Mikrotexte, Echtzeittexte (Bernd Graff über Twitter)

16. März. 2009

Das ist glaube ich das erste Mal, dass ich einen Artikel des Web-Kulturkritikers der SZ, Bernd Graff, nachdenkenswert finde. (Link) Er geht aus von Winnenden und Twitter und markiert den revolutionären Übergang zwischen zwei Text-Kulturen:

“Wir erleben eine Revolution im Statut des Textes und folglich eine Redefinition dessen, was Information ist und sein kann. … Es dringt also in nie dagewesenem Maß Zeit in diesen Welt-Text ein [gemeint ist die Gesamtheit der Twitter-"Echtzeit-Texte"; M.L.], reine ungefilterte Gegenwart, die gewissermaßen als Beschleunigungspartikel in die Wortzwischenräume fährt.”

Das bedeutet:Im Gegensatz zu den Texten unserer herkömmlichen Schriftkultur, die Graff etwas sehr pauschal als “zeitenthoben” charakterisiert, sind die Texte des Web dynamisch (sie ähneln quasi eher den Konversations-Statements auf einer Party, nur eben schriftlich) und sie sind, wie Graff richtig erkennt, wesentlich Verweise: “Nie zuvor rückte die Zeichen- und Symbolhaftigkeit der Texte so dominant vor ihren Inhalt.”

Aber das ist natürlich generell so bei Texten, bei Zeichen und bei Geld: Wo kommt das Spiel der Verweise zur Ruhe? Wann ist da endlich wirklich Realität? Endlich kein Zeichen mehr, kein Gerede? Ja eben: Wenn einer Menschen abknallt. Wenn ein Flugzeug (fast) verunglückt. Deshalb ist das große Twitter-Web-Laborexperiment so fasziniert von diesen Echtzeit-Katastrophen, als “wirklicher” Anlass für eine eigendynamische und selbstbezügliche Welle von Mikro-Kommunikationen.

Sehr lustig ist dann die kulturkritische Wende, die Graff, wie immer dabei auch Nick Carr zitierend, sich dann doch nicht verkneifen kann: Sofort schreibt er (unabsichtlich?) die schönste 1930er-Jahre-Innere Emigrations-Prosa:

“Der Essay, der Leitartikel, der Kommentar, das Dossier als Medium für Reflexion, jenes Zurückbeugen und Innewerden der abendländischen Philosophie, sind eben nicht mehr die ultimativen Formen des sich selbst vergewissernden Denkens und Erlebens.”

Sakradi. “Jenes Zurückbeugen und Innewerden” in der zeitlosen SZ, Heribert Prantl, Aristoteles, Bernd Graff, Peter Handke, Karl Jaspers. “Wenn Zeit für diese Texte eine Rolle spielte, dann als Anlass zu Versenkung und Wiederholung, zum Innehalten und zur Einprägung.”

Vorbei.


Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte.

14. März. 2009

Kompakt-Definition vorab: Ein “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das nicht-sprachliche grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können. Das heißt eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen: (a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit, (b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird), (c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit. [Ausführliche und erläuterte Version unten, die numerierten Paragraphen.]

Das Web besteht aus Microcontent, “meme-sized information chunks”. Und dieser Microcontent ist zuerst einmal Text. Nicht Bilder, nicht Sätze, nicht Multimedia, nicht Code, sondern Text. Das Problem ist nur, dass der Begriff “Text” eigentlich nicht gescheit definiert zu sein scheint.

Ich bin von Haus aus Literaturwissenschaftler, und in meiner Sekte der “strukturalistischen Textanalytiker” (vgl. Präsentation hier, pdf, 4 MB) war “Text” der zentrale Begriff. Aber wir mussten uns anscheinend (?) eigentlich nie Gedanken machen, was “der Text” als Gestalt ist. Es waren ja immer schon schriftliche Einheiten da. Was wir gemacht haben, war zu sagen: “Das ist mir jetzt erst mal egal, ob das ein Roman ist oder ein Gedicht oder ein Tagebuch oder eine Rede von Bismarck oder ein Zeitungsartikel. Das ist alles zuerst einmal ‘Text’. Und ‘Texte’ kann man nach einheitlichen Regeln analysieren.” Es gab also eine impliziten Begriff, das schon. Aber eine brauchbare Definition des Textes als semiotische Oberflächen-Einheit?

Das Web ist nun dasjenige System von öffentlicher Schrift, für das uns unsere alten bourgeoisen Literatur-Genres nicht weiterhelfen. (“Ein Blog ist ein Tagebuch”, “digitale Tageszeitung”, “Hypertext-Roman” … das alles geht nicht mehr.) Das Web besteht aus Text. Punkt. Und ja, es entstehen eigene Textsorten und Genres, und früher oder später werden wir sie vernünftig benennen können. Aber zuerst einmal sollte ich herausfinden, was “Text” überhaupt ist. Um dann sagen zu können, was sich geändert hat, wenn digitale “Mikrotexte” dominieren, statt Buchkultur und elektronisch-medialer TV-Mündlichkeit.

Ich kenne wie gesagt keine konkret brauchbare Definition des Textes als Gestalt. Es ist mir peinlich, das zuzugeben. Wahrscheinlich gibt es welche, und ich kenne sie nicht, obwohl ich sie weiß Gott kennen müsste. Ich meine hier das, was Kristeva Pheno-Text nennt. Es scheint, dass Kristeva, Eco und Barthes immer schon über diese gegebene oberflächliche Form des (Makro-)Textes hinauswollten, wenn sie den Begriff “Text” gebrauchten. Diese Definitionen sind immer schon Dekonstruktionen. Die Kettenreaktionen, die Semiose, die dynamische Herstellung von Bedeutung. Alles interessant, aber von komplexer Bedeutung rede ich hier noch gar nicht. Erst einmal muss ich wissen, was das ist: “Text”, als greifbare Einheit. Die relevanteste Definition, die ich gefunden habe, ist natürlich von Jurij Lotman:

“Der Text versucht gleichsam ein ‘großes Wort’ zu werden, mit einer einzigen Bedeutung.” “[Ein Text ist] eine isolierte, in sich geschlossene Zeichen-Formation, mit einer einheitlichen und unzerlegbaren Bedeutung und einer einheitlichen unzerlegbaren Funktion” [im einem größeren Kommunikations-system]. (Yuri M. Lotman 2001, Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. London, New York: I.B. Tauris, S.47; meine Übersetzung)

Das ist schon richtig, aber es ist mir noch zu verschwommen. Es reicht mir nicht, wenn ich das Web beschreiben und verstehen möchte. Deshalb hier mein eigener Anlauf, extrem provisorisch natürlich. In einem Anlauf hingeschrieben, als Selbstverständigung. (Jede Kritik, jeder Hinweis auf vorhandene gute Definitionen ist willkommen!) Also:

1. “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können.

2. Text ist eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen:
(a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit,
(b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird),
(c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit.

