Archive for the 'microessay' Category

Teenage Kicks: Ist der mythische 3-Minuten-Popsong der “Urmeter” für Microcontent?

29. Juni. 2011

3 Minuten. Das ist der Sage nach die Zeit, die Songschreiber haben, um ein Meisterwerk zu schaffen. Durch eine seltsame Alchemie von Worten und Melodie schleicht sich der perfekte Popsong dann ins Bewusstein der Hörer, um es sich dort häuslich einzurichten. (#)

Der legendäre DJ John Peel erklärte “Teenage Kicks” von den Undertones (2:21) zum perfekten Popsong. Das ist die Untergrenze. Perfekte Popsongs dauern  eher zwischen 2:30 und 3:30 Minuten. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Das war zuerst eine technische Begrenzung: So viel Musik passte auf eine 78er-Schellackplatte, und die war das erste Pop-Medium. In einer exzellenten Web-Diskussion auf reddit wird aber auch darauf hingewiesen, dass das die typische Länge der Piano-Miniaturen war, mit denen Anfang des 19. Jahrhunderts die bürgerliche Hausmusik begann, auf denen wiederum Schubert seine Lied-Hits aufbaute.

3 Minuten: Das entspricht, heißt es, der Aufmerksamkeitsspanne der idealtypischen Teenager, aber das beißt sich in den Schwanz. “Teenager” gibt es ja eben erst seit dem Medienzeitalter der Radios und Magazine (d.h. seit Ende der 1940er). Seitdem ist die Pop-Jugendkultur Schrittmacher und Blaupause für die für die Neuen Medien: Anka, Beatles, Zuckerberg.

Diese techno-kulturelle Form scheint ins Erbgut eingegangen zu sein: Inzwischen ist das eine psychologische Größe. Uns Pop-Sozialisierten kommen bis heute 3 Minuten als das natürliche Format für eine perfekte Aufmerksamkeits-Einheit vor: Intro, Strophe und Chorus (zweimal wiederholt), Bridge, nochmals Strophe/Chorus, dann Wiederholung des Chorus, allmähliches Ausblenden. Weniger als 2:30 ist nicht rund, mehr als 3:30 wird im Autoradio (und im Web) fad.

Die Ultrakurzformen (SMS, Titter, Facebook-Updates …) sind dann nur noch Verweise, Metacontent: “Toll! Super!” -  “Hast du das hier schon gehört?” – “Hey, das erinnert mich an XXX.” Sie leben von diesen Ur-Bausteinen: dem perfekten Popsong, dem perfekten Blogpost. Eine Idee, ausgeführt und variiert, in sich geschlossen, fertig. Ein Baustein, der jederzeit von einem Kontext in den anderen versetzt werden kann. Microcontent. Ein Mem: Die kleinste kulturelle Einheit, die sich wie ein Ohrwurm selbst repliziert. Der Grundstoff unserer Mikromedien-Kultur.

Das Web ist ein Bürgersteig

5. Dezember. 2010

Steven B. Johnson zitiert in “Emergence” (von 2002, also VOR dem “Web 2.0″) ausführlich Jane Jacobs’ Kapitel “The Kind of Problem a City Is” in The Death and Life of American Cities.

Under the seeming disorder of the old city, whereever the old city is working successfully, is a marvelous order for maintaining the saftey of the streets and the freedom of the city. It is a complex order. In essence it is intimacy of sidewalk use, bringing with it a constant succession of eyes. This order is composed of movement and change … an intricate ballet in which the individual dancers and ensembles have all distinct parts which miraculously reinforce each other and compose an orderly whole.

Es geht um Blicke als MOMENTE der Aufmerksamkeit. Und es geht um die Verstärkung, das Feedback, dass diese Momente für den einzelnen bringen: Verunsicherung oder nicht Verunsicherung. Die Ausstrahlung, die jede einzelne Ameise-Passant hat. (Touristen in Altstadtgassen in einer arabischen Stadt: kann sich ganz verschieden anfühlen.)

Sicherheit bewirkt einen Überschuss: die Systeme sind nicht beschäftigt, sich selbst zu stabilisieren. Sie sind nicht nervös und leicht aggressiv. Ein Virtuous Circle. So entsteht ein kollektiver Überschuss: Alle Kultur entsteht ja daraus, dass die Menschen plötzlich etwas Anderes, Freieres tun können, außer ums Überleben zu kämpfen.

Neighborhoods are themselves polycentric structures, born of thousands of local interactions, shapes forming within the city’s larger shape. Like Gordon’s ant colonies … neighborhoods are patterns in time. No one wills them into existence single-handedly … It is the sidewalk – the public space where interactions between neighbors are the most expressive and the most frequent – that helps us create those laws. In the popular democracy of neighborhood formation, we vote with our feet.

Nachbarschaften/Viertel sind “Muster in Zeit”: Strukturen, die sich laufend dynamisch verändern und dennoch im Großen konstant bleiben.

… they are the primary conduit for the flow of information between city residents. … Sidewalks allow relatively high-bandwidth communication between total strangers, and they mix a large number of individuals in random configurations. … Sidewalks provide both the right kind and the right number of local interactions. [...]

Software like Alexa [das war 2002 ...]  isn’t trying to replicate the all-knowing authoritarianism of Big Brother or HAL, after all – it’s trying to replicate the folksy, communal practice of neighbors sharing information on a crowded sidewalk, even if the neighbors at issue are total strangers, communicating to each other over the distributed network of the Web.

