Und noch eine Einführung …

4. November. 2008

Ich interessiere mich für die Schnittstelle, an der digital vernetzte Medien die Art beeinflussen, wie wir denken, wie wir arbeiten und wie wir leben.

In meinem jetzigen Leben befasse ich v.a. mit dem „MicroWeb“ — das ist das Web hinter den Web-Sites und Web-Seiten. Das Web, das aus Microcontent besteht, d.h. aus sehr vielen sehr kleinen Stückchen Information bzw. Kommunikation, die jedes ihre eigene Web-Adresse (URI) haben, und in etwa die richtige Größe für die Aufmerksamkeitsstruktur von „Informations-arbeitern“: Ideen gerade so groß, dass man sie auf einen Blick erfasst, wenn sie auf dem Screen aufblitzen. In a blink: In einer Einheit zerstreuter Aufmerksamkeit.

„Das Web hat die Dokumente gesprengt. Es behandelt schwere Bände wie eine Ansammlung von Ideen …. Was einmal eine kompakte, gebundene Einheit war, wird in Stücke gerissen und in die Luft geblasen. Und was das Web mit den Dokumenten macht, das macht es mit so ziemlich jeder Institution, mit der es in Berührung kommt.“ (David Weinberger, Web-Theoretiker mit Philosophieabschluss, in seinem Buch „Small Pieces Loosely Joined„, 2002).

Das ist keine gedankenblasse Theorie, und kein spätbürgerlicher Provokations-Futurismus à la Norbert Bolz. Das ist schlicht das, was sich da draußen im Web abspielt. Wir werden lernen müssen, damit zu leben.

Ich vergleiche das gern mit einem „digitalen Klimawandel“, fast unmerklich, aber mit dramatischen Folgen für die Umwelt: Die Zeiten der „Datenspeicher“ und der „Datenautobahn“ sind – für die menschlichen Benutzer! – vorbei. Information zerfällt und zirkuliert immer schneller, die Temperatur erhitzt sich.  Laufend entstehen und zerfallen neue, flüchtigere Strukturen. Die gewohnte Art, Informationen zu filtern und zu verarbeiten, funktioniert hier immer schlechter: Der berüchtigte „Information Overload“ ist allgegenwärtig.

Und deshalb schmelzen die Gletscher (Parteien, Universitäten, Großunternehmen).

Deshalb breiten sich Wüsten aus (v.a. da, wo man noch Wirtschaft betreibt, die auf der Knappheit von Information beruht).

Und deshalb werden Lebewesen aus ihrer gewohnten Umwelt vertrieben. So wie ich. (Aber auch Sie wird es erwischen, garantiert.)

Information und Wissen organisieren sich nun anders: In Wolken, in Feldern aus lose verkoppelten Teilchen, in die wir eintauchen. Und in lose verketteten ‚Flows‘, in denen dynamische Information ständig auf uns ein und durch uns hindurch strömt.

In einem solchen ökologischen System ist jedes Wissen, das nicht ständig im Spiel gehalten wird, bereits vergessen. Und Wissen, das niemand hat, ist ja gar keines. Wir müssen also unsere Art zu denken und zu arbeiten daran anpassen – oder wir scheitern.

In einem langen früheren Leben habe ich mich 20 Jahre lang wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt, als Student, Forscher und Universitätslehrer. Ich wollte verstehen, wie einzelne Menschen und ganze Kulturen sich jeweils ihre eigene Welt aufbauen: Welten aus Zeichen, aus Texten, aus Metaphern, aus mächtigen Bildern und aus Erzählmustern.

Literatur besteht aus gedruckten Texten. Und trotzdem ist sie durchaus verwandt mit dem MicroWeb, denn hier haben Sinn und Bedeutung nicht die Form von „festen Wahrheiten“ und „eindeutiger Information“. Sie haben eine viel flüssigere Form: von erzählenden Sätzen, von Figuren-Rede, von sprachlichen Bildern, die sich allmählich zu mehr oder weniger dichten Sinnwolken verdichten. Literarische Texte, das sind immer schon small pieces loosely joined, knowledge clouds und information flows. (Dass diese Texte gedruckt sind, also fixiert und abgegrenzt, ist ein innerer Widerspruch, der sie besonders interessant macht.)

Wenn man nun genau hinsieht, erkennt man, dass diese seltsame Eigenschaft von Literatur keine Ausnahme ist. Die absolute Ausnahme sind ja im Gegenteil die künstlich fixierten, scheinbar zeitlos gültigen Aussagen. Das, was in dicke, schwierige, teure Bücher gedruckt wird, die nur sehr wenige schreiben dürfen und die nur sehr wenige lesen können. Das, was von Autoritäten verbreitet wird, die diese Bücher geschrieben und gelesen haben, oder jedenfalls so tun, und die daher reden wie gedruckt.

