Mikrotexte, Echtzeittexte (Bernd Graff über Twitter)

16. März. 2009

Das ist glaube ich das erste Mal, dass ich einen Artikel des Web-Kulturkritikers der SZ, Bernd Graff, nachdenkenswert finde. (Link) Er geht aus von Winnenden und Twitter und markiert den revolutionären Übergang zwischen zwei Text-Kulturen:

„Wir erleben eine Revolution im Statut des Textes und folglich eine Redefinition dessen, was Information ist und sein kann. … Es dringt also in nie dagewesenem Maß Zeit in diesen Welt-Text ein [gemeint ist die Gesamtheit der Twitter-„Echtzeit-Texte“; M.L.], reine ungefilterte Gegenwart, die gewissermaßen als Beschleunigungspartikel in die Wortzwischenräume fährt.“

Das bedeutet:Im Gegensatz zu den Texten unserer herkömmlichen Schriftkultur, die Graff etwas sehr pauschal als „zeitenthoben“ charakterisiert, sind die Texte des Web dynamisch (sie ähneln quasi eher den Konversations-Statements auf einer Party, nur eben schriftlich) und sie sind, wie Graff richtig erkennt, wesentlich Verweise: „Nie zuvor rückte die Zeichen- und Symbolhaftigkeit der Texte so dominant vor ihren Inhalt.“

Aber das ist natürlich generell so bei Texten, bei Zeichen und bei Geld: Wo kommt das Spiel der Verweise zur Ruhe? Wann ist da endlich wirklich Realität? Endlich kein Zeichen mehr, kein Gerede? Ja eben: Wenn einer Menschen abknallt. Wenn ein Flugzeug (fast) verunglückt. Deshalb ist das große Twitter-Web-Laborexperiment so fasziniert von diesen Echtzeit-Katastrophen, als „wirklicher“ Anlass für eine eigendynamische und selbstbezügliche Welle von Mikro-Kommunikationen.

Sehr lustig ist dann die kulturkritische Wende, die Graff, wie immer dabei auch Nick Carr zitierend, sich dann doch nicht verkneifen kann: Sofort schreibt er (unabsichtlich?) die schönste 1930er-Jahre-Innere Emigrations-Prosa:

„Der Essay, der Leitartikel, der Kommentar, das Dossier als Medium für Reflexion, jenes Zurückbeugen und Innewerden der abendländischen Philosophie, sind eben nicht mehr die ultimativen Formen des sich selbst vergewissernden Denkens und Erlebens.“

Sakradi. „Jenes Zurückbeugen und Innewerden“ in der zeitlosen SZ, Heribert Prantl, Aristoteles, Bernd Graff, Peter Handke, Karl Jaspers. „Wenn Zeit für diese Texte eine Rolle spielte, dann als Anlass zu Versenkung und Wiederholung, zum Innehalten und zur Einprägung.“

Vorbei.

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