beinahe täglich neu hervorbringt.

Schreiben in der Wolke, das ist ein Wechsel des Aggregatzustands: Keine Lettern mehr, die Zeichen ins Papier pressen. Keine Schreibmaschine, kein Linotype. Keine rasenden Rotationsmaschinen mehr, die ganze Seiten flüchtig auf Papierrollen drücken. Nicht einmal mehr Photokopierer, die heißen Toner aufs Papier hauchen. Eine unabsehbare globale Wolke aus immer kleineren digitalen Textstücke, die immer schneller zirkulieren, durch die Grenzen der indviduellen Bewusstseine hindurch. Ein intellektueller Klimawandel: Der Golfstrom verlagert sich, Gletscher schmelzen, Wüsten breiten sich aus, Katastrophen nehmen zu. Kreaturen werden aus dem gewohnten Lebensraum vertrieben.

Schreiben im Web hat nichts mehr zu tun mit Büchern, Aufsätzen, mit virtuellem Papier. Das sind Phantome, die wir als Hilfskonstruktionen mitschleifen. Unwillkürlich betrachten wir zum Beispiel Blogs immer noch als eine Abart des Tagebuchs, als eine defizitäre Form von richtigen, fertigen, redigierten, gedruckten, ordentlich veröffentlichten Texten. Aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum: Virtuelle Papiertexte sind eine defizitäre Form von Webtexten. Wobei wir erst nur ahnen können, welche Strukturen sich gerade auszubilden im Begriff sind: Nach Gutenberg, nach Goethe, nach Schirrmacher.

Das ist, natürlich, eine Kulturrevolution. Wir sind mittendrin, und die Folgen sind nicht abzusehen. Aber man kann versuchen, die Urerfahrung zu fassen. Was ist das eigentlich: „Text im Web“?

Mikrotext

Die Urerfahrung des Web ist es, immer nur einen Mikrotext auf dem Schirm zu haben. Mikrotext: eine entfaltete Idee, jetzt und sofort, auf einen Blick, in einer Aufmerksamkeitsspanne. (Solche Texte können auch Bilder enthalten oder sogar hauptsächlich aus Bildern bestehen, oder auch aus Filmclips und Sprachclips. Immer aber sind es Texte in einem grundsätzlichen Sinn: Gewebe aus Zeichen, eingebettet ins Schriftgewebe.)

Der Mikrotext steht für sich und ist zugleich Teil der großen Wolke, die selbst aus unausschöpfbar vielen, nebeneinander liegenden Mikrotexten besteht. Der Mikrotext ist nicht mehr Teil eines größeren Textes. Umgekehrt: Was früher ein geschlossener Makrotext waren, erscheint im Web tendenziell als Ansammlung von Mikrotexten. Eine kleine, etwas dichtere Textwolke innerhalb der großen Webwolke.

Der zentrale Modus des Zugriffs auf Mikrotexte ist die Suche. Von der Websuche gefunden werden immer Mikrotexte. Google fungiert dabei als Shredder für herkömmliche Makrotexte: Gezeigt wird jeweils ein Schirm voller Hinweise auf Mikrotexte, die vertreten sind durch kleinstmögliche Textausrisse und Überschriften. All die Zwischenstrukturen, die diese Mikrotexte zu reihen und zu ordnen vorgeben, werden in der Logik des Web tendenziell unwichtig und bleiben jedenfalls immer nur vage und sekundär: das Dokument, die Web-Seite, das Messageboard …

Zeichen wollen zirkulieren

Zur Urerfahrung gehört zweitens der gedankenschnelle Wechsel zwischen Lesen und Schreiben im Read/Write Web: Suchen, lesen, schreiben. Beim Schreiben den eben geschriebenen Text lesen, den Text mit einem Klick in die Wolke verschieben, dort einen Augenblick später den öffentlichen Text lesen, der einem schon nicht mehr gehört. Dann Weiterlesen als Springen von Text zu Text, Weiterlesen, Weiterschreiben, und so weiter, und so fort. Was früher „Publizieren“ hieß und eine umständliche, seltene und mit vielen soziokulturellen Hürden versehene Aktion war, ist nun so etwas wie eine schriftliche Äußerung, eine Äußerung, die sich sofort als Text verselbständigt.