Das heißt: Web 2.0 SOFTWARE erzeugt neue, ganz andere, viel fließendere Patterns & Strukturen durch den permanenten Austausch von “Blicken” (Aufmerksamkeitsmomenten). Darüber sollte ich weiter nachdenken.

Das MicroWeb ist eine systemische Revolution

5. Dezember. 2010

“Dass potentiell jeder Mensch plötzlich Umwelt für jeden anderen Menschen sein kann, ist vielleicht die grösste Revolution.”

Großartiger Blogpost von Markus Spath (hackr.de, @hackr) über die radikale Veränderung unserer Umwelt durch das Web (das Web 2.0, das MicroWeb, das LiveWeb, wieauchimmer). Pflichtlektüre, und extrem wichtiger Baustein für die Gedankengänge in diesem Blog.

Ein paar Bruchstücke zur Zukunft von “das Buch”

26. März. 2010

Anlässlich des Buchcamps (am 8. Mai in Frankfurt).

1. “Das Buch” gibt es nicht. Was wir bisher darunter verstanden, ist eine Kombination von mehren Bestandteilen, die jetzt auseinanderfallen:
- der Text (Resultat des Schrift-Stellens);
- das fabrikmäßig hergestellte physische Ding (Objekt der Buchbinderei);
- die Ware (was ausgeliefert, gelagert und in Buchhandlungen verkauft wird);
- ein spezielles Lesegerät ohne Batterie und Software, das mit einem einzigen Text fest verbunden ist;
- das kulturell aufgeladene soziale Objekt (aufgeladen durch Design, durch die Rezeption, durch den Gebrauch).

2. Amazon verkauft für den Kindle nicht “Bücher”, sondern Texte. (Das gab es noch nie in der Kulturgeschichte: Dass pure Texte, Lesestoff, in großem Stil zirkulieren und gehandelt werden.)

3. “Digitale Bücher” sind keine Bücher mehr. Ein Buch ist ein physisches Ding. Was wir “digitale Bücher” nennen, sind Texte, die jetzt ein neues Format gefunden haben, das ihr eigentliches Wesen sehr viel direkter ausdrückt.

4. Der Text ist das, was eigentlich gelesen wird. Texte werden eigentlich Texte erst dann, wenn sie möglichst ohne spürbaren Widerstand von “Screens” aufgenommen werden können. Buchseiten entwickelten sich mit immer perfekterer Papier- und Drucktechnologie zu “Screens”. Äußerer Markierungspunkt für diesen fundamentalen Umbruch sind wahrscheinlich die neuen “Sachbücher” der 20er Jahre, die in den ‘modernen’ serifenlosen Schriften gedruckt wurden.

5. (Fußnote: Ein Text ist ein Grenzfall von Materialität und Immaterialität, sichtbar gewordene Sprache, abgelöst vom Akt der Äußerung, eine Art Programm, das eine Form von “innerer Sprache” auslöst und steuert, die es ohne Schrift/Text nie gegeben hätte.)

6. Der Ulmer-Verlag ist in einem ganz anderen Geschäft als der Hanser-Verlag,  der deGruyter-Verlag in einem anderen Geschäft als der Rowohlt-Verlag usw.

7. Nokia wurde als Papierkonzern gegründet. Jetzt sind sie im Screen-Geschäft. (Sie stehen vor der Herausforderung, software-basierte Services und User Experiences verkaufen zu müssen, die für kleine Screens optimiert sind. Text spielt dabei neuerdings eine erstaunlich große Rolle, nebenbei gesagt.)

8. Die “Gutenberg-Galaxis” ist eigentlich eine Ansammlung von vielen kleinen Galaxien. “Das Buch” im Jahr 1775 war etwas ganz anderes als im Jahr 1840, 1873, 1926, 1955, 1984, 2010.

9. Niemand wird mehr Bücher als Träger von “Inhalten” kaufen. (Und auch früher war das nur ein sehr kleiner Teil des Geschäfts. Wenn überhaupt.)

10. Was mit “Inhalt” oder “Content” gemeint ist, ist Text. Text ist nicht dasselbe wie “Träger von Information”.

11. Steve Jobs’ entscheidendes Bildungserlebnis auf dem College, das er nach ein paar Monaten abbrach, war eine Kalligraphie-Klasse.

12. Wofür Leute Geld wirklich bezahlen, wenn sie physische Bücher kaufen:
- für Lese-Erfahrungen,
- für Kristallisationspunkte eigener Erinnerungs- und Gedankenprozesse,
- für Vergegenständlichung und Rückversicherung von Stücken der eigenen Individualität.

13. Das gilt genauso für “Deine Meerschweinchen: Was sie brauchen und was sie alles können” wie für “Die Welt ist flach” von Thomas L. Friedman oder für “Das Methusalem-Komplott” oder für “Bartimäus – Das Amulett von Samarkand” usw.

14. “Das Buch” in den Nullerjahren war ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Objekte, die gemeinsam haben, dass sie aus Papier bestehen und Text in greifbare Form bringen:
- Wegwerfbücher: alles, was einem nicht leid tut, wenn man es im Zug vergisst;
- Coffeetable-Books;
- ‘Handbücher’ im Wortsinn (für den praktischen Gebrauch, Werkzeuge, sind irgendwann abgenutzt);
- Speicherbücher (“Nachschlagebücher”);
- Welterklärungsbücher (landen im Regal, weil sie zusammen eine individuelle Sicht der Welt darstellen);
- Erfahrungsbücher (emphatische “Bücher”, ‘Jahresringe’, landen auch im Regal) …

15. Falls es so etwas wie ein “Prinzip Buch” geben sollte, “das stets im Zentrum steht und verschiedene Ausformungen hat”, dann ist es jedenfalls etwas Neues, das wir erst verstehen lernen müssen. Und es ist vermutlich irreführend, es weiterhin “Buch” zu nennen.