3. Text ist in der Regel schriftlicher Text, d.h. visualisierte und abstrahierte Sprache.

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn da reden, wo mündliche Sprache mehrere der obigen Merkmale annimmt.
(Der “Leserblick” entspräche dann einer besonderen Form des “Hörergedächtnis”: Speichern von verselbständigten, intersubjektiv bestätigten bildhaft-rhetorischen Einheiten.)

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn auch da reden, wo “Bildsprache” sich formalisiert und ihren Einmaligkeitscharakter verliert. (Wenn Bilder/Filme mehr gelesen als gesehen werden. Hier wäre der Bildcharakter der Aussage gegeben. Dafür fehlt die Abstraktion der Sprache.)

4. Das Web besteht primär aus Mikrotexten. Text in Microcontent-Form (“Mikrotext”) ist dann ein Text, der eine Aufmerksamkeitseinheit in Anspruch nimmt, d.h. einen in sich geschlossenen sinnhaften Moment in der Kognition des Lesers (bzw. des Schreibers-als-Selbstlesers). Ein Leser-Moment kann zwischen ca. 30 Sekunden und ca. 5 Minuten umfassen.

5. Die bourgeois-industrielle Kultur bestand primär aus Makrotexten. Makrotexte sind geschlossene Einheiten, die nur sehr schwer als Ansammlung von Mikrotexten aufgefasst werden können. In der Praxis handelt es sich um präfigurierte Kettenreaktionen von dicht gepackten, unselbständigen Semi-Mikrotexten. Aus diesen Semi-Mikrotexten kann durch Auskoppelung ein vollgültiger Mikrotext werden (“Geflügeltes Wort” usw. was viel leichter aus Dramen und Gedichten geht als aus Prosa.)

6. “Hypertext” ist ein statischer Begriff. Ein eingefrorenes System vernetzter Mikrotexte. Ein historisches Übergangsphänomen. In Wahrheit geht es um Zirkulation durch Vernetzung, nicht um Vernetztheit an sich. Zirkulation setzt Vernetzung voraus, aber Vernetzung impliziert nicht Zirkulation.

(Die Zirkulation beim statischen Hypertxt wäre der dynamische Fluss der Gedanken durch den Kopf. Aber das funktioniert eben de facto nicht: Niemand hat je statische Hypertexte gelesen. Sonderfälle sind Enzyklopädien und Gebrauchsanweisungen.)

7. Sekundäre Mündlichkeit (mündlich, elektronisch-analog-medial, digital)

Text ist Schrift. In einer Text-Welt verändert sich aber auch der Charakter von “Mündlichkeit”, wie Walter Ong feststellte.

Ein mündlicher Mikrotext wäre dann eine Aussage, die bildhaft “vor Augen steht”, sich “ins Gedächtnis einbrennt” usw. Er ist wiederholbar, er löst sich ab vom Sprecher. Ein Textbild quasi, nicht wirklich ein Schriftbild. Proto-Schrift: Ein “Gedicht”. Ein Vers aus dem Nibelungenlied. Ein Zauberspruch. Rhetorische Formeln, rhetorische Bilder. Entstehen logischerweise leichter in der sekundären Mündlichkeit von Schriftkulturen. Die Mündlichkeit von Literaten.

Elektronisch-medialer Mikrotext ist eine mündliche Aussage, die “aufgenommen” und dadurch festgestellt, d.h. texthaft geworden ist. Das verändert auch dann ihren Charakter, wenn sie “spontan” hervorgebracht und de facto gar nicht gespeichert wurde (im Fernsehen, im Radio, auf Tonband). Mündliche Aussagen in elektronischen AV-Medien haben einen eigentümlichen Text-Charakter. Sie sind wirklich “Textbild”. Das Verhältnis von Schriftlichkeit und elektronischer Medialität wäre zu reflektieren. (Beides verselbständigt sich gegenübe rMündlichkeit.)

8. Text-Welten: Spannung zwischen Schriftlichkeit, Mündlichkeit, elektronischer Medialität und digitaler Medialität seit ca. 1850

(a) Text-Welt 1: Bourgeoise Gutenberg-Galaxis. Massenhafte und schnell herstellbare Druckschrift, die Mündlichkeit von Literaten. Reden wie gedruckt. Briefe die das eigene Leben literarisieren. Abgespalten ist die nicht-literarische Mündlichkeit. Zugleich bildet sich durch den elektronisch und maschinell beschleunigten Druck (urbane Massenpresse) ein neuartiges System von flüchtiger und zirkulärer Schriftlichkeit.

(b) Text-Welt 2: Gespaltene Welt aus bourgoiser Gutenberg-Galaxis, elektronisch-mündlicher TV-Galaxis und semi-elektronischer Presse-Zirkulation. Die Alltags-Mündlichkeit wird stark beeinflusst von Medien-Mündlichkeit. Auch die Schriftlichkeit nimmt elektronisch-mündliche Züge an (Massenpresse, Beat/Popliteratur). Die urbane Massenpresse wird immer stärker und dominanter. Auch dort gibt es eine frühe Form von “Mikrotext” (McLuhans “Mosaic”, Zirkulation von “News”, auch von weltanschaulichen Fragmenten).

(c) Text-Welt 3: Google-Galaxis, das Web als Mikrotext-Zirkulationssystem ersetzt die bourgeoise Gutenberg-Galaxis und die urbane Massenpresse. Es bettet auch die alten AV-Medien ein. Zugleich wird die digitalisierte elektronische Mündlichkeit der AV-Medien immer texthafter: Tendenziell wird jede Szene, jeder Satz zugreifbar. Ansatzweise schon durch analoge Kopien (Videobänder, Audiocassetten, Fotokopien), extrem aber durch digitale Kopien. Je mehr Bilder es gibt, desto mehr sie als Abbilder wiederholt und sortiert werden können, desto mehr werden Filme und Bilder “gelesen”, nicht mehr einfach nur überwältigt “erblickt”.

9. Schriftbild und Proto-Text: Ein Text ist ein Schriftbild: D.h. ein Text hat ein Design und eine User Experience, die ihn als Einheit erscheinen lässt. Ein Proto-Text ohne Schriftbild wäre ein Druck-Satz, eine Source-Code-Datei, die Ebene des Baukastens mit dem man Worte und Sätze bilden und visuell anordnen kann. (Sobald etwas angeordnet wurde, ist es ein Text = Schriftbild.

10. Multimedia-Einbettung: Der Text kann als Meta-Text auch auf eingebettete multimediale Einheiten verweisen kann (etwa Audio- und Video-Dateien).

Solche eingebetteten Multimedia-Elemente können dann als Teile des Textes (im weiteren Sinn) betrachtet werden, wenn man sie zusammen mit dem eigentlichen Text (im engeren Sinn, der sie einbettet und auf sie verweist) in einem Zug, in einem Flow konsumieren kann.