Und zu dieser Urerfahrung gehört drittens schließlich die ständige Spirale aus Aneignen und Preisgeben. Die Grenze und damit die „Autorschaft“ der Mikrotexte verschwimmt im gedankenschnellen Wechsel zwischen Lesen, Schreiben und Äußern. Das Markieren und Ausschneiden, das Sammeln und Taggen, das In-den-Ausschnitt-hinein-schreiben, das schnelle Zurück-Äußern des umgeformten Textes … Es erinnert daran, wie früher mündliche Gruppenkommunikation funktionierte, aber nun eben mit Schriftstücken anstatt von Gesprächsfetzen. Die resultierende Verräumlichung macht einen entscheidenden Unterschied: Verselbständigung, Dauer, Vernetzung, Verdichtung, Anreicherung.

Die Zirkulation von Webtexten hat am ehesten Ähnlichkeit mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts: Ein angeregter mündlicher Austausch von allen mit allen, bei dem jede/r bemüht ist, geschliffene Worte und Sätze ins Spiel zu bringen. Reden wie gedruckt. Geistreiche Sätze, die Eindruck machen, eignet man sich an, um sie an anderer Stelle selbst zu verwenden, mehr oder weniger umgeformt, oder um daran mit eigenen Texten anzuknüpfen. So wächst im Lauf eines Abends über den Köpfen der Gesellschaft eine Wolke von geschliffenen Sprachstücken, die aktuell im Spiel sind. Impulse und Kettenreaktionen. Ein Prozess der Anreicherung. Und dann abends, nach der Rückkehr von der Gesellschaft, allein am Schreibtisch, wurden die Mikrotexte, die den meisten Eindruck hinterlassen haben, ins Journal geschrieben, um sie sich weiter zur Verfügung zu haben. Gelegentlich fanden sie Eingang in Briefe, Feuilletons, Bücher, und von da aus wieder zurück in die Salons, und so weiter, und so fort.

(Interessante Frage: Wie sah die Zirkulation von Texten/Ideen in den alten elektronischen Medien aus, also im Kontinuum aus TV, Radio und den telefon- bzw. fernschreiber-getriebenen Printmedien?)

To be continued. Am liebsten würde ich ja ein Buch darüber schreiben.

15 Antworten to “Cloudwriting: Schreiben in der Wolke”

  1. Janet Clarey Says:

    Yes, please write the book.

    • MF Says:

      Mikrotext: what is that? When does it stop and start being a (micro-)text? Is the exclamation „This is an Ex-Parrot!“, taken out of context, a micro-text in its own right? If not, what’s missing to make sense of it?

      I hold it with Frege that the sense of a proposition’s components somehow adds up to the sense of The Whole. The Whole is always one coherent fragment of discourse or reasoning that stands for one coherent thought. We need to figure out the minimum and maximum bounds of what constitutes a coherent THOUGHT.

      I think it should be a sentence/proposition (in case of the minimum) and the paragraph (in case of the maximum). For practical purposes, focusing on the paragraph may be the right thing to do. (Paragraphs can be discerned both in spoken and written language).

      Things get interesting (i.e., complicated) if one focuses on the paragraph as the container for any real thought: how does a paragraph-level thought tie in with its paragraph-level sibling thoughts (sequential ordering)? How does it tie in with its ancestor and descendant thoughts (hierarchical ordering)?

      We won’t be able to process (humanly or with machines) any of this we-can-all-of-a-sudden-publish-anything-that-comes-to-mind-in-an-instant bullcrap that we currently see on fb, youtube, buzz, you name it, in its typical non-sequitur (lack of) quality content, unless we figure out (and educate ourselves, or at least our kids, on) how to structure units of meaning and thought (and, again, humanly or with machines).

      The secret to making a future web 99-point-oh really usable is to encourage everyone to write in an educated, structured way.

      The good news is, all those machines force us to think about whether we’re actually _saying_ anything.

      M.

      • martinlindner Says:

        Danke, mf. Tatsächlich steht hier ja leider noch nicht viel Neues, verglichen mit dem, was wir vor Jahren in mediatope I schon versuchsweise in die Wolke schickten. Aber hier ist es immerhin mal so komprimiert und strukturiert, dass man damit arbeiten kann. Was für den hier angestrebten Typ von Diskurs nötig ist.

        Um einen Baustein zu gewinnen, versuche ich mal, deinen Kommentar hier geringfügig interpretierend einzudeutschen. Und ich hoffe, ich komme dazu, diese Überlegungen auch noch in Englisch hochzuladen. Überhaupt: „Hochladen“ scheint mir übrigens wirklich eine gute Metapher für das, was man mit Texten in der Wolke tut. Die Wolke aufladen, solange, bis Kettenreaktionen passieren, die auf vielen sehr verschiedenen Ebenen liegen können.

