Teenage Kicks: Ist der mythische 3-Minuten-Popsong der “Urmeter” für Microcontent?

29. Juni. 2011

3 Minuten. Das ist der Sage nach die Zeit, die Songschreiber haben, um ein Meisterwerk zu schaffen. Durch eine seltsame Alchemie von Worten und Melodie schleicht sich der perfekte Popsong dann ins Bewusstein der Hörer, um es sich dort häuslich einzurichten. (#)

Der legendäre DJ John Peel erklärte “Teenage Kicks” von den Undertones (2:21) zum perfekten Popsong. Das ist die Untergrenze. Perfekte Popsongs dauern  eher zwischen 2:30 und 3:30 Minuten. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Das war zuerst eine technische Begrenzung: So viel Musik passte auf eine 78er-Schellackplatte, und die war das erste Pop-Medium. In einer exzellenten Web-Diskussion auf reddit wird aber auch darauf hingewiesen, dass das die typische Länge der Piano-Miniaturen war, mit denen Anfang des 19. Jahrhunderts die bürgerliche Hausmusik begann, auf denen wiederum Schubert seine Lied-Hits aufbaute.

3 Minuten: Das entspricht, heißt es, der Aufmerksamkeitsspanne der idealtypischen Teenager, aber das beißt sich in den Schwanz. “Teenager” gibt es ja eben erst seit dem Medienzeitalter der Radios und Magazine (d.h. seit Ende der 1940er). Seitdem ist die Pop-Jugendkultur Schrittmacher und Blaupause für die für die Neuen Medien: Anka, Beatles, Zuckerberg.

Diese techno-kulturelle Form scheint ins Erbgut eingegangen zu sein: Inzwischen ist das eine psychologische Größe. Uns Pop-Sozialisierten kommen bis heute 3 Minuten als das natürliche Format für eine perfekte Aufmerksamkeits-Einheit vor: Intro, Strophe und Chorus (zweimal wiederholt), Bridge, nochmals Strophe/Chorus, dann Wiederholung des Chorus, allmähliches Ausblenden. Weniger als 2:30 ist nicht rund, mehr als 3:30 wird im Autoradio (und im Web) fad.

Die Ultrakurzformen (SMS, Titter, Facebook-Updates …) sind dann nur noch Verweise, Metacontent: “Toll! Super!” -  “Hast du das hier schon gehört?” – “Hey, das erinnert mich an XXX.” Sie leben von diesen Ur-Bausteinen: dem perfekten Popsong, dem perfekten Blogpost. Eine Idee, ausgeführt und variiert, in sich geschlossen, fertig. Ein Baustein, der jederzeit von einem Kontext in den anderen versetzt werden kann. Microcontent. Ein Mem: Die kleinste kulturelle Einheit, die sich wie ein Ohrwurm selbst repliziert. Der Grundstoff unserer Mikromedien-Kultur.


Das Web ist ein Bürgersteig

5. Dezember. 2010

Steven B. Johnson zitiert in “Emergence” (von 2002, also VOR dem “Web 2.0″) ausführlich Jane Jacobs’ Kapitel “The Kind of Problem a City Is” in The Death and Life of American Cities.

Under the seeming disorder of the old city, whereever the old city is working successfully, is a marvelous order for maintaining the saftey of the streets and the freedom of the city. It is a complex order. In essence it is intimacy of sidewalk use, bringing with it a constant succession of eyes. This order is composed of movement and change … an intricate ballet in which the individual dancers and ensembles have all distinct parts which miraculously reinforce each other and compose an orderly whole.

Es geht um Blicke als MOMENTE der Aufmerksamkeit. Und es geht um die Verstärkung, das Feedback, dass diese Momente für den einzelnen bringen: Verunsicherung oder nicht Verunsicherung. Die Ausstrahlung, die jede einzelne Ameise-Passant hat. (Touristen in Altstadtgassen in einer arabischen Stadt: kann sich ganz verschieden anfühlen.)

Sicherheit bewirkt einen Überschuss: die Systeme sind nicht beschäftigt, sich selbst zu stabilisieren. Sie sind nicht nervös und leicht aggressiv. Ein Virtuous Circle. So entsteht ein kollektiver Überschuss: Alle Kultur entsteht ja daraus, dass die Menschen plötzlich etwas Anderes, Freieres tun können, außer ums Überleben zu kämpfen.

Neighborhoods are themselves polycentric structures, born of thousands of local interactions, shapes forming within the city’s larger shape. Like Gordon’s ant colonies … neighborhoods are patterns in time. No one wills them into existence single-handedly … It is the sidewalk – the public space where interactions between neighbors are the most expressive and the most frequent – that helps us create those laws. In the popular democracy of neighborhood formation, we vote with our feet.

Nachbarschaften/Viertel sind “Muster in Zeit”: Strukturen, die sich laufend dynamisch verändern und dennoch im Großen konstant bleiben.

… they are the primary conduit for the flow of information between city residents. … Sidewalks allow relatively high-bandwidth communication between total strangers, and they mix a large number of individuals in random configurations. … Sidewalks provide both the right kind and the right number of local interactions. [...]

Software like Alexa [das war 2002 ...]  isn’t trying to replicate the all-knowing authoritarianism of Big Brother or HAL, after all – it’s trying to replicate the folksy, communal practice of neighbors sharing information on a crowded sidewalk, even if the neighbors at issue are total strangers, communicating to each other over the distributed network of the Web.

Das heißt: Web 2.0 SOFTWARE erzeugt neue, ganz andere, viel fließendere Patterns & Strukturen durch den permanenten Austausch von “Blicken” (Aufmerksamkeitsmomenten). Darüber sollte ich weiter nachdenken.


Das MicroWeb ist eine systemische Revolution

5. Dezember. 2010

“Dass potentiell jeder Mensch plötzlich Umwelt für jeden anderen Menschen sein kann, ist vielleicht die grösste Revolution.”

Großartiger Blogpost von Markus Spath (hackr.de, @hackr) über die radikale Veränderung unserer Umwelt durch das Web (das Web 2.0, das MicroWeb, das LiveWeb, wieauchimmer). Pflichtlektüre, und extrem wichtiger Baustein für die Gedankengänge in diesem Blog.


Ein paar Bruchstücke zu „Design“ als Paradigma

22. Oktober. 2010

Seit langem habe ich (wie viele andere) das Gefühl, dass der Begriff “Design” zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen Art wird, die Welt nicht nur zu begreifen, sondern tatsächlich zu greifen und so zu verändern, dass sich die Praktiken selbst in der Folge verändern.