Das bedeutet, solche Multimedia-Elemente müssen Microcontent sein, d.h. nicht mehr als eine Aufmerksamkeits-Einheit verbrauchen. Einen sinnhaften Moment im kognitiven System des Users. Wie lang wäre ein solcher Moment? (In unsrerer Kultur:Popsong-Länge, ca. drei bis fünf Minuten.)


Was sind Meme im Web? Eine Definition

28. Januar. 2009

Memes sind elementare Einheiten kultureller Information, die “sich selbst replizieren”, in Kettenreaktionen, und die in diesem Prozess mehr oder minder komplexe, flüchtige und ausdifferenzierte Felder/Strukturen/ Wolken bilden, die wieder auf den gesamten Mem/Sem-Prozess zurückwirken.
(Ausführlicher siehe unten.)

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Das ist entstanden imRahmen eine hypothetischen iMEMES / iSEMES – Projekts: Die Idee wäre es, das Web als neuartiges, dynamisches und sich komplex ’selbst-organisierendes’ Ökosystem für die Zirkulation, Anreicherung und Produktion von Wissen/Information zu erforschen.

Ziel: Den “Grundstoff des Web” greifbar machenen, seine Regularitäten und Strukturen beschreiben.

Also nicht “das Web” als Ganzes, sondern konkret “mem-ähnliche Elemente und mem-artige Strukturen/ Prozesse” im microcontent-basierten Web. “Mem”-Phänomene als bezeichnende Sonderfälle auffassen für Semiose-Prozesse, Bildung von ideologischen Feldern, Ausbildung von externalisiertem “kollektivem” Wissen usw. im Web.

(0) DISCLAIMER / VORBEMERKUNG

(0.1) “Meme” wird hier als rein heuristischer, operativer, quasi “oberflächlicher” Begriff verwendet, der es erlaubt, wesentliche Phänomene des Web als neuartigem “Ökosystem” für Information/Wissen in den Blick zu bekommen. (D.h. die Binnenlogik und Eigendynamik des Web, die sich aus der hohen Granularität, losen Kopplung und Volatilität, dynamischen Prozessen und Kettenreaktionen ergibt.)

(0.2) Ausgeklammert wird hier die ganze zweifelhafte ontologische “Meme”-Diskussion, die aus polemischer “kulturdarwinistischer” Perspektive geführt wird: Das “Mem” als direkte Entsprechung zum “Gen”, d.h. als etwas, dessen Existenz bewiesen werden kann. Wir fragen uns also nicht, ob es Meme “gibt”, in dem Sinn, in dem es anerkannt ist, dass es (irgendwie) Gene “gibt”. Wir glauben aber sehr wohl, dass das Konzept “Mem” fruchtbar ist und Phänomene und Regularitäten zu beschreiben erlaubt, die kultur-und sozialwissenschaftliche Theorien bisher kaum nüchtern in den Blick bekommen haben.

(0.3) Wir betrachten insbesondere nicht den “menschlichen Geist” als Träger und Medium von Memen. Stattdessen lokalisieren wir sie provisorisch in den beobachtbaren Zeichen-Ereignissen selbst.

(0.4) “Menschen” kommen in diesem System vor als aktive Knoten im Mem-Zirkulations-Prozess, nämlich (a) als “kognitive Agenten” (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, kognitiver Aspekt der Äußerung, aktive/passive “User Experience”), (b) als “soziale Agenten” (Subjekt-Position im Aussage- und Kommunikationsgeflecht, sozialer Aspekt der Äußerung).

(0.5) Wir benutzen vielmehr eine abstrakte, systemtheoretische Version des Meme-Begriffs, wie sie ja auch in der Evolutionsbiologie jenseits der philosophisch-weltanschaulichen Diskussionen tatsächlich gebraucht wird. Daneben ist diese Version von Systemtheorie v.v.beeinflusst von Linguistik/Semiotik: Ein “Mem” ist ein (im weitesten Sinn) ’sprachliches’ Phänomen.

(0.6) Wir vermuten, dass “Meme” nur ein plakativer Spezialfall von “Semen” sind, hier im Sinne von elementaren Zeichen-Ereignissen (Aussagen).

(1) PROVISORISCHE DEFINITION

Memes sind (1.1) elementare (1.2) Einheiten (1.3) kultureller (1.4) Information, (1.5) die “sich selbst replizieren”, (1.6) in ununterbrochenen Kettenreaktionen, (1.7) und die in diesem Prozess mehr oder minder komplexe, flüchtige und ausdifferenzierte Felder/Strukturen/ Wolken bilden, die wieder auf den gesamten Mem/Sem-Prozess zurückwirken.

Bemerkungen dazu:

(1.1) “elementar” > in Bezug auf System-Prozesse, relativ stabil, relativ selbst-identisch. (Es “gibt” “Meme” nicht als solche, sondern nur “in Aktion” und “im System”.)

(1.2) “Einheit” > wiederholbare Zeichen-Ereignisse, so wie “Gene” lebendiger Bio-Code sind,

(1.3) “kulturell” > Semiosphäre, bestehend aus Zeichen-Ereignissen, vgl. (1.7)

(1.4) “Information” > systemtheoretisch-abstrakt zu definieren, als indirekte Repräsentation von System-Umwelt für ein gegebenes System (also eher “biologisch” und/oder “soziologisch/ethnologisch”, nicht im Sinn von Shannon/Weaver).

(1.5) “Replikator” > Hier bleibt offen, was “sich selbst” heißt. Das Phänomen wird erst einmal “von außen” betrachtet, im Als-ob-Modus: als handele es sich um “Selbst-Replikation”, um so die gegebenen Prozesse und Strukturen besser beschreiben zu können.

(1.6) “Kettenreaktionen” > Web-Meme sind eingebettet in die unaufhörlichen Serien von Zeichen-Ereignissen, die das “Live Web” ausmachen. (Wir vermeiden hier möglichst den missverständlichen Begriff “Kommunikation”.) Wie sprachliche Aussagen existieren Meme nur innerhalb der Ketten, nicht außerhalb. “Sprache” gibt es nur als Gesamtheit von sich gegenseitig hervortreibenden Aussage-Ereignissen.

(1.7) “Felder” > Wiederum am ehesten vergleichbar mit einer “Sprache” als System, das neben/über den einzelnen Aussagen dann eben doch irgendwie “existiert”. Vor allem aber mit den “diskursiven Feldern”, die sich aus “Aussagen” bilden und sich dabei von “natürlichen Sprachen” (wie Englisch, Deutsch, Französisch …) ablösen: z.B. “antisemitisches Feld” als eine Struktur, die sich aus “antisemitischen” Aussagen und “Memen” nährt und auf die Aussage-Kettenreaktionen zurückwirkt. (Diese Felder meinen die kulturdarwinistischen Mem-Theoretiker vermutlich mit “Memplexe”.)


mikrolernen im klimawandel: abstract für vortrag in Berlin am 3.12.