        Deine (und meine) Kernfrage ist ja: „Was ist ein Mikrotext?“

        Also erstmal: Was ist ein Text? Das verschiebe ich jetzt auf einen anderen Blogpost, weil ich dazu irgendwo Notizen habe und weiß, dass ich das für mich mal beantwortet hatte. Was interessanter Weise gar nicht so einfach war – auf der Ebene, die mich interessiert, wurde der Begriff von meinen Kirchenvätern als überraschend unproblematisch gesetzt und verwendet.

        Du fragst dann: Wenn es so eine elementare Einheit von digitaler Schriftsprache gibt, wann hört das auf, ein für sich stehendes, elementares Etwas zu sein, und wird zu einem ganz ganz kleinen Text im herkömmlichen Sinn?

        Dann kommt notwendige Verbindung zwischen Text und „Thought“. Die Angelsachsen, wie z.B. David Weinberger, benutzen da ja gern auch „Idee“ dafür. Weiter unten in dem Blog habe ich mich mal dem Begriff „Mem“ genähert, jenseits des dubiosen Bio-Kognitivismus. Für mich ist das alles ja insofern schwierig, weil ich „Text“ viel greifbarer finde als „Gedanke“ und/oder „Idee“. Irgendwo habe ich auch mal kurz zu „Inner Speech“ recherchiert.Ich würde das eigentlich eher erst mal einklammern, in der Black Box lassen und ersetzen durch eine Beschreibung von außen, die erst da einsetzt, wo etwas Greifbares ist: eine Äußerung. Etwas, das man „aufnehmen“ kann (mündlich) bzw. etwas, das aktiv „geschrieben“ wird, wobei auch hier die Grenzen verfließen.

        „Is the exclamation ‚This is an Ex-Parrot!‘, taken out of context, a micro-text in its own right?“ Hm, hier und in der Folge verwendest du „Satz“ und (mehr noch) „Proposition“ für die elementaren diskursiven Einheiten. Das würde ich, hier Foucault in der „Archäologie des Wissens“ folgend, eben genau nicht tun. Dort grenzt er ja die kulturell nicht-intuitive, aber u.E. fundamentale Einheit der „Aussage“ ab gegen „Satz“, gegen „Proposition“ und gegen auch gegen „Sprachspiel“. Ich übersetze seine „Aussage“ („enoncé“) ins Englische immer mit statement-event, weil sie das Ereignis und zugleich die Spur meint. Beides ist nicht zu trennen. (Lebendige Aussagen liegen für den Historiker meistens schriftlich bzw. medial fixiert vor, d.h. als Sediment.)

        Ich stimme dann zu, dass wir für die Praxis nicht allzusehr mit der kleinstmöglichen Einheit aufhalten müssen. Das ist mehr ein scholastisches Vergnügen, dem Foucault ja auch ausführlich nachgeht. De facto und in der Regel haben wir es mit Sätzen zu tun, einer oder mehrere, und diese Sätze müssen wir irgendwie als „Aussagen“ begreifen. („Proposition“ sind dann auch nur logische Konstrukte, die aus Aussagen und Texten herausziehen kann, was wir in der strukturalen Textanalyse immer ausgiebig gemacht haben.)

        „We need to figure out the minimum and maximum bounds of what constitutes a coherent THOUGHT.“
        Wenn wir Gedanke, Proposition und Aussage mal für diese Zwecke als austauschbar betrachten, wie wir glaube ich dasselbe wollen: Ja. Auch da würde ich, also das „ich“ das sich in diesem Blog, in die Existenz schreibt, zurückgehen auf die „Meme“ bzw. auf „Momente“. (Wobei ich da schon wieder in die Black Box zu schauen versuche😉 .)

        Hochinteressant natürlich, aber wenn wir hier bei „Texten“ bleiben, die etwas Äußerliches sind, finde ich deinen zweiten Vorschlag hilfreicher, den „Paragraphen“ zu nehmen. Also vermutlich eine Einheit, die im Makro-Text als „diskursiver Flow“ markiert ist, im Sinne einer Leseanweisung. „Nimm das hier als einen diskursiven Flow.“ Und das kann man beim Textverfassen natürlich sehr unterschiedlich akzentuieren. Foucaults Text hat sehr lange Paragraphen🙂

        Hm. Nein, ich glaube ich würde aus vielen Gründen nicht einfach „Mikrotext“ und „Paragraph“ gleichsetzen. „Paragraph“ ist ja ein Begriff aus dem Makrotext-Paradigma. Aber natürlich gibt es Überschneidungen. Im Blogpost habe ich ungefähr so was gesagt wie: Im digitalen Zeitalter tendieren Paragraphen (in herkömmlichen Makro-Texten) dazu „Mikrotexte“ zu werden oder zu sein. Small Pieces Loosely Joined.