To be continued. Eine autorlose Open Source-Version als “lebender Text” zum direkten und spontanen Anreichern, Löschen, Ergänzen, was immer, findet sich hier: http://piratepad.net/dasbuch

Cloudwriting: Schreiben in der Wolke

23. Februar. 2010

“… wie ein Flugzeug hoch über dem Strand, das mit weißem Rauch ‘Ambre Solaire’ in den blauen Himmel schreibt …” (Stevan Harnad, 1990)

Google Galaxis

Schreiben im Internet, so beschrieb es Stevan Harnad 1990 und noch einmal 2002, ist gedankenschnelles Himmelsschreiben, Skywriting. Eine Form, die das beste aus beiden Welten vereint: den schnellen mündlichen Austausch und die Dauer der Schrift. Seitdem hat sich das noch einmal massiv gewandelt. Nennen wir es Cloudwriting, was wir in der Google-Galaxis gerade erleben, mit Blogs, Wikis, Twitter, Etherpad, Wave und Buzz und all den unzähligen raffinierten Schreibumgebungen, die die kambrische Explosion des Web 2.0 beinahe täglich neu hervorbringt.

Schreiben in der Wolke, das ist ein Wechsel des Aggregatzustands: Keine Lettern mehr, die Zeichen ins Papier pressen. Keine Schreibmaschine, kein Linotype. Keine rasenden Rotationsmaschinen mehr, die ganze Seiten flüchtig auf Papierrollen drücken. Nicht einmal mehr Photokopierer, die heißen Toner aufs Papier hauchen. Eine unabsehbare globale Wolke aus immer kleineren digitalen Textstücke, die immer schneller zirkulieren, durch die Grenzen der indviduellen Bewusstseine hindurch. Ein intellektueller Klimawandel: Der Golfstrom verlagert sich, Gletscher schmelzen, Wüsten breiten sich aus, Katastrophen nehmen zu. Kreaturen werden aus dem gewohnten Lebensraum vertrieben.

Schreiben im Web hat nichts mehr zu tun mit Büchern, Aufsätzen, mit virtuellem Papier. Das sind Phantome, die wir als Hilfskonstruktionen mitschleifen. Unwillkürlich betrachten wir zum Beispiel Blogs immer noch als eine Abart des Tagebuchs, als eine defizitäre Form von richtigen, fertigen, redigierten, gedruckten, ordentlich veröffentlichten Texten. Aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum: Virtuelle Papiertexte sind eine defizitäre Form von Webtexten. Wobei wir erst nur ahnen können, welche Strukturen sich gerade auszubilden im Begriff sind: Nach Gutenberg, nach Goethe, nach Schirrmacher.

Das ist, natürlich, eine Kulturrevolution. Wir sind mittendrin, und die Folgen sind nicht abzusehen. Aber man kann versuchen, die Urerfahrung zu fassen. Was ist das eigentlich: “Text im Web”?

Mikrotext

Die Urerfahrung des Web ist es, immer nur einen Mikrotext auf dem Schirm zu haben. Mikrotext: eine entfaltete Idee, jetzt und sofort, auf einen Blick, in einer Aufmerksamkeitsspanne. (Solche Texte können auch Bilder enthalten oder sogar hauptsächlich aus Bildern bestehen, oder auch aus Filmclips und Sprachclips. Immer aber sind es Texte in einem grundsätzlichen Sinn: Gewebe aus Zeichen, eingebettet ins Schriftgewebe.)

Der Mikrotext steht für sich und ist zugleich Teil der großen Wolke, die selbst aus unausschöpfbar vielen, nebeneinander liegenden Mikrotexten besteht. Der Mikrotext ist nicht mehr Teil eines größeren Textes. Umgekehrt: Was früher ein geschlossener Makrotext waren, erscheint im Web tendenziell als Ansammlung von Mikrotexten. Eine kleine, etwas dichtere Textwolke innerhalb der großen Webwolke.

Der zentrale Modus des Zugriffs auf Mikrotexte ist die Suche. Von der Websuche gefunden werden immer Mikrotexte. Google fungiert dabei als Shredder für herkömmliche Makrotexte: Gezeigt wird jeweils ein Schirm voller Hinweise auf Mikrotexte, die vertreten sind durch kleinstmögliche Textausrisse und Überschriften. All die Zwischenstrukturen, die diese Mikrotexte zu reihen und zu ordnen vorgeben, werden in der Logik des Web tendenziell unwichtig und bleiben jedenfalls immer nur vage und sekundär: das Dokument, die Web-Seite, das Messageboard …

Zeichen wollen zirkulieren

Zur Urerfahrung gehört zweitens der gedankenschnelle Wechsel zwischen Lesen und Schreiben im Read/Write Web: Suchen, lesen, schreiben. Beim Schreiben den eben geschriebenen Text lesen, den Text mit einem Klick in die Wolke verschieben, dort einen Augenblick später den öffentlichen Text lesen, der einem schon nicht mehr gehört. Dann Weiterlesen als Springen von Text zu Text, Weiterlesen, Weiterschreiben, und so weiter, und so fort. Was früher “Publizieren” hieß und eine umständliche, seltene und mit vielen soziokulturellen Hürden versehene Aktion war, ist nun so etwas wie eine schriftliche Äußerung, eine Äußerung, die sich sofort als Text verselbständigt.