Zugleich haftet dem “Design” immer noch der ästhetisch-unverbindliche Beigeschmack der “stilvollen Oberfläche” an. (“Stilvoll” ist einer der scheußlichsten Termini der letzten 30 Jahre.)

Gibt es also einen “harten Kern” der Konjunjunktur des Begriffs “Design”, die über die verwaschenen Allgemeinheiten des gängigen “Design Thinking” hinausgehen? Ein gemeinsamer Nenner von Web-UX-Design als angewandter Geistes- und Sozialwissenschaft (Twitter, Facebook und Google als Theorie-Maschinen im Freiluftlabor), “Apps for Democracy”, Bauhaus-Stühlen, Stadt-Architektur, Schwarzenegger, Foucault und Latour, neue Technik/Technologie-Theorien (u.a. etwa der Wired-Schule: Kevin Kelly, Steven Johnson …), gentechnischer Evolutionsbiologie-Ideologie, dem “Emergenz”-Begriff der Komplexitätstheorie, usw. usw.?

Ich glaube tatsächlich, dass der Begriff für ein neues kulturelles Paradigma steht, aber ich habe große Schwierigkeiten, das richtig zu fassen. Ich kenne keine richtig gute Design-Definition – die tendieren immer zu geistreichen Bonmots oder Allgemeinplätzen. In der Folge daher ein paar sehr bruchstückhaftge Formulierungs- und Definitionsanläufe, hier zum Weiterdenken festgehalten:

“DESIGN” im neuen, umfassenden und grundsätzlichen Sinn ist …

BAUEN
Auf der Grundlage von Zeichen dinghafte Strukturen bauen, die unmittelbare Folgen für menschliches Handeln/Verhalten haben. Die menschliches Leben erleichtern (das Design ‘verschwindet’) oder interessant machen (das Design erzeugt eine neue Umwelt). Nicht: ‘Regeln’, ‘Anleitungen’ und ‘Erklärungen’.

ZEIGEN
Nicht: sagen/schreiben.

ENTWERFEN
Neue Muster für Handeln/Verhalten entwerfen. Nicht: Vorhandene ‘Probleme als gegeben hinnehmen und lösen’.

ALTER/NEUER DESIGN-BEGRIFF:

Der alte Design-Begriff (Design1) ist ästhetisch: Die Gestaltung von Ding-Oberflächen steht im Vordergrund. Die Funktion selbst ist im Prinzip vorgegeben (Stuhl, Kaffeemaschine, Türklinke, auch Auto-Karosserie). Die designten Dinge selbst fordern ‘primäres’ Handeln/Verhalten: Menschen tun damit direkt überschaubare, nicht-komplexe Tätigkeiten.

Der neue Design-Begriff (Design2) bezieht sich auf komplexe Strukturen, die untrennbar mit Oberflächen verbunden sind. Hier wird dann quasi (bewusst) zuerst der “soziale Prozess des Sitzens” designt, nicht zuerst das Stuhl-Ding für eine gegebene, unhinterfragte Situation. Ein gotische Kirche ist Design2. Ein funktionaler Stahlrohrstuhl für Meetingräume ist Design1.
Der neue Design2-Begriff setzt “User Experience Design” als primär gegenüber (a) Usability, Form follows Function, und gegen (b) Eleganz, Stil, Oberflächen-Ästhetik. Der alte Design1-Begriff wird dabei nicht zurückgewiesen, sondern aufgehoben.

SOFTWARE/WEB:

Der Design2-Begriff ist entstanden, als mit GUIs der Übergang von der Welt der Zeichen/Bedeutungen zu unmittelbarem Handeln/Verhalten viel reicher und umfassender geworden ist. Jetzt gestaltet der Designer quasi direkt _mit Zeichen_ Handeln und Gefühle, ohne den Umweg über physisch-sperrige Gegenstände (wie Architektur, Produkt-Design). Der Übergang zwischen Interaktions-Design und Software-Entwicklung ist fließend geworden: “user-centered”.

GREIFBAR: Auch komplexes Design2 drückt sich immer direkt in greifbaren Dingen/Oberflächen aus, die Handeln/Verhalten _unmittelbar_ prägen. Design ist _immer_ “User Experience Design”.

DESIGN-DENKEN
“DD ist jeder Prozess, der die Methoden von Produkt- oder Software-Designern auf Probleme überträgt, die über die Frage hinausgehen, wie ein Produkt aussehen soll.”

DESIGN vs THEORIE:
Geistes- und Kulturwissenschaft besteht nun nicht mehr in erster Linie darin, das Gemeinte und Gesagte (die Bedeutungen) hin und herzuwenden. Es hat nun eine direkt greifbare Ebene bekommen: Die Zeichen-Umwelten, die Handeln/Verhalten quasi-unmittelbar strukturieren. (Die Idee von Software wird quasi auf die Vor-Computer-Kulturen zurückprojiziert. (Dabei begegnet man sich mit dem “positivistischem” Strukturalismus (Foucault), der strukturalistischen Ethnologie, der Systemtheorie, der Medienwissenschaft-als-Wissenschaft-vom-Design-der-technoiden-Strukturen-die-kulturelle-Praxen-prägen.

PERSONAL LEARNING ENVIRONMENT
“Theorie” (und damit auch “Lernen”!) zerfällt nun einerseits in Analyse von real emgergierenden komplexen Design-Konstellationen und andererseits in den Entwurf von Gedanken-Designs in ‘angreifbarer’ Form (visualisiert, als Software).


Start me up

8. April. 2010

Drüben auf dem sehr empfehlenswerten eVideo-Blog von @acwagner habe ich gerade einen längeren Blogpost veröffentlicht: “Start Me Up – Selbst-Marketing in der Flat World“.


Ein paar Bruchstücke zur Zukunft von “das Buch”

26. März. 2010

Anlässlich des Buchcamps (am 8. Mai in Frankfurt).

1. “Das Buch” gibt es nicht. Was wir bisher darunter verstanden, ist eine Kombination von mehren Bestandteilen, die jetzt auseinanderfallen:
- der Text (Resultat des Schrift-Stellens);
- das fabrikmäßig hergestellte physische Ding (Objekt der Buchbinderei);
- die Ware (was ausgeliefert, gelagert und in Buchhandlungen verkauft wird);
- ein spezielles Lesegerät ohne Batterie und Software, das mit einem einzigen Text fest verbunden ist;
- das kulturell aufgeladene soziale Objekt (aufgeladen durch Design, durch die Rezeption, durch den Gebrauch).