        Diese theoretischen Bedenken beiseite, finde ich es hochinteressant, sich anzusehen, was gegenwärtig in der digitalen Textwolke mit „Paragraphen“ passiert, tendenziell wohl auch mit den auf Papier gedruckten. Und natürlich lassen sich daraus Rückschlüsse auf „Mikrotexte“ ziehen, wenn wir einmal annehmen, dass es sowas gibt.

        Jetzt folgt das Problem der Verkettung von relativ in sich geschlossenen Sinn-Einheiten: Also die Verkettung von Paragraphen, aber auch die Web-Hypertext-Verkettung von Paragraphen (und „Textstellen“ überhaupt) in Form von Links. Und diese Verkettung findet einmal statt in „real thought“ und zum anderen eben in einer Form von sekundärem Text-Gewebe, das quer liegt zu den sich als Einheit präsentierenden Makro- und auch Mikrotexten. Da sind wir jetzt irgendwo bei Foucaults Analysen von „Diskursfeldern“ und „Aussagefeldern“, aber natürlich auch bei der guten alten postmodernen Intertextualität, die schon OK ist, aber mich im Moment weniger stark interessiert. Müsste man aber alles genauer herausarbeiten.

        Nächste kernfrage: Wie soll man den „we-can-all-of-a-sudden-publish-anything-that-comes-to-mind-in-an-instant bullcrap that we currently see on fb, youtube, buzz, you name it“ (ich freu mich immer sehr über deine grumpy old man-Attitüde) prozessieren, menschlich und maschinell, und vor allem cyborghaft oder besser menschmaschinell? Das ist ja genau das, was im text-fanatischen „Web 2.0“ gerade passiert, würde ich sagen. Klar haben Carr, Schirrmacher und Flatscher irgendwo damit recht, dass hier diskursive Komplexität verloren geht, dass wertvolle Modelle der kollaborativen Herstellung von Gedankengebäude gerade im Staub versinken. So richtig schlimm finde ich das trotzdem nicht, wenn ich in mich hineinhorche. Das ist meine kindliche McLuahneske Seele. Ist ja aber auch völlig egal, wie ich das finde: Es passiert eh.

        Ja, stimmt, wir müssen uns und die Leute dazu zu bringen, sich auf geeignete Weise schreibend und in anderen Web-Mikoformaten zu äußern. Neue Formen und Kulturtechniken finden, wie wir dichte Bedeutungsfelder und Gedankenketten herstellen können. Ausprobieren, basteln, forschen, vormachen.

  2. mf Says:

    Taking the uploading metaphor further, I’m trying to _charge_ the „cloud“ (which I still dislike as a metaphor, and, most likely, always will), in hopes that I’ll see more lightning (and thunder).

    Quote, „Für mich ist das alles ja insofern schwierig, weil ich “Text” viel greifbarer finde als “Gedanke” und/oder “Idee”.“
    I think that’s a mistake: „text“ is always a human artifact (or, if you will, a manifestation–in OO programming terms, an instance; in the case of soundwaves, an act and a physical event involving sound waves; in the case of the printed word, a sequence of physical representations of phonemes as graphemes, at least for the Latin alphabet.) In short, a materially manifest sequence of what you call „Äußerungen“ (or a sequence thereof).

    Re those Äußerungen (Foucault’s „statements“ or „énoncés“): the way I understand Foucault, he proposes a radically contextualist program, where not only the truth value of a statement (don’t see a reason not to substitute ‚proposition‘, by the way), but also the _meaning of its components_ are determined by any antecedent statements in the loosely associated web of discourse their utterances occur in.

    HOWEVER, history of science teaches us that knowledge derived from world-level observation _always_ overrides natural-language semantics. Scientific discoveries change the meaning (and truth value) of theories and lemmata all the way down to propositions. (Think William Harvey for an example.)

    The other way around (theoretical propositions changing what can be discovered) is _not_ the rule, and has been shown to fall apart repeatedly in the face of discovery. (That’s what we mean when we say „scientific progress“.) The Sapir-Whorf language handicap is a mere restraint, NOT an embargo or limit to thought. It may make us dumber than we should be by biological standards, but it won’t get us trapped. („Ein Bild hielt uns gefangen“ (Wittgenstein, PI 115) does NEVER happen long-term.)

    Foucault is wrong about his interpreation of contextualist speech act theory: real-world evidence _can_ override assumed knowledge gained from discursive practice alone. The whole postmodernist school misunderstood the significance (probably the meaning) of the term „linguistic realism“. It’s a print-culture problem. You won’t encounter a lot of people working in labs believing in the humanist deluision that written (or spoken) utterances determine truth values in all eternity.