Und zu dieser Urerfahrung gehört drittens schließlich die ständige Spirale aus Aneignen und Preisgeben. Die Grenze und damit die “Autorschaft” der Mikrotexte verschwimmt im gedankenschnellen Wechsel zwischen Lesen, Schreiben und Äußern. Das Markieren und Ausschneiden, das Sammeln und Taggen, das In-den-Ausschnitt-hinein-schreiben, das schnelle Zurück-Äußern des umgeformten Textes … Es erinnert daran, wie früher mündliche Gruppenkommunikation funktionierte, aber nun eben mit Schriftstücken anstatt von Gesprächsfetzen. Die resultierende Verräumlichung macht einen entscheidenden Unterschied: Verselbständigung, Dauer, Vernetzung, Verdichtung, Anreicherung.

Die Zirkulation von Webtexten hat am ehesten Ähnlichkeit mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts: Ein angeregter mündlicher Austausch von allen mit allen, bei dem jede/r bemüht ist, geschliffene Worte und Sätze ins Spiel zu bringen. Reden wie gedruckt. Geistreiche Sätze, die Eindruck machen, eignet man sich an, um sie an anderer Stelle selbst zu verwenden, mehr oder weniger umgeformt, oder um daran mit eigenen Texten anzuknüpfen. So wächst im Lauf eines Abends über den Köpfen der Gesellschaft eine Wolke von geschliffenen Sprachstücken, die aktuell im Spiel sind. Impulse und Kettenreaktionen. Ein Prozess der Anreicherung. Und dann abends, nach der Rückkehr von der Gesellschaft, allein am Schreibtisch, wurden die Mikrotexte, die den meisten Eindruck hinterlassen haben, ins Journal geschrieben, um sie sich weiter zur Verfügung zu haben. Gelegentlich fanden sie Eingang in Briefe, Feuilletons, Bücher, und von da aus wieder zurück in die Salons, und so weiter, und so fort.

(Interessante Frage: Wie sah die Zirkulation von Texten/Ideen in den alten elektronischen Medien aus, also im Kontinuum aus TV, Radio und den telefon- bzw. fernschreiber-getriebenen Printmedien?)

To be continued. Am liebsten würde ich ja ein Buch darüber schreiben.

Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte.

14. März. 2009

Kompakt-Definition vorab: Ein “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das nicht-sprachliche grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können. Das heißt eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen: (a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit, (b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird), (c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit. [Ausführliche und erläuterte Version unten, die numerierten Paragraphen.]

Das Web besteht aus Microcontent, “meme-sized information chunks”. Und dieser Microcontent ist zuerst einmal Text. Nicht Bilder, nicht Sätze, nicht Multimedia, nicht Code, sondern Text. Das Problem ist nur, dass der Begriff “Text” eigentlich nicht gescheit definiert zu sein scheint.

Ich bin von Haus aus Literaturwissenschaftler, und in meiner Sekte der “strukturalistischen Textanalytiker” (vgl. Präsentation hier, pdf, 4 MB) war “Text” der zentrale Begriff. Aber wir mussten uns anscheinend (?) eigentlich nie Gedanken machen, was “der Text” als Gestalt ist. Es waren ja immer schon schriftliche Einheiten da. Was wir gemacht haben, war zu sagen: “Das ist mir jetzt erst mal egal, ob das ein Roman ist oder ein Gedicht oder ein Tagebuch oder eine Rede von Bismarck oder ein Zeitungsartikel. Das ist alles zuerst einmal ‘Text’. Und ‘Texte’ kann man nach einheitlichen Regeln analysieren.” Es gab also eine impliziten Begriff, das schon. Aber eine brauchbare Definition des Textes als semiotische Oberflächen-Einheit?

Das Web ist nun dasjenige System von öffentlicher Schrift, für das uns unsere alten bourgeoisen Literatur-Genres nicht weiterhelfen. (“Ein Blog ist ein Tagebuch”, “digitale Tageszeitung”, “Hypertext-Roman” … das alles geht nicht mehr.) Das Web besteht aus Text. Punkt. Und ja, es entstehen eigene Textsorten und Genres, und früher oder später werden wir sie vernünftig benennen können. Aber zuerst einmal sollte ich herausfinden, was “Text” überhaupt ist. Um dann sagen zu können, was sich geändert hat, wenn digitale “Mikrotexte” dominieren, statt Buchkultur und elektronisch-medialer TV-Mündlichkeit.

Ich kenne wie gesagt keine konkret brauchbare Definition des Textes als Gestalt. Es ist mir peinlich, das zuzugeben. Wahrscheinlich gibt es welche, und ich kenne sie nicht, obwohl ich sie weiß Gott kennen müsste. Ich meine hier das, was Kristeva Pheno-Text nennt. Es scheint, dass Kristeva, Eco und Barthes immer schon über diese gegebene oberflächliche Form des (Makro-)Textes hinauswollten, wenn sie den Begriff “Text” gebrauchten. Diese Definitionen sind immer schon Dekonstruktionen. Die Kettenreaktionen, die Semiose, die dynamische Herstellung von Bedeutung. Alles interessant, aber von komplexer Bedeutung rede ich hier noch gar nicht. Erst einmal muss ich wissen, was das ist: “Text”, als greifbare Einheit. Die relevanteste Definition, die ich gefunden habe, ist natürlich von Jurij Lotman:

“Der Text versucht gleichsam ein ‘großes Wort’ zu werden, mit einer einzigen Bedeutung.” “[Ein Text ist] eine isolierte, in sich geschlossene Zeichen-Formation, mit einer einheitlichen und unzerlegbaren Bedeutung und einer einheitlichen unzerlegbaren Funktion” [im einem größeren Kommunikations-system]. (Yuri M. Lotman 2001, Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. London, New York: I.B. Tauris, S.47; meine Übersetzung)

Das ist schon richtig, aber es ist mir noch zu verschwommen. Es reicht mir nicht, wenn ich das Web beschreiben und verstehen möchte. Deshalb hier mein eigener Anlauf, extrem provisorisch natürlich. In einem Anlauf hingeschrieben, als Selbstverständigung. (Jede Kritik, jeder Hinweis auf vorhandene gute Definitionen ist willkommen!) Also:

1. “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können.

2. Text ist eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen:
(a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit,
(b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird),
(c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit.

3. Text ist in der Regel schriftlicher Text, d.h. visualisierte und abstrahierte Sprache.

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn da reden, wo mündliche Sprache mehrere der obigen Merkmale annimmt.
(Der “Leserblick” entspräche dann einer besonderen Form des “Hörergedächtnis”: Speichern von verselbständigten, intersubjektiv bestätigten bildhaft-rhetorischen Einheiten.)

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn auch da reden, wo “Bildsprache” sich formalisiert und ihren Einmaligkeitscharakter verliert. (Wenn Bilder/Filme mehr gelesen als gesehen werden. Hier wäre der Bildcharakter der Aussage gegeben. Dafür fehlt die Abstraktion der Sprache.)

4. Das Web besteht primär aus Mikrotexten. Text in Microcontent-Form (“Mikrotext”) ist dann ein Text, der eine Aufmerksamkeitseinheit in Anspruch nimmt, d.h. einen in sich geschlossenen sinnhaften Moment in der Kognition des Lesers (bzw. des Schreibers-als-Selbstlesers). Ein Leser-Moment kann zwischen ca. 30 Sekunden und ca. 5 Minuten umfassen.

5. Die bourgeois-industrielle Kultur bestand primär aus Makrotexten. Makrotexte sind geschlossene Einheiten, die nur sehr schwer als Ansammlung von Mikrotexten aufgefasst werden können. In der Praxis handelt es sich um präfigurierte Kettenreaktionen von dicht gepackten, unselbständigen Semi-Mikrotexten. Aus diesen Semi-Mikrotexten kann durch Auskoppelung ein vollgültiger Mikrotext werden (“Geflügeltes Wort” usw. was viel leichter aus Dramen und Gedichten geht als aus Prosa.)

6. “Hypertext” ist ein statischer Begriff. Ein eingefrorenes System vernetzter Mikrotexte. Ein historisches Übergangsphänomen. In Wahrheit geht es um Zirkulation durch Vernetzung, nicht um Vernetztheit an sich. Zirkulation setzt Vernetzung voraus, aber Vernetzung impliziert nicht Zirkulation.

(Die Zirkulation beim statischen Hypertxt wäre der dynamische Fluss der Gedanken durch den Kopf. Aber das funktioniert eben de facto nicht: Niemand hat je statische Hypertexte gelesen. Sonderfälle sind Enzyklopädien und Gebrauchsanweisungen.)

7. Sekundäre Mündlichkeit (mündlich, elektronisch-analog-medial, digital)

Text ist Schrift. In einer Text-Welt verändert sich aber auch der Charakter von “Mündlichkeit”, wie Walter Ong feststellte.

Ein mündlicher Mikrotext wäre dann eine Aussage, die bildhaft “vor Augen steht”, sich “ins Gedächtnis einbrennt” usw. Er ist wiederholbar, er löst sich ab vom Sprecher. Ein Textbild quasi, nicht wirklich ein Schriftbild. Proto-Schrift: Ein “Gedicht”. Ein Vers aus dem Nibelungenlied. Ein Zauberspruch. Rhetorische Formeln, rhetorische Bilder. Entstehen logischerweise leichter in der sekundären Mündlichkeit von Schriftkulturen. Die Mündlichkeit von Literaten.

Elektronisch-medialer Mikrotext ist eine mündliche Aussage, die “aufgenommen” und dadurch festgestellt, d.h. texthaft geworden ist. Das verändert auch dann ihren Charakter, wenn sie “spontan” hervorgebracht und de facto gar nicht gespeichert wurde (im Fernsehen, im Radio, auf Tonband). Mündliche Aussagen in elektronischen AV-Medien haben einen eigentümlichen Text-Charakter. Sie sind wirklich “Textbild”. Das Verhältnis von Schriftlichkeit und elektronischer Medialität wäre zu reflektieren. (Beides verselbständigt sich gegenübe rMündlichkeit.)

8. Text-Welten: Spannung zwischen Schriftlichkeit, Mündlichkeit, elektronischer Medialität und digitaler Medialität seit ca. 1850

(a) Text-Welt 1: Bourgeoise Gutenberg-Galaxis. Massenhafte und schnell herstellbare Druckschrift, die Mündlichkeit von Literaten. Reden wie gedruckt. Briefe die das eigene Leben literarisieren. Abgespalten ist die nicht-literarische Mündlichkeit. Zugleich bildet sich durch den elektronisch und maschinell beschleunigten Druck (urbane Massenpresse) ein neuartiges System von flüchtiger und zirkulärer Schriftlichkeit.

(b) Text-Welt 2: Gespaltene Welt aus bourgoiser Gutenberg-Galaxis, elektronisch-mündlicher TV-Galaxis und semi-elektronischer Presse-Zirkulation. Die Alltags-Mündlichkeit wird stark beeinflusst von Medien-Mündlichkeit. Auch die Schriftlichkeit nimmt elektronisch-mündliche Züge an (Massenpresse, Beat/Popliteratur). Die urbane Massenpresse wird immer stärker und dominanter. Auch dort gibt es eine frühe Form von “Mikrotext” (McLuhans “Mosaic”, Zirkulation von “News”, auch von weltanschaulichen Fragmenten).

(c) Text-Welt 3: Google-Galaxis, das Web als Mikrotext-Zirkulationssystem ersetzt die bourgeoise Gutenberg-Galaxis und die urbane Massenpresse. Es bettet auch die alten AV-Medien ein. Zugleich wird die digitalisierte elektronische Mündlichkeit der AV-Medien immer texthafter: Tendenziell wird jede Szene, jeder Satz zugreifbar. Ansatzweise schon durch analoge Kopien (Videobänder, Audiocassetten, Fotokopien), extrem aber durch digitale Kopien. Je mehr Bilder es gibt, desto mehr sie als Abbilder wiederholt und sortiert werden können, desto mehr werden Filme und Bilder “gelesen”, nicht mehr einfach nur überwältigt “erblickt”.

9. Schriftbild und Proto-Text: Ein Text ist ein Schriftbild: D.h. ein Text hat ein Design und eine User Experience, die ihn als Einheit erscheinen lässt. Ein Proto-Text ohne Schriftbild wäre ein Druck-Satz, eine Source-Code-Datei, die Ebene des Baukastens mit dem man Worte und Sätze bilden und visuell anordnen kann. (Sobald etwas angeordnet wurde, ist es ein Text = Schriftbild.

10. Multimedia-Einbettung: Der Text kann als Meta-Text auch auf eingebettete multimediale Einheiten verweisen kann (etwa Audio- und Video-Dateien).

Solche eingebetteten Multimedia-Elemente können dann als Teile des Textes (im weiteren Sinn) betrachtet werden, wenn man sie zusammen mit dem eigentlichen Text (im engeren Sinn, der sie einbettet und auf sie verweist) in einem Zug, in einem Flow konsumieren kann.

Das bedeutet, solche Multimedia-Elemente müssen Microcontent sein, d.h. nicht mehr als eine Aufmerksamkeits-Einheit verbrauchen. Einen sinnhaften Moment im kognitiven System des Users. Wie lang wäre ein solcher Moment? (In unsrerer Kultur:Popsong-Länge, ca. drei bis fünf Minuten.)

Und noch eine Einführung …

4. November. 2008

Ich interessiere mich für die Schnittstelle, an der digital vernetzte Medien die Art beeinflussen, wie wir denken, wie wir arbeiten und wie wir leben.

In meinem jetzigen Leben befasse ich v.a. mit dem “MicroWeb” — das ist das Web hinter den Web-Sites und Web-Seiten. Das Web, das aus Microcontent besteht, d.h. aus sehr vielen sehr kleinen Stückchen Information bzw. Kommunikation, die jedes ihre eigene Web-Adresse (URI) haben, und in etwa die richtige Größe für die Aufmerksamkeitsstruktur von “Informations-arbeitern”: Ideen gerade so groß, dass man sie auf einen Blick erfasst, wenn sie auf dem Screen aufblitzen. In a blink: In einer Einheit zerstreuter Aufmerksamkeit.

“Das Web hat die Dokumente gesprengt. Es behandelt schwere Bände wie eine Ansammlung von Ideen …. Was einmal eine kompakte, gebundene Einheit war, wird in Stücke gerissen und in die Luft geblasen. Und was das Web mit den Dokumenten macht, das macht es mit so ziemlich jeder Institution, mit der es in Berührung kommt.” (David Weinberger, Web-Theoretiker mit Philosophieabschluss, in seinem Buch “Small Pieces Loosely Joined“, 2002).

Das ist keine gedankenblasse Theorie, und kein spätbürgerlicher Provokations-Futurismus à la Norbert Bolz. Das ist schlicht das, was sich da draußen im Web abspielt. Wir werden lernen müssen, damit zu leben.

Ich vergleiche das gern mit einem “digitalen Klimawandel”, fast unmerklich, aber mit dramatischen Folgen für die Umwelt: Die Zeiten der “Datenspeicher” und der “Datenautobahn” sind – für die menschlichen Benutzer! – vorbei. Information zerfällt und zirkuliert immer schneller, die Temperatur erhitzt sich.  Laufend entstehen und zerfallen neue, flüchtigere Strukturen. Die gewohnte Art, Informationen zu filtern und zu verarbeiten, funktioniert hier immer schlechter: Der berüchtigte “Information Overload” ist allgegenwärtig.

Und deshalb schmelzen die Gletscher (Parteien, Universitäten, Großunternehmen).

Deshalb breiten sich Wüsten aus (v.a. da, wo man noch Wirtschaft betreibt, die auf der Knappheit von Information beruht).

Und deshalb werden Lebewesen aus ihrer gewohnten Umwelt vertrieben. So wie ich. (Aber auch Sie wird es erwischen, garantiert.)

Information und Wissen organisieren sich nun anders: In Wolken, in Feldern aus lose verkoppelten Teilchen, in die wir eintauchen. Und in lose verketteten ‘Flows’, in denen dynamische Information ständig auf uns ein und durch uns hindurch strömt.

In einem solchen ökologischen System ist jedes Wissen, das nicht ständig im Spiel gehalten wird, bereits vergessen. Und Wissen, das niemand hat, ist ja gar keines. Wir müssen also unsere Art zu denken und zu arbeiten daran anpassen – oder wir scheitern.