2. Amazon verkauft für den Kindle nicht “Bücher”, sondern Texte. (Das gab es noch nie in der Kulturgeschichte: Dass pure Texte, Lesestoff, in großem Stil zirkulieren und gehandelt werden.)

3. “Digitale Bücher” sind keine Bücher mehr. Ein Buch ist ein physisches Ding. Was wir “digitale Bücher” nennen, sind Texte, die jetzt ein neues Format gefunden haben, das ihr eigentliches Wesen sehr viel direkter ausdrückt.

4. Der Text ist das, was eigentlich gelesen wird. Texte werden eigentlich Texte erst dann, wenn sie möglichst ohne spürbaren Widerstand von “Screens” aufgenommen werden können. Buchseiten entwickelten sich mit immer perfekterer Papier- und Drucktechnologie zu “Screens”. Äußerer Markierungspunkt für diesen fundamentalen Umbruch sind wahrscheinlich die neuen “Sachbücher” der 20er Jahre, die in den ‘modernen’ serifenlosen Schriften gedruckt wurden.

5. (Fußnote: Ein Text ist ein Grenzfall von Materialität und Immaterialität, sichtbar gewordene Sprache, abgelöst vom Akt der Äußerung, eine Art Programm, das eine Form von “innerer Sprache” auslöst und steuert, die es ohne Schrift/Text nie gegeben hätte.)

6. Der Ulmer-Verlag ist in einem ganz anderen Geschäft als der Hanser-Verlag,  der deGruyter-Verlag in einem anderen Geschäft als der Rowohlt-Verlag usw.

7. Nokia wurde als Papierkonzern gegründet. Jetzt sind sie im Screen-Geschäft. (Sie stehen vor der Herausforderung, software-basierte Services und User Experiences verkaufen zu müssen, die für kleine Screens optimiert sind. Text spielt dabei neuerdings eine erstaunlich große Rolle, nebenbei gesagt.)

8. Die “Gutenberg-Galaxis” ist eigentlich eine Ansammlung von vielen kleinen Galaxien. “Das Buch” im Jahr 1775 war etwas ganz anderes als im Jahr 1840, 1873, 1926, 1955, 1984, 2010.

9. Niemand wird mehr Bücher als Träger von “Inhalten” kaufen. (Und auch früher war das nur ein sehr kleiner Teil des Geschäfts. Wenn überhaupt.)

10. Was mit “Inhalt” oder “Content” gemeint ist, ist Text. Text ist nicht dasselbe wie “Träger von Information”.

11. Steve Jobs’ entscheidendes Bildungserlebnis auf dem College, das er nach ein paar Monaten abbrach, war eine Kalligraphie-Klasse.

12. Wofür Leute Geld wirklich bezahlen, wenn sie physische Bücher kaufen:
- für Lese-Erfahrungen,
- für Kristallisationspunkte eigener Erinnerungs- und Gedankenprozesse,
- für Vergegenständlichung und Rückversicherung von Stücken der eigenen Individualität.

13. Das gilt genauso für “Deine Meerschweinchen: Was sie brauchen und was sie alles können” wie für “Die Welt ist flach” von Thomas L. Friedman oder für “Das Methusalem-Komplott” oder für “Bartimäus – Das Amulett von Samarkand” usw.

14. “Das Buch” in den Nullerjahren war ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Objekte, die gemeinsam haben, dass sie aus Papier bestehen und Text in greifbare Form bringen:
- Wegwerfbücher: alles, was einem nicht leid tut, wenn man es im Zug vergisst;
- Coffeetable-Books;
- ‘Handbücher’ im Wortsinn (für den praktischen Gebrauch, Werkzeuge, sind irgendwann abgenutzt);
- Speicherbücher (“Nachschlagebücher”);
- Welterklärungsbücher (landen im Regal, weil sie zusammen eine individuelle Sicht der Welt darstellen);
- Erfahrungsbücher (emphatische “Bücher”, ‘Jahresringe’, landen auch im Regal) …

15. Falls es so etwas wie ein “Prinzip Buch” geben sollte, “das stets im Zentrum steht und verschiedene Ausformungen hat”, dann ist es jedenfalls etwas Neues, das wir erst verstehen lernen müssen. Und es ist vermutlich irreführend, es weiterhin “Buch” zu nennen.

To be continued. Eine autorlose Open Source-Version als “lebender Text” zum direkten und spontanen Anreichern, Löschen, Ergänzen, was immer, findet sich hier: http://piratepad.net/dasbuch


Hacking Behaviours: Looking back at the Social Business Design Summit in London (2010)

24. März. 2010

The European Social Business Design Summit (#sbs2010), which took place for the first time in London last thursday, is the latest in a chain of many similar named events since Andrew McAfee coined the “Enterprise 2.0″-Meme in 2006. Since then we are struggling with the difficult challenge to translate the new forms of collaboration that emerge in the Web into the firewalled enterprise gardens. The starting point is always the same: Business IT as we know it is doomed because the Web perforated the walls, and so are many of the overformalized “business processes”, powered by Microsoft and SAP. Now it’s all about eliciting the underlying structures from newly emerging Web practices, adapting them and pack them into well-designed ecosystems.

Dachismo

So why was there another Social Enterprise 2.0 Summit?
This one was the second of a series of three similar events in Austin, London and Sidney initiated by the Dachis Group. And Jeff Dachis really is a celebrity: He’s been the the legendary CEO of razorfish, the archetypical dotcom-bubble-firm. “Everything that can be digital will be!” was their rallying cry, and the mission was “Recontextualize Business!” (This quite comprehensive Wired article from 2000 vividly recalls some of the hilarious details.)

In 2008 Dachis went to conclave with the Ex-Forrester-Consultant and Marketing-Expert Peter Kim. Months later they resurfaced with a quite complex concept (presentation). “Social Business Design” became his new trademark: the conscious re-design of all aspects of IT-based information and communication processes within the enterprise, internal and external, using the means of the social Web 2.0.