26. November. 2008

am 3.12. bin ich an der FHTW Berlin und halte einen vortrag. hier das abstract:

Ein Arbeitstag hat, sehr grob geschätzt, 320 Momente. Nämlich “sinnhafte Momente”, d.h. unterschiedlich lange Zeitspannen, die im Kopf als eine elementare Einheit erlebt werden, weil sie eine Wahrnehmung, eine Idee, eine Kommunikation betreffen. Ein solcher Moment kann zwischen 30 Sekunden und (beim Schreiben) vielleicht 8 Minuten lang sein. In der Regel sind es eher zwischen 1 1/2 und 4 Minuten.

Wir waren es lange gewohnt, dass diese Momente selbst wieder größere Einheiten bilden: Ein Gespräch, das wir führen; ein Buch, das wir lesen; eine Büro-Routine, der wir folgen; eine Vorlesung, die wir hören. Im Zeitalter der elektronischen Medien, und erst recht des Web, hat sich das dramatisch geändert.

Wir schwimmen in “Mikroinformation”: Eine große dichte Wolke und manchmal ein Tsunami aus kurzen Mobiltelefon-Anrufen, e-Mails, Websiten-Klicks, Google Such-Seiten, von da aus schnelle Sprüngen auf aus dem Zusammenhang gerissene Text-Paragraphen, Bilder, Metaphern und “Meme”, “Präsentationen”, bestehend aus auf einen Blick konsumierbaren Text/Bild-Einheiten …

Das ist nun unsere Lebens- und Wissenswelt, ob wir wollen oder nicht. Es gibt kein Zurück. Wer sich hier vornehm und wertkonservativ zurückhält, an dem läuft das Leben vorbei. Der Golfstrom des Wissens fließt nicht mehr da, wo wir es gewohnt waren. Gletscher schmelzen (z.B. Unis, Großunternehmen), Wüsten breiten sich aus (Print), Kreaturen werden aus ihrem gewohnten Lebensraum vertrieben (wir).

Wie kann man hier neu lernen zu lernen? Wie geht Mikrolernen?


“Ein Tag an Bord hat 1000 Momente”

11. November. 2008

… sagt eine Zeitungsanzeige des Kreuzschiffs Aida. Was mich vor 3 Wochen beim letzten Heckenschneiden des Jahres dazu gebracht hat, darüber nachzudenken, was das ist: ein Moment, als elementare Einheit eines Tages. Das, woraus sich die Welt dann aufbaut, jeden Tag neu beginnend, Schicht für Schicht.

Ich interessiere mich hier für so etwas “sinnhafte Momente”, als Ereignisse im kognitiven System. (Es mag Schock-Momente geben, die sozusagen (fast) nur sub-kognitiv sind, wo man gar keine Chance hat zu denken, aber das sind sehr seltene Ausnahmen.)

1000 Momente, das macht bei 16 Stunden Wachsein ungefähr 1 Moment = 1 Minute. Das stimmt aber nicht, wenn ich mich selbst beobachte: “Ein Moment” ist im Schnitt deutlich länger, und die Länge kann stark schwanken.

“Moment” definiere ich provisorisch mit: Ein zusammen-hängendes kurzes Stück “innerer Zeit”, das aus zwei oder drei Dimensionen besteht: aus einer als “einheitlich” wahrgenommenen Sinneseindruck-Situation, aus einem Kontinuum von “Gedanken” bzw. “inner speech”, vielleicht auch aus einer “Stimmung”. Da kann der äußere Sinneseindruck mehr im Vordergrund stehen, oder (was mich jetzt gerade mehr interessiert) der Gedankenfluss, aber es ist immer alles zusammen, was so etwas wie die “Einheit” von Momenten ausmacht: ein Kontinuum, das nachher als “eine zusammengehörige Bedeutungs-Einheit” empfunden wird

Wie lange dauert so ein sinnhafter Moment? Es gibt eher kurze “Ereignis-Momente” und eher lange introvertierte Momente. Provisorische Selbstbeobachtung lässt mich schätzen: In Phasen sehr schneller Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus dauert ein Moment vielleicht 20 Sekunden, wenn ich etwa einen Nachbarn sehe, und irgendwas dazu denke/empfinde. Aber dann passiert wieder länger nicht viel, innen und außen. 40 Momente pro Stunde (40 mph), das wären im Schnitt je 1,5 Minuten, erscheint mir sehr viel. In sehr langsamen Phasen (beim Schreiben etwa) geht das vielleicht bis hinab zu 8 mph. (Es dauert, wenn ich Musik dazu höre, öfter etwa 2 Popsongs, die einfach ungehört vorbeirauschen, bis ich wieder einen Einschnitt setze). Bei zerstreuten Tätigkeiten wie Autofahren mag es vielleicht einen Strom von eher vielen, aber zugleich sehr “flachen”, also kaum diskontinuierlichen Momenten geben.

Ein normaler Wert, bei mir jedenfalls, scheinen 12 – 20 mph zu sein. Wenn ich, in sehr grober Annäherung, annehme, dass die 16 Stunden eines Tages in 4 dichte, 4 langsame und 8 mittlere Stunden zerfallen, komme ich auf einen Wert von 320 bedeutungsvollen Momenten pro Tag, der mir realistisch erscheint. Das ist viel, aber nicht unabsehbar viel.

So. Das ist nun die elementare Einheit von Sinnstiftung, aus denen sich die soziokulturelle Welt aufbaut. Von diesen “inneren Momenten” sind nur wenige zugleich Äußerungen. (Man müsste mal einen typischen Tag lang mitzählen, wie viele eigentlich.) Diese Äußerungen gehen ein in den sozialen Echoraum, in das “große Murmeln” Foucaults. Als “Aussagen”, als “statement-events“, stehen sie dann in Beziehung zu Ketten bzw. zu Feldern anderer Aussagen in diesem sozio-kulturellen Raum.

Manche lösen dann wieder im äußeren Diskurs Ketten-reaktionen aus, verstärken sich gegenseitig, verdichten sich. Öfter sind sie Anstoß für andere “innere Momente”, die wieder individuelle Ketten und Felder beeinflussen, die wieder irgendwann woanders zu anderen Aussagen führen. Am häufigsten gehen aber die Äußerungen einfach spurlos unter, nachdem sie einen Moment lang da waren und vielleicht noch über ein paar andere Momente hinweg verhallten.

Und “Meme” wäre nun diejenigen Aussagen, die über mehrere solcher Kettenreaktionen von Momenten und Aussagen hinweg in sich (relativ) konstant bleiben, so dass man die Menschen, durch die sie gewissermaßen hindurchgehen, als so etwas wie Träger eines semantischen Virus betrachten kann. Für einfache Sprachmuster (Sprichwörter, Phrasen) gilt das ja ganz offensichtlich. Man müsste genauer nachdenken, welche Formen “Meme” sonst annehmen können. Ein anderes Mal.


wenn ich weiter nur essays schreiben will …

10. November. 2008

… wird das hier nie in fluss kommen. somit sei hier die folgende regel verkündet: microessays werden künftig als “wordpress-seiten” veröffentlicht und bekommen nur einen kurzen pointer-post im blog.

ansonsten darf und soll hier provisorisches stehen. was ich noch brauche: einen blogosphere-hallraum festlegen von den richtigen geistesverwandten, auf die ich reagieren kann. weinberger, und wer noch? eine mögliche blogpost-kategorie: ich lese das weinberger-blog seit 2005 und bringe das hier kommentierend ins deutsche. das ist ja die idee: alles was zu “microcontent” gedacht wird hier ins deutsche bringen.


Und noch eine Einführung …

4. November. 2008

Ich interessiere mich für die Schnittstelle, an der digital vernetzte Medien die Art beeinflussen, wie wir denken, wie wir arbeiten und wie wir leben.

In meinem jetzigen Leben befasse ich v.a. mit dem “MicroWeb” — das ist das Web hinter den Web-Sites und Web-Seiten. Das Web, das aus Microcontent besteht, d.h. aus sehr vielen sehr kleinen Stückchen Information bzw. Kommunikation, die jedes ihre eigene Web-Adresse (URI) haben, und in etwa die richtige Größe für die Aufmerksamkeitsstruktur von “Informations-arbeitern”: Ideen gerade so groß, dass man sie auf einen Blick erfasst, wenn sie auf dem Screen aufblitzen. In a blink: In einer Einheit zerstreuter Aufmerksamkeit.

“Das Web hat die Dokumente gesprengt. Es behandelt schwere Bände wie eine Ansammlung von Ideen …. Was einmal eine kompakte, gebundene Einheit war, wird in Stücke gerissen und in die Luft geblasen. Und was das Web mit den Dokumenten macht, das macht es mit so ziemlich jeder Institution, mit der es in Berührung kommt.” (David Weinberger, Web-Theoretiker mit Philosophieabschluss, in seinem Buch “Small Pieces Loosely Joined“, 2002).

Das ist keine gedankenblasse Theorie, und kein spätbürgerlicher Provokations-Futurismus à la Norbert Bolz. Das ist schlicht das, was sich da draußen im Web abspielt. Wir werden lernen müssen, damit zu leben.

Ich vergleiche das gern mit einem “digitalen Klimawandel”, fast unmerklich, aber mit dramatischen Folgen für die Umwelt: Die Zeiten der “Datenspeicher” und der “Datenautobahn” sind – für die menschlichen Benutzer! – vorbei. Information zerfällt und zirkuliert immer schneller, die Temperatur erhitzt sich.  Laufend entstehen und zerfallen neue, flüchtigere Strukturen. Die gewohnte Art, Informationen zu filtern und zu verarbeiten, funktioniert hier immer schlechter: Der berüchtigte “Information Overload” ist allgegenwärtig.

Und deshalb schmelzen die Gletscher (Parteien, Universitäten, Großunternehmen).

Deshalb breiten sich Wüsten aus (v.a. da, wo man noch Wirtschaft betreibt, die auf der Knappheit von Information beruht).

Und deshalb werden Lebewesen aus ihrer gewohnten Umwelt vertrieben. So wie ich. (Aber auch Sie wird es erwischen, garantiert.)

Information und Wissen organisieren sich nun anders: In Wolken, in Feldern aus lose verkoppelten Teilchen, in die wir eintauchen. Und in lose verketteten ‘Flows’, in denen dynamische Information ständig auf uns ein und durch uns hindurch strömt.

In einem solchen ökologischen System ist jedes Wissen, das nicht ständig im Spiel gehalten wird, bereits vergessen. Und Wissen, das niemand hat, ist ja gar keines. Wir müssen also unsere Art zu denken und zu arbeiten daran anpassen – oder wir scheitern.

In einem langen früheren Leben habe ich mich 20 Jahre lang wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt, als Student, Forscher und Universitätslehrer. Ich wollte verstehen, wie einzelne Menschen und ganze Kulturen sich jeweils ihre eigene Welt aufbauen: Welten aus Zeichen, aus Texten, aus Metaphern, aus mächtigen Bildern und aus Erzählmustern.

Literatur besteht aus gedruckten Texten. Und trotzdem ist sie durchaus verwandt mit dem MicroWeb, denn hier haben Sinn und Bedeutung nicht die Form von “festen Wahrheiten” und “eindeutiger Information”. Sie haben eine viel flüssigere Form: von erzählenden Sätzen, von Figuren-Rede, von sprachlichen Bildern, die sich allmählich zu mehr oder weniger dichten Sinnwolken verdichten. Literarische Texte, das sind immer schon small pieces loosely joined, knowledge clouds und information flows. (Dass diese Texte gedruckt sind, also fixiert und abgegrenzt, ist ein innerer Widerspruch, der sie besonders interessant macht.)

Wenn man nun genau hinsieht, erkennt man, dass diese seltsame Eigenschaft von Literatur keine Ausnahme ist. Die absolute Ausnahme sind ja im Gegenteil die künstlich fixierten, scheinbar zeitlos gültigen Aussagen. Das, was in dicke, schwierige, teure Bücher gedruckt wird, die nur sehr wenige schreiben dürfen und die nur sehr wenige lesen können. Das, was von Autoritäten verbreitet wird, die diese Bücher geschrieben und gelesen haben, oder jedenfalls so tun, und die daher reden wie gedruckt.

Nur hat jetzt keiner mehr Zeit und Geduld, das zu lesen. Oder “Vorlesungen” zu hören. Studenten lesen nicht mehr die Bücher ihrer Professoren, Professoren lesen nicht mehr die Aufsätze ihrer Fachkollegen, Manager lesen nicht mehr die Reports ihrer Untergebenen. Sie überfliegen nur die Executive Summary. Die Leute lesen weiter Bücher, das schon, aber diese selbst haben einen anderen Aggregatzustand als früher: eher “Ansammlungen von Ideen” als schwere, gebundene Folianten.

Und weil das so ist, werden die Texte immer unwichtiger und immer seltener, die “dauerhaft gültige” Aussagen enthalten oder zu enthalten vorgeben. Sie spiegeln einfach nicht mehr die gegenwärtige Lebenswelt.  Zeichen wollen zirkulieren. Digitale Information möchte frei strömen, durch alle möglichen Formen hindurch.

Nicht, dass es solche dauerhaften Buch-Bände nicht mehr gibt. Sie gewinnen sogar an Prestige, scheint es, so wie das Fach Latein im Gymnasium. Es liest sie bloß keiner mehr. Wir haben keine Zeit mehr, weil wir genug damit zu tun haben, im permanenten Zeichenstrom den Kopf über Wasser zu halten.