In einem langen früheren Leben habe ich mich 20 Jahre lang wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt, als Student, Forscher und Universitätslehrer. Ich wollte verstehen, wie einzelne Menschen und ganze Kulturen sich jeweils ihre eigene Welt aufbauen: Welten aus Zeichen, aus Texten, aus Metaphern, aus mächtigen Bildern und aus Erzählmustern.

Literatur besteht aus gedruckten Texten. Und trotzdem ist sie durchaus verwandt mit dem MicroWeb, denn hier haben Sinn und Bedeutung nicht die Form von “festen Wahrheiten” und “eindeutiger Information”. Sie haben eine viel flüssigere Form: von erzählenden Sätzen, von Figuren-Rede, von sprachlichen Bildern, die sich allmählich zu mehr oder weniger dichten Sinnwolken verdichten. Literarische Texte, das sind immer schon small pieces loosely joined, knowledge clouds und information flows. (Dass diese Texte gedruckt sind, also fixiert und abgegrenzt, ist ein innerer Widerspruch, der sie besonders interessant macht.)

Wenn man nun genau hinsieht, erkennt man, dass diese seltsame Eigenschaft von Literatur keine Ausnahme ist. Die absolute Ausnahme sind ja im Gegenteil die künstlich fixierten, scheinbar zeitlos gültigen Aussagen. Das, was in dicke, schwierige, teure Bücher gedruckt wird, die nur sehr wenige schreiben dürfen und die nur sehr wenige lesen können. Das, was von Autoritäten verbreitet wird, die diese Bücher geschrieben und gelesen haben, oder jedenfalls so tun, und die daher reden wie gedruckt.

Nur hat jetzt keiner mehr Zeit und Geduld, das zu lesen. Oder “Vorlesungen” zu hören. Studenten lesen nicht mehr die Bücher ihrer Professoren, Professoren lesen nicht mehr die Aufsätze ihrer Fachkollegen, Manager lesen nicht mehr die Reports ihrer Untergebenen. Sie überfliegen nur die Executive Summary. Die Leute lesen weiter Bücher, das schon, aber diese selbst haben einen anderen Aggregatzustand als früher: eher “Ansammlungen von Ideen” als schwere, gebundene Folianten.

Und weil das so ist, werden die Texte immer unwichtiger und immer seltener, die “dauerhaft gültige” Aussagen enthalten oder zu enthalten vorgeben. Sie spiegeln einfach nicht mehr die gegenwärtige Lebenswelt.  Zeichen wollen zirkulieren. Digitale Information möchte frei strömen, durch alle möglichen Formen hindurch.

Nicht, dass es solche dauerhaften Buch-Bände nicht mehr gibt. Sie gewinnen sogar an Prestige, scheint es, so wie das Fach Latein im Gymnasium. Es liest sie bloß keiner mehr. Wir haben keine Zeit mehr, weil wir genug damit zu tun haben, im permanenten Zeichenstrom den Kopf über Wasser zu halten.

“Es ist, als sollten in einen beständig strömenden Fluss Linien gezogen werden, Figuren gezeichnet, die standhielten. Zwischen dieser Wirklichkeit und dem Verstand scheint kein Verhältnis des Auffassens möglich, denn der Verstand trennt, was im Fluss des Lebens verbunden ist, er repräsentiert etwas, das unabhängig von dem Kopf gilt, der es ausspricht, also allgemein und immer. Der Fluss des Lebens aber ist überall nur einmal, jede Welle in ihm entsteht und vergeht.” (Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1927)

Wenn wir sehr ehrlich nachdenken, dann fällt uns ein, dass das in der Zeit der bürgerlichen Prachtbibliotheken gar nicht so viel anders war. Auch damals war nur das wirklich Wissen, was zirkulierte. Nur dass damals solche Wissensflüsse sehr viel langsamer waren, weil ihr Rhythmus vorgegeben wurde durch das mühsame Schreiben, durch den umständlichen Druckvorgang und und das langwierige Lesen, um sich den harten abstrakten Stoff mühsam wieder anzueignen. Und durch die umständlichen, exklusiven, vielfach geschützten Formen der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Nicht dass wir uns missverstehen: Das alles ist schon auch schade, in sehr vieler Hinsicht .

Die Epoche des gedruckten Wissens und der Schriftgelehrten, und das ist für uns heute also erst einmal die Zeit des -  selbst überaus wandlungsfähigen – modernen Bürgertums, die Zeit also etwa zwischen 1750/1780 und 1950/1980, diese Epoche war in vieler Hinsicht eine große Zeit. Der Zyklus Reden – Denken – Schreiben – (industrielles) Drucken – Lesen – Denken – Reden usw. war eine intellektuelle Maschine von enormer Leistungskraft.

Es ist nur eben vorbei, jedenfalls in dieser Form. Erst gab es Tageszeitungen (“Daily Telegraph”), dann gab es Taschenbücher aus der Zeitungspresse (“Rotationsromane”, die nicht nur Romane waren). Es gab seltsame Mischformen von in Rede zurückverwandelten Skripten (das Radio, das Fernsehen). Es gab den Übergang vom Tiefdruck zum Offsetdruck zum Digitaldruck. Aber jetzt erst, mit dem Internet/Web, hat die Verflüssigung der Schrift endgültig das Wissen selbst erreicht, das man vorher immer noch “dem Tag enthoben” wähnte.

Ist das der Untergang des Abendlandes? Ja.