Dachis got a 50 Million capital injection for global expansion. But his first acquisition, of all firms, was the London-based social media consultancy Headshift – relatively small, highly intelligent, very serious, and in any case unsuspicious of any bubble 2.0 attitudes. Since 2002, Headshift is really recontextualizing structures and processes in big law firms, in public services and non-profit organisations (among others). Lee Bryant, one of the founders, is still a sort of leftist intellectual an intellectual person leaning to the left turned entrepreneur. When Jeff Dachis founded razorfish, Lee had his first experiences with social media in Bosnia 1995, where he acted as an international media and communication consultant for the Bosnian government.

Lee and Jeff still showed signs of heavy jetlag when they welcomed us, having only just arrived from the Austin summit (see here for a few soundbites). The London crowd was slightly less glamorous, with the exception of the brilliant JP Rangaswami, who actually inspired McAfee’s “Enterprise 2.0″ concept back then in 2006. Now he is “Chief Scientist” at British Telecom where he has intiated some interesting experiments with Open Source und Social Media software. Other attendees were quite a mixed blend: many British Enterprise practitioners, not too many social media-marketing people, and a lot of idiosyncratic protagonists of the ongoing Web 2.0 culture revolution.

So when I got the chance to randomly shake hands with Jeff Dachis that was quite an unlikely encounter that could well stand for the scope of this Summit: At the time when Jeff sipped cocktails named after himself (“Dachismo”) at razorfish penthouse parties in Manhattan, i still was deeply involved in the Gutenberg Galaxis, giving my habilitation lecture on modern diaristic literature to a Liberal Arts department. I didn’t know nothing about the Web before 2000, when I immigrated with an iMac and found Google.

I had expected the CEO of Dachis Group to be a smart, cool and hard-boiled businessman, but was surprised to find him almost shy and quite likeable. He seemed even a bit nervous speaking to the European intelligentsia, as he repeatedly got stuck with his keynote. And obviously he was serious about what he said: That he was again feeling the spirit of 1995, because the new socio-semantic media now, at last, provide the preconditions for really being able to fulfil the void promises of the bubble era. I do believe he is right. (I doubt he will be making even nearly that much money once again, though.)

106 Piccadilly

The Social Business Design Summit took place at the Green Park, opposite of Buckingham Palace, hosted by the Malaysian Limkokwing Multimedia University at it’s London outpost. 106 Piccadilly, a listed monument, has been home of the exclusive St. James Gentlemen’s Club for 100 years, where diplomats and intellectuals debated world domination. So what we did was vaguely similar, also in that women were a small minority, about 1:15 I’d think. (This is peculiar, by the way: After all the event was about social media, and nerdy male techno-discussions had explicitly been factored out.) We were about hundred people, and the vibrations were very laid-back and positive.

There was an odd feeling of disproportion too: On one side, this was a gathering of thought-leaders from all over Europe who felt to be in harmony with the digital weltgeist. On the other side, the whole thing still felt startingly small and pioneer-like. Still the main purpose of this kind of event seems to be mutual self-affirmation between the like-minded. But if it is true that the “nature of the firm” itself is changing profoundly, as JP Rangaswami told us in his excellent keynote (which will hopefully be published there) – then it is about time to get to the unconvenient subjects too. It is not enough to tell each other again how the others out there are still not getting it.

It seems that generally the inner dynamic of all those Web 2.0-ish events, unconferences and barcamps has arrived at some dead spot. Since one year at least we seem to repeat ourselves. The foundations have been laid, but we don’t seem to advance anymore. Partly it is just preaching to the converted. For the other part (but not at #sbs2010) the reason may be the arrival of many newcomers who fail to see that what really is happening here is a fundamental change, not just adding some slight flavor of wikis, facebook and microblogging to the same old ways.

E-mail: Social Web of the office native

The most important, and most inconvenient subject IMHO is not “external communication” (a.k.a. marketing), neither it is the new hybrid forms of collaboration which result from the dissolving of the borders of the glass-concrete-and-streel-organisations into distributed digital projects. (Both subjects got their own working group at #sbs2010.) The fundamental problem lies in the change of internal structures, which was discussed in the third and largest workshop: inflexible daily work routines, the ubiquituous SAP-inspired planning delusion, multitasking, the permanent defensive block of everything by notoriously overstrained workers.

It is not even true that old business is not social. More of the opposite. There is more than enough talking anywhere, in the floors and around the coffee machines. Problem is, it’s the wrong kind of sociality: the ongoing unconstructive babble that is always only repeating that we are right and they are idiots. This kind of collective egocentric sociality culminates in the
e-mail inbox. In the e-mail world everything is a “message”: something important with a sender and an addressee, always giving hidden hints about social status. Each mail claims undivided attention, and processing it takes always longer than one thinks. The average IBM worker is spending 2- 3 hours a day in the inbox, says Luis Suarez, Web-evangelist at IBM, who is demonstrating in public for two years now how man can survive without e-mail.

E-mail may really be the heart of darkness. For the ordinary organisation man it’s the surrogate for all the nuanced, sophisticated forms of communication that the Cambrian Explosion of social Web 2.0 applications continues to explore and create. The main mistake is making a strict difference between working and socializing. “Social Media” is not building Just Another Network. It is not the facebookisation of the enterprise. It is about “object-centered sociality” (#, #, #): What Web 2.0 applications really are doing is to make visible the loose structures that cristalyze around the (digital) social objects put and held in circulation.

Everything is social in organisations where the old hard-wired office workflows are dissolving, because everything is an impulse. Each step in the work process, each thought, each text creates an impulse that goes into the social cloud that really represents “business”. “Social business design” is to tinker with elements to create ecosystems that are good for recording and collecting these sublime signals, translating streams and clouds into something more tangible. Social media is not about people in the first place. It is about collectively doing things with microcontent.

The S-Word

I think most attendees of the Summit knew that in a way or another, but it wasn’t really expressed. “Discussions veered off quite quickly into a general chat about how we overcome barriers to social business”, as Lee Bryant recalls in his round-up. And this unconnected thoughts, as Ton Zijlstra critically remarks, were often somewhat helplessly expressed in the sterile vocabulary of those management dialects that are part of the problem, not of the solution.

In this rhetorical quicksand, we didn’t find ground to build on because we still don’t seem to have a shared analysis and terminology that is differentiated enough. We even still don’t have an analysis that shows which are the multiple and often ‘irrational’ functions e-mail really does fulfil in daily practice, and why it is so much becoming an almost indispensable part of the identity of knowledge and information workers. As Luis Suarez said, the first step would be to understand the existing social tools and ecosystems.

