„Enteignungsmaschinerie Internet“: Prantl (SZ) über Urheberrecht und Creative Commons

5. August. 2008

Heribert Prantl ist ja fast schon mein Lieblingsjournalist. Die einzige Papier-Publikation, die ich noch regelmäßig lese, ist die Süddeutsche, bei der er leitender Redakteur ist, und dort schreibt er ständig ungewöhnlich kluge und differenzierte Artikel und Kommentare.

Jetzt habe ich gerade von ihm einen Text zum Problemkomplex Internet und Urheberrecht, geistige Arbeit und Creative Commons gelesen, abgedruckt in „Forschung & Lehre“. Der Text geht zurück auf das Manuskript seiner Festrede, gehalten auf der 50-Jahr-Feier der „Verwertungsgesellschaft Wort“. (Großartiger Name übrigens, genau besehen.) Im Folgenden das, was er sagt, in Kurzform. Und damit sein Wort dem Web zur Diskussion zur Verfügung steht, ist hier noch ein ausführlicheres Referat mit längeren Zitaten.

Das ist einmal hochinteressant, weil das ja wirklich eine wichtige und komplexe Frage ist, gesellschaftlich, politisch und ökonomisch. Ich jedenfalls habe noch gar keine klare Position dazu, nur halbfertige Gedanken und undeutliche Vorlieben. Ich bin dankbar, wenn eine Position dazu konsequent entwickelt wird. Und zum Anderen ist das hochinteressant, weil der Text so ungewöhnlich schlecht gedacht ist.

(1) Das Internet, sagt Prantl, hat „eine Datenekstase“ hervorgebracht, „eine Selbstverschleuderung aller nur denkbaren Persönlichkeitsdetails in Wort und Bild“. Gerade die „gehobene junge Mittelschicht“ gibt sich selbst im „Web 2.0“ freiwillig preis – an Personalchefs, an staatliche Rasterfahnder, an alle, die Übles wollen.

(2) Diese Verschleuderung der „Persönlichkeitsrechte“ im Internet steht in direktem Zusammenhang mit der Zerstörung der „Eigentumsrechte“. Zugrunde liegt das irrationale und naive „Gefühl“, dass sich die kulturelle Allmende („Creative Commons“) des 21. Jahrhunderts ausbildet. Niemand zahlt in „Tauschbörsen, auf denen es alles gibt, was der Mensch geschaffen hat“ mehr „Gebühren“ an die „geistigen Eigentümer“ für „Millionen Texte, Töne und Bilder, die … eigentlich jemandem gehören“.

(3) Ein kurzer, erstaunlich unmotivierter und schlampiger Ausflug in die Geschichte: Warum kopierende Mönche entsetzt wären über den „Kommunismus“, der „im Internet wieder (!?) eingeführt wird“. Und dass schon dem „Sachsenspiegel“, dem wichtigsten Rechtsbuch des Mittelalters, ein „Bücherfluch“ vorangestellt worden war, vom Autor gerichtet gegen alle, „die sein Werk entstellen“, d.h. nach heutigen Begriffen „remixen“. (Komischer Weise sonst hier kein Wort über den urheberrechtlosen Druck von Büchern und Flugschriften der frühen Neuzeit.)

(4) Die Errungenschaft des „Urheberrechts“ geht auf die Aufklärung zurück. Kant proklamiert als einer der Ersten die Idee des „Werks“ als „geistiges Eigentum“, auf dessen Verkauf dann erstmals Manche eine wirtschaftlich unabhängige Existenz gründen können. leben können. Das habe zur heutigen „kulturellen Vielfalt“ geführt. Das Ende des Urheberrechts wäre das Ende der Aufklärung, weil „kulturelles Schaffen“ dann wieder „allein auf die Gunst von Mäzenen angewiesen“ wäre.

(5) Ganz kurz (vielleicht aber ist der Text hier auch an der falschen Stelle gekürzt) streift Prantl dann das grundlegende Buch von Lawrence Lessig über die „Creative Commons“. Eingehender beschäftigt er sich mit dem provokanten Vorschlag des weitaus unbekannteren Joost Smiers, der das Urheberrecht ganz abschaffen will. Das hat den Vorteil, dass sich da jede Diskussion gleich erübrigt: „Sancta Simplicitas!“. Dass neuerdings Konzerne „die Kultur … immer stärker feudalisieren und monopolisieren“, sei jedenfalls „nicht die Schuld des Urheberrechts“. Durchgehend setzt Prantl sonst die Interessen der „Schöpfer geschützter Werke“, der „Masse der Künstler, Schriftsteller und Journalisten“, ohne Weiteres gleich mit den Interessen der „Wissens- und Unterhaltungsindustrie“, die dem „geistigen Arbeiter“ die Arbeit „zur wirtschaftlichen Nutzung“ angekauft hat.

Am Ende weist er noch das Argument zurück, dass freier „Austausch von Informationen“ auch den „freien Zugang zu digitalen Daten“ bedeuten muss. Das Gegenteil sei richtig: Das Internet sei auf „Originale“ und „Werke“ angewiesen, um darauf (wenn es gut ist) den digitalen Diskurs zu gründen oder damit (wenn es böse ist) widerrechtliche Geschäfte zu machen.–

Da stellen sich viele Fragen (in einem eigenen Blogpost, anschließend). Aber wie kommt es zu so einem geistigen Kurzschluss? Und welchen deutschen Wort-Arbeitern wird da eigentlich im Internet welches geistiges Eigentum permanent weggenommen? Was immer sie sonst ist, die Rede ist jedenfalls ein eindrucksvolles Zeugnis für den Epochenwandel, an dem wir hier stehen. Prantl in der Rolle des Schreibers am Ende des 15. Jahrhunderts, der schockiert sieht, wie eine Welle von gedruckten Pamphleten und Druckschriften seine Welt hinwegspült. Wie der Abt Johannes Trithemius, den Clay Shirky in „Here Comes Everybody“ zitiert.

Der Jurist Prantl tritt ein für ein restriktives Urheberrecht angesichts der Digitalisierung, seit Jahren schon, sagt mir Google. An solchen Argumenten bin ich interessiert. Und natürlich muss man auch stark verallgemeinern, wenn man in einem kurzen Text einen gewagten Bogen vom Internet zurück über Kant bis zu den Handchriften kopierenden Mönchen schlagen will. Aber bei näherem Hinsehen stimmt dann so gut wie keine Aussage wenigstens so weit, dass sie überhaupt als hartes Pro-Argument wirklich tauglich wäre. Prantl predigt von vornherein Bekehrten, und zimmert nicht zuletzt sich selbst da einen warmen ideologischen Stall, als Schutz vor den Stürmen des digitalen Klimawandels.

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