Aber das ist kein dramatisches “Ja”. Man muss es beiläufig ausssprechen, wie “Eh klar”. Es ist schon vorbei. Das Abendland ist bereits untergegangen, in den letzten 25 Jahren. Wir sollten uns besser daran gewöhnen.

Ist das nicht furchtbar?

Hm … schwierige Frage. Das ist das Wesen von Epochenumbrüchen: Sehr viel wertvolles Wissen geht verloren, ganz neue Wissensformen entstehen. Was hier letztlich überwiegt, Gewinn oder Verlust, ist kaum zu beantworten. Letztlich ist es egal: Es geschieht eben. Wir sollten gut überlegen, wie wir auf dieses Geschehen einwirken können. Aber das ist dann nicht mehr Verteidigung von Bildungsgut, “kulturelles Gedächtnis”, sondern User Experience Design, das zugleich Knower Experience Design ist.

(Ah ja, und noch eine schwere Kränkung: Die Leitsprache wird auf sehr lange Zeit Englisch sein. Mit guten Gründen, die durchaus auch in den Qualitäten der Sprache selbst liegen.)

Digitaler Klimawandel, deutsch

21. Oktober. 2008

Das Internet wird unterschätzt, bei weitem. Wir reden zu wenig darüber. Wir denken viel zu wenig ernsthaft darüber nach. Darum verstehen wir die Welt nicht mehr. (Im deutschsprachigen Raum übrigens noch weniger als anderswo.) Digitale Information ist wie der Klimawandel: Nichts ist wirklich greifbar, nichts kann man anfassen, es ist nur ein kaum merkliches Ansteigen der Durchschnittstemperatur, und trotzdem hat es schwerwiegende Folgen für die Welt in der wir leben.

„Information“ hat ihren Aggregatzustand geändert: Sie ist wolkiger und flüchtiger geworden, und sie zirkuliert sehr viel schneller. Sie funktioniert viel mehr als ständige schnelle  Kettenreaktion, nicht mehr als etwas Gespeichertes, auf das man in Ruhe zurückgreifen kann. Das verändert das gesellschaftliche Ökosystem, und zwar auch für die, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Der Golfstrom fließt plötzlich anderswo. Und plötzlich müssen alle ihre gewohnte Lebensweise und Denkweise verändern.

Gletscher schmelzen mit verblüffender Geschwindigkeit: die Banken, Siemens, die CSU, die SPD sowieso, BMW, die Universitäten, die Schulen … Faustregel: Je größer die Gebäude sind, in denen eine Organisation residiert, desto größer sind ihre Probleme.

Wüsten breiten sich aus, wo früher fruchtbares Land war: Die Märkte verändern sich. Was „Produkt“ ist, verändert sich. Das Geschäft der alten Medien funktioniert nicht mehr: die Zeitungen, das Fernsehen, die Werbung, die Bücher. Man kann „Inhalte“ nicht mehr so verkaufen, wie man es früher gewohnt war.

Kreaturen werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben. Wir werden noch viel mehr „digitale Nomaden“ sehen, mit Laptop und internetfähigem Telefon, die in wechselnden „Projekten“ in verteilten Teams arbeiten. Und das betrifft alle – auch und gerade gestandene Leute, die nicht unter 30 sind, die nicht in Berlin leben und die handfeste Berufe haben, die auf den ersten Blick nicht aussehen wie „Wissensarbeit“.

Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Das Internet ändert alles. Es wird bei weitem unterschätzt, weil man falsche Fragen stellt: Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Die „Realwirtschaft“? Menschen aus Fleisch und Blut? Richtiges Geld? Es sind doch nur Zeichen! Da bleibt doch nichts! Wie Flugzeuge, die über den Strand fliegen und groß „Nivea“ in den Himmel schreiben. Wie Blogger, die immer nur „Ich Ich Ich“ sagen. Wie Banker, die immer neue Kredite verbriefen.

Ja. Aber es sind Millionen Flugzeuge, die Worte und Zeichen  in den Himmel schreiben, bis sich die Spuren immer mehr überkreuzen, bis nur mehr eine einzige große Wolke zu sehen ist, die ständig ihre Gestalt ändert. Und diese Wolke geht nie mehr weg. Es gibt keinen Rückweg mehr in die gute alte Wirklichkeit (wenn es sie denn je gegeben hat). Diesen Klimawandel müssen wir verstehen, wenn wir lernen wollen, wie man in dieser veränderten Umwelt überleben kann. Und wir haben ja gerade erst damit angefangen: Die große Wolke gibt es erst seit 15 Jahren. Und erst seit 9 Jahren greift sie spürbar in unser (deutsches) Alltagsleben ein.

Die Deutschen verstehen das Internet noch weniger als andere, weil sie nicht seine Sprache sprechen: Der deutsche Sprachraum ist zu groß – man kann sich darin aufhalten, ohne das Gefühl zu haben, viel zu verpassen. (Kleine Länder tun sich leichter: da muss man von vornherein international sein.) Und: Die deutsche Sprache, so wie wir sie gelernt haben, kennt nur zwei Zustände, schlechte Abstraktion und schlechte Direktheit. Eine papierene, umständliche Schriftsprache und eine pseudo-mündliche Gegensprache der institutionalisierten Jugendkultur. Es bessert sich zwar sehr langsam, von den Rändern her, aber insgesamt gibt es immer noch zu wenig eingeführte Redeweisen, die sich für das Internet eignen: kaum eine lakonische, mit Mündlichkeit aufgeladene Schrift-Intellektualität, und kaum ein mündliches Argumentieren, das klar eine komplexe Reihe von Argumenten nennt.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.