Coukd be that also the S-word itself is a problem, as Andrew McAfee suggested lately in his blog. His post triggered an intense debate in the comments about whether to use the term “social” in recontexualizing the enterprise. Dennis Howlett argued that hard-boiled managers would pull their colts when only hearing this wishi-washy hippie word. “Social” would always sound like snake-oil marketed by “Social Media Gurus”. One should talk about ROI and productivity instead, backed up with as many numbers, charts and pie charts as possible. I’d rather agree with Stowe Boyd and Lee Bryant who dissented with quite good and sophisticated arguments, saying somehing along the lines that it would be wrong to abandon the term “social” for tactical reasons and should work at making it more precise instead, eg. considering new forms of “indirect socialisation” via Web 2.0 practices and tools.

But maybe in discussions like we had at the Summit, using the word “social media” still is sometimes problematic. It seems to trigger too many vague associations. If not sharply defined beforehand, “social” means too many things to many people. Maybe we should rather concentrate on the design of work environments, like Lars Plougmann suggested, designing flows for the circulation of information and knowledge chunks (and social signals, too).

In his critical review of the “internal workshop”, Ton Zijlstra has collected a list of good, but very complex questions that he thinks should be asked on future occasions. I’m not sure whether this would have worked on an event like this. But he surely is right in saying that in London we didn’t even start with that, and that a bunch of so many brilliant people should have been able to reach at least some new level of clarity on some points. I tend to see it more mildly, though: Obviously we have not come as far in the necessary collective thought process as we imagined.  Obviously it is still early days, and we still need exclusive meetings of the Initiated in a Gentlemen’s Club (which will hopefully become more gender-neutral in the future).

Personally I enjoyed this Summit a lot, having had many inspiring talks with very interesting people. But I also think that this is no reason to be saturated. We should, and could, do better. And I don’t even think the problem is “variable velocities of clients and practitioners / evangelists”, like Lee sugeested. We ‘evangelists’ are not that far ahead. We just have to wrap our thoughts around the complexity of everyday use cases much more than we did yet.

Hacking Behaviours

“Do not change organisations, let’s hack behaviours.” This was Luis Suarez’ major key learning he took away from the workshop. A good slogan, not least because “Enterprise 2.0″-discussions are much too often led from the (imaginary!) green table of Big Management. In fact the real processes we deal with also in large enterprises have much more resemblance to the flexible and dynamic structures in small enterprises. Small is beautiful, as Lee said:

“That is why we [Headshift] are happy to spend a lot of time in the trenches, digging away alongside people who are trying to change their companies from the inside, encouraged by the many small ways in which we can demonstrate progress towards the goal of socially calibrated organisations. A bit like Wikipedia or Twitter, the most interesting ideas and phenomena will be those that arise from practice.”

Exactly this is the reason why I have been a fan of Headshift for a long time now. Livio and Lee cover the inconvenient perspective of the trenches as well as the high-level debates. We need both. The bad thing is to get lost in the middle-muddle in between. Headshift is the only European firm I know of that is really professionally working at “Behaviour Hacking” (#) over a long time, on a high level. If their partnership with the Dachis Group now helps to transfer this somewhat subversive approach into an ambitious global scale, I’m really holding my breath.

(Eine etwas abweichende deutsche Version ist bei den Blogpiloten erschienen.)


Cloudwriting: Schreiben in der Wolke

23. Februar. 2010

“… wie ein Flugzeug hoch über dem Strand, das mit weißem Rauch ‘Ambre Solaire’ in den blauen Himmel schreibt …” (Stevan Harnad, 1990)

Google Galaxis

Schreiben im Internet, so beschrieb es Stevan Harnad 1990 und noch einmal 2002, ist gedankenschnelles Himmelsschreiben, Skywriting. Eine Form, die das beste aus beiden Welten vereint: den schnellen mündlichen Austausch und die Dauer der Schrift. Seitdem hat sich das noch einmal massiv gewandelt. Nennen wir es Cloudwriting, was wir in der Google-Galaxis gerade erleben, mit Blogs, Wikis, Twitter, Etherpad, Wave und Buzz und all den unzähligen raffinierten Schreibumgebungen, die die kambrische Explosion des Web 2.0 beinahe täglich neu hervorbringt.

Schreiben in der Wolke, das ist ein Wechsel des Aggregatzustands: Keine Lettern mehr, die Zeichen ins Papier pressen. Keine Schreibmaschine, kein Linotype. Keine rasenden Rotationsmaschinen mehr, die ganze Seiten flüchtig auf Papierrollen drücken. Nicht einmal mehr Photokopierer, die heißen Toner aufs Papier hauchen. Eine unabsehbare globale Wolke aus immer kleineren digitalen Textstücke, die immer schneller zirkulieren, durch die Grenzen der indviduellen Bewusstseine hindurch. Ein intellektueller Klimawandel: Der Golfstrom verlagert sich, Gletscher schmelzen, Wüsten breiten sich aus, Katastrophen nehmen zu. Kreaturen werden aus dem gewohnten Lebensraum vertrieben.

Schreiben im Web hat nichts mehr zu tun mit Büchern, Aufsätzen, mit virtuellem Papier. Das sind Phantome, die wir als Hilfskonstruktionen mitschleifen. Unwillkürlich betrachten wir zum Beispiel Blogs immer noch als eine Abart des Tagebuchs, als eine defizitäre Form von richtigen, fertigen, redigierten, gedruckten, ordentlich veröffentlichten Texten. Aber in Wirklichkeit ist es genau andersherum: Virtuelle Papiertexte sind eine defizitäre Form von Webtexten. Wobei wir erst nur ahnen können, welche Strukturen sich gerade auszubilden im Begriff sind: Nach Gutenberg, nach Goethe, nach Schirrmacher.

Das ist, natürlich, eine Kulturrevolution. Wir sind mittendrin, und die Folgen sind nicht abzusehen. Aber man kann versuchen, die Urerfahrung zu fassen. Was ist das eigentlich: “Text im Web”?

Mikrotext

Die Urerfahrung des Web ist es, immer nur einen Mikrotext auf dem Schirm zu haben. Mikrotext: eine entfaltete Idee, jetzt und sofort, auf einen Blick, in einer Aufmerksamkeitsspanne. (Solche Texte können auch Bilder enthalten oder sogar hauptsächlich aus Bildern bestehen, oder auch aus Filmclips und Sprachclips. Immer aber sind es Texte in einem grundsätzlichen Sinn: Gewebe aus Zeichen, eingebettet ins Schriftgewebe.)