    In those same realist terms, and using your terminology, the meaning of the historical „sediment“ we’re dealing with never changes; our interpretations and assumptions about the meaning of that sediment may very well change over time, though. But saying that the meaning of an utterance (sentence, proposition, theory, text) changes depending on the contextual information wrapped around it does not mean that it could mean _anything_–it just means that there are certain constraints to what is thinkable to someone operating within the limits of one particular discourse. (A two-thousand-year tradition of Christian hermeneutics struggling with the impossible should have taught us that lesson.)

    All this being said, I think the following remains true:

    . A proposition’s components (be it phrases or words) may _designate_ or _index_ things, but they can’t _mean_ anything in the sense that the joining of a subject with a predicate in a traditional proposition does, be it by implication.
    . The smallest unit of a coherent thought must be the proposition (or sentence). (That would be a tweet, wouldn’t it, in dwindling present-day web-two-dot-oh fad parlance.)
    . The proposition is usually most interesting when it ties in with other propositions, whether it originates from the same creator or not.
    . Propositions become most interesting when they can be tied in to what we traditionally refer to as „paragraphs“ (written or spoken; „paraphones“ doesn’t seem to work the same way for the phonetic level that it does for the graphemic level), a unit of text where each immediate component is linked to its preceding or following siblings by a relationship that is, in essence, either causal, consequential, or temporal.
    . Paragraphs (alternative: arguments?) become most interesting when they can be tied in to what we traditionally refer to as „texts“.

    It seems to me like the interesting bit is giong to be how to join propositions manifested by various people that are loosely associated by their utterances into one coherent whole, and how to derive the equivalent of paragraphs into texts on a collective level.

    All of which is too simple-minded for your taste, I’m sure. But keep charging the cloud, please.🙂

  3. martinlindner Says:

    have to think about that (in the form of a virtual paper text, probably.) just a quick one:

    „The smallest unit of a coherent thought must be the tweet.“ i will use this as a quote from now on.

    „It seems to me like the interesting bit is going to be how to join propositions manifested by various people that are loosely associated by their utterances into one coherent whole, and how to derive the equivalent of paragraphs into texts on a collective level.“

    yes, exactly.

    something like that has always happened, of course, in some ways, at the level of culture („discourse“), and at the level of solipsistic knowledge work of the „author“ of old, sitting inmidst a labyrinthian pile of notes, single pages, sketches, bookmarks, and stuff …

    this won’t do away with crystalized macrotext. it’s just that the middle layer of fixed text is becoming much thinner and much more ‚cloudy‘ in itself. and at the same time the basic layer of ‚enoncés‘ is becoming more real, more object-like, something to reflect on and to build on. consequently the same things happens with the collective cloud layer of the discourse, or discoursive field: formerly vague patterns become much more visible, more graspable.

    that i’m not able yet to really build something bigger out of the abundance and richness of all these new elements is another thing.


  4. Hallo Martin

    Ja bitte schreib das „Buch“ aber bitte in der Wolke. Warum überhaupt ein Buch, dein Blog hat doch viel mehr Potential?! Und noch eins: Schirrmacher im gleichen Atemzug mit Goethe zu erwähnen, ist dann doch etwas zu viel der Ehre für uns ehemaligen Germanisten🙂

    • martinlindner Says:

      Das waren zwei versteckte selbstironische Scherze, wobei der mit dem Buch ernst gemeint war: Ab einer bestimmten Komplexität einerseits und Idiosynkrasie andererseits braucht man das Spielfeld, wo man aus dem Baukasten von Argumenten, Metaphernn und sonstigen rhetorischen Figuren ein Gebäude errichtet. Aber ja, natürlich sollte man das Manuskript in der Wolke schreiben, Stück für Stück. Am besten z.T. im Blog hier, vielleicht dann „dahinter“ stehende längere Passagen in ein Wiki stellen.

  5. erz Says:

    Du überbewertest den textuellen gegenüber dem hypermedialen Aspekt von Internettexten. Kontextualisierung zum Beispiel (und spätestens hier wird Bedeutung zu mehr als nur dem propositionalen Gehalt von truth-conditional semantics) folgt je nach Medium anderen funktionalen constraints. Viele dieser Besonderheiten, die du in „the cloud“ verlagerst, werden in der Hypertexttheorie doch schon lange als Spezifika des Mediums (das nicht digital sein muss!) beschrieben.

  6. dot tilde dot Says:

    bei bolano ist der himmelsschreiber böse subversiv. der roman wiederum ist das aufgeblasene letzte kapitel einer fiktiven literaturgeschichte.

    amüsanter zufall.

    .~.


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