Bildung als Markt betrachten

7. Dezember. 2013

Das ist eine Antwort auf Andrea Brückens Post (hier). Am Wichtigsten finde ich Andreas Aufruf, Bildung mal konsequent von der Produkt- und Marktseite her zu betrachten, um klarer zu sehen. Es fließt ja Geld, und gar nicht wenig. Also gibt es einen Markt: Produkte und Services werden nachgefragt und sie werden verkauft. Eigentlich: mehrere sehr verschiedene Märkte, mit je eigenem Ökosystem. Warum weiß man über diese Märkte so wenig? Warum gibt es keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die das begleitet, durchsichtig macht, rationale Kaufentscheidungen und gute Businesspläne fördert?

Eine interessante Frage, und als Selbständiger, der sich in diesem Dickicht irgendwie durchschlägt habe ich darüber auch schon nachgedacht. Wichtigste Antwort: Weil zwar Geld fließt, aber es in Wahrheit keine ausgereiften, transparenten, rationalen Märkte gibt. Hier wird sehr viel Schlangenöl verkauft, vom E-Learning bis hin zu all den Trainings und Schulungen. Stichwort “Weiterbildungslüge”: Das meiste ist Mist.

Sehr viele Bildungsmanager (= Kunden) sind recht amateurhaft unterwegs: Sie wissen noch gar nicht genau, was sie eigentlich wollen sollen. Und es ist Glückssache, ob sie zufällig auf Anbieter treffen, die ihnen dabei helfen. Meistens wird gemeinsam drauflosgewurstelt, die Ergebnisse sind in der Regel nicht besonders gut, aber irgendwie geht es trotzdem immer weiter. “Bildung” und “Lernen” bestehen sowieso aus mindestens so viel Aberglaube und Vorurteilen wie die Schul- und Alternativ-Medizin. (Auch da fließt ja sehr viel Geld, aber auch da hat das fast nichts mit einem vernünftigen, ausgereiften Markt zu tun.) Alles was mit Bildung/Lehren/Lernen zu tun hat, wird eher von einem Beziehungsdickicht und sehr viel Zufall getrieben als von rationalen Entscheidungen.

Es stimmt, es gibt keine aufgeschlossene Blogger-Öffentlichkeit, die diesen Markt begleitet oder auch überhaupt erst herstellt. Warum nicht? Weil die Akteure (Bildungsfirmen, Bildungsmanager, Antragsteller bei diversen Staatsknete-Projekten) gar nicht versuchen, ihre Standpunkte offen zu kommunizieren. Die meisten legen sich ja nicht einmal selbst gegenüber ungeschminkt Zeugnis ab. Niemand redet offen über Bildung als Markt, und inwiefern das legitim oder eben auch konkret erfolgreich ist. Man muss ich nur mal die Learntec vor Augen halten: Eine traurige Veranstaltung, sowohl auf der Konferenzseite als auch auf der Messe, bei der ich mich schon immer gefragt habe, wer von all den Ausstellern _wirklich_ Geld verdient, vom Nutzen für die Lernenden mal ganz zu schweigen.

Die Teilmärkte: Ich habe ja Einblicke in einige davon. Am meisten interessiere ich mich für den Bereich E-Learning bzw. das Weblernen, das hoffentlich E-Learning ablöst.

Mit wissmuth (Lutz Berger und ich, mit wechselnden Partnern) wollen wir ja Consulting und video-basiertes Weblernen in Unternehmen und Organisationen tragen. Dafür gibt es, gerade heraus gesagt, eben bisher keinen richtigen Markt. Aufträge kommen über Netzwerke zustande. Das ist nicht falsch, aber die Kunden sagen sich sehr selten: “Oh, da bräuchten wir jemand, der uns hilft, effektive web-basierte Wissens- und Lernprozessen zu konzipieren, entsprechende Projekte aufzusetzen und zu managen, die richtigen technischen Bausteine auf die richtige Weise zu kombinieren, uns zu helfen, mittelfristig Content nicht einzukaufen sondern selber aus dem lebendigen Prozess heraus hervorzubringen.” Es wäre vernünftig, so zu denken, aber das macht keiner. Alle wursteln vor sich hin. Positive Ausnahmen bei den Dienstleistungsanbietern, die sich damit wirklich auf dem Markt halten, sind vielleicht Martina Göhring und Joachim Niemeier von Centrestage, aber die machen auch sehr viel Präsenz-Führungskräftetraining. (Das ist ein Markt.)

Beispiel: Web-Videos für Lernprozesse sind ein greifbares Produkt, ja, aber entweder gibt es jemand intern, der gern Handy-Filme dreht, oder man geht zur langjährigen Schulungspartner-Firma und fragt, ob sie das können (die in der Regel unzutreffende Antwort ist natürlich “ja”), oder man googelt und findet die SimpleShow (das wäre möglicherweise ein einigermaßen erfolgreiches Produkt?), oder man heuert einen Video-Filmer an, der eigentlich lieber TV oder Werbespots drehen würde. Letztlich ist das alles Zufall. Und hinterher prüft sowieso keiner, ob das wirklich Wirkung hatte.

LMS-Plattformen: Gut, das ist anfassbar, da wird gekauft und verkauft, und eine Firma wie Synergy Learning (Moodle-Dienstleister) behauptet sich da, wie auch fünf oder sechs andere. Riesensummen werden damit aber auch nicht verdient.

Produktmarkt Schule: Ja, da fließt schon Geld (für Schulbücher, Whiteboards und ein wenig für Hardware), aber Transparenz und nüchterne Bewertung desssen, was man dafür bekommt, gibt es auch nicht. Am ehesten macht David Klett so etwas wie “Blogger Relations”, wenn er sich auf dem Educamp der Diskussion stellt. Alles andere ist auch nur typische PR. Dazu kommen noch “Programme”, die natürlich auch Geld bewegen: So was wie Bayerisches Bildungsnetz oder die vielen MINT-Intitativen. Aber da ist die Transparenz-Lage eher noch schlimmer. Da will doch niemand wirklich ein echtes, nachdenkliches Gespräch in der Öffentlichkeit beginnen.

Produktmarkt Uni: Da geht es wiederum um all diese selbstzweckhaften, nach außen wenig wirkungsvollen Programme, die mal mehr (TU Graz, Leuphana) und mal weniger (meistens) sinnvoll sind. EU-Projekte natürlich, aber die schmoren auch nur immer im eigenen Saft, obwohl da gute Leute beteiligt sind. Neuerdings sind natürlich die MOOCs ein sehr interessantes Feld, auch als Markt (von dem noch gar nicht klar ist, ob es ihn gibt und wie er aussieht). Vielleicht entsteht hier so eine Diskussion, die Bildung nicht nur als edle Veranstaltung, sondern eben auch als Quasi-Geschäft analysiert, im Guten wie im Schlechten. Man könnzte mal ernsthaft mit Bertelsmann & Co diskutieren, aber bis jetzt gibt es von denen nur heiße Luft und von unserer Seite weltanschauliche Abscheu.