Nur hat jetzt keiner mehr Zeit und Geduld, das zu lesen. Oder „Vorlesungen“ zu hören. Studenten lesen nicht mehr die Bücher ihrer Professoren, Professoren lesen nicht mehr die Aufsätze ihrer Fachkollegen, Manager lesen nicht mehr die Reports ihrer Untergebenen. Sie überfliegen nur die Executive Summary. Die Leute lesen weiter Bücher, das schon, aber diese selbst haben einen anderen Aggregatzustand als früher: eher „Ansammlungen von Ideen“ als schwere, gebundene Folianten.

Und weil das so ist, werden die Texte immer unwichtiger und immer seltener, die „dauerhaft gültige“ Aussagen enthalten oder zu enthalten vorgeben. Sie spiegeln einfach nicht mehr die gegenwärtige Lebenswelt.  Zeichen wollen zirkulieren. Digitale Information möchte frei strömen, durch alle möglichen Formen hindurch.

Nicht, dass es solche dauerhaften Buch-Bände nicht mehr gibt. Sie gewinnen sogar an Prestige, scheint es, so wie das Fach Latein im Gymnasium. Es liest sie bloß keiner mehr. Wir haben keine Zeit mehr, weil wir genug damit zu tun haben, im permanenten Zeichenstrom den Kopf über Wasser zu halten.

„Es ist, als sollten in einen beständig strömenden Fluss Linien gezogen werden, Figuren gezeichnet, die standhielten. Zwischen dieser Wirklichkeit und dem Verstand scheint kein Verhältnis des Auffassens möglich, denn der Verstand trennt, was im Fluss des Lebens verbunden ist, er repräsentiert etwas, das unabhängig von dem Kopf gilt, der es ausspricht, also allgemein und immer. Der Fluss des Lebens aber ist überall nur einmal, jede Welle in ihm entsteht und vergeht.“ (Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1927)

Wenn wir sehr ehrlich nachdenken, dann fällt uns ein, dass das in der Zeit der bürgerlichen Prachtbibliotheken gar nicht so viel anders war. Auch damals war nur das wirklich Wissen, was zirkulierte. Nur dass damals solche Wissensflüsse sehr viel langsamer waren, weil ihr Rhythmus vorgegeben wurde durch das mühsame Schreiben, durch den umständlichen Druckvorgang und und das langwierige Lesen, um sich den harten abstrakten Stoff mühsam wieder anzueignen. Und durch die umständlichen, exklusiven, vielfach geschützten Formen der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Nicht dass wir uns missverstehen: Das alles ist schon auch schade, in sehr vieler Hinsicht .

Die Epoche des gedruckten Wissens und der Schriftgelehrten, und das ist für uns heute also erst einmal die Zeit des –  selbst überaus wandlungsfähigen – modernen Bürgertums, die Zeit also etwa zwischen 1750/1780 und 1950/1980, diese Epoche war in vieler Hinsicht eine große Zeit. Der Zyklus Reden – Denken – Schreiben – (industrielles) Drucken – Lesen – Denken – Reden usw. war eine intellektuelle Maschine von enormer Leistungskraft.

Es ist nur eben vorbei, jedenfalls in dieser Form. Erst gab es Tageszeitungen („Daily Telegraph“), dann gab es Taschenbücher aus der Zeitungspresse („Rotationsromane“, die nicht nur Romane waren). Es gab seltsame Mischformen von in Rede zurückverwandelten Skripten (das Radio, das Fernsehen). Es gab den Übergang vom Tiefdruck zum Offsetdruck zum Digitaldruck. Aber jetzt erst, mit dem Internet/Web, hat die Verflüssigung der Schrift endgültig das Wissen selbst erreicht, das man vorher immer noch „dem Tag enthoben“ wähnte.

Ist das der Untergang des Abendlandes? Ja.

Aber das ist kein dramatisches „Ja“. Man muss es beiläufig ausssprechen, wie „Eh klar“. Es ist schon vorbei. Das Abendland ist bereits untergegangen, in den letzten 25 Jahren. Wir sollten uns besser daran gewöhnen.

Ist das nicht furchtbar?

Hm … schwierige Frage. Das ist das Wesen von Epochenumbrüchen: Sehr viel wertvolles Wissen geht verloren, ganz neue Wissensformen entstehen. Was hier letztlich überwiegt, Gewinn oder Verlust, ist kaum zu beantworten. Letztlich ist es egal: Es geschieht eben. Wir sollten gut überlegen, wie wir auf dieses Geschehen einwirken können. Aber das ist dann nicht mehr Verteidigung von Bildungsgut, „kulturelles Gedächtnis“, sondern User Experience Design, das zugleich Knower Experience Design ist.

(Ah ja, und noch eine schwere Kränkung: Die Leitsprache wird auf sehr lange Zeit Englisch sein. Mit guten Gründen, die durchaus auch in den Qualitäten der Sprache selbst liegen.)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: