„Ein Tag an Bord hat 1000 Momente“

11. November. 2008

… sagt eine Zeitungsanzeige des Kreuzschiffs Aida. Was mich vor 3 Wochen beim letzten Heckenschneiden des Jahres dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, was das ist: ein Moment, als elementare Einheit eines Tages. Das, woraus sich die Welt dann aufbaut, jeden Tag neu beginnend, Schicht für Schicht.

Ich interessiere mich hier für so etwas „sinnhafte Momente“, als Ereignisse im kognitiven System. (Es mag Schock-Momente geben, die sozusagen (fast) nur sub-kognitiv sind, wo man gar keine Chance hat zu denken, aber das sind sehr seltene Ausnahmen.)

1000 Momente, das macht bei 16 Stunden Wachsein ungefähr 1 Moment = 1 Minute. Das stimmt aber nicht, wenn ich mich selbst beobachte: „Ein Moment“ ist im Schnitt deutlich länger, und die Länge kann stark schwanken.

„Moment“ definiere ich provisorisch mit: Ein zusammen-hängendes kurzes Stück „innerer Zeit“, das aus zwei oder drei Dimensionen besteht: aus einer als „einheitlich“ wahrgenommenen Sinneseindruck-Situation, aus einem Kontinuum von „Gedanken“ bzw. „inner speech“, vielleicht auch aus einer „Stimmung“. Da kann der äußere Sinneseindruck mehr im Vordergrund stehen, oder (was mich jetzt gerade mehr interessiert) der Gedankenfluss, aber es ist immer alles zusammen, was so etwas wie die „Einheit“ von Momenten ausmacht: ein Kontinuum, das nachher als „eine zusammengehörige Bedeutungs-Einheit“ empfunden wird

Wie lange dauert so ein sinnhafter Moment? Es gibt eher kurze „Ereignis-Momente“ und eher lange introvertierte Momente. Provisorische Selbstbeobachtung lässt mich schätzen: In Phasen sehr schneller Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus dauert ein Moment vielleicht 20 Sekunden, wenn ich etwa einen Nachbarn sehe, und irgendwas dazu denke/empfinde. Aber dann passiert wieder länger nicht viel, innen und außen. 40 Momente pro Stunde (40 mph), das wären im Schnitt je 1,5 Minuten, erscheint mir sehr viel. In sehr langsamen Phasen (beim Schreiben etwa) geht das vielleicht bis hinab zu 8 mph. (Es dauert, wenn ich Musik dazu höre, öfter etwa 2 Popsongs, die einfach ungehört vorbeirauschen, bis ich wieder einen Einschnitt setze). Bei zerstreuten Tätigkeiten wie Autofahren mag es vielleicht einen Strom von eher vielen, aber zugleich sehr „flachen“, also kaum diskontinuierlichen Momenten geben.

Ein normaler Wert, bei mir jedenfalls, scheinen 12 – 20 mph zu sein. Wenn ich, in sehr grober Annäherung, annehme, dass die 16 Stunden eines Tages in 4 dichte, 4 langsame und 8 mittlere Stunden zerfallen, komme ich auf einen Wert von 320 bedeutungsvollen Momenten pro Tag, der mir realistisch erscheint. Das ist viel, aber nicht unabsehbar viel.

So. Das ist nun die elementare Einheit von Sinnstiftung, aus denen sich die soziokulturelle Welt aufbaut. Von diesen „inneren Momenten“ sind nur wenige zugleich Äußerungen. (Man müsste mal einen typischen Tag lang mitzählen, wie viele eigentlich.) Diese Äußerungen gehen ein in den sozialen Echoraum, in das „große Murmeln“ Foucaults. Als „Aussagen“, als „statement-events„, stehen sie dann in Beziehung zu Ketten bzw. zu Feldern anderer Aussagen in diesem sozio-kulturellen Raum.

Manche lösen dann wieder im äußeren Diskurs Ketten-reaktionen aus, verstärken sich gegenseitig, verdichten sich. Öfter sind sie Anstoß für andere „innere Momente“, die wieder individuelle Ketten und Felder beeinflussen, die wieder irgendwann woanders zu anderen Aussagen führen. Am häufigsten gehen aber die Äußerungen einfach spurlos unter, nachdem sie einen Moment lang da waren und vielleicht noch über ein paar andere Momente hinweg verhallten.

Und „Meme“ wäre nun diejenigen Aussagen, die über mehrere solcher Kettenreaktionen von Momenten und Aussagen hinweg in sich (relativ) konstant bleiben, so dass man die Menschen, durch die sie gewissermaßen hindurchgehen, als so etwas wie Träger eines semantischen Virus betrachten kann. Für einfache Sprachmuster (Sprichwörter, Phrasen) gilt das ja ganz offensichtlich. Man müsste genauer nachdenken, welche Formen „Meme“ sonst annehmen können. Ein anderes Mal.

4 Antworten to “„Ein Tag an Bord hat 1000 Momente“”


  1. […] müssen Microcontent sein, d.h. nicht mehr als eine Aufmerksamkeits-Einheit verbrauchen. Einen sinnhaften Moment im kognitiven System des Users. Wie lang wäre ein solcher Moment? (In unsrerer […]


  2. […] techno-kulturelle Form scheint ins Erbgut eingegangen zu sein: Inzwischen ist das eine psychologische Größe. Uns Pop-Sozialisierten kommen bis heute 3 Minuten als das natürliche Format für eine perfekte […]

  3. martinlindner Says:

    (2012 in G+ dazu angemerkt:) [Pöppel, 3 Sekunden] Ja, aber das ist der sensorische Hirnforschungsbegriff, ich glaube v.a. aus experimenteller Beobachtung visueller Perzeption gewonnen. Der interessiert mich hier bestenfalls am Rand. Ich meine den „sinnhaften Moment“ als Rohstoff unsres sozialen und gedanklichen Alltagslebens.

    Das brauchbarste, was meinem Begriff davon nahekommt, war das: „In der mittelalterlichen Zeitrechnung bezeichnet ‚momentum‘ ein Zehntel der Viertelstunde (vgl. H. Grotefend, Taschenbuch d. Zeitrechnung im dtsch. Mittelalter u. d. Neuzeit, Hannover [1928 u. öfter] 1941, 24)“. William James hat bei seinen Überlegungen zu „Attention“ recht Ähnliches reflektiert, finde ich aber jetzt grade nicht.

    Und das da trägt die von mir extrem skeptisch beobachtete Hirnforschung bei (Gerhard Roth), hängt wohl indirekt teilweise zusammen:
    „Kurzzeitgedächtnis/Arbeitsgedächtnis: Spanne von 2 –30 Sekunden. Kapazität sehr begrenzt (ca. 7 Items). Störanfällig. Verbesserbar durch Wiederholung und einfache Assoziationen.
    Intermediäres Gedächtnis: Spanne von 30 Sekunden bis 30 Minuten. Kapazität begrenzt. Kann durch Mnemotechniken verbessert werden..“

    Ich denke, wenn man eben „Attention“ und „Erinnerung“ (und noch einiges andere, gerade auch im digitalen Kontext) vernünftig rekonstruieren will, braucht man einen Begriff bzw. eine Theorie des „sinnhaften Moments“.

  4. martinlindner Says:

    dort: https://plus.google.com/u/0/102484891814321353019/posts/JnS5Aa9dKHx

    William James (1890, Principles of Psychology Vol. I, p. 404): “attention” is “the taking possession by the mind, in clear and vivid form, of one out of what seem several simultaneously possible objects or trains of thought.“


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