“Findet Ihr, dass BloggerInnen aus dem Bereich Bildung im Sinne der Blogger Relations nützlich sein können? Wenn ja/nein – für wen – warum / warum nicht?”

Für wen denn? Wer wäre denn Kandidat dafür, in die Öffentlichkeit zu gehen und für das eigene Produkt Aufmerksamkeit schaffen zu wollen? Vielleicht am ehesten eine Firma wie iVersity, die neue deutsche MOOC-Plattform, aber die haben noch gar kein Geschäftsmodell, sie erhoffen es sich nur. Oder eben Bertelsmann. Umgekehrt: Es ist noch nicht gelungen, eine Blogger-Öffentlichkeit für Bildungsthemen zu schaffen, die sich quasi selbst trägt. Da wäre v.a. Jöran Muss-Merholz, Anja Wagner und Guido Brombach, dazu Cornelie Picht, Jasmin Hamadeh und noch ein paar der üblichen Verdächtigen, auch Jochen Robes, bei manchen technischen Themen auch die Web 2.0-Lehrer aus dem Educamp-Feld, aber es verzettelt sich alles noch irgendwie. (Bei mir am allermeisten.)

Als erstes müsste man wohl versuchen, ein ungeschminktes Bild des Marktes zu zeichnen, oder dieses verfilzten Unterholzes von vielen kleinen, prekären, sich in die Tasche lügenden Märkten. Wer hat denn hier wirklich welche schmerzhaften Probleme, für die dann Geld eingesetzt wird? Und was hilft da wirklich, und vor allem: was hilft alles nicht?


Understanding MOOCs: Was das ist und warum das wichtig ist.

26. Juni. 2013

(Ursprünglich gepostet in der G+Community “Digitale Bildung”: https://plus.google.com/102484891814321353019/posts/E12Pnf7wgd8
Am liebsten diskutiere ich sowas in der Community, der man dazu allerdings beitreten muss. Diesen Blogpost hier werde ich nach und nach aktualisieren, erweitern und Links einfügen …)

MOOCs sind eine Welle und ein Hype, seit Sebastian Thrun, ein in die USA emigrierter Artificial Intelligence-Spezialist, Ende 2011/2012 einen Stanford-Kurs weltweit für Online-Teilnehmer geöffnet hat und Hunderttausende dabei mitmachten. (Übrigens waren mehr Litauer als Deutsche dabei.)

Seitdem beschäftigen sich alle Universitäten, Think Tanks und Aktivisten Online-Bildung mit MOOCs. Es sieht so aus, als sei das Lernen im Netz und mit dem Netz jetzt reif für den Mainstream. Nur verstehen die meisten bisher nicht wirklich, worum es bei MOOCs eigentlich geht, was daran tatsächlich wichtig ist und wie ein MOOC funktioniert, wenn er denn funktioniert.

Was ist also der Kern der MOOC-Welle, die jetzt auch Deutschland voll erwischt hat? Was ist an MOOCs wirklich zukunftsweisend für die Digitale Bildung? Und was ist eigentlich der Kern dieses Hype? Wann ist ein MOOC ein MOOC im emanzipatorischen Sinn, und nicht bloß eine Massen-Elearning-Veranstaltung?

MOOC bedeutet bekanntlich “Massive Open Online Course”. In einigermaßen einfaches Deutsch übersetzt: Eine offene Online-Lernveranstaltung mit sehr vielen Teilnehmern. Genauer gesagt: Ein MOOC ist eine enthusiastische gleichzeitige Lernerfahrung im Web und mit den Mitteln des Web Web 2.0 (YouTube-artige Videos, Blogs, soziale Netzwerk-Impulse …), bei der sich Hunderte, Tausende  oder mehr TeilnehmerInnen nebeneinander und miteinander mit einem Thema beschäftigen.

Erwartungsgemäß werden MOOCs bsi jetzt typischer Weise aus der Sicht der “Sender” gesehen, also der Unis bzw. der Professoren, die ihr Wissen in möglichst viele Köpfe bringen wollen. Das ist die Perspektive des alten Online-Lernens oder des Fernunterrichts, die nun auf die neuen Verhälznisse des Web übertragen werden soll. Dem entspricht eine technische, statistische, institutionelle Interpretation der Schlüsselmerkmale Massive, Open, Online und Course.

Aber das ist ganz falsch: Wenn MOOCs einen Fortschritt für Bildung, Wissen und Lernen darstellen, dann deshalb, weil sie eine qualitativ neue Lernerfahrung bieten. Wir müssen uns also anschauen, was Massive, Open, Online und Course aus der Sicht der User bedeutet.

Massive: Es versammeln sich sehr viele TeilnehmerInnen gleichzeitig in einem gemeinsamen virtuellen “Raum”. “Sehr viele”: Das können Hunderte, Tausende oder Zehntausende sein. Aber jede/r einzelne TeilnehmerIn nimmt ohnehin nur ein paar davon wahr. Es geht also aus Lerner-Sicht eigentlich nicht um die absolute Masse, sondern um die kritische Masse: Man fühlt sich als Teil eines großen, also bedeutungsvollen Lernprojekts. Es sind mehr Leute dabei, als man überblicken kann. Und vor allem wird eine kritische Masse von Impulsen erreicht: Wie in einem chemischen Labor, wenn die Teilchendichte und die Teilchenbewegung so hoch ist, dass es zu immer mehr zufälligen (Ketten-)Reaktionen kommt.

Tatsächlich sind der Vorläufer der MOOCs hier ja die MMORPGs, also “Massively Multiplayer Online Role-Playing Games” (Online-Rollenspiele mit massenhaft Mitspielern). Die gab es schon im Internet der 1990er Jahre, aber zum vielbeachteten Phänomen wurden sie erst Anfang der 00er Jahre, vor allem seit 2004, dem Beginn des World of Warcraft-Booms (und vieler ähnlicher, zum Teil auch sehr erfolgreicher Fantasy- Rollenspiele). WoW hat 10 Millionen User: Das ist unübertroffen massenhaft. Aus der Sicht der SpielerInnen ist das aber gar nicht entscheidend. Sie spielen nämlich auf getrennten, auch nach Sprachräumen bzw. Zeitzonen organisierten Servern (“realms”), und dort ist die TeilnehmerInnenzahl vergleichsweise überschaubar: typischer Weise unter 10.000, und tatsächlich online aktiv zu einem jeweiligen Zeitpunkt sind ca. 900. (So die Schätzung auf einem WoW-Forum.)

Das lässt sich natürlich auf die amerikanischen Universitäts-MOOCs übertragen. Das anfeuernde und im Idealfall den eigenen Lernprozess befruchtende Gefühl von “Massenhaftigkeit” entsteht bereits dann, wenn sich (sagen wir mal) 150 aktive Leute ungefähr gleichzeitig in der virtuellen Nähe aufhalten. Die allermeisten Uni-MOOC-Teilnehmer agieren allerdings eher als Einzelkämpfer, wie ein WoW-Anfänger, der noch keine Gilde gefunden hat. (Nur mit “Gilden” lassen sich die wirklich schwierigen Herausforderungen bewältigen, die meisten haben zwischen 5 und 100 mehr oder weniger lose Mitglieder.)

Offen: Auch das, was hier “Offenheit” meint, ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Zuerst einmal ist damit die Offenheit des Web gemeint: Alle Inhalte können mit dem Browser und wenigen Klicks erreicht werden. Jede/r kann googeln, jede’r kann twittern oder sich auf Facebook usw. vernetzen, jede/r kann sich Videos auf YouTube ansehen, jede/r kann sofort einen Blogpost schreiben, den wiederum jede/r auf der ganzen Welt prinzipiell sehen kann. Das Gegenteil sind “Silos”: geschlossene Räume mit knappen, geschützten Inhalten, bewacht von Gatekeepern, die jeden Neuankömmling nach dem Ausweis fragen. Hinter dieser Offenheit des Web steht die Offenheit der Inhaltsformate, die wiederum ermöglicht wird durch die Offenheit der technischen Formate und Plattformen: Alles ist verlinkbar, alles ist prinzipiell erreichbar und man kann es auch mit Kopieren-und-Einfügen aufgreifen und weiterverwenden.

Online: Das scheint auf den ersten Blick einfach. Online bedeutet soviel wie “im Internet”: also etwa auch E-Mails (die streng genommen nicht zum “Web” gehören) bzw. eben das “World Wide Web”, d.h. alle die “Websites”, die man mit dem Browser und über Links erreichen kann. Die weniger technische Bedeutung von “Online” bezieht sich aber auf die Netzwerkeffekte, die eben im Internet und v.a. im Web wie möglich werden: Ein echtes “Online-Erlebnis” hat man erst dann, wenn man die vielen Inhalte und Akteure möglichst vielfältig miteinander vernetzt sind. Je mehr Akteure, Inhalts-Bausteine, Ideen und Wortmeldungen im selben Raum sind, desto mehr kommt es zu Aha-Erlebnissen (allein oder mit anderen), und diese einzelnen Aha-Erlebnisse verketten sich zu einem kollektiven Lernprozess. Dann kommt es eben zu qualitativ neuen Erfahrungen, die außerhalb des Internet/Web nicht möglich gewesen wären, und das heißt eben auch: zu neuartigen Lernerfahrungen.

Course: Mit Kurs verbinden wir von oben organisierte Lehrveranstaltungen: Universitätskurse, Sprachkurse, Erste-Hilfe-Kurse … Tatsächlich sind die amerikanischen Universitäts-MOOCs (die “xMOOCs”), die gegenwärtig Schlagzeilen machen, solche vorstrukturierten Kurse mit vorgefertigen Inhalten und ständigen Prüfungen. Diese Kurse folgen einem vorgegebenen “Curriculum”. Wörtlich heißt das im Lateinischen: ein Umlauf auf einer Rennstrecke, und die Rensstrecke selbst heißt eben “cursus” (von “currere”/”laufen”). Ein “cursus” kann aber auch eine Ämter-Laufbahn sein, oder eben eine bestimmte Strecke, die ein/e Lerner/in in einem begrenzten Zeitraum durchläuft. Diese Strecke kann vorgegeben sein, sie kann aber auch von den TeilnehmerInnen selbst abgesteckt werden. Im Zusammenhang mit MOOCs ist die Rede von einem “Kurs” irreführend: Am ehesten kann man das umschreiben als eine gemeinsame strukturierte Lernerfahrung mit einem Start, einem Ziel und ein paar überschaubaren Stationen dazwischen.

Die ersten MOOCs, die tatsächlich MOOCs genannt wurden, hießen wohl deshalb “Course”, weil sie von kanadischen Universitäten ausgingen. Eigentlich waren es eher Anti-Kurse: Das Thema waren eben vernetzte, offene, “konnetivistische” Lernprozesse und vernetztes Wissen. Die Lernerfahrungen der TeillnehmerInnen wurden bewusst nicht vorgeschrieben und kaum vorstrukturiert. Diese ursprüngliche Variante der MOOCs, die eher so etwas war wie ein massenhaftes Seminar, nennt man inzwischen zur Verdeutlichung auch cMOOCs, d.h. “connectivist MOOCs”.

Eine andere verwandte Form ist ein “Online Jam”: Das sind vergleichsweise unstrukturierte, dreitägige Massen-Brainstorms im Intranet, die IBM jährlich durchführt, um zu einem Dachthema das Bewusstsein von rund 150.000 MitarbeiterInnen für wichtige Change-Prozesse zu wecken und zugleich dazu die “crowd intelligence”, also die “Intelligenz der Massen” auszuschöpfen. -

Der Kern eines MOOC ist aus dieser Perspektive also so etwas wie:
- C: Ein strukturierte, mehrwöchige Lernveranstaltung zu einem bestimmten Thema,
- O: sozial und semantisch vielfach vernetzt, mit den Mitteln und Inhaltsformaten des
Web 2.0,
- Open: im Prinzip zugänglich für einen sehr großen, kaum überschaubaren Kreis von TeilnehmerInnen, auch und gerade für solche, die spontan “einfach mitmachen” wollen,
- M: mit einer kritischen Masse von TeilnehmerInnen, die ausreicht, um im Netzwerk eine Masse von Lern-Impulsen zu erzeugen (das können Hunderte oder auch Tausende sein).

Und unterschwellig schwingt bei dem Kürzel MOOC immer noch ein bißchen mit vom spielerischen und euphorischen Mitmach-Erlebnis der MMORPG-Online-Rollenspieler. Umgekehrt also: Je weniger spielerische Mitmach-Euphorie, desto weniger MOOChaft ist der Online-Kurs.

Natürlich kann man niemand daran hindern, irgendeinen Online-Kurs MOOC zu nennen, obwohl es sich vielfach nur um altes E-Learning, Fernunterricht oder Kurse/Vorlesungen in neuer Verkleidung handelt. Aber man kann mit dieser Aufschlüsselung der MOOC-Elemente messen, wie zukunftsweisend und bereichernd für die TeilnehmerInnen so eine Veranstaltung tatsächlich ist.


Teenage Kicks: Ist der mythische 3-Minuten-Popsong der “Urmeter” für Microcontent?

29. Juni. 2011

3 Minuten. Das ist der Sage nach die Zeit, die Songschreiber haben, um ein Meisterwerk zu schaffen. Durch eine seltsame Alchemie von Worten und Melodie schleicht sich der perfekte Popsong dann ins Bewusstein der Hörer, um es sich dort häuslich einzurichten. (#)

Der legendäre DJ John Peel erklärte “Teenage Kicks” von den Undertones (2:21) zum perfekten Popsong. Das ist die Untergrenze. Perfekte Popsongs dauern  eher zwischen 2:30 und 3:30 Minuten. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Das war zuerst eine technische Begrenzung: So viel Musik passte auf eine 78er-Schellackplatte, und die war das erste Pop-Medium. In einer exzellenten Web-Diskussion auf reddit wird aber auch darauf hingewiesen, dass das die typische Länge der Piano-Miniaturen war, mit denen Anfang des 19. Jahrhunderts die bürgerliche Hausmusik begann, auf denen wiederum Schubert seine Lied-Hits aufbaute.

3 Minuten: Das entspricht, heißt es, der Aufmerksamkeitsspanne der idealtypischen Teenager, aber das beißt sich in den Schwanz. “Teenager” gibt es ja eben erst seit dem Medienzeitalter der Radios und Magazine (d.h. seit Ende der 1940er). Seitdem ist die Pop-Jugendkultur Schrittmacher und Blaupause für die für die Neuen Medien: Anka, Beatles, Zuckerberg.

Diese techno-kulturelle Form scheint ins Erbgut eingegangen zu sein: Inzwischen ist das eine psychologische Größe. Uns Pop-Sozialisierten kommen bis heute 3 Minuten als das natürliche Format für eine perfekte Aufmerksamkeits-Einheit vor: Intro, Strophe und Chorus (zweimal wiederholt), Bridge, nochmals Strophe/Chorus, dann Wiederholung des Chorus, allmähliches Ausblenden. Weniger als 2:30 ist nicht rund, mehr als 3:30 wird im Autoradio (und im Web) fad.

Die Ultrakurzformen (SMS, Titter, Facebook-Updates …) sind dann nur noch Verweise, Metacontent: “Toll! Super!” -  “Hast du das hier schon gehört?” – “Hey, das erinnert mich an XXX.” Sie leben von diesen Ur-Bausteinen: dem perfekten Popsong, dem perfekten Blogpost. Eine Idee, ausgeführt und variiert, in sich geschlossen, fertig. Ein Baustein, der jederzeit von einem Kontext in den anderen versetzt werden kann. Microcontent. Ein Mem: Die kleinste kulturelle Einheit, die sich wie ein Ohrwurm selbst repliziert. Der Grundstoff unserer Mikromedien-Kultur.


Das Web ist ein Bürgersteig

5. Dezember. 2010

Steven B. Johnson zitiert in “Emergence” (von 2002, also VOR dem “Web 2.0″) ausführlich Jane Jacobs’ Kapitel “The Kind of Problem a City Is” in The Death and Life of American Cities.

Under the seeming disorder of the old city, whereever the old city is working successfully, is a marvelous order for maintaining the saftey of the streets and the freedom of the city. It is a complex order. In essence it is intimacy of sidewalk use, bringing with it a constant succession of eyes. This order is composed of movement and change … an intricate ballet in which the individual dancers and ensembles have all distinct parts which miraculously reinforce each other and compose an orderly whole.

Es geht um Blicke als MOMENTE der Aufmerksamkeit. Und es geht um die Verstärkung, das Feedback, dass diese Momente für den einzelnen bringen: Verunsicherung oder nicht Verunsicherung. Die Ausstrahlung, die jede einzelne Ameise-Passant hat. (Touristen in Altstadtgassen in einer arabischen Stadt: kann sich ganz verschieden anfühlen.)

Sicherheit bewirkt einen Überschuss: die Systeme sind nicht beschäftigt, sich selbst zu stabilisieren. Sie sind nicht nervös und leicht aggressiv. Ein Virtuous Circle. So entsteht ein kollektiver Überschuss: Alle Kultur entsteht ja daraus, dass die Menschen plötzlich etwas Anderes, Freieres tun können, außer ums Überleben zu kämpfen.

Neighborhoods are themselves polycentric structures, born of thousands of local interactions, shapes forming within the city’s larger shape. Like Gordon’s ant colonies … neighborhoods are patterns in time. No one wills them into existence single-handedly … It is the sidewalk – the public space where interactions between neighbors are the most expressive and the most frequent – that helps us create those laws. In the popular democracy of neighborhood formation, we vote with our feet.

Nachbarschaften/Viertel sind “Muster in Zeit”: Strukturen, die sich laufend dynamisch verändern und dennoch im Großen konstant bleiben.

… they are the primary conduit for the flow of information between city residents. … Sidewalks allow relatively high-bandwidth communication between total strangers, and they mix a large number of individuals in random configurations. … Sidewalks provide both the right kind and the right number of local interactions. [...]

Software like Alexa [das war 2002 ...]  isn’t trying to replicate the all-knowing authoritarianism of Big Brother or HAL, after all – it’s trying to replicate the folksy, communal practice of neighbors sharing information on a crowded sidewalk, even if the neighbors at issue are total strangers, communicating to each other over the distributed network of the Web.

Das heißt: Web 2.0 SOFTWARE erzeugt neue, ganz andere, viel fließendere Patterns & Strukturen durch den permanenten Austausch von “Blicken” (Aufmerksamkeitsmomenten). Darüber sollte ich weiter nachdenken.


Das MicroWeb ist eine systemische Revolution

5. Dezember. 2010

“Dass potentiell jeder Mensch plötzlich Umwelt für jeden anderen Menschen sein kann, ist vielleicht die grösste Revolution.”

Großartiger Blogpost von Markus Spath (hackr.de, @hackr) über die radikale Veränderung unserer Umwelt durch das Web (das Web 2.0, das MicroWeb, das LiveWeb, wieauchimmer). Pflichtlektüre, und extrem wichtiger Baustein für die Gedankengänge in diesem Blog.


Ein paar Bruchstücke zu „Design“ als Paradigma

22. Oktober. 2010

Seit langem habe ich (wie viele andere) das Gefühl, dass der Begriff “Design” zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen Art wird, die Welt nicht nur zu begreifen, sondern tatsächlich zu greifen und so zu verändern, dass sich die Praktiken selbst in der Folge verändern.

Zugleich haftet dem “Design” immer noch der ästhetisch-unverbindliche Beigeschmack der “stilvollen Oberfläche” an. (“Stilvoll” ist einer der scheußlichsten Termini der letzten 30 Jahre.)

Gibt es also einen “harten Kern” der Konjunjunktur des Begriffs “Design”, die über die verwaschenen Allgemeinheiten des gängigen “Design Thinking” hinausgehen? Ein gemeinsamer Nenner von Web-UX-Design als angewandter Geistes- und Sozialwissenschaft (Twitter, Facebook und Google als Theorie-Maschinen im Freiluftlabor), “Apps for Democracy”, Bauhaus-Stühlen, Stadt-Architektur, Schwarzenegger, Foucault und Latour, neue Technik/Technologie-Theorien (u.a. etwa der Wired-Schule: Kevin Kelly, Steven Johnson …), gentechnischer Evolutionsbiologie-Ideologie, dem “Emergenz”-Begriff der Komplexitätstheorie, usw. usw.?

Ich glaube tatsächlich, dass der Begriff für ein neues kulturelles Paradigma steht, aber ich habe große Schwierigkeiten, das richtig zu fassen. Ich kenne keine richtig gute Design-Definition – die tendieren immer zu geistreichen Bonmots oder Allgemeinplätzen. In der Folge daher ein paar sehr bruchstückhaftge Formulierungs- und Definitionsanläufe, hier zum Weiterdenken festgehalten:

“DESIGN” im neuen, umfassenden und grundsätzlichen Sinn ist …

BAUEN
Auf der Grundlage von Zeichen dinghafte Strukturen bauen, die unmittelbare Folgen für menschliches Handeln/Verhalten haben. Die menschliches Leben erleichtern (das Design ‘verschwindet’) oder interessant machen (das Design erzeugt eine neue Umwelt). Nicht: ‘Regeln’, ‘Anleitungen’ und ‘Erklärungen’.

ZEIGEN
Nicht: sagen/schreiben.

ENTWERFEN
Neue Muster für Handeln/Verhalten entwerfen. Nicht: Vorhandene ‘Probleme als gegeben hinnehmen und lösen’.

ALTER/NEUER DESIGN-BEGRIFF:

Der alte Design-Begriff (Design1) ist ästhetisch: Die Gestaltung von Ding-Oberflächen steht im Vordergrund. Die Funktion selbst ist im Prinzip vorgegeben (Stuhl, Kaffeemaschine, Türklinke, auch Auto-Karosserie). Die designten Dinge selbst fordern ‘primäres’ Handeln/Verhalten: Menschen tun damit direkt überschaubare, nicht-komplexe Tätigkeiten.

Der neue Design-Begriff (Design2) bezieht sich auf komplexe Strukturen, die untrennbar mit Oberflächen verbunden sind. Hier wird dann quasi (bewusst) zuerst der “soziale Prozess des Sitzens” designt, nicht zuerst das Stuhl-Ding für eine gegebene, unhinterfragte Situation. Ein gotische Kirche ist Design2. Ein funktionaler Stahlrohrstuhl für Meetingräume ist Design1.
Der neue Design2-Begriff setzt “User Experience Design” als primär gegenüber (a) Usability, Form follows Function, und gegen (b) Eleganz, Stil, Oberflächen-Ästhetik. Der alte Design1-Begriff wird dabei nicht zurückgewiesen, sondern aufgehoben.

SOFTWARE/WEB:

Der Design2-Begriff ist entstanden, als mit GUIs der Übergang von der Welt der Zeichen/Bedeutungen zu unmittelbarem Handeln/Verhalten viel reicher und umfassender geworden ist. Jetzt gestaltet der Designer quasi direkt _mit Zeichen_ Handeln und Gefühle, ohne den Umweg über physisch-sperrige Gegenstände (wie Architektur, Produkt-Design). Der Übergang zwischen Interaktions-Design und Software-Entwicklung ist fließend geworden: “user-centered”.

GREIFBAR: Auch komplexes Design2 drückt sich immer direkt in greifbaren Dingen/Oberflächen aus, die Handeln/Verhalten _unmittelbar_ prägen. Design ist _immer_ “User Experience Design”.

DESIGN-DENKEN
“DD ist jeder Prozess, der die Methoden von Produkt- oder Software-Designern auf Probleme überträgt, die über die Frage hinausgehen, wie ein Produkt aussehen soll.”

DESIGN vs THEORIE:
Geistes- und Kulturwissenschaft besteht nun nicht mehr in erster Linie darin, das Gemeinte und Gesagte (die Bedeutungen) hin und herzuwenden. Es hat nun eine direkt greifbare Ebene bekommen: Die Zeichen-Umwelten, die Handeln/Verhalten quasi-unmittelbar strukturieren. (Die Idee von Software wird quasi auf die Vor-Computer-Kulturen zurückprojiziert. (Dabei begegnet man sich mit dem “positivistischem” Strukturalismus (Foucault), der strukturalistischen Ethnologie, der Systemtheorie, der Medienwissenschaft-als-Wissenschaft-vom-Design-der-technoiden-Strukturen-die-kulturelle-Praxen-prägen.

PERSONAL LEARNING ENVIRONMENT
“Theorie” (und damit auch “Lernen”!) zerfällt nun einerseits in Analyse von real emgergierenden komplexen Design-Konstellationen und andererseits in den Entwurf von Gedanken-Designs in ‘angreifbarer’ Form (visualisiert, als Software).


Start me up

8. April. 2010

Drüben auf dem sehr empfehlenswerten eVideo-Blog von @acwagner habe ich gerade einen längeren Blogpost veröffentlicht: “Start Me Up – Selbst-Marketing in der Flat World“.


Ein paar Bruchstücke zur Zukunft von “das Buch”

26. März. 2010

Anlässlich des Buchcamps (am 8. Mai in Frankfurt).

1. “Das Buch” gibt es nicht. Was wir bisher darunter verstanden, ist eine Kombination von mehren Bestandteilen, die jetzt auseinanderfallen:
- der Text (Resultat des Schrift-Stellens);
- das fabrikmäßig hergestellte physische Ding (Objekt der Buchbinderei);
- die Ware (was ausgeliefert, gelagert und in Buchhandlungen verkauft wird);
- ein spezielles Lesegerät ohne Batterie und Software, das mit einem einzigen Text fest verbunden ist;
- das kulturell aufgeladene soziale Objekt (aufgeladen durch Design, durch die Rezeption, durch den Gebrauch).

2. Amazon verkauft für den Kindle nicht “Bücher”, sondern Texte. (Das gab es noch nie in der Kulturgeschichte: Dass pure Texte, Lesestoff, in großem Stil zirkulieren und gehandelt werden.)

3. “Digitale Bücher” sind keine Bücher mehr. Ein Buch ist ein physisches Ding. Was wir “digitale Bücher” nennen, sind Texte, die jetzt ein neues Format gefunden haben, das ihr eigentliches Wesen sehr viel direkter ausdrückt.

4. Der Text ist das, was eigentlich gelesen wird. Texte werden eigentlich Texte erst dann, wenn sie möglichst ohne spürbaren Widerstand von “Screens” aufgenommen werden können. Buchseiten entwickelten sich mit immer perfekterer Papier- und Drucktechnologie zu “Screens”. Äußerer Markierungspunkt für diesen fundamentalen Umbruch sind wahrscheinlich die neuen “Sachbücher” der 20er Jahre, die in den ‘modernen’ serifenlosen Schriften gedruckt wurden.

5. (Fußnote: Ein Text ist ein Grenzfall von Materialität und Immaterialität, sichtbar gewordene Sprache, abgelöst vom Akt der Äußerung, eine Art Programm, das eine Form von “innerer Sprache” auslöst und steuert, die es ohne Schrift/Text nie gegeben hätte.)

6. Der Ulmer-Verlag ist in einem ganz anderen Geschäft als der Hanser-Verlag,  der deGruyter-Verlag in einem anderen Geschäft als der Rowohlt-Verlag usw.

7. Nokia wurde als Papierkonzern gegründet. Jetzt sind sie im Screen-Geschäft. (Sie stehen vor der Herausforderung, software-basierte Services und User Experiences verkaufen zu müssen, die für kleine Screens optimiert sind. Text spielt dabei neuerdings eine erstaunlich große Rolle, nebenbei gesagt.)