“Es ist, als sollten in einen beständig strömenden Fluss Linien gezogen werden, Figuren gezeichnet, die standhielten. Zwischen dieser Wirklichkeit und dem Verstand scheint kein Verhältnis des Auffassens möglich, denn der Verstand trennt, was im Fluss des Lebens verbunden ist, er repräsentiert etwas, das unabhängig von dem Kopf gilt, der es ausspricht, also allgemein und immer. Der Fluss des Lebens aber ist überall nur einmal, jede Welle in ihm entsteht und vergeht.” (Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, 1927)

Wenn wir sehr ehrlich nachdenken, dann fällt uns ein, dass das in der Zeit der bürgerlichen Prachtbibliotheken gar nicht so viel anders war. Auch damals war nur das wirklich Wissen, was zirkulierte. Nur dass damals solche Wissensflüsse sehr viel langsamer waren, weil ihr Rhythmus vorgegeben wurde durch das mühsame Schreiben, durch den umständlichen Druckvorgang und und das langwierige Lesen, um sich den harten abstrakten Stoff mühsam wieder anzueignen. Und durch die umständlichen, exklusiven, vielfach geschützten Formen der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Nicht dass wir uns missverstehen: Das alles ist schon auch schade, in sehr vieler Hinsicht .

Die Epoche des gedruckten Wissens und der Schriftgelehrten, und das ist für uns heute also erst einmal die Zeit des -  selbst überaus wandlungsfähigen – modernen Bürgertums, die Zeit also etwa zwischen 1750/1780 und 1950/1980, diese Epoche war in vieler Hinsicht eine große Zeit. Der Zyklus Reden – Denken – Schreiben – (industrielles) Drucken – Lesen – Denken – Reden usw. war eine intellektuelle Maschine von enormer Leistungskraft.

Es ist nur eben vorbei, jedenfalls in dieser Form. Erst gab es Tageszeitungen (“Daily Telegraph”), dann gab es Taschenbücher aus der Zeitungspresse (“Rotationsromane”, die nicht nur Romane waren). Es gab seltsame Mischformen von in Rede zurückverwandelten Skripten (das Radio, das Fernsehen). Es gab den Übergang vom Tiefdruck zum Offsetdruck zum Digitaldruck. Aber jetzt erst, mit dem Internet/Web, hat die Verflüssigung der Schrift endgültig das Wissen selbst erreicht, das man vorher immer noch “dem Tag enthoben” wähnte.

Ist das der Untergang des Abendlandes? Ja.

Aber das ist kein dramatisches “Ja”. Man muss es beiläufig ausssprechen, wie “Eh klar”. Es ist schon vorbei. Das Abendland ist bereits untergegangen, in den letzten 25 Jahren. Wir sollten uns besser daran gewöhnen.

Ist das nicht furchtbar?

Hm … schwierige Frage. Das ist das Wesen von Epochenumbrüchen: Sehr viel wertvolles Wissen geht verloren, ganz neue Wissensformen entstehen. Was hier letztlich überwiegt, Gewinn oder Verlust, ist kaum zu beantworten. Letztlich ist es egal: Es geschieht eben. Wir sollten gut überlegen, wie wir auf dieses Geschehen einwirken können. Aber das ist dann nicht mehr Verteidigung von Bildungsgut, “kulturelles Gedächtnis”, sondern User Experience Design, das zugleich Knower Experience Design ist.

(Ah ja, und noch eine schwere Kränkung: Die Leitsprache wird auf sehr lange Zeit Englisch sein. Mit guten Gründen, die durchaus auch in den Qualitäten der Sprache selbst liegen.)


Digitaler Klimawandel, deutsch

21. Oktober. 2008

Das Internet wird unterschätzt, bei weitem. Wir reden zu wenig darüber. Wir denken viel zu wenig ernsthaft darüber nach. Darum verstehen wir die Welt nicht mehr. (Im deutschsprachigen Raum übrigens noch weniger als anderswo.) Digitale Information ist wie der Klimawandel: Nichts ist wirklich greifbar, nichts kann man anfassen, es ist nur ein kaum merkliches Ansteigen der Durchschnittstemperatur, und trotzdem hat es schwerwiegende Folgen für die Welt in der wir leben.

„Information“ hat ihren Aggregatzustand geändert: Sie ist wolkiger und flüchtiger geworden, und sie zirkuliert sehr viel schneller. Sie funktioniert viel mehr als ständige schnelle  Kettenreaktion, nicht mehr als etwas Gespeichertes, auf das man in Ruhe zurückgreifen kann. Das verändert das gesellschaftliche Ökosystem, und zwar auch für die, die glauben, dass sie nicht betroffen sind. Der Golfstrom fließt plötzlich anderswo. Und plötzlich müssen alle ihre gewohnte Lebensweise und Denkweise verändern.

Gletscher schmelzen mit verblüffender Geschwindigkeit: die Banken, Siemens, die CSU, die SPD sowieso, BMW, die Universitäten, die Schulen … Faustregel: Je größer die Gebäude sind, in denen eine Organisation residiert, desto größer sind ihre Probleme.

Wüsten breiten sich aus, wo früher fruchtbares Land war: Die Märkte verändern sich. Was „Produkt“ ist, verändert sich. Das Geschäft der alten Medien funktioniert nicht mehr: die Zeitungen, das Fernsehen, die Werbung, die Bücher. Man kann „Inhalte“ nicht mehr so verkaufen, wie man es früher gewohnt war.

Kreaturen werden aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben. Wir werden noch viel mehr „digitale Nomaden“ sehen, mit Laptop und internetfähigem Telefon, die in wechselnden „Projekten“ in verteilten Teams arbeiten. Und das betrifft alle – auch und gerade gestandene Leute, die nicht unter 30 sind, die nicht in Berlin leben und die handfeste Berufe haben, die auf den ersten Blick nicht aussehen wie „Wissensarbeit“.

Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Das Internet ändert alles. Es wird bei weitem unterschätzt, weil man falsche Fragen stellt: Wo ist denn hier die Wirklichkeit? Die „Realwirtschaft“? Menschen aus Fleisch und Blut? Richtiges Geld? Es sind doch nur Zeichen! Da bleibt doch nichts! Wie Flugzeuge, die über den Strand fliegen und groß „Nivea“ in den Himmel schreiben. Wie Blogger, die immer nur „Ich Ich Ich“ sagen. Wie Banker, die immer neue Kredite verbriefen.

Ja. Aber es sind Millionen Flugzeuge, die Worte und Zeichen  in den Himmel schreiben, bis sich die Spuren immer mehr überkreuzen, bis nur mehr eine einzige große Wolke zu sehen ist, die ständig ihre Gestalt ändert. Und diese Wolke geht nie mehr weg. Es gibt keinen Rückweg mehr in die gute alte Wirklichkeit (wenn es sie denn je gegeben hat). Diesen Klimawandel müssen wir verstehen, wenn wir lernen wollen, wie man in dieser veränderten Umwelt überleben kann. Und wir haben ja gerade erst damit angefangen: Die große Wolke gibt es erst seit 15 Jahren. Und erst seit 9 Jahren greift sie spürbar in unser (deutsches) Alltagsleben ein.

