Pervasives Lernen

28. Mai. 2015

“pervasiv” (von engl. pervasive) heißt ungefähr so viel wie “allgegenwärtig, im Alltag ständig präsent, nebenbei mitlaufend, kann jederzeit ohne besondere Anstrengung in den Fokus geholt werden”. Die Idee dieses Blogposts ist es, dass hier der emanzipatorische Gegenentwurf zum “adaptiven Lernen” verborgen liegt. Diskutieren am besten drüben in meiner G+ Community Digitale Bildung:

Adaptives Lernen: Lernen vom Großen Bruder

Adaptives Lernen ist das kommende Ding. Das meiste ist bisher Hype, soweit ich sehe, aber das ändert nichts daran, dass wir “adaptives Lernen” bekommen werden. Es erfüllt schlicht die übermächtige Phantasie der Bildungsplaner, Großdidaktiker und nicht zuletzt der großen Edu-Unternehmer wie Pearson und Bertelsmann. Das wird nicht zu verhindern sein.

Adaptives oder auch Personalisiertes Lernen meint einen Lernpfad, der sich dynamisch meinen Bedürfnissen anpasst, aber gesteuert wird von eine didaktischen Superintelligenz. Und es ist immer fokussiertes Lernen als konzentrierte Anstrengung gemeint, das sich auf verdichtetes Expertenwissen bezieht. Also vor allem das, was in schwierigen Vorlesungen und Einführungskursen im Grundstudium gelehrt wird: komplexe Apparate und Maschinerien verstehen (und hier verstehe ich auch etwa mathematische Berechnungsweisen als “Apparate”); sich komplizierte Methoden, Theorien und Terminologien erschließen, bis man sie verstanden hat und selbst anwenden kann; eine ganze Reihe von immer schwierigeren vorgegebenen Aufgaben lösen.

Das wird bisher immer als Paradefall von Lernen verstanden. Aber in Wirklichkeit stimmt das gar nicht. In Wirklichkeit lernt man ja sogar sehr viel von diesen “harten Sachen” auf indirektere, beiläufigere, wirrere Art. Und 90% von dem, was man in jedem Fachgebiet lernt, ist ohnehin von ganz anderer Art.

Lernen mit dem Kleiner Bruder: “pervasives Lernen”

Das wären also Lernerfahrungen, die irgendwie von Algorithmen (mit)gesteuert werden, aber eben von anderer Art: leichtgewichtig, im Alltag ständig präsent, nebenbei mitlaufend. Nicht verdichtet, nicht als “Pyramide” organisiert, bei der man auf jedem Level zu scheitern droht, sondern lose gefügte Bruchstücke, die mit der Zeit das Bild eines größeren Ganzen ergeben.

Pervasives Lernen verlangt meine Aufmerksamkeit und Konzentration nicht ganz oder gar nicht. Hier können die Inhalte jederzeit ohne besondere Anstrengung nach vorn geholt bzw. nach hinten geschoben werden. Dadurch wird etwa auch die Möglichkeit eröffnet, dass irgendwann einmal “der Groschen fällt” und dass man plötzlich, wenn eben die Zeit gekommen ist, sich mit vollem Einsatz auch in die schwierigen Stellen hineinbeißt.

Microcontent Channels

Pervasives Lernen schließt an das an, was inzwischen normale digitale Erfahrung wird: Twitter- und Youtube-Kanälen zu folgen, oder auch dem großen Facebook-Strom. Der Facebook-DJ, das bin ich selbst (durch meine Einstellungen), meine Freunde (mit ihren laufenden Beiträgen) plus der mysteriöse Facebook-Algorithmus.

Stellen wir uns nun vor, diese Inhalte seien auch, aber nicht in erster Linie “sozial”, sondern vor allem thematisch, also persönlichen Lern- und Wissensinteressen folgend.

Wenn ich z.B. an einem MOOC teilnehme, dann funktioniert dieser MOOC im Alltag für mich de facto wie ein solcher Lernkanal. Er läuft so mit, ich empfange über die ganze Woche Signale, manchmal klinke ich mich ein, manchmal fokussiere ich Einzelnes, manchmal beschäftige ich mich intensiv damit. Aus der Sicht der MOOC-Pädagogen ist das eherals fokussiertes, intensives Vordergrund-Lernen gedacht. Aus der Sicht der meisten MOOC-Rezipienten ist es ein Kanal unter vielen, in den man sich gelegentlich einschaltet. Hier liegt die Wurzel für viele MOOC-Misserfolge.

Anderes Beispiel: Musik-Streaming-Dienste, die eine Mischung sind aus Playlists und aus “Radios”. Ich kann Kanäle eröffnen, die eine bestimme Art von Musik spielen. Zum Teil ist das Musik, die ich selbst ausgewählt habe, zum Teil ist das Musik, die andere Leute mit ähnlichem Geschmack gerade hören und die mir der Algorithmus vorschlägt.

Pandora

Mein Lieblings-Dienst ist pandora.com (leider in Deutschland offiziell nicht lizenziert), weil es dort nicht darum geht, sich im eh schon bekannten “Soundtrack des eigenen Lebens” zu suhlen, sondern vor allem um die Erforschung von Richtungen. Es geht um Lernen. Ich gebe einen oder mehrere Tracks ein und der Algorithmus wählt dann Musik aus, die in diese Richtung geht, sie zum Teil aber auch auf verschiedene Weise erweitert.

Ich kann dann diese Vorschläge liken (was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass dieser oder ähnliche Tracks sich wiederholen), aber auch ablehnen (“nein, sowas nicht”) oder neutral überspringen. Alles wird vom intelligenten DJ-Algorithmus einbezogen, so dass der Kanal immer mehr zu meinem eigenen, persönlichen Kanal wird. Ich kann solche personalisierten, subtil geschmacklich getuneten und dabei sich immer noch ständig weiterentwickelnden Kanäle sogar mit anderen teilen. Die bekommen quasi meinen Kanal als Ausgangspunkt und begeben sich auf ihre eigene Reise.

Und nun, dachte ich immer, stellen wir uns das mit “Lern- und Wissens-Content” vor. Damit das Ganze im Flow bleibt, ist das nur Microcontent, der Aufmerksamkeitsspannen zwischen ca. 1 – 4 Minuten verlangt: also wie ein Facebook-Eintrag, ein kurzes Tumbeblog-Bruchstück, ein kurzer Blogpost, ein kurzes YouTube-Video. Natürlich muss ich nicht alles konzentriert und genau verarbeiten, ich kann es auch nur überfliegen, skippen usw. Und natürlich kann ich es auf alle möglichen Arten liken und taggen.

Alle sind DJ des eigenen Lernens

Was auch möglich sein muss: eigene Notizen und Bruchstücke zu diesem Kanal hinzuzufügen. Natürlich kann ich auch Aussagen von anderen, etwa aus sozialen Kanälen, dort hinzufügen.

Anders als beim reinen “River of News” wiederholen sich interessante Inhalte, einzelne Bruchstücke können markiert werden und ziehen dann mehr oder vertieftere Inhalte in den Strom, usw. Alles, was ich nicht ausdrücklich anders markiere, bleibt im Kanal, d.h. es ist wie beim Hitradio in der Rotation. (Besonders wichtige Stücke sind in Heavy Rotation, bis ich etwas anderes sage.)

Makroinhalte, die längere und konzentriertere Beschäftigung verlangen (Artikel, lange Podcasts, vielleicht auch Aufgabenstellungen), werden im pervasiven Strom von Platzhaltern vertretern: so etwas wie kurze Abstracts, Zusammenfassungen durch Peers oder auch die ersten beiden Absätze eines längeren Textes. Das können natürlich auch eigene Exzerpte und Notizen sein, ähnlich wie die “Karteikarten” von Bookmark-Diensten (delicious, diigo, pinboard, auch evernote). Solche Platzhalter-Objekte von Makroinhalten kann ich für die eigene Bearbeitung zu geeigneter Zeit vormerken, ähnlich wie man das mit Artikeln bei instapaper und ähnlichen Diensten macht. Diese vertiefte Beschäftigung geschieht dann außerhalb des pervasiven Flow.

Pervasives Lernen in diesem Sinn: das wären dann also tatsächlich personalisierte und potenziell auch adaptive Flow-Erfahrungen. Sie sind geradezu dafür geschaffen, um “gehackt” zu werden. Weil sie leichtgewichtig und von mir selbst jederzeit beeinflussbar sind, stärken sie meine Selbstmächtigkeit (agency). Ich erwerbe Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, nicht indem ich Vorgaben einfach erfülle, sondern in dem ich ein Thema mit der Zeit quasi selbst in die Hand bekomme.

(Eine interessante Frage ist, wie sich das zu den Erfahrungen der Gamer in verschiedenen Arten von Spielen verhält, von MMORPGs a la World of Warcraft bis hin zu den komplex durchdesignten Solo-Spielen wie jetzt gerade Witcher, Grand Theft Auto usw.)

Wer arbeitet an so etwas? Niemand, fürchte ich.

Im Kern wäre es sehr einfach, so etwas zu bauen. Das meiste verlangt gar keine extrem fortgeschrittene “künstliche Intelligenz”, schon gar nicht in der schematischen Art von so etwas wie INTUITEL (das ist das “adaptive” EU-Projekt des Learntec-Leiters Hennig). Ansatzweise hat der brillante Entwickler Scott Wilson, der seit langem in der britischen Learntec-Szene arbeitet, Versuche auf eigene Faust in diese Richtung unternommen. (Ich erinnere mich v.a. an FeedForward, eine Art persönliches RSS-Feed-Mischpult.)

Diese Art von künstlicher Intelligenz, die solche pervasiv-persönlichen Lern- und Wissenserfahrungen unterstützt, müsste man weiter entwickeln. Das tut aber, so weit ich sehe, auf dem Lern- und Bildungssektor niemand. Es ist noch nicht einmal als Thema und Problemfeld präsent, weil hier eben keiner (so mein ewiger Refrain) das eigentliche Wesen der digitalen Netz-Medien und des Web versteht.

((Links folgen noch.))

 

P.S.

Solche “Ströme” können im übrigen auch an Orte gebunden sein, also “pervasive” im engeren Sinn. Z.B. kann ich mich im Wartezimmer in einen medizinischen Lernstrom “einklinken”, oder beim Besichtigen von Venedig in einen kunsthistorischen Strom, oder beim Besuch eines Partnerunternehmens in einen fachbezogenen Strom von technischen Informationen. Diese Ströme können so etwas ähnliches wie Pandora-Kanäle sein. Ich wähle z.B. in Venedig zwischen mehreren “Kanälen” (sic), die andere schon getunet haben, und mache dann einen zu meinem eigenen.

Entscheidend ist, dass die Inhalte ganz anders aufgebaut sind als in herkömmlichen “Guides” oder Lehrbüchern. Eher so etwas wie Highlights, die man sich in Kindle-Büchern markiert. Komprimierte Aussagen, an denen indirekt (oder auch konkret als Link) viel Weiteres dranhängt. Guides liefern dann Rohstoff für solche Partikelströme, die ich in meinen Mix hineinziehen kann, idealer Weise gesteuert durch adaptive Algorithmen, die auf meine Likes und Dislikes reagieren.


Humboldt, Orwell und die Digitale Agenda

15. Mai. 2015

Zu den schönen kulturellen Errungenschaften, die uns die Blogs im Web neu beschert haben, gehört der Rant: die Schimpftirade als selbstironisches Textformat. Also wie Gernot Hassknecht, nur subtiler. Immer dann, wenn alles zu positiv werden droht und alle sich zu sehr auf die Schulter klopfen, kommt jemand und rantet los, in der Regel ausdrücklich markiert mit der Formel “sorry for the rant”.

Christian Füller a.k.a. @ciffi neigte schon immer zum Ranten, aber weniger zum Sorry sagen. Ich folge ihm seit sicher 5 Jahren auf Twitter, und das gern, eben weil er immer wieder den allzu gemütlichen Konsens stört, auch mal provoziert und immer wieder grob dazwischenholzt wie ein britischer Fußball-Vorstopper. Leider fehlt ihm Selbstironie. In den schlechteren Momenten verschwimmt dann die Grenze zur wirren Suada von schwadronierenden Technikkritik-Wirrköpfen wie Manfred Spitzer, dem deutschen Erfinder der “Digitalen Demenz”.

Und jetzt ist er also mit einem rüde rumpelnden Text (erst im eigenen Blog, dann hier bei Cicero) der SPD-Bundestagsabgeordneten Saskia Esken mit Anlauf von hinten in die Hacken gesprungen. Man kann das gesunde internationale Härte nennen, die Profi-Politiker vertragen sollten. Und ich bin sicher, dass gerade Esken da ungerührt weiterspielt: Die frühere Informatikerin und Elternrätin, die jetzt SPD-Fachfrau für Digitale Bildung ist, habe ich im Netz als reflektiert, pragmatisch und lakonisch-humorvoll schätzen gelernt.

“Fast wie Orwell”

Die SPD-Bundestagsfraktion hat unter Saskia Eskens maßgeblicher Mitwirkung ein Positionspapier zu “Digitaler Bildung” verfasst (PDF). Dazu hat sie im Tagesspiegel einen Essay geschrieben, dem die Redaktion den zugegeben dämlichen Titel “Humboldt und die Algorithmen” verpasst hat. Warum aber wird sie in Christian Füllers Verriss so grotesk falsch charakterisiert: “gütig-positiv, rosa Zuversicht, pseudo-emanzipatorisches Erlösungsvokabular, naive Jubelpose, Probleme des Netzes übersäuselnd”? Und warum unterstellt er ihr dazu noch “fast einen Orwell’schen Unterton”?

Das bedient ein beliebtes Klischee: Es ist eine Anspielung auf die ebenfalls eher unterkomplexe kalifornische Digital-Dystopie “The Circle” von Dave Eggers, die ja nicht zufällig von deutschen Internetskeptikern begeistert aufgenommen wurde. Und auch Eggers selbst bedient ein altes Muster: 1984 kontrastierte der berühmte Apple-Werbespot die bunt-kreativen und individuellen Macintosh-Computer mit einer totalitären Big Brother-Welt, die deutlich auf IBM/Microsoft gemünzt war. Schon 2005 antwortete darauf eine richtig lustige Parodie, in der eben nun bunte Sportswear-Menschen mit iPods als verdummte Masse durch die Gänge trotten.

Ja, Digitalisierung hat zwei Seiten: Auf der einen Seite Verdatung und Zentralisierung, ein Traum für Bildungstechnokraten. Und auf der anderen Seite das dezentrale, von allen Nutzern belebte und weiterentwickelte Web, das der Wissenschaftler Tim Berners-Lee damals zum ausgesprochenen Missvergnügen von Microsoft-Gründer Bill Gates in die digitale Welt gesetzt hat. Das könnte man alles anreißen und diskutieren, aber Christian macht das nicht. Was ihn so aufbringt, ist der “Tonfall”, der “digitale Erlösungsdiskurs”, mit dem angeblich Leute wie ausgerechnet Saskia Esken jede Kritik an vorschneller und unreflektierter Digitalisierung der Bildung ersticken wollen.

Ich habeihn auf Twitter gefragt, wer denn eigentlich im deutschsprachigen Raum diese naiv-totalitären Digitaleuphoriker sein sollen, vor denen er immer warnt. (Saskia Esken ist es ja definitiv nicht.) Ich sehe sie einfach nicht. Das sind nur Watschenmänner und Pappkameraden. In den USA mag es das geben, bei der Gates Foundation und bei einigen Silicon Valley-Bildungsunternehmen, aber da ist die Gefahr viel eher die universale Verdatung und Verpunktung von Bildung, also die zentrale Kontrolle. Leute aber, die sich wie Esken auf ein aufklärerisches Bildungsideal (Codewort: Humboldt) berufen, sind ganz sicher nicht der Feind. Doch Füller beschuldigt sie pauschal, sich zumindest als nützliche Idiotin für “das Treiben von Facebook, Google etc in Verbindung mit NSA, BND usw.” einspannen zu lassen.

“Saskia Esken und viele Netzaktivisten”

Also wer? Die Leute auf dem Educamp in Stuttgart, wo ich Esken kurz persönlich kennengelernt habe? Da waren extrem engagierte Pädagogen wie Torsten Larbig von edchat.de und Maik Riecken, der sich selbst zum ausgefuchsten Schulnetz-Administrator ausgebildet hat. Diese Leute muss man nicht der Naivität bezichtigen, was die Netzanbindung von Schulen angeht. (Christian führt allen Ernstes einen misslungenen Videokonferenz-Stream aus der Microsoft-Zentrale als zentralen Beleg dafür an, dass die Forderung verfehlt sei, “endlich die technischen und didaktischen Voraussetzungen für digitales Lernen zu schaffen”. Ich verstehe das nicht.)

Ich könnte jetzt noch zig Namen von deutschen Netzaktivisten mit Schulbezug aufzählen, aber keine/r einzige/r ist entspricht dem Füller-Klischee. Niemand, wirklich niemand sagt da so etwas wie “Tablet, erlöse uns! Lernen war und ist so kompliziert, Internet hülf!” (Vermutlich bin ich ja selbst schon eine der extremsten Stimmen.)

Es gibt keinen Link im ganzen Text, in dem irgendwie auf eine konstruktive Schiene gelenkt würde. Also etwa ein Link zu Philippe Wampfler, der zwei Bücher über Schulen, Jugendliche und digitale Medien geschrieben hat, und mit dem Christian gern auf Twitter diskutiert. LINK Oder Beat Doebeli, Professor an der PH Schwyz und tatsächlich seit 15 Jahren ein Wortführer der “Digitalen Bildung”-Fraktion, der nichts anders tut, als sehr genau die technischen und didaktischen Hindernisse wie auch die (ja:) begeisternden Möglichkeiten von digitalen Netz-Medien in ganz konkreten Schweizer Schul-Projekten zu dokumentieren, mit besonderer Berücksichtigung von BYOD-Szenarien (Bring Your Own Device, also das eigene Smartphone).

Es gibt überhaupt fast keine Links in Füllers Old School-Artikel. Es gibt keine Hinweise und in die Breite. Am Ende wird etwa abfällig eine Demonstration bei derselben Microsoft-Veranstaltung erwähnt, bei der 12jährige Schüler mit einer Schildkröte programmieren lernen. Nun, das ist ganz offensichtlich die Programmiersprache Logo, die der berühmte Digitalpädagoge Seymour Papert in den 1970er Jahren erfunden hat, um Kindern zu zeigen, dass digitale Technologie keine Raketenwissenschaft von Datenkrakenkonzernen ist, sondern Individuen ermächtigen kann und soll. Entweder weiß Christian das nicht, oder – eher noch schlimmer – er sagt es nicht. Das aber bedeutet, die Leser dumm zu halten. Die Kommentare unter dem Cicero-Artikel sind auch entsprechend ahnungslos.

Ohne etwas über Papert zu wissen, ohne die Argumente von Wampfler, Doebeli u.a. ins Spiel zu bringen, kann man aber schlicht nicht vernünftig über Digitale Bildung diskutieren. Dann ist man verdammt zum unterirdischen Manfred Spitzer-Niveau: “Selbst im digital gestützten Unterricht geschehen Dinge, die mit Ermächtigung und Souveränität nicht zu beschreiben sind, aber mit Sucht, Ablenkung und digitaler Hörigkeit.”

Digitaler Neusprech

Um fair zu sein: Es gibt in diesem hin- und herspringenden Rant, der sich als seriöser Diskussionsbeitrag geriert, einen wahren Kern. Das Wort “digital” wird tatsächlich sehr leicht als ein beschwörendes Kürzel verwendet, das genaue Differenzierung ersetzt. Es gibt diese schablonenhaften Textbausteine über “Digitalisierung”, in die man in der Politik, in Sonntagsreden und in EU-Projektanträgen sehr leicht hineinrutscht. Es gibt die Kopfweh erregenden Wischiwaschi-Formulierungen, an denen man beim Lesen teflonhaft abrutscht. Das kann und soll man schon kritisieren. Aber halt nicht so.

Denn natürlich muss man trotzdem genau hinschauen. Als abschreckendes Beispiel wird etwa dieser Satz zitiert: „Wenn wir diesen [aufklärerisch-humboldtischen] Bildungsbegriff für die digitale Welt interpretieren, kommt der digitalen Bildung die Aufgabe zu, die Menschen mit der Aneignung einer digitalisierten Welt zu einer souveränen Teilhabe an ihr zu ermächtigen.“

Was heißt das? Wir leben nolens volens in einer “digitalen Welt”. (Ja, klar.) Bildung muss darauf reagieren, wenn sie zum Ziel hat, den Menschen dabei zu helfen, sich diese Welt anzueignen und souveräne Subjekte zu werden. (Ja, klar.) Das Ziel ist Ermächtigung und souveräne Teilhabe. (Ja klar: das urdemokratische, aufklärerische Ideal.)

“Netzverkehrserziehung”

Wo also ist hier Füllers Problem? Man muss es sich mühsam zusammensuchen, aber das eigentliche Problem ist am Ende anscheinend gar nicht zuviel Kontrolle durch GoogleFacebookNSA, das bleibt hier bloßes technikkritisches Klischee, sondern gerade mangelnde Kontrolle: Man soll die Schüler (die Menschen) nicht vorschnell zu souverän werden lassen. Nicht zu sehr teilhaben lassen, nicht ohne sorgfältige pädagogische Kontrolle ermächtigen. Überall drohen ja “Prokrastination, Mobbing und digitaler Exhibitionismus”.

Deshalb keine “vorschnelle, radikale und pauschale Einführung digitaler Lernmöglichkeiten”. (Als ob deutsche Schulen gerade überall Breitband-Internet und ständigen Netzzugang für alle SchülerInnen einführen wollten.) Deshalb nur “reflektiert und schrittweise Schulen und Schüler mit der digitalen Welt zu befreunden”. (Also ob Jugendliche erst die Schulcomputer bräuchten, um mit den unerfreulichen Seiten des Internet Bekanntschaft zu machen.)

Was Schüler und Schülerinnen wirklich dringend brauchen, sind möglichst viele konstruktive und kollaborative Erfahrungen mit dem Netz als Wissens- und Arbeitsraum. So etwas lernen sie eher nicht auf eigene Faust. Das ist das, was sogar altmodische deutsche Unternehmen wie Bosch gerade an allen Arbeitsplätzen einführen, weil sie gemerkt haben, dass das alte bürokratisch-autoritäre Organisationsmodell ausgedient hat, das unseren Schulen 100 Jahre lang als Blaupause diente. Und natürlich gibt es bereits avancierte pädagogische Konzepte für den Umgang mit dem Netz. Die Londoner St. Pauls School führt z.B. seit 10 Jahren vorbildlich vor, wie das geht. Der Netz-Pionier Howard Rheingold entwickelt Netsmart-Kurse, in denen man lernt, mit dem Web als Bildungs-Ökosystem umzugehen, usw. Alles, was in diese Richtung geht, ist an deutschen Schulen dringend nötig.

Christian Füller gibt keine konkreten Hinweise, wie er selbst sich das “schrittweise Befreunden” mit dem Netz vorstellt, aber die Metapher, die er wählt, ist schon bezeichnend: Dringend nötig sei “so etwas wie eine Netzverkehrserziehung für die Schüler”. Netzverkehrserziehung. Also nicht gleich auf diese digitalen “Datenautobahnen”, von denen man in den 1990ern sprach, sondern erst mal auf Spielstraßen. Ein Schulparkplatz mit aufgemalten bunten Bahnen, die Straßen und Kreuzungen darstellen, und dann dürfen die Kleinen mit ihren Rädern mit dem orangen Wimpel über den Parcours. Rechts vor links, und immer schön umschauen.

Wenn das das Weltbild sein soll, mit der wir dem Netz und dem Web begegnen, dann wird das nichts mit Bildung für die digitale Welt.


Bildung als Markt betrachten

7. Dezember. 2013

Das ist eine Antwort auf Andrea Brückens Post (hier). Am Wichtigsten finde ich Andreas Aufruf, Bildung mal konsequent von der Produkt- und Marktseite her zu betrachten, um klarer zu sehen. Es fließt ja Geld, und gar nicht wenig. Also gibt es einen Markt: Produkte und Services werden nachgefragt und sie werden verkauft. Eigentlich: mehrere sehr verschiedene Märkte, mit je eigenem Ökosystem. Warum weiß man über diese Märkte so wenig? Warum gibt es keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die das begleitet, durchsichtig macht, rationale Kaufentscheidungen und gute Businesspläne fördert?

Eine interessante Frage, und als Selbständiger, der sich in diesem Dickicht irgendwie durchschlägt habe ich darüber auch schon nachgedacht. Wichtigste Antwort: Weil zwar Geld fließt, aber es in Wahrheit keine ausgereiften, transparenten, rationalen Märkte gibt. Hier wird sehr viel Schlangenöl verkauft, vom E-Learning bis hin zu all den Trainings und Schulungen. Stichwort “Weiterbildungslüge”: Das meiste ist Mist.

Sehr viele Bildungsmanager (= Kunden) sind recht amateurhaft unterwegs: Sie wissen noch gar nicht genau, was sie eigentlich wollen sollen. Und es ist Glückssache, ob sie zufällig auf Anbieter treffen, die ihnen dabei helfen. Meistens wird gemeinsam drauflosgewurstelt, die Ergebnisse sind in der Regel nicht besonders gut, aber irgendwie geht es trotzdem immer weiter. “Bildung” und “Lernen” bestehen sowieso aus mindestens so viel Aberglaube und Vorurteilen wie die Schul- und Alternativ-Medizin. (Auch da fließt ja sehr viel Geld, aber auch da hat das fast nichts mit einem vernünftigen, ausgereiften Markt zu tun.) Alles was mit Bildung/Lehren/Lernen zu tun hat, wird eher von einem Beziehungsdickicht und sehr viel Zufall getrieben als von rationalen Entscheidungen.

Es stimmt, es gibt keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die diesen Markt begleitet oder auch überhaupt erst herstellt. Warum nicht? Weil die Akteure (Bildungsfirmen, Bildungsmanager, Antragsteller bei diversen Staatsknete-Projekten) gar nicht versuchen, ihre Standpunkte offen zu kommunizieren. Die meisten legen sich ja nicht einmal selbst gegenüber ungeschminkt Zeugnis ab. Niemand redet offen über Bildung als Markt, und inwiefern das legitim oder eben auch konkret erfolgreich ist. Man muss ich nur mal die Learntec vor Augen halten: Eine traurige Veranstaltung, sowohl auf der Konferenzseite als auch auf der Messe, bei der ich mich schon immer gefragt habe, wer von all den Ausstellern _wirklich_ Geld verdient, vom Nutzen für die Lernenden mal ganz zu schweigen.

Die Teilmärkte: Ich habe ja Einblicke in einige davon. Am meisten interessiere ich mich für den Bereich E-Learning bzw. das Weblernen, das hoffentlich E-Learning ablöst.

Mit wissmuth (Lutz Berger und ich, mit wechselnden Partnern) wollen wir ja Consulting und video-basiertes Weblernen in Unternehmen und Organisationen tragen. Dafür gibt es, gerade heraus gesagt, eben bisher keinen richtigen Markt. Aufträge kommen über Netzwerke zustande. Das ist nicht falsch, aber die Kunden sagen sich sehr selten: “Oh, da bräuchten wir jemand, der uns hilft, effektive web-basierte Wissens- und Lernprozessen zu konzipieren, entsprechende Projekte aufzusetzen und zu managen, die richtigen technischen Bausteine auf die richtige Weise zu kombinieren, uns zu helfen, mittelfristig Content nicht einzukaufen sondern selber aus dem lebendigen Prozess heraus hervorzubringen.” Es wäre vernünftig, so zu denken, aber das macht keiner. Alle wursteln vor sich hin. Positive Ausnahmen bei den Dienstleistungsanbietern, die sich damit wirklich auf dem Markt halten, sind vielleicht Martina Göhring und Joachim Niemeier von Centrestage, aber die machen auch sehr viel Präsenz-Führungskräftetraining. (Das ist ein Markt.)

Beispiel: Web-Videos für Lernprozesse sind ein greifbares Produkt, ja, aber entweder gibt es jemand intern, der gern Handy-Filme dreht, oder man geht zur langjährigen Schulungspartner-Firma und fragt, ob sie das können (die in der Regel unzutreffende Antwort ist natürlich “ja”), oder man googelt und findet die SimpleShow (das wäre möglicherweise ein einigermaßen erfolgreiches Produkt?), oder man heuert einen Video-Filmer an, der eigentlich lieber TV oder Werbespots drehen würde. Letztlich ist das alles Zufall. Und hinterher prüft sowieso keiner, ob das wirklich Wirkung hatte.

LMS-Plattformen: Gut, das ist anfassbar, da wird gekauft und verkauft, und eine Firma wie Synergy Learning (Moodle-Dienstleister) behauptet sich da, wie auch fünf oder sechs andere. Riesensummen werden damit aber auch nicht verdient.

Produktmarkt Schule: Ja, da fließt schon Geld (für Schulbücher, Whiteboards und ein wenig für Hardware), aber Transparenz und nüchterne Bewertung desssen, was man dafür bekommt, gibt es auch nicht. Am ehesten macht David Klett so etwas wie “Blogger Relations”, wenn er sich auf dem Educamp der Diskussion stellt. Alles andere ist auch nur typische PR. Dazu kommen noch “Programme”, die natürlich auch Geld bewegen: So was wie Bayerisches Bildungsnetz oder die vielen MINT-Intitativen. Aber da ist die Transparenz-Lage eher noch schlimmer. Da will doch niemand wirklich ein echtes, nachdenkliches Gespräch in der Öffentlichkeit beginnen.

Produktmarkt Uni: Da geht es wiederum um all diese selbstzweckhaften, nach außen wenig wirkungsvollen Programme, die mal mehr (TU Graz, Leuphana) und mal weniger (meistens) sinnvoll sind. EU-Projekte natürlich, aber die schmoren auch nur immer im eigenen Saft, obwohl da gute Leute beteiligt sind. Neuerdings sind natürlich die MOOCs ein sehr interessantes Feld, auch als Markt (von dem noch gar nicht klar ist, ob es ihn gibt und wie er aussieht). Vielleicht entsteht hier so eine Diskussion, die Bildung nicht nur als edle Veranstaltung, sondern eben auch als Quasi-Geschäft analysiert, im Guten wie im Schlechten. Man könnzte mal ernsthaft mit Bertelsmann & Co diskutieren, aber bis jetzt gibt es von denen nur heiße Luft und von unserer Seite weltanschauliche Abscheu.

“Findet Ihr, dass BloggerInnen aus dem Bereich Bildung im Sinne der Blogger Relations nützlich sein können? Wenn ja/nein – für wen – warum / warum nicht?”

Für wen denn? Wer wäre denn Kandidat dafür, in die Öffentlichkeit zu gehen und für das eigene Produkt Aufmerksamkeit schaffen zu wollen? Vielleicht am ehesten eine Firma wie iVersity, die neue deutsche MOOC-Plattform, aber die haben noch gar kein Geschäftsmodell, sie erhoffen es sich nur. Oder eben Bertelsmann. Umgekehrt: Es ist noch nicht gelungen, eine Blogger-Öffentlichkeit für Bildungsthemen zu schaffen, die sich quasi selbst trägt. Da wäre v.a. Jöran Muss-Merholz, Anja Wagner und Guido Brombach, dazu Cornelie Picht, Jasmin Hamadeh und noch ein paar der üblichen Verdächtigen, auch Jochen Robes, bei manchen technischen Themen auch die Web 2.0-Lehrer aus dem Educamp-Feld, aber es verzettelt sich alles noch irgendwie. (Bei mir am allermeisten.)

Als erstes müsste man wohl versuchen, ein ungeschminktes Bild des Marktes zu zeichnen, oder dieses verfilzten Unterholzes von vielen kleinen, prekären, sich in die Tasche lügenden Märkten. Wer hat denn hier wirklich welche schmerzhaften Probleme, für die dann Geld eingesetzt wird? Und was hilft da wirklich, und vor allem: was hilft alles nicht?


Understanding MOOCs: Was das ist und warum das wichtig ist.

26. Juni. 2013

(Ursprünglich gepostet in der G+Community “Digitale Bildung”: https://plus.google.com/102484891814321353019/posts/E12Pnf7wgd8
Am liebsten diskutiere ich sowas in der Community, der man dazu allerdings beitreten muss. Diesen Blogpost hier werde ich nach und nach aktualisieren, erweitern und Links einfügen …)

MOOCs sind eine Welle und ein Hype, seit Sebastian Thrun, ein in die USA emigrierter Artificial Intelligence-Spezialist, Ende 2011/2012 einen Stanford-Kurs weltweit für Online-Teilnehmer geöffnet hat und Hunderttausende dabei mitmachten. (Übrigens waren mehr Litauer als Deutsche dabei.)

Seitdem beschäftigen sich alle Universitäten, Think Tanks und Aktivisten Online-Bildung mit MOOCs. Es sieht so aus, als sei das Lernen im Netz und mit dem Netz jetzt reif für den Mainstream. Nur verstehen die meisten bisher nicht wirklich, worum es bei MOOCs eigentlich geht, was daran tatsächlich wichtig ist und wie ein MOOC funktioniert, wenn er denn funktioniert.

Was ist also der Kern der MOOC-Welle, die jetzt auch Deutschland voll erwischt hat? Was ist an MOOCs wirklich zukunftsweisend für die Digitale Bildung? Und was ist eigentlich der Kern dieses Hype? Wann ist ein MOOC ein MOOC im emanzipatorischen Sinn, und nicht bloß eine Massen-Elearning-Veranstaltung?

MOOC bedeutet bekanntlich “Massive Open Online Course”. In einigermaßen einfaches Deutsch übersetzt: Eine offene Online-Lernveranstaltung mit sehr vielen Teilnehmern. Genauer gesagt: Ein MOOC ist eine enthusiastische gleichzeitige Lernerfahrung im Web und mit den Mitteln des Web Web 2.0 (YouTube-artige Videos, Blogs, soziale Netzwerk-Impulse …), bei der sich Hunderte, Tausende  oder mehr TeilnehmerInnen nebeneinander und miteinander mit einem Thema beschäftigen.

Erwartungsgemäß werden MOOCs bsi jetzt typischer Weise aus der Sicht der “Sender” gesehen, also der Unis bzw. der Professoren, die ihr Wissen in möglichst viele Köpfe bringen wollen. Das ist die Perspektive des alten Online-Lernens oder des Fernunterrichts, die nun auf die neuen Verhälznisse des Web übertragen werden soll. Dem entspricht eine technische, statistische, institutionelle Interpretation der Schlüsselmerkmale Massive, Open, Online und Course.

Aber das ist ganz falsch: Wenn MOOCs einen Fortschritt für Bildung, Wissen und Lernen darstellen, dann deshalb, weil sie eine qualitativ neue Lernerfahrung bieten. Wir müssen uns also anschauen, was Massive, Open, Online und Course aus der Sicht der User bedeutet.

Massive: Es versammeln sich sehr viele TeilnehmerInnen gleichzeitig in einem gemeinsamen virtuellen “Raum”. “Sehr viele”: Das können Hunderte, Tausende oder Zehntausende sein. Aber jede/r einzelne TeilnehmerIn nimmt ohnehin nur ein paar davon wahr. Es geht also aus Lerner-Sicht eigentlich nicht um die absolute Masse, sondern um die kritische Masse: Man fühlt sich als Teil eines großen, also bedeutungsvollen Lernprojekts. Es sind mehr Leute dabei, als man überblicken kann. Und vor allem wird eine kritische Masse von Impulsen erreicht: Wie in einem chemischen Labor, wenn die Teilchendichte und die Teilchenbewegung so hoch ist, dass es zu immer mehr zufälligen (Ketten-)Reaktionen kommt.

Tatsächlich sind der Vorläufer der MOOCs hier ja die MMORPGs, also “Massively Multiplayer Online Role-Playing Games” (Online-Rollenspiele mit massenhaft Mitspielern). Die gab es schon im Internet der 1990er Jahre, aber zum vielbeachteten Phänomen wurden sie erst Anfang der 00er Jahre, vor allem seit 2004, dem Beginn des World of Warcraft-Booms (und vieler ähnlicher, zum Teil auch sehr erfolgreicher Fantasy- Rollenspiele). WoW hat 10 Millionen User: Das ist unübertroffen massenhaft. Aus der Sicht der SpielerInnen ist das aber gar nicht entscheidend. Sie spielen nämlich auf getrennten, auch nach Sprachräumen bzw. Zeitzonen organisierten Servern (“realms”), und dort ist die TeilnehmerInnenzahl vergleichsweise überschaubar: typischer Weise unter 10.000, und tatsächlich online aktiv zu einem jeweiligen Zeitpunkt sind ca. 900. (So die Schätzung auf einem WoW-Forum.)

Das lässt sich natürlich auf die amerikanischen Universitäts-MOOCs übertragen. Das anfeuernde und im Idealfall den eigenen Lernprozess befruchtende Gefühl von “Massenhaftigkeit” entsteht bereits dann, wenn sich (sagen wir mal) 150 aktive Leute ungefähr gleichzeitig in der virtuellen Nähe aufhalten. Die allermeisten Uni-MOOC-Teilnehmer agieren allerdings eher als Einzelkämpfer, wie ein WoW-Anfänger, der noch keine Gilde gefunden hat. (Nur mit “Gilden” lassen sich die wirklich schwierigen Herausforderungen bewältigen, die meisten haben zwischen 5 und 100 mehr oder weniger lose Mitglieder.)

Offen: Auch das, was hier “Offenheit” meint, ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Zuerst einmal ist damit die Offenheit des Web gemeint: Alle Inhalte können mit dem Browser und wenigen Klicks erreicht werden. Jede/r kann googeln, jede’r kann twittern oder sich auf Facebook usw. vernetzen, jede/r kann sich Videos auf YouTube ansehen, jede/r kann sofort einen Blogpost schreiben, den wiederum jede/r auf der ganzen Welt prinzipiell sehen kann. Das Gegenteil sind “Silos”: geschlossene Räume mit knappen, geschützten Inhalten, bewacht von Gatekeepern, die jeden Neuankömmling nach dem Ausweis fragen. Hinter dieser Offenheit des Web steht die Offenheit der Inhaltsformate, die wiederum ermöglicht wird durch die Offenheit der technischen Formate und Plattformen: Alles ist verlinkbar, alles ist prinzipiell erreichbar und man kann es auch mit Kopieren-und-Einfügen aufgreifen und weiterverwenden.

Online: Das scheint auf den ersten Blick einfach. Online bedeutet soviel wie “im Internet”: also etwa auch E-Mails (die streng genommen nicht zum “Web” gehören) bzw. eben das “World Wide Web”, d.h. alle die “Websites”, die man mit dem Browser und über Links erreichen kann. Die weniger technische Bedeutung von “Online” bezieht sich aber auf die Netzwerkeffekte, die eben im Internet und v.a. im Web wie möglich werden: Ein echtes “Online-Erlebnis” hat man erst dann, wenn man die vielen Inhalte und Akteure möglichst vielfältig miteinander vernetzt sind. Je mehr Akteure, Inhalts-Bausteine, Ideen und Wortmeldungen im selben Raum sind, desto mehr kommt es zu Aha-Erlebnissen (allein oder mit anderen), und diese einzelnen Aha-Erlebnisse verketten sich zu einem kollektiven Lernprozess. Dann kommt es eben zu qualitativ neuen Erfahrungen, die außerhalb des Internet/Web nicht möglich gewesen wären, und das heißt eben auch: zu neuartigen Lernerfahrungen.

Course: Mit Kurs verbinden wir von oben organisierte Lehrveranstaltungen: Universitätskurse, Sprachkurse, Erste-Hilfe-Kurse … Tatsächlich sind die amerikanischen Universitäts-MOOCs (die “xMOOCs”), die gegenwärtig Schlagzeilen machen, solche vorstrukturierten Kurse mit vorgefertigen Inhalten und ständigen Prüfungen. Diese Kurse folgen einem vorgegebenen “Curriculum”. Wörtlich heißt das im Lateinischen: ein Umlauf auf einer Rennstrecke, und die Rensstrecke selbst heißt eben “cursus” (von “currere”/”laufen”). Ein “cursus” kann aber auch eine Ämter-Laufbahn sein, oder eben eine bestimmte Strecke, die ein/e Lerner/in in einem begrenzten Zeitraum durchläuft. Diese Strecke kann vorgegeben sein, sie kann aber auch von den TeilnehmerInnen selbst abgesteckt werden. Im Zusammenhang mit MOOCs ist die Rede von einem “Kurs” irreführend: Am ehesten kann man das umschreiben als eine gemeinsame strukturierte Lernerfahrung mit einem Start, einem Ziel und ein paar überschaubaren Stationen dazwischen.

Die ersten MOOCs, die tatsächlich MOOCs genannt wurden, hießen wohl deshalb “Course”, weil sie von kanadischen Universitäten ausgingen. Eigentlich waren es eher Anti-Kurse: Das Thema waren eben vernetzte, offene, “konnetivistische” Lernprozesse und vernetztes Wissen. Die Lernerfahrungen der TeillnehmerInnen wurden bewusst nicht vorgeschrieben und kaum vorstrukturiert. Diese ursprüngliche Variante der MOOCs, die eher so etwas war wie ein massenhaftes Seminar, nennt man inzwischen zur Verdeutlichung auch cMOOCs, d.h. “connectivist MOOCs”.

Eine andere verwandte Form ist ein “Online Jam”: Das sind vergleichsweise unstrukturierte, dreitägige Massen-Brainstorms im Intranet, die IBM jährlich durchführt, um zu einem Dachthema das Bewusstsein von rund 150.000 MitarbeiterInnen für wichtige Change-Prozesse zu wecken und zugleich dazu die “crowd intelligence”, also die “Intelligenz der Massen” auszuschöpfen. –

Der Kern eines MOOC ist aus dieser Perspektive also so etwas wie:
– C: Ein strukturierte, mehrwöchige Lernveranstaltung zu einem bestimmten Thema,
– O: sozial und semantisch vielfach vernetzt, mit den Mitteln und Inhaltsformaten des
Web 2.0,
– Open: im Prinzip zugänglich für einen sehr großen, kaum überschaubaren Kreis von TeilnehmerInnen, auch und gerade für solche, die spontan “einfach mitmachen” wollen,
– M: mit einer kritischen Masse von TeilnehmerInnen, die ausreicht, um im Netzwerk eine Masse von Lern-Impulsen zu erzeugen (das können Hunderte oder auch Tausende sein).

Und unterschwellig schwingt bei dem Kürzel MOOC immer noch ein bißchen mit vom spielerischen und euphorischen Mitmach-Erlebnis der MMORPG-Online-Rollenspieler. Umgekehrt also: Je weniger spielerische Mitmach-Euphorie, desto weniger MOOChaft ist der Online-Kurs.

Natürlich kann man niemand daran hindern, irgendeinen Online-Kurs MOOC zu nennen, obwohl es sich vielfach nur um altes E-Learning, Fernunterricht oder Kurse/Vorlesungen in neuer Verkleidung handelt. Aber man kann mit dieser Aufschlüsselung der MOOC-Elemente messen, wie zukunftsweisend und bereichernd für die TeilnehmerInnen so eine Veranstaltung tatsächlich ist.


Teenage Kicks: Ist der mythische 3-Minuten-Popsong der “Urmeter” für Microcontent?

29. Juni. 2011

3 Minuten. Das ist der Sage nach die Zeit, die Songschreiber haben, um ein Meisterwerk zu schaffen. Durch eine seltsame Alchemie von Worten und Melodie schleicht sich der perfekte Popsong dann ins Bewusstein der Hörer, um es sich dort häuslich einzurichten. (#)

Der legendäre DJ John Peel erklärte “Teenage Kicks” von den Undertones (2:21) zum perfekten Popsong. Das ist die Untergrenze. Perfekte Popsongs dauern  eher zwischen 2:30 und 3:30 Minuten. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Das war zuerst eine technische Begrenzung: So viel Musik passte auf eine 78er-Schellackplatte, und die war das erste Pop-Medium. In einer exzellenten Web-Diskussion auf reddit wird aber auch darauf hingewiesen, dass das die typische Länge der Piano-Miniaturen war, mit denen Anfang des 19. Jahrhunderts die bürgerliche Hausmusik begann, auf denen wiederum Schubert seine Lied-Hits aufbaute.

3 Minuten: Das entspricht, heißt es, der Aufmerksamkeitsspanne der idealtypischen Teenager, aber das beißt sich in den Schwanz. “Teenager” gibt es ja eben erst seit dem Medienzeitalter der Radios und Magazine (d.h. seit Ende der 1940er). Seitdem ist die Pop-Jugendkultur Schrittmacher und Blaupause für die für die Neuen Medien: Anka, Beatles, Zuckerberg.

Diese techno-kulturelle Form scheint ins Erbgut eingegangen zu sein: Inzwischen ist das eine psychologische Größe. Uns Pop-Sozialisierten kommen bis heute 3 Minuten als das natürliche Format für eine perfekte Aufmerksamkeits-Einheit vor: Intro, Strophe und Chorus (zweimal wiederholt), Bridge, nochmals Strophe/Chorus, dann Wiederholung des Chorus, allmähliches Ausblenden. Weniger als 2:30 ist nicht rund, mehr als 3:30 wird im Autoradio (und im Web) fad.