8. Die “Gutenberg-Galaxis” ist eigentlich eine Ansammlung von vielen kleinen Galaxien. “Das Buch” im Jahr 1775 war etwas ganz anderes als im Jahr 1840, 1873, 1926, 1955, 1984, 2010.

9. Niemand wird mehr Bücher als Träger von “Inhalten” kaufen. (Und auch früher war das nur ein sehr kleiner Teil des Geschäfts. Wenn überhaupt.)

10. Was mit “Inhalt” oder “Content” gemeint ist, ist Text. Text ist nicht dasselbe wie “Träger von Information”.

11. Steve Jobs’ entscheidendes Bildungserlebnis auf dem College, das er nach ein paar Monaten abbrach, war eine Kalligraphie-Klasse.

12. Wofür Leute Geld wirklich bezahlen, wenn sie physische Bücher kaufen:
- für Lese-Erfahrungen,
- für Kristallisationspunkte eigener Erinnerungs- und Gedankenprozesse,
- für Vergegenständlichung und Rückversicherung von Stücken der eigenen Individualität.

13. Das gilt genauso für “Deine Meerschweinchen: Was sie brauchen und was sie alles können” wie für “Die Welt ist flach” von Thomas L. Friedman oder für “Das Methusalem-Komplott” oder für “Bartimäus – Das Amulett von Samarkand” usw.

14. “Das Buch” in den Nullerjahren war ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Objekte, die gemeinsam haben, dass sie aus Papier bestehen und Text in greifbare Form bringen:
- Wegwerfbücher: alles, was einem nicht leid tut, wenn man es im Zug vergisst;
- Coffeetable-Books;
- ‘Handbücher’ im Wortsinn (für den praktischen Gebrauch, Werkzeuge, sind irgendwann abgenutzt);
- Speicherbücher (“Nachschlagebücher”);
- Welterklärungsbücher (landen im Regal, weil sie zusammen eine individuelle Sicht der Welt darstellen);
- Erfahrungsbücher (emphatische “Bücher”, ‘Jahresringe’, landen auch im Regal) …

15. Falls es so etwas wie ein “Prinzip Buch” geben sollte, “das stets im Zentrum steht und verschiedene Ausformungen hat”, dann ist es jedenfalls etwas Neues, das wir erst verstehen lernen müssen. Und es ist vermutlich irreführend, es weiterhin “Buch” zu nennen.

To be continued. Eine autorlose Open Source-Version als “lebender Text” zum direkten und spontanen Anreichern, Löschen, Ergänzen, was immer, findet sich hier: http://piratepad.net/dasbuch


Hacking Behaviours: Looking back at the Social Business Design Summit in London (2010)

24. März. 2010

The European Social Business Design Summit (#sbs2010), which took place for the first time in London last thursday, is the latest in a chain of many similar named events since Andrew McAfee coined the “Enterprise 2.0″-Meme in 2006. Since then we are struggling with the difficult challenge to translate the new forms of collaboration that emerge in the Web into the firewalled enterprise gardens. The starting point is always the same: Business IT as we know it is doomed because the Web perforated the walls, and so are many of the overformalized “business processes”, powered by Microsoft and SAP. Now it’s all about eliciting the underlying structures from newly emerging Web practices, adapting them and pack them into well-designed ecosystems.

Dachismo

So why was there another Social Enterprise 2.0 Summit?
This one was the second of a series of three similar events in Austin, London and Sidney initiated by the Dachis Group. And Jeff Dachis really is a celebrity: He’s been the the legendary CEO of razorfish, the archetypical dotcom-bubble-firm. “Everything that can be digital will be!” was their rallying cry, and the mission was “Recontextualize Business!” (This quite comprehensive Wired article from 2000 vividly recalls some of the hilarious details.)

In 2008 Dachis went to conclave with the Ex-Forrester-Consultant and Marketing-Expert Peter Kim. Months later they resurfaced with a quite complex concept (presentation). “Social Business Design” became his new trademark: the conscious re-design of all aspects of IT-based information and communication processes within the enterprise, internal and external, using the means of the social Web 2.0.

Dachis got a 50 Million capital injection for global expansion. But his first acquisition, of all firms, was the London-based social media consultancy Headshift – relatively small, highly intelligent, very serious, and in any case unsuspicious of any bubble 2.0 attitudes. Since 2002, Headshift is really recontextualizing structures and processes in big law firms, in public services and non-profit organisations (among others). Lee Bryant, one of the founders, is still a sort of leftist intellectual an intellectual person leaning to the left turned entrepreneur. When Jeff Dachis founded razorfish, Lee had his first experiences with social media in Bosnia 1995, where he acted as an international media and communication consultant for the Bosnian government.

Lee and Jeff still showed signs of heavy jetlag when they welcomed us, having only just arrived from the Austin summit (see here for a few soundbites). The London crowd was slightly less glamorous, with the exception of the brilliant JP Rangaswami, who actually inspired McAfee’s “Enterprise 2.0″ concept back then in 2006. Now he is “Chief Scientist” at British Telecom where he has intiated some interesting experiments with Open Source und Social Media software. Other attendees were quite a mixed blend: many British Enterprise practitioners, not too many social media-marketing people, and a lot of idiosyncratic protagonists of the ongoing Web 2.0 culture revolution.

So when I got the chance to randomly shake hands with Jeff Dachis that was quite an unlikely encounter that could well stand for the scope of this Summit: At the time when Jeff sipped cocktails named after himself (“Dachismo”) at razorfish penthouse parties in Manhattan, i still was deeply involved in the Gutenberg Galaxis, giving my habilitation lecture on modern diaristic literature to a Liberal Arts department. I didn’t know nothing about the Web before 2000, when I immigrated with an iMac and found Google.

I had expected the CEO of Dachis Group to be a smart, cool and hard-boiled businessman, but was surprised to find him almost shy and quite likeable. He seemed even a bit nervous speaking to the European intelligentsia, as he repeatedly got stuck with his keynote. And obviously he was serious about what he said: That he was again feeling the spirit of 1995, because the new socio-semantic media now, at last, provide the preconditions for really being able to fulfil the void promises of the bubble era. I do believe he is right. (I doubt he will be making even nearly that much money once again, though.)

106 Piccadilly

The Social Business Design Summit took place at the Green Park, opposite of Buckingham Palace, hosted by the Malaysian Limkokwing Multimedia University at it’s London outpost. 106 Piccadilly, a listed monument, has been home of the exclusive St. James Gentlemen’s Club for 100 years, where diplomats and intellectuals debated world domination. So what we did was vaguely similar, also in that women were a small minority, about 1:15 I’d think. (This is peculiar, by the way: After all the event was about social media, and nerdy male techno-discussions had explicitly been factored out.) We were about hundred people, and the vibrations were very laid-back and positive.

There was an odd feeling of disproportion too: On one side, this was a gathering of thought-leaders from all over Europe who felt to be in harmony with the digital weltgeist. On the other side, the whole thing still felt startingly small and pioneer-like. Still the main purpose of this kind of event seems to be mutual self-affirmation between the like-minded. But if it is true that the “nature of the firm” itself is changing profoundly, as JP Rangaswami told us in his excellent keynote (which will hopefully be published there) – then it is about time to get to the unconvenient subjects too. It is not enough to tell each other again how the others out there are still not getting it.

