eLearning 2.0 und Microlearning: Ein globaler digitaler Klimawandel (Abstract)

11. September. 2008

Der Begriff „eLearning“ wurde 1998 geprägt, und er sollte damals etwas ganz Neues bedeuten: selbstgesteuertes, individuelles Lernen mit und in dem Web als neuem Medium. Im Grunde eine Vorwegnahme der Web 2.0-Philosophie. Man hätte es vielleicht eher „iLearning“ taufen sollen, wie in „iMac“ und „iPod“, aber es war eine Anspielung auf „e-Mail“ beabsichtigt, die erste „Killer-Applikation“ des Internet.

Was dann kam, war aber nicht im Sinn des Begriffs-Erfinders Jay Cross: Die alten Firmen, die „Computer-based Training“ machten, also digitale „Kurse“ auf CD-ROMs, übernahmen das neue Buzzword dankbar, um Standard-Lösungen im Rausch der Dotcom-Bubble-Jahre als hochinnovativ und „sexy“ zu verkaufen. Um die alten CBTs, die nun „WBTs“ hießen, wurden verschachtelte, überdimensionierte und sündteure „Lernmanagement-Systeme“ gebaut. Dahin wurden dann auch Corporate Training als Fernkurse transferiert, scheinbar 1:1, in Wirklichkeit aber genau ohne das, was daran gut war und ist: ohne die reichhaltige soziale Interaktion der Lernenden untereinander, ohne den Reichtum der Untertöne, Anekdoten, Randbemerkungen der Dozenten und ohne ihre Begeisterung für das eigene Wissensgebiet. Interessierte kompetente Informationsarbeiter, hochmotiviert sich weiterzubilden, wurden zusammengestutzt auf die digitale Schrumpfform des „e-Learners“, der Gegenstand von fremdgesteuerter „Instruktion“ wird. Sie durften sich durch vorprogrammierte Lerntunnels klicken, Multiple Choice Tests absolvieren, und meldeten sich einmal (und dann nie wieder) auf der Forumsseite des Kurses zu Wort.

Dass das nicht funktioniert, wird spätestens klar, seit auch die Unternehmen und Bildungsinstitutionen das „Web 2.0“ als das neues digitale Ökosystem erkennen. Gegenwärtig wird versucht, unter den Schlagworten „Enterprise 2.0“ und „eLearning 2.0“ eine Vielzahl von konsumentenzentrierten Software-Anwendungen und Ansätzen aus dem Web 2.0 in die Enterprise-Umgebungen zu transferieren: wikibasiertes Wissens- und Projektmanagement, Microblogging, Social Bookmarking, neue kollaborative Semantic Web Applikationen u.v.a. Aber das ist keineswegs einfach: Es reicht nicht, nur Blogs, Wikis und Tagging anzubieten. Die aktuellen Versuche, das in herkömmliche Enterprise-Software einzubetten (IBM, Microsoft Sharepoint, sogar von SAP …) sind noch nicht recht befriedigend. Die Rollen und Kulturen der Enterprise-User einerseits und der Web-User andererseits sind immer noch sehr verschieden.

„eLearning 2.0“ bedeutet, „Lernen“ radikal neu zu denken. In Wahrheit geht es gar nicht so sehr um das „2.0“, es geht darum, dass das Web selbst mit seiner Struktur der alten Vorstellung von Organisation, Kontrolle und eben auch Training und Lernen widerspricht. Denn sobald jemand „ins Web geht“, verändert sich sofort unterschwellig das Selbstverständnis: Nun ist alles möglich. Man kann sekundenschnell überall hin, man kann zwischen Themen assoziativ springen, man muss keiner Autorität mehr einfach so glauben, man wird zum Zentrum einer sich ständig anreichernden „Informationswolke“, die aus viel kleineren und instabileren Informations-Fragmenten besteht: aus „microcontent“. Und das fängt eigentlich bereits an, wenn jemand nur e-Mail, Web-Suche und daneben das Mobiltelefon verwendet.

Nicht alle kommen damit zurecht. Bei vielen Usern löst es ein Gefühl von Angst und Überwältigtsein aus. Die flüchten sich dann gerne in das scheinbar verlässliche Raster von Drill-Lernen und Multiple Choice-Tests, die in harte Zertifikate münden, aber in Wahrheit das Wissen, um das es dabei gehen soll, nicht vermitteln. Und noch mehr löst das bei den Organisationen selbst Angst aus. Organisationen führen IT-Systeme ja nicht in erster Linie ein, weil diese Produktivität und Innovation fördern. Sie führen sie deshalb ein, weil sie wollen, dass die IT ihr besseres Selbst verkörpert, ihr eigenes Wunsch-Spiegelbild: eine hyperrationale, klar gegliederte, von kompetenten Führungskräften souverän gemanagte, perfekt mit Menschen aus hochglänzenden Unternehmens-Werbeprospekten besetzte Welt, in der jede Aktivität sofort im perfekten SAP erfasst, bewertet und am Ende auf Euro und Cent genau als Kosten und ROI wieder ausgegeben wird.

Aber genau so geht das Web eben nicht. Menschliches Lernen übrigens auch nicht. (Und vermutlich nicht einmal die Wirtschaft selbst.) Im Web geht es immer nur um einzelne, quasi-allmächtige User, um lose gebündelte Mikroinformationen, die auf einem Screen, also auf einen Blick erfasst werden. Und dann gibt es entweder einen Impuls, ein Ereignis, eine Teilchenkollision, ein Informationsfunke springt über, Aufmerksamkeit wird erregt, eine Kettenreaktion ausgelöst … oder eben nicht. So funktioniert die neue Umwelt der Mikroinformation-Arbeiter. Und das verlangt natürlich eine grundlegende Neuorientierung: neue Applikationen, das sicher auch, aber v.a. auch neue Praktiken für formelles und informelles Lernen.

gescxhrieben für das Learntec Forum Austria (im Oktober 2008, Wien)

Eine Antwort to “eLearning 2.0 und Microlearning: Ein globaler digitaler Klimawandel (Abstract)”


  1. […] Ursprung dieses neuen Wissens liegt übrigens in diesem Artikel, der darüber hinaus gehend übrigens sehr interessantes zur Entwicklung des eLearnings […]


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