Die Ultrakurzformen (SMS, Titter, Facebook-Updates …) sind dann nur noch Verweise, Metacontent: “Toll! Super!” –  “Hast du das hier schon gehört?” – “Hey, das erinnert mich an XXX.” Sie leben von diesen Ur-Bausteinen: dem perfekten Popsong, dem perfekten Blogpost. Eine Idee, ausgeführt und variiert, in sich geschlossen, fertig. Ein Baustein, der jederzeit von einem Kontext in den anderen versetzt werden kann. Microcontent. Ein Mem: Die kleinste kulturelle Einheit, die sich wie ein Ohrwurm selbst repliziert. Der Grundstoff unserer Mikromedien-Kultur.


Das Web ist ein Bürgersteig

5. Dezember. 2010

Steven B. Johnson zitiert in “Emergence” (von 2002, also VOR dem “Web 2.0″) ausführlich Jane Jacobs’ Kapitel “The Kind of Problem a City Is” in The Death and Life of American Cities.

Under the seeming disorder of the old city, whereever the old city is working successfully, is a marvelous order for maintaining the saftey of the streets and the freedom of the city. It is a complex order. In essence it is intimacy of sidewalk use, bringing with it a constant succession of eyes. This order is composed of movement and change … an intricate ballet in which the individual dancers and ensembles have all distinct parts which miraculously reinforce each other and compose an orderly whole.

Es geht um Blicke als MOMENTE der Aufmerksamkeit. Und es geht um die Verstärkung, das Feedback, dass diese Momente für den einzelnen bringen: Verunsicherung oder nicht Verunsicherung. Die Ausstrahlung, die jede einzelne Ameise-Passant hat. (Touristen in Altstadtgassen in einer arabischen Stadt: kann sich ganz verschieden anfühlen.)

Sicherheit bewirkt einen Überschuss: die Systeme sind nicht beschäftigt, sich selbst zu stabilisieren. Sie sind nicht nervös und leicht aggressiv. Ein Virtuous Circle. So entsteht ein kollektiver Überschuss: Alle Kultur entsteht ja daraus, dass die Menschen plötzlich etwas Anderes, Freieres tun können, außer ums Überleben zu kämpfen.

Neighborhoods are themselves polycentric structures, born of thousands of local interactions, shapes forming within the city’s larger shape. Like Gordon’s ant colonies … neighborhoods are patterns in time. No one wills them into existence single-handedly … It is the sidewalk – the public space where interactions between neighbors are the most expressive and the most frequent – that helps us create those laws. In the popular democracy of neighborhood formation, we vote with our feet.

Nachbarschaften/Viertel sind “Muster in Zeit”: Strukturen, die sich laufend dynamisch verändern und dennoch im Großen konstant bleiben.

… they are the primary conduit for the flow of information between city residents. … Sidewalks allow relatively high-bandwidth communication between total strangers, and they mix a large number of individuals in random configurations. … Sidewalks provide both the right kind and the right number of local interactions. […]

Software like Alexa [das war 2002 …]  isn’t trying to replicate the all-knowing authoritarianism of Big Brother or HAL, after all – it’s trying to replicate the folksy, communal practice of neighbors sharing information on a crowded sidewalk, even if the neighbors at issue are total strangers, communicating to each other over the distributed network of the Web.

Das heißt: Web 2.0 SOFTWARE erzeugt neue, ganz andere, viel fließendere Patterns & Strukturen durch den permanenten Austausch von “Blicken” (Aufmerksamkeitsmomenten). Darüber sollte ich weiter nachdenken.


Das MicroWeb ist eine systemische Revolution

5. Dezember. 2010

“Dass potentiell jeder Mensch plötzlich Umwelt für jeden anderen Menschen sein kann, ist vielleicht die grösste Revolution.”

Großartiger Blogpost von Markus Spath (hackr.de, @hackr) über die radikale Veränderung unserer Umwelt durch das Web (das Web 2.0, das MicroWeb, das LiveWeb, wieauchimmer). Pflichtlektüre, und extrem wichtiger Baustein für die Gedankengänge in diesem Blog.


Ein paar Bruchstücke zu „Design“ als Paradigma

22. Oktober. 2010

Seit langem habe ich (wie viele andere) das Gefühl, dass der Begriff “Design” zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen Art wird, die Welt nicht nur zu begreifen, sondern tatsächlich zu greifen und so zu verändern, dass sich die Praktiken selbst in der Folge verändern.

Zugleich haftet dem “Design” immer noch der ästhetisch-unverbindliche Beigeschmack der “stilvollen Oberfläche” an. (“Stilvoll” ist einer der scheußlichsten Termini der letzten 30 Jahre.)

Gibt es also einen “harten Kern” der Konjunjunktur des Begriffs “Design”, die über die verwaschenen Allgemeinheiten des gängigen “Design Thinking” hinausgehen? Ein gemeinsamer Nenner von Web-UX-Design als angewandter Geistes- und Sozialwissenschaft (Twitter, Facebook und Google als Theorie-Maschinen im Freiluftlabor), “Apps for Democracy”, Bauhaus-Stühlen, Stadt-Architektur, Schwarzenegger, Foucault und Latour, neue Technik/Technologie-Theorien (u.a. etwa der Wired-Schule: Kevin Kelly, Steven Johnson …), gentechnischer Evolutionsbiologie-Ideologie, dem “Emergenz”-Begriff der Komplexitätstheorie, usw. usw.?

Ich glaube tatsächlich, dass der Begriff für ein neues kulturelles Paradigma steht, aber ich habe große Schwierigkeiten, das richtig zu fassen. Ich kenne keine richtig gute Design-Definition – die tendieren immer zu geistreichen Bonmots oder Allgemeinplätzen. In der Folge daher ein paar sehr bruchstückhaftge Formulierungs- und Definitionsanläufe, hier zum Weiterdenken festgehalten:

“DESIGN” im neuen, umfassenden und grundsätzlichen Sinn ist …

BAUEN
Auf der Grundlage von Zeichen dinghafte Strukturen bauen, die unmittelbare Folgen für menschliches Handeln/Verhalten haben. Die menschliches Leben erleichtern (das Design ‘verschwindet’) oder interessant machen (das Design erzeugt eine neue Umwelt). Nicht: ‘Regeln’, ‘Anleitungen’ und ‘Erklärungen’.

ZEIGEN
Nicht: sagen/schreiben.

ENTWERFEN
Neue Muster für Handeln/Verhalten entwerfen. Nicht: Vorhandene ‘Probleme als gegeben hinnehmen und lösen’.

ALTER/NEUER DESIGN-BEGRIFF:

Der alte Design-Begriff (Design1) ist ästhetisch: Die Gestaltung von Ding-Oberflächen steht im Vordergrund. Die Funktion selbst ist im Prinzip vorgegeben (Stuhl, Kaffeemaschine, Türklinke, auch Auto-Karosserie). Die designten Dinge selbst fordern ‘primäres’ Handeln/Verhalten: Menschen tun damit direkt überschaubare, nicht-komplexe Tätigkeiten.

Der neue Design-Begriff (Design2) bezieht sich auf komplexe Strukturen, die untrennbar mit Oberflächen verbunden sind. Hier wird dann quasi (bewusst) zuerst der “soziale Prozess des Sitzens” designt, nicht zuerst das Stuhl-Ding für eine gegebene, unhinterfragte Situation. Ein gotische Kirche ist Design2. Ein funktionaler Stahlrohrstuhl für Meetingräume ist Design1.
Der neue Design2-Begriff setzt “User Experience Design” als primär gegenüber (a) Usability, Form follows Function, und gegen (b) Eleganz, Stil, Oberflächen-Ästhetik. Der alte Design1-Begriff wird dabei nicht zurückgewiesen, sondern aufgehoben.