It seems that generally the inner dynamic of all those Web 2.0-ish events, unconferences and barcamps has arrived at some dead spot. Since one year at least we seem to repeat ourselves. The foundations have been laid, but we don’t seem to advance anymore. Partly it is just preaching to the converted. For the other part (but not at #sbs2010) the reason may be the arrival of many newcomers who fail to see that what really is happening here is a fundamental change, not just adding some slight flavor of wikis, facebook and microblogging to the same old ways.

E-mail: Social Web of the office native

The most important, and most inconvenient subject IMHO is not “external communication” (a.k.a. marketing), neither it is the new hybrid forms of collaboration which result from the dissolving of the borders of the glass-concrete-and-streel-organisations into distributed digital projects. (Both subjects got their own working group at #sbs2010.) The fundamental problem lies in the change of internal structures, which was discussed in the third and largest workshop: inflexible daily work routines, the ubiquituous SAP-inspired planning delusion, multitasking, the permanent defensive block of everything by notoriously overstrained workers.

It is not even true that old business is not social. More of the opposite. There is more than enough talking anywhere, in the floors and around the coffee machines. Problem is, it’s the wrong kind of sociality: the ongoing unconstructive babble that is always only repeating that we are right and they are idiots. This kind of collective egocentric sociality culminates in the
e-mail inbox. In the e-mail world everything is a “message”: something important with a sender and an addressee, always giving hidden hints about social status. Each mail claims undivided attention, and processing it takes always longer than one thinks. The average IBM worker is spending 2- 3 hours a day in the inbox, says Luis Suarez, Web-evangelist at IBM, who is demonstrating in public for two years now how man can survive without e-mail.

E-mail may really be the heart of darkness. For the ordinary organisation man it’s the surrogate for all the nuanced, sophisticated forms of communication that the Cambrian Explosion of social Web 2.0 applications continues to explore and create. The main mistake is making a strict difference between working and socializing. “Social Media” is not building Just Another Network. It is not the facebookisation of the enterprise. It is about “object-centered sociality” (#, #, #): What Web 2.0 applications really are doing is to make visible the loose structures that cristalyze around the (digital) social objects put and held in circulation.

Everything is social in organisations where the old hard-wired office workflows are dissolving, because everything is an impulse. Each step in the work process, each thought, each text creates an impulse that goes into the social cloud that really represents “business”. “Social business design” is to tinker with elements to create ecosystems that are good for recording and collecting these sublime signals, translating streams and clouds into something more tangible. Social media is not about people in the first place. It is about collectively doing things with microcontent.

The S-Word

I think most attendees of the Summit knew that in a way or another, but it wasn’t really expressed. “Discussions veered off quite quickly into a general chat about how we overcome barriers to social business”, as Lee Bryant recalls in his round-up. And this unconnected thoughts, as Ton Zijlstra critically remarks, were often somewhat helplessly expressed in the sterile vocabulary of those management dialects that are part of the problem, not of the solution.

In this rhetorical quicksand, we didn’t find ground to build on because we still don’t seem to have a shared analysis and terminology that is differentiated enough. We even still don’t have an analysis that shows which are the multiple and often ‘irrational’ functions e-mail really does fulfil in daily practice, and why it is so much becoming an almost indispensable part of the identity of knowledge and information workers. As Luis Suarez said, the first step would be to understand the existing social tools and ecosystems.

Coukd be that also the S-word itself is a problem, as Andrew McAfee suggested lately in his blog. His post triggered an intense debate in the comments about whether to use the term “social” in recontexualizing the enterprise. Dennis Howlett argued that hard-boiled managers would pull their colts when only hearing this wishi-washy hippie word. “Social” would always sound like snake-oil marketed by “Social Media Gurus”. One should talk about ROI and productivity instead, backed up with as many numbers, charts and pie charts as possible. I’d rather agree with Stowe Boyd and Lee Bryant who dissented with quite good and sophisticated arguments, saying somehing along the lines that it would be wrong to abandon the term “social” for tactical reasons and should work at making it more precise instead, eg. considering new forms of “indirect socialisation” via Web 2.0 practices and tools.

But maybe in discussions like we had at the Summit, using the word “social media” still is sometimes problematic. It seems to trigger too many vague associations. If not sharply defined beforehand, “social” means too many things to many people. Maybe we should rather concentrate on the design of work environments, like Lars Plougmann suggested, designing flows for the circulation of information and knowledge chunks (and social signals, too).

In his critical review of the “internal workshop”, Ton Zijlstra has collected a list of good, but very complex questions that he thinks should be asked on future occasions. I’m not sure whether this would have worked on an event like this. But he surely is right in saying that in London we didn’t even start with that, and that a bunch of so many brilliant people should have been able to reach at least some new level of clarity on some points. I tend to see it more mildly, though: Obviously we have not come as far in the necessary collective thought process as we imagined.  Obviously it is still early days, and we still need exclusive meetings of the Initiated in a Gentlemen’s Club (which will hopefully become more gender-neutral in the future).

Personally I enjoyed this Summit a lot, having had many inspiring talks with very interesting people. But I also think that this is no reason to be saturated. We should, and could, do better. And I don’t even think the problem is “variable velocities of clients and practitioners / evangelists”, like Lee sugeested. We ‘evangelists’ are not that far ahead. We just have to wrap our thoughts around the complexity of everyday use cases much more than we did yet.

Hacking Behaviours

“Do not change organisations, let’s hack behaviours.” This was Luis Suarez’ major key learning he took away from the workshop. A good slogan, not least because “Enterprise 2.0″-discussions are much too often led from the (imaginary!) green table of Big Management. In fact the real processes we deal with also in large enterprises have much more resemblance to the flexible and dynamic structures in small enterprises. Small is beautiful, as Lee said:

“That is why we [Headshift] are happy to spend a lot of time in the trenches, digging away alongside people who are trying to change their companies from the inside, encouraged by the many small ways in which we can demonstrate progress towards the goal of socially calibrated organisations. A bit like Wikipedia or Twitter, the most interesting ideas and phenomena will be those that arise from practice.”

Exactly this is the reason why I have been a fan of Headshift for a long time now. Livio and Lee cover the inconvenient perspective of the trenches as well as the high-level debates. We need both. The bad thing is to get lost in the middle-muddle in between. Headshift is the only European firm I know of that is really professionally working at “Behaviour Hacking” (#) over a long time, on a high level. If their partnership with the Dachis Group now helps to transfer this somewhat subversive approach into an ambitious global scale, I’m really holding my breath.

(Eine etwas abweichende deutsche Version ist bei den Blogpiloten erschienen.)


