Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte.

14. März. 2009

Kompakt-Definition vorab: Ein „Text“ ist ein festgestelltes Schriftbild, in das nicht-sprachliche grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können. Das heißt eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen: (a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit, (b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit „Einheit“ wird), (c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit. [Ausführliche und erläuterte Version unten, die numerierten Paragraphen.]

Das Web besteht aus Microcontent, „meme-sized information chunks“. Und dieser Microcontent ist zuerst einmal Text. Nicht Bilder, nicht Sätze, nicht Multimedia, nicht Code, sondern Text. Das Problem ist nur, dass der Begriff „Text“ eigentlich nicht gescheit definiert zu sein scheint.

Ich bin von Haus aus Literaturwissenschaftler, und in meiner Sekte der „strukturalistischen Textanalytiker“ (vgl. Präsentation hier, pdf, 4 MB) war „Text“ der zentrale Begriff. Aber wir mussten uns anscheinend (?) eigentlich nie Gedanken machen, was „der Text“ als Gestalt ist. Es waren ja immer schon schriftliche Einheiten da. Was wir gemacht haben, war zu sagen: „Das ist mir jetzt erst mal egal, ob das ein Roman ist oder ein Gedicht oder ein Tagebuch oder eine Rede von Bismarck oder ein Zeitungsartikel. Das ist alles zuerst einmal ‚Text‘. Und ‚Texte‘ kann man nach einheitlichen Regeln analysieren.“ Es gab also eine impliziten Begriff, das schon. Aber eine brauchbare Definition des Textes als semiotische Oberflächen-Einheit?

Das Web ist nun dasjenige System von öffentlicher Schrift, für das uns unsere alten bourgeoisen Literatur-Genres nicht weiterhelfen. („Ein Blog ist ein Tagebuch“, „digitale Tageszeitung“, „Hypertext-Roman“ … das alles geht nicht mehr.) Das Web besteht aus Text. Punkt. Und ja, es entstehen eigene Textsorten und Genres, und früher oder später werden wir sie vernünftig benennen können. Aber zuerst einmal sollte ich herausfinden, was „Text“ überhaupt ist. Um dann sagen zu können, was sich geändert hat, wenn digitale „Mikrotexte“ dominieren, statt Buchkultur und elektronisch-medialer TV-Mündlichkeit.

Ich kenne wie gesagt keine konkret brauchbare Definition des Textes als Gestalt. Es ist mir peinlich, das zuzugeben. Wahrscheinlich gibt es welche, und ich kenne sie nicht, obwohl ich sie weiß Gott kennen müsste. Ich meine hier das, was Kristeva Pheno-Text nennt. Es scheint, dass Kristeva, Eco und Barthes immer schon über diese gegebene oberflächliche Form des (Makro-)Textes hinauswollten, wenn sie den Begriff „Text“ gebrauchten. Diese Definitionen sind immer schon Dekonstruktionen. Die Kettenreaktionen, die Semiose, die dynamische Herstellung von Bedeutung. Alles interessant, aber von komplexer Bedeutung rede ich hier noch gar nicht. Erst einmal muss ich wissen, was das ist: „Text“, als greifbare Einheit. Die relevanteste Definition, die ich gefunden habe, ist natürlich von Jurij Lotman:

„Der Text versucht gleichsam ein ‚großes Wort‘ zu werden, mit einer einzigen Bedeutung.“ „[Ein Text ist] eine isolierte, in sich geschlossene Zeichen-Formation, mit einer einheitlichen und unzerlegbaren Bedeutung und einer einheitlichen unzerlegbaren Funktion“ [im einem größeren Kommunikations-system]. (Yuri M. Lotman 2001, Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. London, New York: I.B. Tauris, S.47; meine Übersetzung)

Das ist schon richtig, aber es ist mir noch zu verschwommen. Es reicht mir nicht, wenn ich das Web beschreiben und verstehen möchte. Deshalb hier mein eigener Anlauf, extrem provisorisch natürlich. In einem Anlauf hingeschrieben, als Selbstverständigung. (Jede Kritik, jeder Hinweis auf vorhandene gute Definitionen ist willkommen!) Also:

1. „Text“ ist ein festgestelltes Schriftbild, in das grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können.