Die Deutschen verstehen das Internet noch weniger als andere, weil sie nicht seine Sprache sprechen: Der deutsche Sprachraum ist zu groß – man kann sich darin aufhalten, ohne das Gefühl zu haben, viel zu verpassen. (Kleine Länder tun sich leichter: da muss man von vornherein international sein.) Und: Die deutsche Sprache, so wie wir sie gelernt haben, kennt nur zwei Zustände, schlechte Abstraktion und schlechte Direktheit. Eine papierene, umständliche Schriftsprache und eine pseudo-mündliche Gegensprache der institutionalisierten Jugendkultur. Es bessert sich zwar sehr langsam, von den Rändern her, aber insgesamt gibt es immer noch zu wenig eingeführte Redeweisen, die sich für das Internet eignen: kaum eine lakonische, mit Mündlichkeit aufgeladene Schrift-Intellektualität, und kaum ein mündliches Argumentieren, das klar eine komplexe Reihe von Argumenten nennt.


eLearning 2.0 und Microlearning: Ein globaler digitaler Klimawandel (Abstract)

11. September. 2008

Der Begriff “eLearning” wurde 1998 geprägt, und er sollte damals etwas ganz Neues bedeuten: selbstgesteuertes, individuelles Lernen mit und in dem Web als neuem Medium. Im Grunde eine Vorwegnahme der Web 2.0-Philosophie. Man hätte es vielleicht eher “iLearning” taufen sollen, wie in “iMac” und “iPod”, aber es war eine Anspielung auf “e-Mail” beabsichtigt, die erste “Killer-Applikation” des Internet.

Was dann kam, war aber nicht im Sinn des Begriffs-Erfinders Jay Cross: Die alten Firmen, die “Computer-based Training” machten, also digitale “Kurse” auf CD-ROMs, übernahmen das neue Buzzword dankbar, um Standard-Lösungen im Rausch der Dotcom-Bubble-Jahre als hochinnovativ und “sexy” zu verkaufen. Um die alten CBTs, die nun “WBTs” hießen, wurden verschachtelte, überdimensionierte und sündteure “Lernmanagement-Systeme” gebaut. Dahin wurden dann auch Corporate Training als Fernkurse transferiert, scheinbar 1:1, in Wirklichkeit aber genau ohne das, was daran gut war und ist: ohne die reichhaltige soziale Interaktion der Lernenden untereinander, ohne den Reichtum der Untertöne, Anekdoten, Randbemerkungen der Dozenten und ohne ihre Begeisterung für das eigene Wissensgebiet. Interessierte kompetente Informationsarbeiter, hochmotiviert sich weiterzubilden, wurden zusammengestutzt auf die digitale Schrumpfform des “e-Learners”, der Gegenstand von fremdgesteuerter “Instruktion” wird. Sie durften sich durch vorprogrammierte Lerntunnels klicken, Multiple Choice Tests absolvieren, und meldeten sich einmal (und dann nie wieder) auf der Forumsseite des Kurses zu Wort.

Dass das nicht funktioniert, wird spätestens klar, seit auch die Unternehmen und Bildungsinstitutionen das “Web 2.0″ als das neues digitale Ökosystem erkennen. Gegenwärtig wird versucht, unter den Schlagworten “Enterprise 2.0″ und “eLearning 2.0″ eine Vielzahl von konsumentenzentrierten Software-Anwendungen und Ansätzen aus dem Web 2.0 in die Enterprise-Umgebungen zu transferieren: wikibasiertes Wissens- und Projektmanagement, Microblogging, Social Bookmarking, neue kollaborative Semantic Web Applikationen u.v.a. Aber das ist keineswegs einfach: Es reicht nicht, nur Blogs, Wikis und Tagging anzubieten. Die aktuellen Versuche, das in herkömmliche Enterprise-Software einzubetten (IBM, Microsoft Sharepoint, sogar von SAP …) sind noch nicht recht befriedigend. Die Rollen und Kulturen der Enterprise-User einerseits und der Web-User andererseits sind immer noch sehr verschieden.

“eLearning 2.0″ bedeutet, “Lernen” radikal neu zu denken. In Wahrheit geht es gar nicht so sehr um das “2.0″, es geht darum, dass das Web selbst mit seiner Struktur der alten Vorstellung von Organisation, Kontrolle und eben auch Training und Lernen widerspricht. Denn sobald jemand “ins Web geht”, verändert sich sofort unterschwellig das Selbstverständnis: Nun ist alles möglich. Man kann sekundenschnell überall hin, man kann zwischen Themen assoziativ springen, man muss keiner Autorität mehr einfach so glauben, man wird zum Zentrum einer sich ständig anreichernden “Informationswolke”, die aus viel kleineren und instabileren Informations-Fragmenten besteht: aus “microcontent”. Und das fängt eigentlich bereits an, wenn jemand nur e-Mail, Web-Suche und daneben das Mobiltelefon verwendet.

Nicht alle kommen damit zurecht. Bei vielen Usern löst es ein Gefühl von Angst und Überwältigtsein aus. Die flüchten sich dann gerne in das scheinbar verlässliche Raster von Drill-Lernen und Multiple Choice-Tests, die in harte Zertifikate münden, aber in Wahrheit das Wissen, um das es dabei gehen soll, nicht vermitteln. Und noch mehr löst das bei den Organisationen selbst Angst aus. Organisationen führen IT-Systeme ja nicht in erster Linie ein, weil diese Produktivität und Innovation fördern. Sie führen sie deshalb ein, weil sie wollen, dass die IT ihr besseres Selbst verkörpert, ihr eigenes Wunsch-Spiegelbild: eine hyperrationale, klar gegliederte, von kompetenten Führungskräften souverän gemanagte, perfekt mit Menschen aus hochglänzenden Unternehmens-Werbeprospekten besetzte Welt, in der jede Aktivität sofort im perfekten SAP erfasst, bewertet und am Ende auf Euro und Cent genau als Kosten und ROI wieder ausgegeben wird.

Aber genau so geht das Web eben nicht. Menschliches Lernen übrigens auch nicht. (Und vermutlich nicht einmal die Wirtschaft selbst.) Im Web geht es immer nur um einzelne, quasi-allmächtige User, um lose gebündelte Mikroinformationen, die auf einem Screen, also auf einen Blick erfasst werden. Und dann gibt es entweder einen Impuls, ein Ereignis, eine Teilchenkollision, ein Informationsfunke springt über, Aufmerksamkeit wird erregt, eine Kettenreaktion ausgelöst … oder eben nicht. So funktioniert die neue Umwelt der Mikroinformation-Arbeiter. Und das verlangt natürlich eine grundlegende Neuorientierung: neue Applikationen, das sicher auch, aber v.a. auch neue Praktiken für formelles und informelles Lernen.

gescxhrieben für das Learntec Forum Austria (im Oktober 2008, Wien)


“Enteignungsmaschinerie Internet”: Prantl (SZ) über Urheberrecht und Creative Commons

5. August. 2008

Heribert Prantl ist ja fast schon mein Lieblingsjournalist. Die einzige Papier-Publikation, die ich noch regelmäßig lese, ist die Süddeutsche, bei der er leitender Redakteur ist, und dort schreibt er ständig ungewöhnlich kluge und differenzierte Artikel und Kommentare.