Der Mikrotext steht für sich und ist zugleich Teil der großen Wolke, die selbst aus unausschöpfbar vielen, nebeneinander liegenden Mikrotexten besteht. Der Mikrotext ist nicht mehr Teil eines größeren Textes. Umgekehrt: Was früher ein geschlossener Makrotext waren, erscheint im Web tendenziell als Ansammlung von Mikrotexten. Eine kleine, etwas dichtere Textwolke innerhalb der großen Webwolke.

Der zentrale Modus des Zugriffs auf Mikrotexte ist die Suche. Von der Websuche gefunden werden immer Mikrotexte. Google fungiert dabei als Shredder für herkömmliche Makrotexte: Gezeigt wird jeweils ein Schirm voller Hinweise auf Mikrotexte, die vertreten sind durch kleinstmögliche Textausrisse und Überschriften. All die Zwischenstrukturen, die diese Mikrotexte zu reihen und zu ordnen vorgeben, werden in der Logik des Web tendenziell unwichtig und bleiben jedenfalls immer nur vage und sekundär: das Dokument, die Web-Seite, das Messageboard …

Zeichen wollen zirkulieren

Zur Urerfahrung gehört zweitens der gedankenschnelle Wechsel zwischen Lesen und Schreiben im Read/Write Web: Suchen, lesen, schreiben. Beim Schreiben den eben geschriebenen Text lesen, den Text mit einem Klick in die Wolke verschieben, dort einen Augenblick später den öffentlichen Text lesen, der einem schon nicht mehr gehört. Dann Weiterlesen als Springen von Text zu Text, Weiterlesen, Weiterschreiben, und so weiter, und so fort. Was früher “Publizieren” hieß und eine umständliche, seltene und mit vielen soziokulturellen Hürden versehene Aktion war, ist nun so etwas wie eine schriftliche Äußerung, eine Äußerung, die sich sofort als Text verselbständigt.

Und zu dieser Urerfahrung gehört drittens schließlich die ständige Spirale aus Aneignen und Preisgeben. Die Grenze und damit die “Autorschaft” der Mikrotexte verschwimmt im gedankenschnellen Wechsel zwischen Lesen, Schreiben und Äußern. Das Markieren und Ausschneiden, das Sammeln und Taggen, das In-den-Ausschnitt-hinein-schreiben, das schnelle Zurück-Äußern des umgeformten Textes … Es erinnert daran, wie früher mündliche Gruppenkommunikation funktionierte, aber nun eben mit Schriftstücken anstatt von Gesprächsfetzen. Die resultierende Verräumlichung macht einen entscheidenden Unterschied: Verselbständigung, Dauer, Vernetzung, Verdichtung, Anreicherung.

Die Zirkulation von Webtexten hat am ehesten Ähnlichkeit mit den bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts: Ein angeregter mündlicher Austausch von allen mit allen, bei dem jede/r bemüht ist, geschliffene Worte und Sätze ins Spiel zu bringen. Reden wie gedruckt. Geistreiche Sätze, die Eindruck machen, eignet man sich an, um sie an anderer Stelle selbst zu verwenden, mehr oder weniger umgeformt, oder um daran mit eigenen Texten anzuknüpfen. So wächst im Lauf eines Abends über den Köpfen der Gesellschaft eine Wolke von geschliffenen Sprachstücken, die aktuell im Spiel sind. Impulse und Kettenreaktionen. Ein Prozess der Anreicherung. Und dann abends, nach der Rückkehr von der Gesellschaft, allein am Schreibtisch, wurden die Mikrotexte, die den meisten Eindruck hinterlassen haben, ins Journal geschrieben, um sie sich weiter zur Verfügung zu haben. Gelegentlich fanden sie Eingang in Briefe, Feuilletons, Bücher, und von da aus wieder zurück in die Salons, und so weiter, und so fort.

(Interessante Frage: Wie sah die Zirkulation von Texten/Ideen in den alten elektronischen Medien aus, also im Kontinuum aus TV, Radio und den telefon- bzw. fernschreiber-getriebenen Printmedien?)

To be continued. Am liebsten würde ich ja ein Buch darüber schreiben.


Mikrotexte, Echtzeittexte (Bernd Graff über Twitter)

16. März. 2009

Das ist glaube ich das erste Mal, dass ich einen Artikel des Web-Kulturkritikers der SZ, Bernd Graff, nachdenkenswert finde. (Link) Er geht aus von Winnenden und Twitter und markiert den revolutionären Übergang zwischen zwei Text-Kulturen:

“Wir erleben eine Revolution im Statut des Textes und folglich eine Redefinition dessen, was Information ist und sein kann. … Es dringt also in nie dagewesenem Maß Zeit in diesen Welt-Text ein [gemeint ist die Gesamtheit der Twitter-"Echtzeit-Texte"; M.L.], reine ungefilterte Gegenwart, die gewissermaßen als Beschleunigungspartikel in die Wortzwischenräume fährt.”

Das bedeutet:Im Gegensatz zu den Texten unserer herkömmlichen Schriftkultur, die Graff etwas sehr pauschal als “zeitenthoben” charakterisiert, sind die Texte des Web dynamisch (sie ähneln quasi eher den Konversations-Statements auf einer Party, nur eben schriftlich) und sie sind, wie Graff richtig erkennt, wesentlich Verweise: “Nie zuvor rückte die Zeichen- und Symbolhaftigkeit der Texte so dominant vor ihren Inhalt.”

Aber das ist natürlich generell so bei Texten, bei Zeichen und bei Geld: Wo kommt das Spiel der Verweise zur Ruhe? Wann ist da endlich wirklich Realität? Endlich kein Zeichen mehr, kein Gerede? Ja eben: Wenn einer Menschen abknallt. Wenn ein Flugzeug (fast) verunglückt. Deshalb ist das große Twitter-Web-Laborexperiment so fasziniert von diesen Echtzeit-Katastrophen, als “wirklicher” Anlass für eine eigendynamische und selbstbezügliche Welle von Mikro-Kommunikationen.