2. Text ist eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen:
(a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit,
(b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit „Einheit“ wird),
(c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit.

3. Text ist in der Regel schriftlicher Text, d.h. visualisierte und abstrahierte Sprache.

Man kann von „Texten“ im weiteren Sinn da reden, wo mündliche Sprache mehrere der obigen Merkmale annimmt.
(Der „Leserblick“ entspräche dann einer besonderen Form des „Hörergedächtnis“: Speichern von verselbständigten, intersubjektiv bestätigten bildhaft-rhetorischen Einheiten.)

Man kann von „Texten“ im weiteren Sinn auch da reden, wo „Bildsprache“ sich formalisiert und ihren Einmaligkeitscharakter verliert. (Wenn Bilder/Filme mehr gelesen als gesehen werden. Hier wäre der Bildcharakter der Aussage gegeben. Dafür fehlt die Abstraktion der Sprache.)

4. Das Web besteht primär aus Mikrotexten. Text in Microcontent-Form („Mikrotext“) ist dann ein Text, der eine Aufmerksamkeitseinheit in Anspruch nimmt, d.h. einen in sich geschlossenen sinnhaften Moment in der Kognition des Lesers (bzw. des Schreibers-als-Selbstlesers). Ein Leser-Moment kann zwischen ca. 30 Sekunden und ca. 5 Minuten umfassen.

5. Die bourgeois-industrielle Kultur bestand primär aus Makrotexten. Makrotexte sind geschlossene Einheiten, die nur sehr schwer als Ansammlung von Mikrotexten aufgefasst werden können. In der Praxis handelt es sich um präfigurierte Kettenreaktionen von dicht gepackten, unselbständigen Semi-Mikrotexten. Aus diesen Semi-Mikrotexten kann durch Auskoppelung ein vollgültiger Mikrotext werden („Geflügeltes Wort“ usw. was viel leichter aus Dramen und Gedichten geht als aus Prosa.)

6. „Hypertext“ ist ein statischer Begriff. Ein eingefrorenes System vernetzter Mikrotexte. Ein historisches Übergangsphänomen. In Wahrheit geht es um Zirkulation durch Vernetzung, nicht um Vernetztheit an sich. Zirkulation setzt Vernetzung voraus, aber Vernetzung impliziert nicht Zirkulation.

(Die Zirkulation beim statischen Hypertxt wäre der dynamische Fluss der Gedanken durch den Kopf. Aber das funktioniert eben de facto nicht: Niemand hat je statische Hypertexte gelesen. Sonderfälle sind Enzyklopädien und Gebrauchsanweisungen.)

7. Sekundäre Mündlichkeit (mündlich, elektronisch-analog-medial, digital)

Text ist Schrift. In einer Text-Welt verändert sich aber auch der Charakter von „Mündlichkeit“, wie Walter Ong feststellte.

Ein mündlicher Mikrotext wäre dann eine Aussage, die bildhaft „vor Augen steht“, sich „ins Gedächtnis einbrennt“ usw. Er ist wiederholbar, er löst sich ab vom Sprecher. Ein Textbild quasi, nicht wirklich ein Schriftbild. Proto-Schrift: Ein „Gedicht“. Ein Vers aus dem Nibelungenlied. Ein Zauberspruch. Rhetorische Formeln, rhetorische Bilder. Entstehen logischerweise leichter in der sekundären Mündlichkeit von Schriftkulturen. Die Mündlichkeit von Literaten.

Elektronisch-medialer Mikrotext ist eine mündliche Aussage, die „aufgenommen“ und dadurch festgestellt, d.h. texthaft geworden ist. Das verändert auch dann ihren Charakter, wenn sie „spontan“ hervorgebracht und de facto gar nicht gespeichert wurde (im Fernsehen, im Radio, auf Tonband). Mündliche Aussagen in elektronischen AV-Medien haben einen eigentümlichen Text-Charakter. Sie sind wirklich „Textbild“. Das Verhältnis von Schriftlichkeit und elektronischer Medialität wäre zu reflektieren. (Beides verselbständigt sich gegenübe rMündlichkeit.)