Jetzt habe ich gerade von ihm einen Text zum Problemkomplex Internet und Urheberrecht, geistige Arbeit und Creative Commons gelesen, abgedruckt in “Forschung & Lehre”. Der Text geht zurück auf das Manuskript seiner Festrede, gehalten auf der 50-Jahr-Feier der „Verwertungsgesellschaft Wort“. (Großartiger Name übrigens, genau besehen.) Im Folgenden das, was er sagt, in Kurzform. Und damit sein Wort dem Web zur Diskussion zur Verfügung steht, ist hier noch ein ausführlicheres Referat mit längeren Zitaten.

Das ist einmal hochinteressant, weil das ja wirklich eine wichtige und komplexe Frage ist, gesellschaftlich, politisch und ökonomisch. Ich jedenfalls habe noch gar keine klare Position dazu, nur halbfertige Gedanken und undeutliche Vorlieben. Ich bin dankbar, wenn eine Position dazu konsequent entwickelt wird. Und zum Anderen ist das hochinteressant, weil der Text so ungewöhnlich schlecht gedacht ist.

(1) Das Internet, sagt Prantl, hat „eine Datenekstase“ hervorgebracht, „eine Selbstverschleuderung aller nur denkbaren Persönlichkeitsdetails in Wort und Bild“. Gerade die „gehobene junge Mittelschicht“ gibt sich selbst im „Web 2.0“ freiwillig preis – an Personalchefs, an staatliche Rasterfahnder, an alle, die Übles wollen.

(2) Diese Verschleuderung der „Persönlichkeitsrechte“ im Internet steht in direktem Zusammenhang mit der Zerstörung der „Eigentumsrechte“. Zugrunde liegt das irrationale und naive „Gefühl“, dass sich die kulturelle Allmende („Creative Commons“) des 21. Jahrhunderts ausbildet. Niemand zahlt in „Tauschbörsen, auf denen es alles gibt, was der Mensch geschaffen hat“ mehr „Gebühren“ an die „geistigen Eigentümer“ für „Millionen Texte, Töne und Bilder, die … eigentlich jemandem gehören“.

(3) Ein kurzer, erstaunlich unmotivierter und schlampiger Ausflug in die Geschichte: Warum kopierende Mönche entsetzt wären über den „Kommunismus“, der „im Internet wieder (!?) eingeführt wird“. Und dass schon dem „Sachsenspiegel“, dem wichtigsten Rechtsbuch des Mittelalters, ein „Bücherfluch“ vorangestellt worden war, vom Autor gerichtet gegen alle, „die sein Werk entstellen“, d.h. nach heutigen Begriffen „remixen“. (Komischer Weise sonst hier kein Wort über den urheberrechtlosen Druck von Büchern und Flugschriften der frühen Neuzeit.)

(4) Die Errungenschaft des „Urheberrechts“ geht auf die Aufklärung zurück. Kant proklamiert als einer der Ersten die Idee des „Werks“ als „geistiges Eigentum“, auf dessen Verkauf dann erstmals Manche eine wirtschaftlich unabhängige Existenz gründen können. leben können. Das habe zur heutigen „kulturellen Vielfalt“ geführt. Das Ende des Urheberrechts wäre das Ende der Aufklärung, weil „kulturelles Schaffen“ dann wieder „allein auf die Gunst von Mäzenen angewiesen“ wäre.

(5) Ganz kurz (vielleicht aber ist der Text hier auch an der falschen Stelle gekürzt) streift Prantl dann das grundlegende Buch von Lawrence Lessig über die „Creative Commons“. Eingehender beschäftigt er sich mit dem provokanten Vorschlag des weitaus unbekannteren Joost Smiers, der das Urheberrecht ganz abschaffen will. Das hat den Vorteil, dass sich da jede Diskussion gleich erübrigt: “Sancta Simplicitas!”. Dass neuerdings Konzerne „die Kultur … immer stärker feudalisieren und monopolisieren“, sei jedenfalls „nicht die Schuld des Urheberrechts“. Durchgehend setzt Prantl sonst die Interessen der „Schöpfer geschützter Werke“, der „Masse der Künstler, Schriftsteller und Journalisten“, ohne Weiteres gleich mit den Interessen der „Wissens- und Unterhaltungsindustrie“, die dem „geistigen Arbeiter“ die Arbeit „zur wirtschaftlichen Nutzung“ angekauft hat.

Am Ende weist er noch das Argument zurück, dass freier „Austausch von Informationen“ auch den „freien Zugang zu digitalen Daten“ bedeuten muss. Das Gegenteil sei richtig: Das Internet sei auf „Originale“ und „Werke“ angewiesen, um darauf (wenn es gut ist) den digitalen Diskurs zu gründen oder damit (wenn es böse ist) widerrechtliche Geschäfte zu machen.–

Da stellen sich viele Fragen (in einem eigenen Blogpost, anschließend). Aber wie kommt es zu so einem geistigen Kurzschluss? Und welchen deutschen Wort-Arbeitern wird da eigentlich im Internet welches geistiges Eigentum permanent weggenommen? Was immer sie sonst ist, die Rede ist jedenfalls ein eindrucksvolles Zeugnis für den Epochenwandel, an dem wir hier stehen. Prantl in der Rolle des Schreibers am Ende des 15. Jahrhunderts, der schockiert sieht, wie eine Welle von gedruckten Pamphleten und Druckschriften seine Welt hinwegspült. Wie der Abt Johannes Trithemius, den Clay Shirky in “Here Comes Everybody” zitiert.

Der Jurist Prantl tritt ein für ein restriktives Urheberrecht angesichts der Digitalisierung, seit Jahren schon, sagt mir Google. An solchen Argumenten bin ich interessiert. Und natürlich muss man auch stark verallgemeinern, wenn man in einem kurzen Text einen gewagten Bogen vom Internet zurück über Kant bis zu den Handchriften kopierenden Mönchen schlagen will. Aber bei näherem Hinsehen stimmt dann so gut wie keine Aussage wenigstens so weit, dass sie überhaupt als hartes Pro-Argument wirklich tauglich wäre. Prantl predigt von vornherein Bekehrten, und zimmert nicht zuletzt sich selbst da einen warmen ideologischen Stall, als Schutz vor den Stürmen des digitalen Klimawandels.