Sehr lustig ist dann die kulturkritische Wende, die Graff, wie immer dabei auch Nick Carr zitierend, sich dann doch nicht verkneifen kann: Sofort schreibt er (unabsichtlich?) die schönste 1930er-Jahre-Innere Emigrations-Prosa:

“Der Essay, der Leitartikel, der Kommentar, das Dossier als Medium für Reflexion, jenes Zurückbeugen und Innewerden der abendländischen Philosophie, sind eben nicht mehr die ultimativen Formen des sich selbst vergewissernden Denkens und Erlebens.”

Sakradi. “Jenes Zurückbeugen und Innewerden” in der zeitlosen SZ, Heribert Prantl, Aristoteles, Bernd Graff, Peter Handke, Karl Jaspers. “Wenn Zeit für diese Texte eine Rolle spielte, dann als Anlass zu Versenkung und Wiederholung, zum Innehalten und zur Einprägung.”

Vorbei.


Text-Definition. Mikrotexte, Hypertexte, Medientexte, Buchkultur, mündliche Texte.

14. März. 2009

Kompakt-Definition vorab: Ein “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das nicht-sprachliche grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können. Das heißt eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen: (a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit, (b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird), (c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit. [Ausführliche und erläuterte Version unten, die numerierten Paragraphen.]

Das Web besteht aus Microcontent, “meme-sized information chunks”. Und dieser Microcontent ist zuerst einmal Text. Nicht Bilder, nicht Sätze, nicht Multimedia, nicht Code, sondern Text. Das Problem ist nur, dass der Begriff “Text” eigentlich nicht gescheit definiert zu sein scheint.

Ich bin von Haus aus Literaturwissenschaftler, und in meiner Sekte der “strukturalistischen Textanalytiker” (vgl. Präsentation hier, pdf, 4 MB) war “Text” der zentrale Begriff. Aber wir mussten uns anscheinend (?) eigentlich nie Gedanken machen, was “der Text” als Gestalt ist. Es waren ja immer schon schriftliche Einheiten da. Was wir gemacht haben, war zu sagen: “Das ist mir jetzt erst mal egal, ob das ein Roman ist oder ein Gedicht oder ein Tagebuch oder eine Rede von Bismarck oder ein Zeitungsartikel. Das ist alles zuerst einmal ‘Text’. Und ‘Texte’ kann man nach einheitlichen Regeln analysieren.” Es gab also eine impliziten Begriff, das schon. Aber eine brauchbare Definition des Textes als semiotische Oberflächen-Einheit?

Das Web ist nun dasjenige System von öffentlicher Schrift, für das uns unsere alten bourgeoisen Literatur-Genres nicht weiterhelfen. (“Ein Blog ist ein Tagebuch”, “digitale Tageszeitung”, “Hypertext-Roman” … das alles geht nicht mehr.) Das Web besteht aus Text. Punkt. Und ja, es entstehen eigene Textsorten und Genres, und früher oder später werden wir sie vernünftig benennen können. Aber zuerst einmal sollte ich herausfinden, was “Text” überhaupt ist. Um dann sagen zu können, was sich geändert hat, wenn digitale “Mikrotexte” dominieren, statt Buchkultur und elektronisch-medialer TV-Mündlichkeit.

Ich kenne wie gesagt keine konkret brauchbare Definition des Textes als Gestalt. Es ist mir peinlich, das zuzugeben. Wahrscheinlich gibt es welche, und ich kenne sie nicht, obwohl ich sie weiß Gott kennen müsste. Ich meine hier das, was Kristeva Pheno-Text nennt. Es scheint, dass Kristeva, Eco und Barthes immer schon über diese gegebene oberflächliche Form des (Makro-)Textes hinauswollten, wenn sie den Begriff “Text” gebrauchten. Diese Definitionen sind immer schon Dekonstruktionen. Die Kettenreaktionen, die Semiose, die dynamische Herstellung von Bedeutung. Alles interessant, aber von komplexer Bedeutung rede ich hier noch gar nicht. Erst einmal muss ich wissen, was das ist: “Text”, als greifbare Einheit. Die relevanteste Definition, die ich gefunden habe, ist natürlich von Jurij Lotman:

“Der Text versucht gleichsam ein ‘großes Wort’ zu werden, mit einer einzigen Bedeutung.” “[Ein Text ist] eine isolierte, in sich geschlossene Zeichen-Formation, mit einer einheitlichen und unzerlegbaren Bedeutung und einer einheitlichen unzerlegbaren Funktion” [im einem größeren Kommunikations-system]. (Yuri M. Lotman 2001, Universe of the Mind. A Semiotic Theory of Culture. London, New York: I.B. Tauris, S.47; meine Übersetzung)

Das ist schon richtig, aber es ist mir noch zu verschwommen. Es reicht mir nicht, wenn ich das Web beschreiben und verstehen möchte. Deshalb hier mein eigener Anlauf, extrem provisorisch natürlich. In einem Anlauf hingeschrieben, als Selbstverständigung. (Jede Kritik, jeder Hinweis auf vorhandene gute Definitionen ist willkommen!) Also:

1. “Text” ist ein festgestelltes Schriftbild, in das grafische und visuelle Elemente eingelagert sein können.

2. Text ist eine Sprach-Einheit mit drei Merkmalen:
(a) eine festgestellte, verselbständigte, sichtbar gemachte und in sich geschlossene Sprach-Einheit,
(b) eine für den Leserblick angeordnete Sprach-Einheit (die erst durch diese Bildhaftigkeit “Einheit” wird),
(c) eine individuell adressierbare und (deshalb) weiter prozessierbare Sprach-Einheit.

3. Text ist in der Regel schriftlicher Text, d.h. visualisierte und abstrahierte Sprache.

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn da reden, wo mündliche Sprache mehrere der obigen Merkmale annimmt.
(Der “Leserblick” entspräche dann einer besonderen Form des “Hörergedächtnis”: Speichern von verselbständigten, intersubjektiv bestätigten bildhaft-rhetorischen Einheiten.)

Man kann von “Texten” im weiteren Sinn auch da reden, wo “Bildsprache” sich formalisiert und ihren Einmaligkeitscharakter verliert. (Wenn Bilder/Filme mehr gelesen als gesehen werden. Hier wäre der Bildcharakter der Aussage gegeben. Dafür fehlt die Abstraktion der Sprache.)