8. Text-Welten: Spannung zwischen Schriftlichkeit, Mündlichkeit, elektronischer Medialität und digitaler Medialität seit ca. 1850

(a) Text-Welt 1: Bourgeoise Gutenberg-Galaxis. Massenhafte und schnell herstellbare Druckschrift, die Mündlichkeit von Literaten. Reden wie gedruckt. Briefe die das eigene Leben literarisieren. Abgespalten ist die nicht-literarische Mündlichkeit. Zugleich bildet sich durch den elektronisch und maschinell beschleunigten Druck (urbane Massenpresse) ein neuartiges System von flüchtiger und zirkulärer Schriftlichkeit.

(b) Text-Welt 2: Gespaltene Welt aus bourgoiser Gutenberg-Galaxis, elektronisch-mündlicher TV-Galaxis und semi-elektronischer Presse-Zirkulation. Die Alltags-Mündlichkeit wird stark beeinflusst von Medien-Mündlichkeit. Auch die Schriftlichkeit nimmt elektronisch-mündliche Züge an (Massenpresse, Beat/Popliteratur). Die urbane Massenpresse wird immer stärker und dominanter. Auch dort gibt es eine frühe Form von „Mikrotext“ (McLuhans „Mosaic“, Zirkulation von „News“, auch von weltanschaulichen Fragmenten).

(c) Text-Welt 3: Google-Galaxis, das Web als Mikrotext-Zirkulationssystem ersetzt die bourgeoise Gutenberg-Galaxis und die urbane Massenpresse. Es bettet auch die alten AV-Medien ein. Zugleich wird die digitalisierte elektronische Mündlichkeit der AV-Medien immer texthafter: Tendenziell wird jede Szene, jeder Satz zugreifbar. Ansatzweise schon durch analoge Kopien (Videobänder, Audiocassetten, Fotokopien), extrem aber durch digitale Kopien. Je mehr Bilder es gibt, desto mehr sie als Abbilder wiederholt und sortiert werden können, desto mehr werden Filme und Bilder „gelesen“, nicht mehr einfach nur überwältigt „erblickt“.

9. Schriftbild und Proto-Text: Ein Text ist ein Schriftbild: D.h. ein Text hat ein Design und eine User Experience, die ihn als Einheit erscheinen lässt. Ein Proto-Text ohne Schriftbild wäre ein Druck-Satz, eine Source-Code-Datei, die Ebene des Baukastens mit dem man Worte und Sätze bilden und visuell anordnen kann. (Sobald etwas angeordnet wurde, ist es ein Text = Schriftbild.

10. Multimedia-Einbettung: Der Text kann als Meta-Text auch auf eingebettete multimediale Einheiten verweisen kann (etwa Audio- und Video-Dateien).

Solche eingebetteten Multimedia-Elemente können dann als Teile des Textes (im weiteren Sinn) betrachtet werden, wenn man sie zusammen mit dem eigentlichen Text (im engeren Sinn, der sie einbettet und auf sie verweist) in einem Zug, in einem Flow konsumieren kann.

Das bedeutet, solche Multimedia-Elemente müssen Microcontent sein, d.h. nicht mehr als eine Aufmerksamkeits-Einheit verbrauchen. Einen sinnhaften Moment im kognitiven System des Users. Wie lang wäre ein solcher Moment? (In unsrerer Kultur:Popsong-Länge, ca. drei bis fünf Minuten.)

6 Antworten to “Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte.”


  1. […] » Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte. […]


  2. […] Martin Lindner: Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte […]

  3. Tamim Says:

    Text ist die Chifrierung von zwischenmenschlicher Kommunikation.

    Kommunikation hat das Ziel bestimmten Inhalt einem Mitmenschen mitzuteilen.

    Im Zeitalter des Internets gilt:
    Je kürzer der Inhalt desto besser, weil er so schneller zu erfassen ist

  4. martinlindner Says:

    eine abgespaltene diskussion zur hypertext-definition findet hier im „nichts“-blog statt (der trackbak-link oben geht nicht):

    http://blog.fymmie.de/16/03/2009/definition-des-textes/

  5. fym Says:

    Der Eintragstitel wurde von mir nachträglich geändert und ich war zu faul, ein Redirect anzulegen. Man möge es mir nachsehen.


  6. […] Auf solche und weitere Arten von Text geht eine interessanter Artikel von Martin Lindner auf seinem Blog :microinformation ein: Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte. […]


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