Cloudwriting: Schreiben in der Wolke

23. Februar. 2010

“… wie ein Flugzeug hoch über dem Strand, das mit weißem Rauch ‘Ambre Solaire’ in den blauen Himmel schreibt …” (Stevan Harnad, 1990)

Google Galaxis

Schreiben im Internet, so beschrieb es Stevan Harnad 1990 und noch einmal 2002, ist gedankenschnelles Himmelsschreiben, Skywriting. Eine Form, die das beste aus beiden Welten vereint: den schnellen mündlichen Austausch und die Dauer der Schrift. Seitdem hat sich das noch einmal massiv gewandelt. Nennen wir es Cloudwriting, was wir in der Google-Galaxis gerade erleben, mit Blogs, Wikis, Twitter, Etherpad, Wave und Buzz und all den unzähligen raffinierten Schreibumgebungen, die die kambrische Explosion des Web 2.0 beinahe täglich neu hervorbringt.

Schreiben in der Wolke, das ist ein Wechsel des Aggregatzustands: Keine Lettern mehr, die Zeichen ins Papier pressen. Keine Schreibmaschine, kein Linotype. Keine rasenden Rotationsmaschinen mehr, die ganze Seiten flüchtig auf Papierrollen drücken. Nicht einmal mehr Photokopierer, die heißen Toner aufs Papier hauchen. Eine unabsehbare globale Wolke aus immer kleineren digitalen Textstücke, die immer schneller zirkulieren, durch die Grenzen der indviduellen Bewusstseine hindurch. Ein intellektueller Klimawandel: Der Golfstrom verlagert sich, Gletscher schmelzen, Wüsten breiten sich aus, Katastrophen nehmen zu. Kreaturen werden aus dem gewohnten Lebensraum vertrieben.

Schreiben im Web hat nichts mehr zu tun mit Büchern, Aufsätzen, mit virtuellem Papier. Das sind Phantome, die wir als Hilfskonstruktionen mitschleifen. Unwillkürlich betrachten wir zum Beispiel Blogs immer noch als eine Abart des Tagebuchs, als eine defizitäre Form von richtigen, fertigen, redigierten, gedruckten, ordentlich veröffentlichten Texten. Aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum: Virtuelle Papiertexte sind eine defizitäre Form von Webtexten. Wobei wir erst nur ahnen können, welche Strukturen sich gerade auszubilden im Begriff sind: Nach Gutenberg, nach Goethe, nach Schirrmacher.

Das ist, natürlich, eine Kulturrevolution. Wir sind mittendrin, und die Folgen sind nicht abzusehen. Aber man kann versuchen, die Urerfahrung zu fassen. Was ist das eigentlich: “Text im Web”?

Mikrotext

Die Urerfahrung des Web ist es, immer nur einen Mikrotext auf dem Schirm zu haben. Mikrotext: eine entfaltete Idee, jetzt und sofort, auf einen Blick, in einer Aufmerksamkeitsspanne. (Solche Texte können auch Bilder enthalten oder sogar hauptsächlich aus Bildern bestehen, oder auch aus Filmclips und Sprachclips. Immer aber sind es Texte in einem grundsätzlichen Sinn: Gewebe aus Zeichen, eingebettet ins Schriftgewebe.)

Der Mikrotext steht für sich und ist zugleich Teil der großen Wolke, die selbst aus unausschöpfbar vielen, nebeneinander liegenden Mikrotexten besteht. Der Mikrotext ist nicht mehr Teil eines größeren Textes. Umgekehrt: Was früher ein geschlossener Makrotext waren, erscheint im Web tendenziell als Ansammlung von Mikrotexten. Eine kleine, etwas dichtere Textwolke innerhalb der großen Webwolke.

Der zentrale Modus des Zugriffs auf Mikrotexte ist die Suche. Von der Websuche gefunden werden immer Mikrotexte. Google fungiert dabei als Shredder für herkömmliche Makrotexte: Gezeigt wird jeweils ein Schirm voller Hinweise auf Mikrotexte, die vertreten sind durch kleinstmögliche Textausrisse und Überschriften. All die Zwischenstrukturen, die diese Mikrotexte zu reihen und zu ordnen vorgeben, werden in der Logik des Web tendenziell unwichtig und bleiben jedenfalls immer nur vage und sekundär: das Dokument, die Web-Seite, das Messageboard …

Zeichen wollen zirkulieren

Zur Urerfahrung gehört zweitens der gedankenschnelle Wechsel zwischen Lesen und Schreiben im Read/Write Web: Suchen, lesen, schreiben. Beim Schreiben den eben geschriebenen Text lesen, den Text mit einem Klick in die Wolke verschieben, dort einen Augenblick später den öffentlichen Text lesen, der einem schon nicht mehr gehört. Dann Weiterlesen als Springen von Text zu Text, Weiterlesen, Weiterschreiben, und so weiter, und so fort. Was früher “Publizieren” hieß und eine umständliche, seltene und mit vielen soziokulturellen Hürden versehene Aktion war, ist nun so etwas wie eine schriftliche Äußerung, eine Äußerung, die sich sofort als Text verselbständigt.

Und zu dieser Urerfahrung gehört drittens schließlich die ständige Spirale aus Aneignen und Preisgeben. Die Grenze und damit die “Autorschaft” der Mikrotexte verschwimmt im gedankenschnellen Wechsel zwischen Lesen, Schreiben und Äußern. Das Markieren und Ausschneiden, das Sammeln und Taggen, das In-den-Ausschnitt-hinein-schreiben, das schnelle Zurück-Äußern des umgeformten Textes … Es erinnert daran, wie früher mündliche Gruppenkommunikation funktionierte, aber nun eben mit Schriftstücken anstatt von Gesprächsfetzen. Die resultierende Verräumlichung macht einen entscheidenden Unterschied: Verselbständigung, Dauer, Vernetzung, Verdichtung, Anreicherung.

Die Zirkulation von Webtexten hat am ehesten Ähnlichkeit mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts: Ein angeregter mündlicher Austausch von allen mit allen, bei dem jede/r bemüht ist, geschliffene Worte und Sätze ins Spiel zu bringen. Reden wie gedruckt. Geistreiche Sätze, die Eindruck machen, eignet man sich an, um sie an anderer Stelle selbst zu verwenden, mehr oder weniger umgeformt, oder um daran mit eigenen Texten anzuknüpfen. So wächst im Lauf eines Abends über den Köpfen der Gesellschaft eine Wolke von geschliffenen Sprachstücken, die aktuell im Spiel sind. Impulse und Kettenreaktionen. Ein Prozess der Anreicherung. Und dann abends, nach der Rückkehr von der Gesellschaft, allein am Schreibtisch, wurden die Mikrotexte, die den meisten Eindruck hinterlassen haben, ins Journal geschrieben, um sie sich weiter zur Verfügung zu haben. Gelegentlich fanden sie Eingang in Briefe, Feuilletons, Bücher, und von da aus wieder zurück in die Salons, und so weiter, und so fort.

(Interessante Frage: Wie sah die Zirkulation von Texten/Ideen in den alten elektronischen Medien aus, also im Kontinuum aus TV, Radio und den telefon- bzw. fernschreiber-getriebenen Printmedien?)

To be continued. Am liebsten würde ich ja ein Buch darüber schreiben.


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