SOFTWARE/WEB:

Der Design2-Begriff ist entstanden, als mit GUIs der Übergang von der Welt der Zeichen/Bedeutungen zu unmittelbarem Handeln/Verhalten viel reicher und umfassender geworden ist. Jetzt gestaltet der Designer quasi direkt _mit Zeichen_ Handeln und Gefühle, ohne den Umweg über physisch-sperrige Gegenstände (wie Architektur, Produkt-Design). Der Übergang zwischen Interaktions-Design und Software-Entwicklung ist fließend geworden: “user-centered”.

GREIFBAR: Auch komplexes Design2 drückt sich immer direkt in greifbaren Dingen/Oberflächen aus, die Handeln/Verhalten _unmittelbar_ prägen. Design ist _immer_ “User Experience Design”.

DESIGN-DENKEN
“DD ist jeder Prozess, der die Methoden von Produkt- oder Software-Designern auf Probleme überträgt, die über die Frage hinausgehen, wie ein Produkt aussehen soll.”

DESIGN vs THEORIE:
Geistes- und Kulturwissenschaft besteht nun nicht mehr in erster Linie darin, das Gemeinte und Gesagte (die Bedeutungen) hin und herzuwenden. Es hat nun eine direkt greifbare Ebene bekommen: Die Zeichen-Umwelten, die Handeln/Verhalten quasi-unmittelbar strukturieren. (Die Idee von Software wird quasi auf die Vor-Computer-Kulturen zurückprojiziert. (Dabei begegnet man sich mit dem “positivistischem” Strukturalismus (Foucault), der strukturalistischen Ethnologie, der Systemtheorie, der Medienwissenschaft-als-Wissenschaft-vom-Design-der-technoiden-Strukturen-die-kulturelle-Praxen-prägen.

PERSONAL LEARNING ENVIRONMENT
“Theorie” (und damit auch “Lernen”!) zerfällt nun einerseits in Analyse von real emgergierenden komplexen Design-Konstellationen und andererseits in den Entwurf von Gedanken-Designs in ‘angreifbarer’ Form (visualisiert, als Software).


Start me up

8. April. 2010

Drüben auf dem sehr empfehlenswerten eVideo-Blog von @acwagner habe ich gerade einen längeren Blogpost veröffentlicht: “Start Me Up – Selbst-Marketing in der Flat World“.


Ein paar Bruchstücke zur Zukunft von “das Buch”

26. März. 2010

Anlässlich des Buchcamps (am 8. Mai in Frankfurt).

1. “Das Buch” gibt es nicht. Was wir bisher darunter verstanden, ist eine Kombination von mehren Bestandteilen, die jetzt auseinanderfallen:
– der Text (Resultat des Schrift-Stellens);
– das fabrikmäßig hergestellte physische Ding (Objekt der Buchbinderei);
– die Ware (was ausgeliefert, gelagert und in Buchhandlungen verkauft wird);
– ein spezielles Lesegerät ohne Batterie und Software, das mit einem einzigen Text fest verbunden ist;
– das kulturell aufgeladene soziale Objekt (aufgeladen durch Design, durch die Rezeption, durch den Gebrauch).

2. Amazon verkauft für den Kindle nicht “Bücher”, sondern Texte. (Das gab es noch nie in der Kulturgeschichte: Dass pure Texte, Lesestoff, in großem Stil zirkulieren und gehandelt werden.)

3. “Digitale Bücher” sind keine Bücher mehr. Ein Buch ist ein physisches Ding. Was wir “digitale Bücher” nennen, sind Texte, die jetzt ein neues Format gefunden haben, das ihr eigentliches Wesen sehr viel direkter ausdrückt.

4. Der Text ist das, was eigentlich gelesen wird. Texte werden eigentlich Texte erst dann, wenn sie möglichst ohne spürbaren Widerstand von “Screens” aufgenommen werden können. Buchseiten entwickelten sich mit immer perfekterer Papier- und Drucktechnologie zu “Screens”. Äußerer Markierungspunkt für diesen fundamentalen Umbruch sind wahrscheinlich die neuen “Sachbücher” der 20er Jahre, die in den ‘modernen’ serifenlosen Schriften gedruckt wurden.

5. (Fußnote: Ein Text ist ein Grenzfall von Materialität und Immaterialität, sichtbar gewordene Sprache, abgelöst vom Akt der Äußerung, eine Art Programm, das eine Form von “innerer Sprache” auslöst und steuert, die es ohne Schrift/Text nie gegeben hätte.)

6. Der Ulmer-Verlag ist in einem ganz anderen Geschäft als der Hanser-Verlag,  der deGruyter-Verlag in einem anderen Geschäft als der Rowohlt-Verlag usw.

7. Nokia wurde als Papierkonzern gegründet. Jetzt sind sie im Screen-Geschäft. (Sie stehen vor der Herausforderung, software-basierte Services und User Experiences verkaufen zu müssen, die für kleine Screens optimiert sind. Text spielt dabei neuerdings eine erstaunlich große Rolle, nebenbei gesagt.)

8. Die “Gutenberg-Galaxis” ist eigentlich eine Ansammlung von vielen kleinen Galaxien. “Das Buch” im Jahr 1775 war etwas ganz anderes als im Jahr 1840, 1873, 1926, 1955, 1984, 2010.

9. Niemand wird mehr Bücher als Träger von “Inhalten” kaufen. (Und auch früher war das nur ein sehr kleiner Teil des Geschäfts. Wenn überhaupt.)

10. Was mit “Inhalt” oder “Content” gemeint ist, ist Text. Text ist nicht dasselbe wie “Träger von Information”.

11. Steve Jobs’ entscheidendes Bildungserlebnis auf dem College, das er nach ein paar Monaten abbrach, war eine Kalligraphie-Klasse.

12. Wofür Leute Geld wirklich bezahlen, wenn sie physische Bücher kaufen:
– für Lese-Erfahrungen,
– für Kristallisationspunkte eigener Erinnerungs- und Gedankenprozesse,
– für Vergegenständlichung und Rückversicherung von Stücken der eigenen Individualität.

13. Das gilt genauso für “Deine Meerschweinchen: Was sie brauchen und was sie alles können” wie für “Die Welt ist flach” von Thomas L. Friedman oder für “Das Methusalem-Komplott” oder für “Bartimäus – Das Amulett von Samarkand” usw.

14. “Das Buch” in den Nullerjahren war ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Objekte, die gemeinsam haben, dass sie aus Papier bestehen und Text in greifbare Form bringen:
– Wegwerfbücher: alles, was einem nicht leid tut, wenn man es im Zug vergisst;
– Coffeetable-Books;
– ‘Handbücher’ im Wortsinn (für den praktischen Gebrauch, Werkzeuge, sind irgendwann abgenutzt);
– Speicherbücher (“Nachschlagebücher”);
– Welterklärungsbücher (landen im Regal, weil sie zusammen eine individuelle Sicht der Welt darstellen);
– Erfahrungsbücher (emphatische “Bücher”, ‘Jahresringe’, landen auch im Regal) …

15. Falls es so etwas wie ein “Prinzip Buch” geben sollte, “das stets im Zentrum steht und verschiedene Ausformungen hat”, dann ist es jedenfalls etwas Neues, das wir erst verstehen lernen müssen. Und es ist vermutlich irreführend, es weiterhin “Buch” zu nennen.

To be continued. Eine autorlose Open Source-Version als “lebender Text” zum direkten und spontanen Anreichern, Löschen, Ergänzen, was immer, findet sich hier: http://piratepad.net/dasbuch


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