4. Das Web besteht primär aus Mikrotexten. Text in Microcontent-Form (“Mikrotext”) ist dann ein Text, der eine Aufmerksamkeitseinheit in Anspruch nimmt, d.h. einen in sich geschlossenen sinnhaften Moment in der Kognition des Lesers (bzw. des Schreibers-als-Selbstlesers). Ein Leser-Moment kann zwischen ca. 30 Sekunden und ca. 5 Minuten umfassen.

5. Die bourgeois-industrielle Kultur bestand primär aus Makrotexten. Makrotexte sind geschlossene Einheiten, die nur sehr schwer als Ansammlung von Mikrotexten aufgefasst werden können. In der Praxis handelt es sich um präfigurierte Kettenreaktionen von dicht gepackten, unselbständigen Semi-Mikrotexten. Aus diesen Semi-Mikrotexten kann durch Auskoppelung ein vollgültiger Mikrotext werden (“Geflügeltes Wort” usw. was viel leichter aus Dramen und Gedichten geht als aus Prosa.)

6. “Hypertext” ist ein statischer Begriff. Ein eingefrorenes System vernetzter Mikrotexte. Ein historisches Übergangsphänomen. In Wahrheit geht es um Zirkulation durch Vernetzung, nicht um Vernetztheit an sich. Zirkulation setzt Vernetzung voraus, aber Vernetzung impliziert nicht Zirkulation.

(Die Zirkulation beim statischen Hypertxt wäre der dynamische Fluss der Gedanken durch den Kopf. Aber das funktioniert eben de facto nicht: Niemand hat je statische Hypertexte gelesen. Sonderfälle sind Enzyklopädien und Gebrauchsanweisungen.)

7. Sekundäre Mündlichkeit (mündlich, elektronisch-analog-medial, digital)

Text ist Schrift. In einer Text-Welt verändert sich aber auch der Charakter von “Mündlichkeit”, wie Walter Ong feststellte.

Ein mündlicher Mikrotext wäre dann eine Aussage, die bildhaft “vor Augen steht”, sich “ins Gedächtnis einbrennt” usw. Er ist wiederholbar, er löst sich ab vom Sprecher. Ein Textbild quasi, nicht wirklich ein Schriftbild. Proto-Schrift: Ein “Gedicht”. Ein Vers aus dem Nibelungenlied. Ein Zauberspruch. Rhetorische Formeln, rhetorische Bilder. Entstehen logischerweise leichter in der sekundären Mündlichkeit von Schriftkulturen. Die Mündlichkeit von Literaten.

Elektronisch-medialer Mikrotext ist eine mündliche Aussage, die “aufgenommen” und dadurch festgestellt, d.h. texthaft geworden ist. Das verändert auch dann ihren Charakter, wenn sie “spontan” hervorgebracht und de facto gar nicht gespeichert wurde (im Fernsehen, im Radio, auf Tonband). Mündliche Aussagen in elektronischen AV-Medien haben einen eigentümlichen Text-Charakter. Sie sind wirklich “Textbild”. Das Verhältnis von Schriftlichkeit und elektronischer Medialität wäre zu reflektieren. (Beides verselbständigt sich gegenübe rMündlichkeit.)

8. Text-Welten: Spannung zwischen Schriftlichkeit, Mündlichkeit, elektronischer Medialität und digitaler Medialität seit ca. 1850

(a) Text-Welt 1: Bourgeoise Gutenberg-Galaxis. Massenhafte und schnell herstellbare Druckschrift, die Mündlichkeit von Literaten. Reden wie gedruckt. Briefe die das eigene Leben literarisieren. Abgespalten ist die nicht-literarische Mündlichkeit. Zugleich bildet sich durch den elektronisch und maschinell beschleunigten Druck (urbane Massenpresse) ein neuartiges System von flüchtiger und zirkulärer Schriftlichkeit.

(b) Text-Welt 2: Gespaltene Welt aus bourgoiser Gutenberg-Galaxis, elektronisch-mündlicher TV-Galaxis und semi-elektronischer Presse-Zirkulation. Die Alltags-Mündlichkeit wird stark beeinflusst von Medien-Mündlichkeit. Auch die Schriftlichkeit nimmt elektronisch-mündliche Züge an (Massenpresse, Beat/Popliteratur). Die urbane Massenpresse wird immer stärker und dominanter. Auch dort gibt es eine frühe Form von “Mikrotext” (McLuhans “Mosaic”, Zirkulation von “News”, auch von weltanschaulichen Fragmenten).

(c) Text-Welt 3: Google-Galaxis, das Web als Mikrotext-Zirkulationssystem ersetzt die bourgeoise Gutenberg-Galaxis und die urbane Massenpresse. Es bettet auch die alten AV-Medien ein. Zugleich wird die digitalisierte elektronische Mündlichkeit der AV-Medien immer texthafter: Tendenziell wird jede Szene, jeder Satz zugreifbar. Ansatzweise schon durch analoge Kopien (Videobänder, Audiocassetten, Fotokopien), extrem aber durch digitale Kopien. Je mehr Bilder es gibt, desto mehr sie als Abbilder wiederholt und sortiert werden können, desto mehr werden Filme und Bilder “gelesen”, nicht mehr einfach nur überwältigt “erblickt”.

9. Schriftbild und Proto-Text: Ein Text ist ein Schriftbild: D.h. ein Text hat ein Design und eine User Experience, die ihn als Einheit erscheinen lässt. Ein Proto-Text ohne Schriftbild wäre ein Druck-Satz, eine Source-Code-Datei, die Ebene des Baukastens mit dem man Worte und Sätze bilden und visuell anordnen kann. (Sobald etwas angeordnet wurde, ist es ein Text = Schriftbild.

10. Multimedia-Einbettung: Der Text kann als Meta-Text auch auf eingebettete multimediale Einheiten verweisen kann (etwa Audio- und Video-Dateien).

Solche eingebetteten Multimedia-Elemente können dann als Teile des Textes (im weiteren Sinn) betrachtet werden, wenn man sie zusammen mit dem eigentlichen Text (im engeren Sinn, der sie einbettet und auf sie verweist) in einem Zug, in einem Flow konsumieren kann.

Das bedeutet, solche Multimedia-Elemente müssen Microcontent sein, d.h. nicht mehr als eine Aufmerksamkeits-Einheit verbrauchen. Einen sinnhaften Moment im kognitiven System des Users. Wie lang wäre ein solcher Moment? (In unsrerer Kultur:Popsong-Länge, ca. drei bis fünf Minuten.)


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